Wenig Geld, wenig Anerkennung
Während die KV-Gespräche im Handel stocken, wächst der Frust in den Geschäften. Fachleute erklären, warum die Arbeitsbedingungen immer mehr belasten.
Während der CoronaPandemie wurden sie beklatscht, als systemrelevante Superheldinnen und -helden gefeiert. Doch so schnell wie das Bewusstsein für ihre Arbeit gekommen war, verschwand es auch wieder. Drei Jahre später, zeigt sich: Die Arbeitsbedingungen im Handel haben sich kaum verbessert, im Gegenteil.
Der Arbeitsdruck ist geblieben, zunehmende Aggression von Kundinnen und Kunden kommt hinzu. Auch die Anforderungen durch immer stärkere Digitalisierung steigen, während die Zufriedenheit mit dem Einkommen sinkt. Nur jede und jeder zweite Handelsbeschäftigte ist damit zufrieden – deutlich weniger als in anderen Branchen.
Erkenntnisse wie diese wurden in einer Sonderauswertung des Arbeitsklima-Index der Arbeiterkammer Oberösterreich (AK OÖ) von Expertinnen und Experten in einem Mediengespräch der Initiative „Diskurs. Wissenschaftsnetz“analysiert. Vorgestellt haben die neuen Daten Reinhard Raml, Experte für Arbeitsweltforschung vom Institut für empirische Sozialforschung (IFES), Martin Oppenauer als wissenschaftlicher Projektleiter am IFES und Nadja Bergmann, Soziologin mit Fokus Arbeitsmarkt bei L&R Sozialforschung.
Zähe Verhandlungen
Befragt wurden 7.657 unselbstständig Erwerbstätige, davon 885 im Einzelhandel, zwischen 2024 bis Mitte 2025. Der Index misst die Zufriedenheit mit Arbeitsbedingungen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf einer Skala von 0 bis 100. Je höher der Wert ausfällt, desto zufriedener sind die Beschäftigten der Branche. Ab 70 Punkten gilt die Arbeitszufriedenheit laut Auswertung als sehr gut. In zehn Jahren ist die Zahl von 79 auf 70 Punkte gesunken, ein „Klimawandel“, wie es Reinhard Raml nennt. „Wenn hier acht Punkte runtergehen, hat sich in Österreich, was die Arbeitszufriedenheit anbelangt, etwas massiv geändert“, sagt er.
Gerade erst wurden auch die Kollektivvertragsverhandlungen für die 430.000 Angestellten und 20.000 Lehrlinge im österreichischen Handel geführt, bisher auch in der zweiten Runde ohne Ergebnis. Die Arbeitgeber boten 2,25 Prozent, die Gewerkschaft GPA lehnte dies aber ab. „Wir erwarten ein verbessertes Angebot, das die Leistung der Beschäftigten anerkennt, sonst werden wir die nächsten Schritte setzen müssen“, sagte Mario Ferrari, Chefverhandler der GPA.
Kaum Gehaltssprünge
Vor allem in puncto Gehalt sticht der Handel heraus. 32 Prozent der Verkäuferinnen und Verkäufer arbeitet laut Soziologin Bergmann im Niedriglohnbereich, verglichen mit 14 Prozent aller Beschäftigten insgesamt. Während zwei Drittel der Handelsbeschäftigten zwar mit Art und Inhalt ihrer Tätigkeit zufrieden sind, ist es nur jeder und jede Zweite mit dem Einkommen. In anderen Branchen sind es 61 Prozent. Die hohe Teilzeitquote von 60 Prozent ist zudem oft unfreiwillig.
Dazu kommt, dass jeder Zehnte sagt, das Einkommen reiche nicht zum Leben aus. Das sind fast doppelt so viele wie im Gesamtdurchschnitt. Das Bruttojahresgehalt von ganzjährig vollzeitbeschäftigten Frauen im Lebensmitteleinzelhandel lag 2023 bei 34.178 Euro, Männer verdienten im Schnitt 38.781 Euro. Im Vergleich dazu: Bei allen ganzjährig vollzeitbeschäftigten Frauen in Österreich liegt dieser Wert bei 47.154 Euro, bei Männern bei 53.694 Euro. Die Sorgen reichen bis in die Zukunft, denn nur ein Viertel der Handelsbeschäftigten glaubt, dass die eigene Pension vollkommen ausreichen wird (24 Prozent gegenüber 31 Prozent in anderen Branchen).
Doch es ist nicht nur das Gehalt, das vielen Beschäftigten zu schaffen macht. Ein Viertel der Handelsbeschäftigten berichtet, durch den dauernden Kontakt mit der Kundschaft stark belastet zu sein. Was dabei laut der Befragten oft übersehen wird, ist die sogenannte Interaktions- und Emotionsarbeit. „Das ständige freundlich sein müssen, Empathie, Hilfsbereitschaft“, sagt Nadja Bergmann, „das sind Dinge, die als natürliche Eigenschaften wahrgenommen werden und nicht als Arbeit.“Die Teuerung, Umstellungen beim Pfandflaschensystem oder auch die vielen Änderungen bei den Rabattmarkerln wird als schwierig empfunden. „Es scheint immer etwas zu geben, was Kunden und Kundinnen aufregt, was dann auch stark am Verkaufspersonal ausgelassen wird“, erklärt die Soziologin.
Viele Verkaufspersonen berichten allerdings, ihr Arbeitgeber würde diese Probleme häufig nicht wahrnehmen. Gleichzeitig kommen immer neue Anforderungen hinzu. Sie müssen etwa die neuen Selbstbedienungskassen überwachen, auch hier haben Kundinnen und Kunden häufig Fragen. Sie müssten außerdem immer wieder neue digitale Systeme erlernen, um zum Beispiel Bestandsaufnahmen zu machen, Produktinformationen würden auch immer komplexer werden. Aber: Nur die Überwachung der Selbstbedienungskassen führt im Kollektivvertrag zu einer höheren Einstufung, so Bergmann. „Sonst sind viele der neuen Anforderungen, die kommen, eben eher schleichend.“Die Forschenden sind sich einig: Die Arbeit wird komplexer, die Bezahlung bleibt gleich und all das trage zu einem Berufsbild bei, das gesellschaftlich unterschätzt werde.
Fehlende Mitsprache
Die Politik versprach nach der Pandemie indes staatliche Boni, die nie ankamen. Stattdessen gab es Einkaufsgutscheine von den Supermarktketten. „Am Anfang gab es Wertschätzung, die dann aber wieder zurückgefahren wurde“, sagt Bergmann. Das spiegle sich auch in den Daten wider: Nur 65 Prozent der Handelsbeschäftigten sind mit ihrem sozialen Status zufrieden, in anderen Branchen sind es 70 Prozent. „Die meisten Menschen stellen sich das viel einfacher vor“, berichtet eine Verkäuferin laut der qualitativen Interviews. Der werde Beruf werde oft als „einfache Tätigkeit“klassifiziert, berge aber viele komplexe Aufgaben.
Und obwohl ein Viertel gerne mehr Stunden arbeiten würde, wollen auch über 50 Prozent der Vollzeitbeschäftigten gerne weniger arbeiten. Denn: Viele beklagen, dass sie wenig Mitsprache haben, wie viel und wann sie arbeiten. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hänge zusätzlich stark von der Filialleitung ab und immer wieder gäbe es schnelle Dienstplanänderungen. Positiv erlebt wird hingegen die Kollegialität. Die Befragten haben etwa erzählt, dass die gegenseitige Hilfsbereitschaft ihren Alltag präge, füreinander einspringen sei selbstverständlich – wenn auch aus der Not heraus.