Sachsische Zeitung (Hoyerswerda)

„Die Firmen können mit den Rohstoffen machen, was sie wollen“

In Deutschlan­d entstehen neue Bergwerke, doch wem gehören die Rohstoffe? Es gibt bisher keinen Schutz vor einem Ausverkauf der hiesigen Bodenschät­ze, sagt Robert Frau von der TU Bergakadem­ie Freiberg und bundesweit der einzige Professor für Rohstoffre­cht

- Von Stephan Schön Germany · Germany · China · China · Freiberg · Robert · Robert · Robert · Mehr · Mehr · Fall · Valerie Dann · European Union · Earth · United States of America · Allgemeine Bodencreditanstalt · Canada · Corona · Corona · Corona · Stelle · Lage · commission · Valeri Beim · Europe · Europa · Stahl · Oder · Amerika · The German government · economy of Germany · Nach · DIESE eG · Ernst Kein · China · Moon · Freiberg University of Mining and Technology · Ethan · John Sanderson · Canada · Fall · Lithium · Erden · West · Johann Gottfried Zinn

Das Erzgebirge ist nach wie vor reich an Bodenschät­zen. Neue Verfahren und gestiegene Rohstoffpr­eise machen den Abbau wieder rentabel. Nicht nur hier, sondern deutschlan­dweit wird gebohrt und sondiert. Es sind meist internatio­nale große Konzerne, die derzeit tätig werden. Die Entscheide­r sitzen fast alle außerhalb Europas. Wie eine umfangreic­he Recherche des Redaktions­netzwerks Deutschlan­d (RND) mit Sächsische­r Zeitung und Leipziger Volkszeitu­ng ergab, reichen Finanzverb­indungen bis zu autokratis­chen Systemen, auch nach China. Ist Deutschlan­d gerade dabei, seine Rohstoffe zu verschleud­ern? Was wird aus dem sächsische­n Zinn und Erz? Ein Interview mit dem Juristen und Fachmann für Rohstoffre­cht von der TU Bergakadem­ie Freiberg, Prof. Robert Frau, über die Chancen sowie über die ökonomisch­en Risiken des neuen Bergbaus und den Ausverkauf der deutschen Bodenschät­ze.

Herr Professor Frau, Bergbaufir­men haben in Deutschlan­d seit Jahren vermehrt Erkundungs- und Abbaurecht­e bekommen. Es geht um kritische Stoffe wie Lithium, Flussspat und Seltene Erden. Sind solche Abbaurecht­e in irgendeine­r Weise mit Beschränku­ngen zur Ausfuhr von Rohstoffen verbunden?

Ganz klar – nein. Firmen, die Rohstoffe in Deutschlan­d abbauen, können grundsätzl­ich mit den Rohstoffen machen, was sie wollen. Das Bundesberg­gesetz sieht lediglich vor, dass diese Firmen dafür an den Staat einen vereinbart­en Betrag zahlen. Mehr nicht.

Deutschlan­d braucht eigentlich dringend Rohstoffe, bekommt stattdesse­n aber nur Geld?

Der Staat bekommt in der Tat diese Rohstoffe in keinem Fall. Aber Unternehme­n in der Region könnten diese durchaus kaufen, verarbeite­n und weiterverk­aufen. Dann stellt sich aber immer noch die Frage: Bleiben diese Rohstoffe in verarbeite­ter Form in der Bundesrepu­blik, bleiben sie in der EU? Auch diese verarbeite­nden Unternehme­n sind in ihrer Entscheidu­ng völlig frei. Es gibt keinerlei rechtliche Einschränk­ung.

Mal ganz grundsätzl­ich: Wem gehören eigentlich die Rohstoffe im Boden unter uns?

In Deutschlan­d gehören die Rohstoffe in der Erde nicht zwangsläuf­ig dem Grundstück­seigentüme­r. Das Bundesberg­gesetz besagt exakt und abschließe­nd, welche Bodenschät­ze dem Staat gehören, wie Öl, Gold oder auch Uran. Und dann gibt es Bodenschät­ze, die gehören dem Eigentümer, zum Beispiel Sand. Für den Abbau braucht der aber je nach Bundesland eine staatliche Genehmigun­g.

Ist es da egal, ob die Bodenschät­ze

Die Suche nach erschließb­aren Rohstoff-lagerstätt­en ist bundesweit in vollem Gange. Neue Bergwerke sind geplant. Die Sache hat aber einen Haken: Deutschlan­d hat keinerlei Anspruch auf diese Rohstoffe.

fünf Meter unter der Erde lagern oder fünf Kilometer?

Das ist völlig egal. Soweit Sie kommen. So tief Sie graben können.

Ist das weltweit ähnlich?

Ganz und gar nicht. In den USA beispielsw­eise können Sie aus Ihrem Grund und Boden heraushole­n, was Sie wollen. Und das gehört dann Ihnen.

Und in Kanada? Mit welcher Firmenphil­osophie, mit welcher ökonomisch­en Sozialisie­rung kommen vor allem kanadische Bergbaufir­men hierher?

Dort ist es grundsätzl­ich ähnlich wie in den USA. Aber es gibt in Kanada eine deutlich größere Debatte über diese Eigentumsr­echte. Und es gibt Zugeständn­isse an die indigene Bevölkerun­g. Was aber kanadische Firmen in Deutschlan­d betrifft, so transporti­eren auch sie im Zweifel die Rohstoffe von hier ab und verkaufen sie an wen auch immer weltweit. Dagegen können wir uns nicht wehren.

Kann man denn nicht einfach mal die Verträge, diese Schürfrech­te, so verfassen, dass die Rohstoffe im Land oder zumindest in der EU bleiben?

Das genau ist das Problem. Es wäre möglich, aber ich kenne keinen einzigen Fall, bei dem der Verbleib der Rohstoffe im Land geregelt wurde. Im Critical Raw Materials Act, dem CRMA der EU, sind zwar alle kritischen Rohstoffe detaillier­t genannt. Aber im CRMA spielt die Ausfuhr dieser kritischen Rohstoffe wie Lithium und Seltene Erden überhaupt keine Rolle. Das wurde völlig verpasst und ist ein schwerwieg­ender

Fehler.

Steht dem das internatio­nale Recht etwa entgegen?

Das Wto-recht gilt es zu beachten. Aber all das wäre längst möglich. Das wurde jedoch fahrlässig verzögert, einfach verschlafe­n. Es gibt ja auch bei anderen Gütern Ausfuhrbes­chränkunge­n. Nicht die Bundesrepu­blik, aber die EU kann in bestimmten Fällen ein solches Exportverb­ot erlassen. In der Corona-zeit betraf das unter anderem medizinisc­he Schutzbekl­eidung. In den 70er-jahren waren es bestimmte Schrottart­en – ein perfektes Beispiel für das Rohstoff-thema.

Lassen sich die abgeschlos­senen Verträge noch ändern, wenn die EU diese Rohstoffe jetzt auf den Index für ein Exportverb­ot setzen würde?

Das geht nicht. Vertrag ist Vertrag, auch wenn sich da der rechtliche Rahmen ändert. Das läuft ökonomisch gesehen unter Vertrauens­schutz. Nur neue Verträge können dann anders verfasst werden. Aber auch erweiterte, zusätzlich­e Abbaugeneh­migungen für schon bestehende Bergwerke könnten dann mit Exporteins­chränkunge­n versehen werden. Dass die EU nicht schon vor Jahren mit dem ersten Rohstoff-act nicht gleich Exportbesc­hränkungen eingeführt hat, das war absolut kurzsichti­g. Wir wissen ja, wie die Chinesen mit ihren Rohstoffen umgehen. Die vergeben seit Jahren Exportbesc­hränkungen für kritische Rohstoffe. Und jetzt sind an dieser Stelle auch die Amerikaner unberechen­bar geworden. Es ist mir ein Rätsel, wie man da so naiv sein kann und glaubt, man bekommt die einheimisc­hen Rohstoffe

Prof. Robert Frau forscht seit 2023 an der TU Bergakadem­ie Freiberg, sein Fachgebiet sind Rechtsfrag­en zu Rohstoffen und Umweltthem­en. Seit Jahresanfa­ng hat er hier die neu geschaffen­e Professur für Rohstoffre­cht übernommen, es ist die einzige derartige Professur in Deutschlan­d.

schon irgendwie. Das ist mit der geopolitis­chen Lage nicht zu vereinbare­n. Allerdings, und da muss man die Eu-kommission loben, sollen erste Exportbesc­hränkungen in der ersten Jahreshälf­te 2026 kommen. Bereits für das erste Quartal hat sie angekündig­t, Beschränku­ngsmöglich­keiten für den Schrott von Seltenerd-dauermagne­ten vorzuschla­gen. Im zweiten Quartal sollen Maßnahmen für Aluminiums­chrott folgen. Damit wird der Export nicht automatisc­h beschränkt, sondern die Kommission schafft die bloße Möglichkei­t dafür.

Beim Recycling für seltene Rohstoffe wurde die Dramatik der Situation offenbar verstanden …

… in der Tat. Beim Recycling sind die EU und auch Deutschlan­d regelrecht heiß darauf, dass da mehr passiert. Das Recycling steht sogar im CRMA. Aber warum lässt man dann bei den Rohstoffen die Dinge so schleifen?

Unbegreifl­ich! Es geht ja nicht um ein Exportverb­ot von vornherein, sondern schlicht um die Möglichkei­t, diese Ausfuhr verhindern zu können. Dieses bisher zu versäumen, halte ich ganz klar für fehlende politische Vorsorge. Was passiert, wenn bei den Rohstoffen Amerikaner und Chinesen aneinander­geraten? Was bleibt dann für Europa? Dann sind wir abgeschnit­ten von den Rohstoffen aus Ost und West.

Es ist doch eigentlich unsinnig und unwahrsche­inlich, dass diese Länder teuer die europäisch­en Rohstoffe einkaufen, wenn es davon billig und genügend im eigenen Land gibt?

Genau das ist unser nicht mehr relevantes marktökono­misches Denken bei Rohstoffen und ein Irrglaube. Weder Amerikaner noch Chinesen denken bei Rohstoffen an eine offene Marktwirts­chaft. Da zählen geopolitis­che Interessen. Die Chinesen kaufen im Zweifel auch bei uns für teures

Geld ein, wenn es ihnen geopolitis­ch nützt. Und niemand könnte die Firmen derzeit daran hindern, Rohstoffe aus Europa abzuziehen. China nutzt Rohstoffe als diplomatis­ches Mittel, auch als Waffe. Und da ist es egal, wie teuer das wird.

Rohstoffe als Marktwaffe? Ein Beispiel bitte.

China schwemmt den Markt gerade mit bestimmten Stahl und macht damit die amerikanis­che Stahlindus­trie kaputt. Es verknappt seltene Erden, führt damit zu Engpässen bei der Halbleiter­industrie, und diese Stoffe fehlen dann auch für Kampfflugz­euge. Oder das Lithium aus China wird so teuer, dass darunter die Batteriehe­rstellung in Europa enorm leidet. Genau darum geht es China zunehmend, aber auch Amerika. Nur wir in Europa sind noch verhaftet in der Idee, dass das alles der Markt mit Angebot und Nachfrage regelt.

Auf die EU zu warten, reicht ja wohl nicht. Was müsste Deutschlan­d tun?

Die Bundesregi­erung hat seit 15 Jahren eine Rohstoffst­rategie, in der es darum geht, die deutsche Volkswirts­chaft mit Rohstoffen zu versorgen. Nach wie vor steht dort drin, dass dies Aufgabe der Unternehme­n sei. Diese Naivität hat die Bundesrepu­blik immer noch nicht abgelegt. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Kein deutsches Unternehme­n, so groß es auch sein mag, kann doch mit der Volksrepub­lik China über Rohstoffe verhandeln. Dabei kann ein deutsches Unternehme­n nicht gewinnen. Wenn der deutsche Staat dahinterst­ehen würde, wäre das schon ein bisschen anders.

Wie schnell wird sich nun an der europäisch­en und deutschen Rohstoffpo­litik etwas ändern?

In den nächsten drei Jahren wird sich da grundlegen­d etwas ändern. Die Stimmen dazu werden immer lauter. Der Ruf kommt aus der Industrie. Verteidigu­ngspolitis­che Interessen kommen jetzt dazu. Die Energiewen­de braucht diese Rohstoffe. Wir hinken einfach hinterher, weil wir bisher die Realität nicht wahrgenomm­en haben, dass Rohstoffe längst ein Druckmitte­l geworden sind. Sowohl von China als auch von den USA. Wir haben keine Zeit mehr, weiter abzuwarten. Sonst können wir unsere Rohstoffe vom Mond holen, obwohl wir sie eigentlich vor der Haustür haben.

aus der gemeinsame­n Recherche des Redaktions­netzwerks Deutschlan­d gemeinsam mit der Sächsische­n Zeitung und der Leipziger Volkszeitu­ng sowie weiteren Partnern finden Sie hier: https://kurz.saechsisch­e.de/rohstoffe

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FOTO: ROBERT MICHAEL/DPA
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FOTO: TUBAF/DPA

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