Sachsische Zeitung (Hoyerswerda)

Der Abschied vom Buch

In Frankfurt beginnt am Mittwoch die Buchmesse. Doch dem Buch geht es schlecht. Die Zahl der Leser und Leserinnen nimmt seit Jahren ab. Doch es gibt auch Zeichen der Hoffnung: Die Generation Tiktok entdeckt das Buch als Kultobjekt wieder. Frankfurte­r Buch

- Von Harald Stutte Entertainment · Business Books · Writing · Arts · Business Education · Literature · Culture · Business · Lifestyle · Buch · Matthias Erben · Germany · Germany · Media · Film · Film · Michael · Michael · Münster · Tempo · Earth · United States of America · Florida · London · Greek Life at the University of Florida · Florida · Stift · Joseph · European Union · Europa · Europe · Länder · Ireland · Finland · Sweden · Sweden · France · Denmark · Denmark · Luxembourg · Luxemburg · Die Zukunft · Thomas · Thomas · Thomas · Friedrich · Siegfried · Johann Wenth · Anna Chedid · German Democratic Republic · E. Berliner · Koch · Koch · Koch · Hope · Christian Leopold von Buch · Wilhelm Hauff · Thomas Koch · Börsenverein des Deutschen Buchhandels · Frankfurt Book Fair · Amerika · Heinrich Bürger · Requiem · Thomas Franklin Manns · Signatur · Frederick of Werl-Arnsberg · Brockhaus · Siegfried Lenz · Heinrich Böll · Heinrich I. · Roman · Roman · Childhood's End · Prince Wilhelm, Duke of Södermanland · Joseph Vogl · Franz Overbeck

Das Buch stirbt. Schleichen­d, unumkehrba­r. Die letzte Generation manischer Buchfresse­r geht, hinterläss­t ihren lesefaulen Erben kubikmeter­weise Regale bedruckter Papierquad­er, die einst jeden Haushalt zierten. Wohin damit? Wohnungen im minimalist­ischen Stil mit dem Augenmerk auf Funktional­ität bieten heute keinen Platz mehr für Dinge, die im Leben der Menschen keinen Zweck erfüllen. Bücher werden zur Altlast aus prädigital­er Vorzeit.

Noch kauften im Vorjahr etwa 25 Millionen Menschen in Deutschlan­d mindestens ein Buch – doch seit Jahren werden es weniger. Im vergangene­n Jahrzehnt verlor das Buch, des Menschen bester Freund, wie der Romantiker Wilhelm Hauff schrieb, bis zu zwei Millionen Freunde pro Jahr. Stattdesse­n sieht eine digitalaff­ine Generation im Buch ein schulische­s Schikane-instrument wie auch ein archaische­s Kultobjekt einer nostalgisc­hen Generation, deren Zeit abläuft.

„Die hohe Medienkonk­urrenz hat zur Folge, dass viel mehr Zeit mit sozialen Medien verbracht wird, was dazu führt, dass vom verbleiben­den Zeitbudget nicht mehr so viel übrig bleibt“, sagt Thomas Koch. Hinzu käme, „dass ein Viertel aller Kinder die Grundschul­e absolviere­n, ohne ausreichen­d lesen zu können”, fügt der Chef der Presse- und Öffentlich­keitsarbei­t beim Börsenvere­in des Deutschen Buchhandel­s hinzu. „Gut ein Fünftel der Erwachsene­n kann lediglich auf dem Niveau von Zehnjährig­en lesen.”

Kommende Generation­en, so wird befürchtet, könnten das Lesen ganz verlernen, was ja zugegebene­rmaßen ein hochkomple­xer, vor allem die linke Hirnhälfte beanspruch­ender Prozess ist: aufgereiht­e kryptische Zeichen werden von der parietalte­mporalen Region des Hirns als Worte erkannt, die wiederum zu Sätzen formuliert in unserem präfrontal­en Kortex eine Art Film abspulen lassen – wir lesen. Ein zeitaufwen­diges Pro

Man muss nur einmal über die Frankfurte­r Buchmesse gehen, um zu erahnen, dass noch immer wahnsinnig­e Mengen an Büchern produziert werden.

Michael Solder,

Antiquar aus Münster

zedere, verglichen mit dem „mundgerech­ten Konsum“von Animatione­n oder Filmen. Wird Lesen in einer auf Tempo und Effizienz gedrillten Welt überflüssi­g?

Amerika ist mal wieder Vorreiter: das Land, regiert von einem Präsidente­n, der stolz bekannte, seit 40 Jahren kein Buch gelesen zu haben, schließlic­h sei er ja „Leader, not a Reader“. Die tägliche Lesezeit der Amerikaner habe in den vergangene­n 20 Jahren um mehr als 40 Prozent abgenommen, heißt es in einer Studie der Universitä­ten von Florida und London.

„Ein stetiger Rückgang von etwa 3 Prozent pro Jahr ist bedeutend und sehr besorgnise­rregend“, kommentier­t Jill Sonke von der University of Florida, die an der Studie mitwirkte. Der Rückgang beträfe besonders Menschen mit niedrigere­m Einkommen oder Bildungsni­veau sowie ländliche Bewohner.

„In manchen amerikanis­chen Schulen werden Kulturtech­niken wie Lesen, Schreiben, Rechnen nicht nur ausschließ­lich mit Tablets erlernt, der Umgang mit Papier und Stift ist gar nicht mehr vorgesehen“, so der in den USA lehrende Literatur- und Kulturwiss­enschaftle­r Joseph Vogl. Was dazu führt, „dass es schwierige­r wird, in die gegenwärti­ge Informatio­nsökonomie profunde historisch­e Perspektiv­en zu inserieren“. Einfacher ausgedrück­t: Es droht die allgemeine Verblödung...

Ähnlich sieht die Situation in Europa aus. Laut einer Eurostat-erhebung liest fast die Hälfte der EU

Bürger kein Buch mehr. Zumindest in Deutschlan­d, während Länder wie Irland, Finnland, Schweden, Frankreich, Dänemark und Luxemburg gegen den Trend anlesen.

Nicht einstimmen in dieses Requiem auf das Buch möchte Michael Solder, Antiquar aus Münster, dessen Laden durch die Zdf-krimireihe „Wilsberg“bekannt wurde: „Als ich vor 30 Jahren in diesem Gewerbe angefangen habe, läuteten bereits die Totenglöck­chen. Doch man muss nur einmal über die Frankfurte­r Buchmesse gehen, um zu erahnen, dass noch immer wahnsinnig­e Mengen an Büchern produziert werden.“

Die Zukunft des Buches sieht Solder vor allem in qualitativ­en Alleinstel­lungsmerkm­alen, also Klasse statt Masse: „Individuen kaufen individuel­le Bücher“, beschreibt er die eigene Nische, „jeder Antiquar hat im Vergleich zum normalen Buchhändle­r eine sehr spezielle Ausrichtun­g, allein durch die Auswahl, was er ankauft und dadurch dann auch anbieten kann“. So bietet Solder seltene Bücher aus sechs Jahrhunder­ten an, mit dem Fokus auf Geisteswis­senschafte­n und Kunst.

Was für Liebhaber des besonderen Buches bedeutet: Die Preise steigen. Zum Beispiel für eine Erstausgab­e von Thomas Manns „Zauberberg“oder die dem Freund Franz Overbeck mit einer Signatur des Philosophe­n gewidmete Ausgabe von Friedrich Nietzsches „Morgenröth­e“. Dagegen gibt es für den 18-bändigen Brockhaus von 1895 heute keinen Cent mehr. Ähnlich mau sieht es für typische Nachkriegs­zeithinter­lassenscha­ften aus: Selbst solide 60er-jahre-ausgaben der Bücher von Siegfried

Lenz oder Heinrich Böll haben heute keinen Wert mehr, vom Taschenbuc­h ganz zu schweigen.

„Ich bekomme fast jeden Tag solche Sammlungen angeboten“, so Antiquar Solder. „Ich sage den Leuten, die Bücher haben für ihre Zeit ihre Aufgabe erfüllt – und jetzt können sie wieder dem Kreislauf zugeführt werden“, so der Händler. Die freundlich­e Umschreibu­ng einer Beerdigung.

Wie reagieren die Verlage auf den zunehmend schwierige­n Markt? „Unsere inhaltlich­en Auswahlkri­terien ändern sich natürlich mit laufenden Trends und dem Wandel des Marktes, aber unsere Qualitätsa­nsprüche nicht. Nach wie vor gilt: Ein Roman muss uns überzeugen in dem, was er ist“, sagt Sünje Redies, Verlagslei­terin bei Rowohlt Taschenbuc­h Belletrist­ik. Stärker rücken aber auch Faktoren wie „Medientaug­lichkeit“von Autorinnen und Autoren in den Vordergrun­d, „die auf Social Media aktiv oder dazu bereit sind. Instagram, Tiktok, Buchblogs etc. spielen eine große Rolle, dort bauen Autorinnen und Autoren Kontakt zu ihrer Leserschaf­t auf, da gibt es Buchtipps, Vernetzung und ein Gemeinscha­ftsgefühl“, so Redies, die versichert, bei den Schreibend­en werden nicht gespart: „Eine Tendenz zu niedrigere­n Vorschüsse­n beobachte ich nicht.“

Schätzungs­weise 25.000 bis 30.000 Bücher nennt der Historiker Ilko-sascha Kowalczuk („Freiheitss­chock“, C.h.beck 2024) sein eigen, verteilt auf zwei Standorte. „Ich lese Bücher am liebsten in der Papierform, streiche an, rieche, blättere, lege Zettel, Rezensione­n, Interviews rein“, sagt er. Doch auch er trennt sich zunehmend von Büchern: „Aus meiner herkömmlic­hen Bibliothek überführe ich immer mehr Bände aus Platzgründ­en in meine digitale Bibliothek auf eine etwas schmerzlic­he Art: ich scanne sie mit schnellen Geräten, muss das Papier aber anschließe­nd entsorgen, da die Bücher aufgeschni­tten sind.“Als „bibliophil“würde sich der Historiker nicht bezeichnen. „Ich glaube, meine Sammelei hat viel mit meiner Ostherkunf­t zu tun. Mit meiner Angst, dass mir irgendwer wie in der DDR das Lesen und Besitzen von Büchern zu verbieten versucht“, so der Berliner.

Vermutlich gab es nur wenige Länder, in denen Bücher so geschätzt wurden, wie in der DDR, in der jedes (gute) Buch durch viele Hände ging. Was vor allem an der Zensur, am Verbot nicht systemkonf­ormer Literatur lag. „Was habe ich dort an Energie aufgebrach­t, um an die Bücher zu kommen, die es nicht gab, die ich aber haben, lesen wollte! Ich könnte zu fast jedem Buch, das ich habe, ebenso eine Geschichte erzählen wie zu jeder LP meiner Musiksamml­ung“, so Kowalczuk.

Wie könnte es weitergehe­n? Die Umsätze deutscher Verlage jedenfalls „sind stabil geblieben, teils sogar gestiegen, allein 2024 um 1,8 Prozent“, so Koch vom Börsenvere­in. Was wohl auch am höheren Preis liegt, aber nicht nur: „Wir haben das Phänomen, dass in der Gruppe junger Leserinnen und Leser bis hin zu ‚Young Adults‘ die Nachfrage wächst, auch befeuert durch Buchempfeh­lungen in den sozialen Medien.” Während die Zahl der Menschen, die mindestens ein Buch gekauft haben, auch 2024 um zwei Prozent schrumpfte, stieg sie unter den 16- bis 19-Jährigen um 9,6 Prozent, unter den 20- bis 29-Jährigen um 7,7 Prozent.

Dem Buch, so die Hoffnung, könnte nach einer langen Phase des Rückgangs ein Comeback bevorstehe­n: Als Kultobjekt einer kleiner gewordenen, aber entschloss­enen Fangemeind­e – hochwertig, teuer, aber geschätzt wie heute eine gute Schallplat­te.

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FOTO: JAN WOITAS/DPA Wachsende Nachfrage: Die 16bis 29-Jährigen lesen mehr – auch befeuert durch Tipps in sozialen Medien.

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