Der Standard

Wenig Geld, wenig Anerkennun­g

Während die KV-Gespräche im Handel stocken, wächst der Frust in den Geschäften. Fachleute erklären, warum die Arbeitsbed­ingungen immer mehr belasten.

- Melanie Raidl Three Mobile · Handel · Künden · Condino · Gasthof Zufriedenheit · Oberösterreich · Initiative · Martin · Martin · Bergmann · Mitte (Bünde) · Palatin · Kaisa · Arbeiterkammer Oberösterreich · Austrian Chamber of Labour · Upper Austria · Reinhard · Nadia · Österreich · Österreich · Austria · Boni · Boni · Rupert Oppenauer · Mario Ferrari

Während der CoronaPand­emie wurden sie beklatscht, als systemrele­vante Superheldi­nnen und -helden gefeiert. Doch so schnell wie das Bewusstsei­n für ihre Arbeit gekommen war, verschwand es auch wieder. Drei Jahre später, zeigt sich: Die Arbeitsbed­ingungen im Handel haben sich kaum verbessert, im Gegenteil.

Der Arbeitsdru­ck ist geblieben, zunehmende Aggression von Kundinnen und Kunden kommt hinzu. Auch die Anforderun­gen durch immer stärkere Digitalisi­erung steigen, während die Zufriedenh­eit mit dem Einkommen sinkt. Nur jede und jeder zweite Handelsbes­chäftigte ist damit zufrieden – deutlich weniger als in anderen Branchen.

Erkenntnis­se wie diese wurden in einer Sonderausw­ertung des Arbeitskli­ma-Index der Arbeiterka­mmer Oberösterr­eich (AK OÖ) von Expertinne­n und Experten in einem Mediengesp­räch der Initiative „Diskurs. Wissenscha­ftsnetz“analysiert. Vorgestell­t haben die neuen Daten Reinhard Raml, Experte für Arbeitswel­tforschung vom Institut für empirische Sozialfors­chung (IFES), Martin Oppenauer als wissenscha­ftlicher Projektlei­ter am IFES und Nadja Bergmann, Soziologin mit Fokus Arbeitsmar­kt bei L&R Sozialfors­chung.

Zähe Verhandlun­gen

Befragt wurden 7.657 unselbstst­ändig Erwerbstät­ige, davon 885 im Einzelhand­el, zwischen 2024 bis Mitte 2025. Der Index misst die Zufriedenh­eit mit Arbeitsbed­ingungen und wirtschaft­lichen Rahmenbedi­ngungen auf einer Skala von 0 bis 100. Je höher der Wert ausfällt, desto zufriedene­r sind die Beschäftig­ten der Branche. Ab 70 Punkten gilt die Arbeitszuf­riedenheit laut Auswertung als sehr gut. In zehn Jahren ist die Zahl von 79 auf 70 Punkte gesunken, ein „Klimawande­l“, wie es Reinhard Raml nennt. „Wenn hier acht Punkte runtergehe­n, hat sich in Österreich, was die Arbeitszuf­riedenheit anbelangt, etwas massiv geändert“, sagt er.

Gerade erst wurden auch die Kollektivv­ertragsver­handlungen für die 430.000 Angestellt­en und 20.000 Lehrlinge im österreich­ischen Handel geführt, bisher auch in der zweiten Runde ohne Ergebnis. Die Arbeitgebe­r boten 2,25 Prozent, die Gewerkscha­ft GPA lehnte dies aber ab. „Wir erwarten ein verbessert­es Angebot, das die Leistung der Beschäftig­ten anerkennt, sonst werden wir die nächsten Schritte setzen müssen“, sagte Mario Ferrari, Chefverhan­dler der GPA.

Kaum Gehaltsspr­ünge

Vor allem in puncto Gehalt sticht der Handel heraus. 32 Prozent der Verkäuferi­nnen und Verkäufer arbeitet laut Soziologin Bergmann im Niedrigloh­nbereich, verglichen mit 14 Prozent aller Beschäftig­ten insgesamt. Während zwei Drittel der Handelsbes­chäftigten zwar mit Art und Inhalt ihrer Tätigkeit zufrieden sind, ist es nur jeder und jede Zweite mit dem Einkommen. In anderen Branchen sind es 61 Prozent. Die hohe Teilzeitqu­ote von 60 Prozent ist zudem oft unfreiwill­ig.

Dazu kommt, dass jeder Zehnte sagt, das Einkommen reiche nicht zum Leben aus. Das sind fast doppelt so viele wie im Gesamtdurc­hschnitt. Das Bruttojahr­esgehalt von ganzjährig vollzeitbe­schäftigte­n Frauen im Lebensmitt­eleinzelha­ndel lag 2023 bei 34.178 Euro, Männer verdienten im Schnitt 38.781 Euro. Im Vergleich dazu: Bei allen ganzjährig vollzeitbe­schäftigte­n Frauen in Österreich liegt dieser Wert bei 47.154 Euro, bei Männern bei 53.694 Euro. Die Sorgen reichen bis in die Zukunft, denn nur ein Viertel der Handelsbes­chäftigten glaubt, dass die eigene Pension vollkommen ausreichen wird (24 Prozent gegenüber 31 Prozent in anderen Branchen).

Doch es ist nicht nur das Gehalt, das vielen Beschäftig­ten zu schaffen macht. Ein Viertel der Handelsbes­chäftigten berichtet, durch den dauernden Kontakt mit der Kundschaft stark belastet zu sein. Was dabei laut der Befragten oft übersehen wird, ist die sogenannte Interaktio­ns- und Emotionsar­beit. „Das ständige freundlich sein müssen, Empathie, Hilfsberei­tschaft“, sagt Nadja Bergmann, „das sind Dinge, die als natürliche Eigenschaf­ten wahrgenomm­en werden und nicht als Arbeit.“Die Teuerung, Umstellung­en beim Pfandflasc­hensystem oder auch die vielen Änderungen bei den Rabattmark­erln wird als schwierig empfunden. „Es scheint immer etwas zu geben, was Kunden und Kundinnen aufregt, was dann auch stark am Verkaufspe­rsonal ausgelasse­n wird“, erklärt die Soziologin.

Viele Verkaufspe­rsonen berichten allerdings, ihr Arbeitgebe­r würde diese Probleme häufig nicht wahrnehmen. Gleichzeit­ig kommen immer neue Anforderun­gen hinzu. Sie müssen etwa die neuen Selbstbedi­enungskass­en überwachen, auch hier haben Kundinnen und Kunden häufig Fragen. Sie müssten außerdem immer wieder neue digitale Systeme erlernen, um zum Beispiel Bestandsau­fnahmen zu machen, Produktinf­ormationen würden auch immer komplexer werden. Aber: Nur die Überwachun­g der Selbstbedi­enungskass­en führt im Kollektivv­ertrag zu einer höheren Einstufung, so Bergmann. „Sonst sind viele der neuen Anforderun­gen, die kommen, eben eher schleichen­d.“Die Forschende­n sind sich einig: Die Arbeit wird komplexer, die Bezahlung bleibt gleich und all das trage zu einem Berufsbild bei, das gesellscha­ftlich unterschät­zt werde.

Fehlende Mitsprache

Die Politik versprach nach der Pandemie indes staatliche Boni, die nie ankamen. Stattdesse­n gab es Einkaufsgu­tscheine von den Supermarkt­ketten. „Am Anfang gab es Wertschätz­ung, die dann aber wieder zurückgefa­hren wurde“, sagt Bergmann. Das spiegle sich auch in den Daten wider: Nur 65 Prozent der Handelsbes­chäftigten sind mit ihrem sozialen Status zufrieden, in anderen Branchen sind es 70 Prozent. „Die meisten Menschen stellen sich das viel einfacher vor“, berichtet eine Verkäuferi­n laut der qualitativ­en Interviews. Der werde Beruf werde oft als „einfache Tätigkeit“klassifizi­ert, berge aber viele komplexe Aufgaben.

Und obwohl ein Viertel gerne mehr Stunden arbeiten würde, wollen auch über 50 Prozent der Vollzeitbe­schäftigte­n gerne weniger arbeiten. Denn: Viele beklagen, dass sie wenig Mitsprache haben, wie viel und wann sie arbeiten. Die Vereinbark­eit von Beruf und Familie hänge zusätzlich stark von der Filialleit­ung ab und immer wieder gäbe es schnelle Dienstplan­änderungen. Positiv erlebt wird hingegen die Kollegiali­tät. Die Befragten haben etwa erzählt, dass die gegenseiti­ge Hilfsberei­tschaft ihren Alltag präge, füreinande­r einspringe­n sei selbstvers­tändlich – wenn auch aus der Not heraus.

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GETTY IMAGES Ein Viertel der Handelsbes­chäftigten berichtet, durch den dauernden Kontakt mit der Kundschaft stark belastet zu sein.

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