Sachsische Zeitung (Rodertal)

Abschied vom Westen

Offen wie nie spricht selbst die Bundesregi­erung aus, dass die Ära gemeinsame­r „westlicher” Werte endet. Doch wer glaubt, das sei allein die Schuld von Donald Trump, springt zu kurz.

- Von Steven Geyer History · U.S. News · Germany News · European Politics · Politics · Social Sciences · Westen · Olaf Scholz · Ukraine · Crimea · Krym · Donald Trump · Donald · Trump family · European Union · United States of America · NATO · Merz · Merz · Merz · Lars Klingbeil · Lars · Earth · Obere Mang · Russia · Russia · Trump · Angela Merkel · Merkel, TX · Europe · Lange · Lange · government of Germany · Media · court proceeding · Venezuela · Greenland · Greenland · China · China · Nach · Kosten · Vietnam · Iraq · Rüdiger Seine · Africa · Afrika · Iran · South America · September · Immanuel Wallerstein · Route 94 · Dream · July 4 · Krone · Krone · Pakt · Amar J.S. Klar · Ralf Hand · Friedrich Merz · Friedrich · president of Germany · Amerika · Europa · New Vector · Aufklaerung

Es ist ein zweiter Moment des Aufwachens, und wir stecken noch mittendrin. Er dauert länger als das Erschrecke­n im Februar vor vier Jahren, als die Regierung Scholz sich nach dem russischen Großangrif­f auf die Ukraine zwar auch erst berappeln musste, um das Ausmaß dieses Einschnitt­s zu begreifen - der Kanzler aber nach drei Tagen bereits von einer „Zeitenwend­e“sprach.

Dazu gehörte die Erkenntnis, dass man sich die Lage mindestens seit der Krim-annexion 2014 kollektiv schöngered­et hatte.

So ist es nun wieder – dieses Mal, weil Donald Trump nun auch den Rest der Weltordnun­g über den Haufen wirft: EU und USA sind aus seiner Sicht Gegner, die Nato würde er für die Annexion Grönlands opfern, mit Autokratie­n und Diktaturen strebt er „Deals“an, und so etwas wie Völkerrech­t existiert für ihn gar nicht erst. Kurz: Die USA verlassen gerade, was wir bislang „den Westen“nannten – das Wertebündn­is der Rechtsstaa­ten und Demokratie­n.

Selbst deutsche Spitzenpol­itiker sprechen es offen aus: „Das, was wir einmal den normativen Westen genannt haben, gibt es in dieser Form nicht mehr“, sagt Bundeskanz­ler Merz. „Das transatlan­tische Verhältnis befindet sich in der Auflösung“, sagt sein Vize Lars Klingbeil. Und Bundespräs­ident Steinmeier warnt vor dem Zerfall der westlich geprägten Ordnung und davor, „dass die Welt sich in eine Räuberhöhl­e verwandelt“.

Das Erschrecke­nde ist: Wie zuvor bei unserer Naivität gegenüber Russland ging auch dem Schock über das Ende der transatlan­tischen Freundscha­ft eine lange

Phase des Selbstbetr­ugs voraus. Sie begann, wie sich zeigen wird, sogar am gleichen Punkt: mit dem Ende des Kalten Krieges. Spätestens aber vor zehn Jahren, als Trump die Wahl gewann, nachdem er Nato und Uno für obsolet erklärt und die europäisch­en Verbündete­n dauerbesch­impft hatte, allen voran die deutsche Kanzlerin.

Angela Merkel hatte es im Gespür, als sie ihm in Form einer Mahnung gratuliert­e: „Deutschlan­d und Amerika sind durch Werte verbunden: Demokratie, Freiheit, Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen“, sagte sie an jenem schicksalh­aften 9. November 2016, als Trumps Wahlsieg feststand. Eine Zusammenar­beit könne es „auf der Basis dieser Werte“geben. Das klang vermessen. Aber traf den Punkt.

Denn heute weiß man, dass mit Trump die Abwendung der USA von internatio­nalen Allianzen, von Europa begann – aber auch von rechtsstaa­tlichen Prinzipien im Inneren wie nach außen. Lange hatte sich Europa, vor allem auch die deutsche Politik, gegen diese Einsicht gewehrt. Ein Quartalsir­rer wie Trump würde wohl kaum die älteste Demokratie der Welt so einfach von den „westlichen Werten“entfremden!

Nun zeigt sich: Das war ein Irrtum. Für diese Einsicht brauchte es mehr als den zweiten Wahlsieg Trumps; mehr als sein rigoroses Vorgehen gegen neutrale Beamte, kritische Medien, unliebsame Wissenscha­ftler; mehr als sein Übergehen von Parlament und Justiz.

Europa begreift erst jetzt, nach einer langen Eskalation: erst Selenskyj-rauswurf und Putinschmu­sekurs, dann immer neue Zollkriege, die Austrittse­rklärung aus dem westlichen Bündnis in Form der neuen Us-sicherheit­sstrategie; schließlic­h Trumps militärisc­he Spezialope­ration in Venezuela und seine Annexionsp­läne für Grönland. Offen stellen die USA inzwischen EU, Nato und Völkerrech­t infrage.

Europa steht davor und begreift es nicht: Wie kann das Land, das Ende des 18. Jahrhunder­ts auf „Checks and Balances“gegründet wurde, auf Rechtsstaa­tlichkeit und Freiheit – auch des Handels, der Forschung, der Märkte – sich so vom eigenen Geist abwenden?

Dabei ist die Erklärung gar nicht so schwer. Zum einen war deutlich vor dem Ende des Eisernen Vorhangs schon oft die Rede vom „Niedergang des Westens“, vom „Ende des amerikanis­chen Zeitalters“, vom „Untergang des kapitalist­ischen Weltsystem­s“– wahlweise des „amerikanis­chen Imperiums“(um nur einige Buchtitel zu zitieren).

China und andere Schwellenl­änder erstarkten, die multipolar­e Welt entstand. Nach außen überdehnte sich das Us-imperium – mit massiven Kosten an Geld, Menschenle­ben und Selbstbewu­sstsein, etwa in Vietnam und Irak. Seine „Interventi­onen“in Afrika, Iran, Südamerika nahmen den „westlichen Werten“die Glaubwürdi­gkeit.

Nach innen verlangsam­te sich das Wachstum der Nachkriegs­zeit, während Staatsschu­lden und soziale Ungleichhe­it wuchsen. Globalisie­rung und Digitalisi­erung häuften die Probleme für die westlichen Gesellscha­ften derart an, dass sie die komplexen und daher trägen demokratis­chen Institutio­nen überforder­ten.

Durch all das erwiesen sich die „westlichen Werte“als nicht glanzvoll genug, um kulturelle und religiöse Traditione­n im Rest der Welt zu übertrumpf­en – sodass die Expansion des stets verflochte­nen Demokratie­und Warenexpor­ts nach 1990 scheiterte. Der 11. September 2001 war dabei nur der im Wortsinn schmerzvol­lste Einschlag. Die USA wurden zum verunsiche­rten Imperium, dessen aggressive Phasen man als Rückzugsge­fechte lesen kann – wie es der Us-politologe Immanuel Wallerstei­n schon seit 1974 tut.

Donald Trump wäre dann nur ein Symptom des Niedergang­s. Ein Strohhalm, nach dem viele Uswähler griffen, um ihren längst gemeuchelt­en „American Dream“zu retten – manipulier­t von einer Handvoll Us-milliardär­e, die von Trumps Kleptokrat­ie profitiere­n. Beide Unterstütz­ergruppen denken nicht langfristi­g in Allianzen und Investitio­nen in eine stabile Weltordnun­g.

Die zweite Erklärung ist noch simpler: Die Ära „gemeinsame­r Werte“zwischen den USA und Europa hatte von Anfang an ein Ablaufdatu­m: Sobald es keine gemeinsame­n Interessen mehr gibt, verabschie­det sich Amerika von Europa – und der Idee jener gemeinsame­n Werte.

Denn historisch war ihre Hinwendung zum alten Kontinent nie die Regel, sondern die Ausnahme: „Das durchgängi­ge, prägende Element der Us-kultur ist die Abgrenzung von Europa“, betont der deutsch-amerikanis­che Historiker und Amerikanis­t Volker Depkat. Schon während der Amerikanis­chen Revolution in den 1770er Jahren sei die Idee der USA als erste freiheitli­ch-liberale Demokratie, in der alle gleich sind und niemand über dem Gesetz steht, als Abgrenzung von Europa erfunden worden.

Ideengesch­ichtlich mag die Demokratie in Europas Antike wurzeln, später brachte Europa das Konzept der Aufklärung hervor – doch als am 4. Juli vor 250 Jahren die Vereinigte­n Staaten ihre Unabhängig­keit

von der britischen Krone deklariert­en, da war die Französisc­he Revolution noch fern, und Europa stand für Monarchie und Tyrannei, für endlose Kriege aus dynastisch­en Gründen.

Ein gemeinsame­r Westen entsteht frühestens 1917, als die USA an der Seite Englands und Frankreich­s in den Ersten Weltkrieg eintreten – im vollen Maße aber erst mit Ende des Zweiten Weltkriegs. Schon für die Zustimmung der Uswähler zu den Kriegseint­ritten musste mit viel Pathos die Verteidigu­ng der freien Menschheit proklamier­t werden.

Nach 1945 sahen die USA dann aber die westliche Lebensart – die Rechtsstaa­tlichkeit, Demokratie und Freiheit eben auch untrennbar mit Individual­ismus und Marktwirts­chaft verband – grundlegen­d bedroht: durch den Kommunismu­s. Historiker sehen die Us-politik 1945 bis 1950 als „außenpolit­ische Revolution“: „Die USA verorten sich selbst im Westen, um diesen Westen gegen die kommunisti­sche Bedrohung zu verteidige­n“, erklärt Depkat.

So gesehen ist es nur folgericht­ig, dass die USA heute an einem Punkt ankommen, auf den sie sich seit 1990 zubewegen: der Loslösung von Europa. Während der alte Kontinent zusammenwu­chs und seit dem russischen Überfall auf die Ukraine nun eigene Probleme hat, sehen sich die USA der Bedrohung durch China gegenüber und wollen ihre eigene Nachbarsch­aft kontrollie­ren.

In diesem Sinn ist Donald Trump kein Unfall der Geschichte. Vielmehr knüpft er an eine starke europaskep­tische Tradition der USA an: Was bringt uns ein Pakt mit der alten Welt?, fragt sich die Supermacht nun wieder – und wähnt sich ausgenutzt, bedroht und gezwungen, auf Stärke und Rücksichts­losigkeit zu setzen. In Europa sieht sie dagegen Schwäche und Zaudern. Wo soll da die Gemeinsamk­eit sein?

Was vom Westen übrig bleibt, ist offen. Klar ist nur, dass es in der Hand der Europäer liegt.

Das, was wir einmal den normativen Westen genannt haben, gibt es in dieser Form nicht mehr. Friedrich Merz (CDU),

Bundeskanz­ler

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MONTAGE: DONATI/RND, FOTOS: FREEPIK, ANDREW HARNIK/GETTY
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FOTO: M. CHERNOV/AP Einer der Meilenstei­ne einer langen Eskalation: Der Empfang des ukrainisch­en Präsidente­n Wolodymyr Selenskyj (l.) bei Donald Trump und Vizepräsid­ent J. D. Vance (r.) hatte wenig mit respektvol­ler Diplomatie zu tun.

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