Sachsische Zeitung (Hoyerswerda)
Der Abschied vom Buch
In Frankfurt beginnt am Mittwoch die Buchmesse. Doch dem Buch geht es schlecht. Die Zahl der Leser und Leserinnen nimmt seit Jahren ab. Doch es gibt auch Zeichen der Hoffnung: Die Generation Tiktok entdeckt das Buch als Kultobjekt wieder. Frankfurter Buch
Das Buch stirbt. Schleichend, unumkehrbar. Die letzte Generation manischer Buchfresser geht, hinterlässt ihren lesefaulen Erben kubikmeterweise Regale bedruckter Papierquader, die einst jeden Haushalt zierten. Wohin damit? Wohnungen im minimalistischen Stil mit dem Augenmerk auf Funktionalität bieten heute keinen Platz mehr für Dinge, die im Leben der Menschen keinen Zweck erfüllen. Bücher werden zur Altlast aus prädigitaler Vorzeit.
Noch kauften im Vorjahr etwa 25 Millionen Menschen in Deutschland mindestens ein Buch – doch seit Jahren werden es weniger. Im vergangenen Jahrzehnt verlor das Buch, des Menschen bester Freund, wie der Romantiker Wilhelm Hauff schrieb, bis zu zwei Millionen Freunde pro Jahr. Stattdessen sieht eine digitalaffine Generation im Buch ein schulisches Schikane-instrument wie auch ein archaisches Kultobjekt einer nostalgischen Generation, deren Zeit abläuft.
„Die hohe Medienkonkurrenz hat zur Folge, dass viel mehr Zeit mit sozialen Medien verbracht wird, was dazu führt, dass vom verbleibenden Zeitbudget nicht mehr so viel übrig bleibt“, sagt Thomas Koch. Hinzu käme, „dass ein Viertel aller Kinder die Grundschule absolvieren, ohne ausreichend lesen zu können”, fügt der Chef der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels hinzu. „Gut ein Fünftel der Erwachsenen kann lediglich auf dem Niveau von Zehnjährigen lesen.”
Kommende Generationen, so wird befürchtet, könnten das Lesen ganz verlernen, was ja zugegebenermaßen ein hochkomplexer, vor allem die linke Hirnhälfte beanspruchender Prozess ist: aufgereihte kryptische Zeichen werden von der parietaltemporalen Region des Hirns als Worte erkannt, die wiederum zu Sätzen formuliert in unserem präfrontalen Kortex eine Art Film abspulen lassen – wir lesen. Ein zeitaufwendiges Pro
Man muss nur einmal über die Frankfurter Buchmesse gehen, um zu erahnen, dass noch immer wahnsinnige Mengen an Büchern produziert werden.
Michael Solder,
Antiquar aus Münster
zedere, verglichen mit dem „mundgerechten Konsum“von Animationen oder Filmen. Wird Lesen in einer auf Tempo und Effizienz gedrillten Welt überflüssig?
Amerika ist mal wieder Vorreiter: das Land, regiert von einem Präsidenten, der stolz bekannte, seit 40 Jahren kein Buch gelesen zu haben, schließlich sei er ja „Leader, not a Reader“. Die tägliche Lesezeit der Amerikaner habe in den vergangenen 20 Jahren um mehr als 40 Prozent abgenommen, heißt es in einer Studie der Universitäten von Florida und London.
„Ein stetiger Rückgang von etwa 3 Prozent pro Jahr ist bedeutend und sehr besorgniserregend“, kommentiert Jill Sonke von der University of Florida, die an der Studie mitwirkte. Der Rückgang beträfe besonders Menschen mit niedrigerem Einkommen oder Bildungsniveau sowie ländliche Bewohner.
„In manchen amerikanischen Schulen werden Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen nicht nur ausschließlich mit Tablets erlernt, der Umgang mit Papier und Stift ist gar nicht mehr vorgesehen“, so der in den USA lehrende Literatur- und Kulturwissenschaftler Joseph Vogl. Was dazu führt, „dass es schwieriger wird, in die gegenwärtige Informationsökonomie profunde historische Perspektiven zu inserieren“. Einfacher ausgedrückt: Es droht die allgemeine Verblödung...
Ähnlich sieht die Situation in Europa aus. Laut einer Eurostat-erhebung liest fast die Hälfte der EU
Bürger kein Buch mehr. Zumindest in Deutschland, während Länder wie Irland, Finnland, Schweden, Frankreich, Dänemark und Luxemburg gegen den Trend anlesen.
Nicht einstimmen in dieses Requiem auf das Buch möchte Michael Solder, Antiquar aus Münster, dessen Laden durch die Zdf-krimireihe „Wilsberg“bekannt wurde: „Als ich vor 30 Jahren in diesem Gewerbe angefangen habe, läuteten bereits die Totenglöckchen. Doch man muss nur einmal über die Frankfurter Buchmesse gehen, um zu erahnen, dass noch immer wahnsinnige Mengen an Büchern produziert werden.“
Die Zukunft des Buches sieht Solder vor allem in qualitativen Alleinstellungsmerkmalen, also Klasse statt Masse: „Individuen kaufen individuelle Bücher“, beschreibt er die eigene Nische, „jeder Antiquar hat im Vergleich zum normalen Buchhändler eine sehr spezielle Ausrichtung, allein durch die Auswahl, was er ankauft und dadurch dann auch anbieten kann“. So bietet Solder seltene Bücher aus sechs Jahrhunderten an, mit dem Fokus auf Geisteswissenschaften und Kunst.
Was für Liebhaber des besonderen Buches bedeutet: Die Preise steigen. Zum Beispiel für eine Erstausgabe von Thomas Manns „Zauberberg“oder die dem Freund Franz Overbeck mit einer Signatur des Philosophen gewidmete Ausgabe von Friedrich Nietzsches „Morgenröthe“. Dagegen gibt es für den 18-bändigen Brockhaus von 1895 heute keinen Cent mehr. Ähnlich mau sieht es für typische Nachkriegszeithinterlassenschaften aus: Selbst solide 60er-jahre-ausgaben der Bücher von Siegfried
Lenz oder Heinrich Böll haben heute keinen Wert mehr, vom Taschenbuch ganz zu schweigen.
„Ich bekomme fast jeden Tag solche Sammlungen angeboten“, so Antiquar Solder. „Ich sage den Leuten, die Bücher haben für ihre Zeit ihre Aufgabe erfüllt – und jetzt können sie wieder dem Kreislauf zugeführt werden“, so der Händler. Die freundliche Umschreibung einer Beerdigung.
Wie reagieren die Verlage auf den zunehmend schwierigen Markt? „Unsere inhaltlichen Auswahlkriterien ändern sich natürlich mit laufenden Trends und dem Wandel des Marktes, aber unsere Qualitätsansprüche nicht. Nach wie vor gilt: Ein Roman muss uns überzeugen in dem, was er ist“, sagt Sünje Redies, Verlagsleiterin bei Rowohlt Taschenbuch Belletristik. Stärker rücken aber auch Faktoren wie „Medientauglichkeit“von Autorinnen und Autoren in den Vordergrund, „die auf Social Media aktiv oder dazu bereit sind. Instagram, Tiktok, Buchblogs etc. spielen eine große Rolle, dort bauen Autorinnen und Autoren Kontakt zu ihrer Leserschaft auf, da gibt es Buchtipps, Vernetzung und ein Gemeinschaftsgefühl“, so Redies, die versichert, bei den Schreibenden werden nicht gespart: „Eine Tendenz zu niedrigeren Vorschüssen beobachte ich nicht.“
Schätzungsweise 25.000 bis 30.000 Bücher nennt der Historiker Ilko-sascha Kowalczuk („Freiheitsschock“, C.h.beck 2024) sein eigen, verteilt auf zwei Standorte. „Ich lese Bücher am liebsten in der Papierform, streiche an, rieche, blättere, lege Zettel, Rezensionen, Interviews rein“, sagt er. Doch auch er trennt sich zunehmend von Büchern: „Aus meiner herkömmlichen Bibliothek überführe ich immer mehr Bände aus Platzgründen in meine digitale Bibliothek auf eine etwas schmerzliche Art: ich scanne sie mit schnellen Geräten, muss das Papier aber anschließend entsorgen, da die Bücher aufgeschnitten sind.“Als „bibliophil“würde sich der Historiker nicht bezeichnen. „Ich glaube, meine Sammelei hat viel mit meiner Ostherkunft zu tun. Mit meiner Angst, dass mir irgendwer wie in der DDR das Lesen und Besitzen von Büchern zu verbieten versucht“, so der Berliner.
Vermutlich gab es nur wenige Länder, in denen Bücher so geschätzt wurden, wie in der DDR, in der jedes (gute) Buch durch viele Hände ging. Was vor allem an der Zensur, am Verbot nicht systemkonformer Literatur lag. „Was habe ich dort an Energie aufgebracht, um an die Bücher zu kommen, die es nicht gab, die ich aber haben, lesen wollte! Ich könnte zu fast jedem Buch, das ich habe, ebenso eine Geschichte erzählen wie zu jeder LP meiner Musiksammlung“, so Kowalczuk.
Wie könnte es weitergehen? Die Umsätze deutscher Verlage jedenfalls „sind stabil geblieben, teils sogar gestiegen, allein 2024 um 1,8 Prozent“, so Koch vom Börsenverein. Was wohl auch am höheren Preis liegt, aber nicht nur: „Wir haben das Phänomen, dass in der Gruppe junger Leserinnen und Leser bis hin zu ‚Young Adults‘ die Nachfrage wächst, auch befeuert durch Buchempfehlungen in den sozialen Medien.” Während die Zahl der Menschen, die mindestens ein Buch gekauft haben, auch 2024 um zwei Prozent schrumpfte, stieg sie unter den 16- bis 19-Jährigen um 9,6 Prozent, unter den 20- bis 29-Jährigen um 7,7 Prozent.
Dem Buch, so die Hoffnung, könnte nach einer langen Phase des Rückgangs ein Comeback bevorstehen: Als Kultobjekt einer kleiner gewordenen, aber entschlossenen Fangemeinde – hochwertig, teuer, aber geschätzt wie heute eine gute Schallplatte.