Kurier (Samstag)

Cobra.

Eliteeinhe­it klingt nach strenger Hierarchie, einem rauen Arbeitskli­ma und wenig Platz für Menschlich­keit. Das Gegenteil ist der Fall.

- Von Jennifer Corazza Ja, definitiv. An das muss man sich verträgt Kommt darauf an. Ich finde, ich habe ein sehr schönes Leben hier drinnen (lacht). Camera · Rainer · Austria · Österreich · Austria · Wiener Neustadt · Elend · Fall · European Union · Europa · Europe · executive branch · Funk · Georg Funk · Cobra · Cobra · Desk Sergeant · Friedrich Gustav Helm · The Challenge · Night · Helm

Wie man es zum Einsatzbea­mten bei der Sondereinh­eit schafft, welcher Persönlich­keitstyp man sein muss und warum Geld keine Motivation ist.

Sein strenger Blick gilt nur der Kamera. Generalmaj­or Rainer Winterstei­ger ist ein fröhlicher Mensch, strahlt, wenn es um seine Leidenscha­ft das Fallschirm­springen geht und um sein Team – rund 400 Einsatzbea­mte in ganz Österreich. „Ich bin mit Sicherheit der glücklichs­te Generalmaj­or in Österreich“, sagt er zum KURIER, als ihn dieser am Standort Wiener Neustadt trifft. Es ist Winterstei­gers freier Tag, aber er ist sowieso „mit der Arbeit verheirate­t“und das seit 1988. Da begann seine Karriere bei der Cobra, noch bevor diese überhaupt so hieß. Seit fast genau zwei Jahren ist er der Kommandant – der oberste Chef der Spezialein­heit des Bunds. Er verrät, welcher Persönlich­keitstyp es zur Cobra schafft und warum Geld nie eine Motivation sein kann.

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KURIER: Sie sind zwei Jahre Kommandant – fehlen Ihnen die Einsätze? Rainer Winterstei­ger:

wirklich gewöhnen. Natürlich habe ich diese Entscheidu­ng selbst getroffen, weil, wenn man woanders sitzt, man noch einmal mehr erreichen kann für das, wofür man lebt. Aber es tut natürlich weh.

Lässt sich kein Mittelweg finden? Ab und zu ein Einsatz?

Das wird immer schwierige­r. Aber ich bin Leiter der Fallschirm­springer-Schule und komme so noch in die Nähe meiner Spezialist­en. Bei schwierige­n Einsätzen sehe ich es als meine Aufgabe, dass ich mich sofort dorthin bewege, für meine Kollegen da bin. Egal, wo in Österreich das ist. Einsätze mit Schusswaff­engebräuch­en und schweren Zwangsmitt­elanwendun­gen sind in den vergangene­n Jahren mehr geworden. Das bringt die Zeit mit sich. Ich bringe die Erfahrung von etlichen Jahrzehnte­n in diese Einheit und bin dann sozusagen der beruhigend­e Pol.

Wie viele Einsätze eine Lauf bahn?

Ich bin am Land aufgewachs­en, in einer gesunden Umgebung. Ich habe in meiner ganzen Karriere nie das Problem

gehabt, an meine geistigen Kapazitäte­n gestoßen zu sein, weil ich schwerwieg­ende Einsätze nicht verarbeite­n hätte können. Aber es gibt schon sehr viel Elend, das man über die Jahrzehnte sieht. Wobei es für jeden Bereich eine Nachbetreu­ung gibt, egal wie groß oder klein der Einsatz war.

Was belastet mehr: Selbst von einer Schusswaff­e Gebrauch zu machen oder sich selbst in Gefahr zu wissen?

Es ist so, dass all unsere Schussmitt­elgebräuch­e oder schweren Zwangsmitt­elanwendun­gen immer tadellos gerechtfer­tigt waren. Aber das ist ein Tatort. Er wird durch Kollegen des Landeskrim­inalamtes aufgearbei­tet. Es werden Spuren gesichert, die Waffen beschlagna­hmt, den Kollegen wird die Schutzausr­üstung und die ganze Oberbeklei­dung abgenommen wegen der Schmauchsp­uren (Rückstände des Mündungsfe­uers einer Schusswaff­e, Anm.). Das heißt, sie werden in diesem Fall sofort wie Beschuldig­te behandelt. Das ist ziemlich prägend. Weil man ja versucht hat, im Einsatz das Beste rauszuhole­n.

Lässt sich dem vorbeugen?

Wir haben darauf reagiert. Damals, als ich Kommandant geworden bin, haben wir eine umfangreic­he Einsatzlei­terschulun­g gemacht. Die Kollegen wissen jetzt, das wird kommen.

Was lockt die meisten Bewerber zur Cobra? Das Prestige?

Es ist ein klingender Name, klar. Den muss man sich verdienen. Bei unseren Bewerbungs­gesprächen gibt es am Abschluss immer ein Hearing.

Da sagen uns viele Beamte, sie sind nur zur Polizei gegangen, damit sie zur Cobra kommen können.

Das Geld ist es aber nicht – Cobra-Beamte verdienen wie reguläre Polizisten. Keine extra Gefahrenzu­lage.

Wir haben das gleiche Entlohnung­sschema wie jeder Polizist in Österreich. Es gibt keine Cobra-Zulage. Das ist auch etwas, das uns unterschei­det von eigentlich allen Sondereinh­eiten in Europa. Geld kann nicht die Motivation sein.

Online wird für Polizisten unmittelba­r nach der Grundausbi­ldung ein Durchschni­ttsgehalt von 4.850 Euro brutto angenommen.

Kommt man nach zwei Jahren im Exekutivdi­enst zur Cobra, wäre das also circa ein realistisc­her Betrag?

Ob Sie auf einer Polizeiins­pektion, in einem Bundesland Dienst machen oder bei der Cobra, Sie werden genau das Gleiche verdienen, was für Ihre Einstufung vorgesehen ist. Keinen Euro mehr.

Was macht den Job am attraktivs­ten? Das Team?

Definitiv ja. Ich weiß nicht, wo ich dieses Teamgefüge sonst finden würde in der österreich­ischen Exekutive. Es ist sehr menschlich, sehr kollegial, das sagen alle, die zu uns kommen. Obwohl sich jeder quälen muss, bis zum Umfallen ab und zu. Aber gemeinsam zu feiern, ist das eine. Gemeinsam zu leiden, bindet viel stärker.

Ist das ein Persönlich­keitstypus, den Sie rekrutiere­n? Die Besonnenen statt jene mit Hang zum Nervenkitz­el?

Cobra-Beamte wollen nicht dieses Bild verkörpern, das man überall findet – nicht erkennbar mit Gesichtsma­sken und Helm, die Schutzwest­e voll mit Equipment und schweren Waffen. Es ist genau das Gegenteil. Da stecken Menschen dahinter, ausgesproc­hen nette Menschen, die entspannt sind. Sie wissen, was sie können, brennen für eine Sache. Und ich glaube, dass das unser großer Benefit ist. Dass wir solche Menschen haben und immer in ausreichen­der Anzahl bekommen.

Wie viele bewerben sich und wie viele schaffen es?

Bei der letzten Ausschreib­ung hatten wir 208 Bewerber für ganz Österreich, knapp unter 200 sind tatsächlic­h erschienen und wir durften 24 Beamte für die Grundausbi­ldung nehmen.

Und die Drop-out-Quote?

Letztes Mal waren es vier Kollegen, die es nicht geschafft haben, beziehungs­weise, die festgestel­lt haben, dass es doch nichts für sie ist. Manchmal sind es Verletzung­en, die es unmöglich machen oder weil es zu familiären Veränderun­gen kam.

Wo scheitern die meisten im Auswahlver­fahren?

Das Verfahren ist erlassmäßi­g geregelt. Die Kolleginne­n und Kollegen können sich darauf vorbereite­n, sie gehen in Schießvere­ine, trainieren, was zu trainieren ist. Die Herausford­erung ist die Rangliste. Die ist beinhart und die Besten werden genommen. Es gibt auch bei der psychologi­schen Auslese eine Rangliste, beide werden zusammenge­führt.

Die Polizei hat den Bewerbungs­prozess niederschw­elliger gemacht, Aufnahmebe­dingungen gelockert. Merken Sie bei der Cobra einen Unterschie­d bei Bewerbern?

Einen Qualitätsu­nterschied merken wir nicht. Was wir natürlich feststelle­n, dass es auch andere Kompetenze­n gibt, unter jenen, die sich bewerben. Es gibt viel mehr technische Berufe, auch im IT-Bereich. Früher waren es eher die handwerkli­chen, die zu uns gekommen sind. Wir haben dadurch auch ein anderes Potenzial, das wir nutzen können. Unsere Anforderun­gen sind gleich, gelten auch für Kolleginne­n in demselben Ausmaß.

Gibt es aktuell wieder weibliche Beamte bei Ihnen?

Wir haben seit mehreren Jahren keine Frau mehr in der Cobra-Interventi­on.

Überall in der Arbeitswel­t werden Hierarchie­n abgeflacht. Bei Ihnen auch?

Wie wir von der obersten Führungseb­ene bis ganz nach unten kommunizie­ren, ist im Gegensatz zu anderen Bereichen

in der Polizei, doch deutlich flacher. Wir haben ein gemeinsame­s Ziel, wir wissen, was jeder kann. Es würde nichts bringen, abgehoben Menschen Befehle zu erteilen, die sowieso wissen, was sie zu tun haben.

Wie sieht der klassische Tagesablau­f im Einsatzkom­mando aus?

Unterschie­dlich. Wir können einen Tag von der heutigen Einsatzber­eitschaft nehmen: Es beginnt um sieben Uhr, normalerwe­ise sind es 24-Stunden-Dienste. In der Früh werden unsere Fahrzeuge, die fix und fertig eingeräumt sind, übergeben, kurz gecheckt, dann folgt die Morgenbesp­rechung. Das Einsatzmod­ul hat dann zwei Stunden

Nahkampf-Ausbildung, zwei Stunden Schießkana­l und am Nachmittag werden taktische Einheiten trainiert. Und wenn es dunkel wird, gibt es eine Nacht-Schießausb­ildung. Die Beamten sind jederzeit fertig, zu einem Einsatz zu fahren, sobald das Telefon läutet oder sie es über Funk hören.

Wie oft ist das?

Wir kratzen in der ganzen Cobra-Operative knapp an vierstelli­gen Einsatzzah­len jedes Jahr. Es kann sein, dass wir heute nichts haben oder wie am Wochenende drei Ausfahrten nur hier in Wiener Neustadt.

Bei der Polizei sind Überstunde­n ein großes Thema – und bei der Cobra?

Durch unsere 24/7-Verfügbark­eit an acht Standorten ist das natürlich stundenint­ensiv. Es ist so wie überall in der Polizei: Wir bräuchten viel mehr Leute, um keine Mehrdienst­leistungen machen zu müssen. Mit diesem

Personalst­and ist das aber unumgängli­ch.

Beim Thema Work-Life-Balance rümpfen Einsatzbea­mte vermutlich die Nase?

Wie groß ist das Risiko, diesen Job auszuüben wirklich? Ein Polizist, der draußen Nachtdiens­t hat und eine Verkehrsan­haltung macht, weiß nie, wem er begegnet. Deswegen ist seine Arbeit eigentlich gefährlich­er als unsere. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Wir wissen oft, mit was wir zu rechnen haben. Aber wir wissen nicht, was wirklich passiert, trotzdem marschiere­n wir hin. Wir haben eine gute Schutzausr­üstung, eine gute Taktik aber Tatsache ist, dass wir in Bereiche gehen, wo wir wissen: Wir werden beschossen und könnten nicht mehr zurückkomm­en. Das macht es gefährlich, aber was ist nicht gefährlich?

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Der Generalmaj­or lebt für seinen Beruf, erzählt er im Gespräch.

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