Sachsische Zeitung (Weiswasser)

Mwochenend­e Rechnet sich das?

Fürsorge, Bildung, Gemeinwohl – alles soll Gewinn abwerfen. Die Frage nach der Wirtschaft­lichkeit ist zur Leitformel unserer Zeit geworden. Dabei zerstört das Primat der Ökonomie die Menschlich­keit. Denn eine Gesellscha­ft braucht Freiräume, die sich nicht

- Von Imre Grimm Germany · Germany · Winter · Winter · Friedrich Merz · Friedrich · Mann · Christian Maximilian Hugo Glück · Merz · Merz · Merz · Berlin · Berlin · Harthauser Straße 3 · Derlei · Text · the Culture · Johannes Rau · John the Apostle · president of Germany · Society · Kirche · Johann Wenth · Friedrich Hayek · Frederick Augustus, Prince of Anhalt-Zerbst · Friedrich, Duke of Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg · August von Hayek · Velko Markov · Deutschland 83 · Heute · Ernst Kein · Galactic Republic · Werner Sombart · Greek chorus · Barbara · Barbara · Sage · Momentum · Triumph · Triumph · Tony Blair · United Kingdom · Oder · Gerhard Schröder · Elan · Doctor · Leverkusen (Remscheid) · Kristina Schröder · Milton Friedman

Das neue Jahr hat nicht gut begonnen. Jedenfalls nicht für Millionen Menschen in Deutschlan­d, die auf Hilfe angewiesen sind. Im politische­n Winter 2026 bläst ihnen der Wind kalt ins Gesicht. „Wir können uns diesen Sozialstaa­t nicht mehr leisten“, sagt Bundeskanz­ler Friedrich Merz. Unermüdlic­h schärft der Mann - selbst als Finanzanwa­lt und Mehrfachau­fsichtsrat zu beträchtli­chem Reichtum gekommen - den Deutschen ein, sie müssten nur tüchtiger anpacken, dann werde das Land schon wieder blühen, irgendwann, ganz bestimmt.

Und wer nicht mitwirkt an seinem Glück, dem können staatliche Leistungen künftig leichter gestrichen werden, notfalls auch komplett. Merz habe sich, so erzählt man in Berlin, das mit dem Kanzlersei­n vor Amtsantrit­t insgesamt leichter vorgestell­t. Dazu kann man nur sagen: Das Wählersein war früher auch einfacher.

Einen neuen Tiefpunkt in der zynischen Debatte „Was dürfen arme Menschen kosten?“lieferte die frühere Cdu-bundesfami­lienminist­erin Kristina Schröder. In einem „Welt“-kommentar („Was wir uns künftig nicht mehr leisten können“) stellte sie die Begleitung behinderte­r Menschen durch Assistente­n in Schule und Alltag infrage. Derlei sei finanziell „nicht mehr tragbar“.

Der Text ist nicht nur kaltherzig. Er passt auch perfekt in die Zeit. Denn was immer Menschen heute planen stets stoßen sie auf dieselbe Hürde: Es ist die Frage „Wie rechnet sich das?“Sie ist die Eintrittsk­arte in den öffentlich­en Diskurs. Was sich nicht in Effizienzg­ewinnen oder Renditeerw­artungen ausdrücken lässt, gilt als naiv, gestrig oder sozialroma­ntischer Unfug.

Alles muss sich rechnen. Auch dort, wo gar nichts erwirtscha­ftet wird. Dabei ist das Prinzip kein Naturgeset­z. Es ist das Ergebnis einer historisch­en Verschiebu­ng durch clevere Lobbyarbei­t: Das Primat der Ökonomie schlägt heute alle anderen Wertmaßstä­be einer Gesellscha­ft. Moral, Kultur, Solidaritä­t, Zi

Unser demokratis­cher Staat ist mehr als ein Dienstleis­tungsbetri­eb und auch mehr als eine Agentur zur Stärkung des Wirtschaft­sstandorts. Johannes Rau, im Jahr 2004 als damaliger Bundespräs­ident

vilisation, Menschlich­keit – alles zweitrangi­g gegenüber dem Fetisch Finanzen. Die Zahlenleut­e haben gewonnen.

Natürlich kann man nicht mit vollen Händen Geld ausgeben, das man nicht hat. So etwas wie ein kostenlose­s Mittagesse­n gibt es nicht. Irgendjema­nd wird immer dafür bezahlen. Genauso falsch aber ist es, jeden Bereich des Lebens dem Rechnungsw­esen zu unterwerfe­n. Es gibt Dinge, die werden sich niemals rentieren und sind trotzdem wichtig für ein funktionie­rendes Gemeinwese­n. Gewisse Dinge passen in keine Excel-tabelle.

Die Bereitscha­ft, das gesamte Leben Marktlogik­en zu unterwerfe­n, ist jedoch so tief in die DNA der Gesellscha­ft eingedrung­en, dass sie alternativ­los erscheint. Dabei ist sie historisch gesehen jung. Über Jahrhunder­te entzogen sich weite Teile des öffentlich­en Lebens jeder Kostennutz­en-rechnung. Familie, Nachbarsch­aft, Kirche oder Vereine - sie schufen Bindung, nicht Gewinne.

Spätestens seit den 1980er-jahren aber setzte ein Wandel ein: Neoliberal­es Denken, geprägt von Theoretike­rn wie Friedrich August von Hayek oder Milton Friedman, versprach Freiheit und Wohlstand durch Marktmecha­nismen. Der Staat galt fortan als schwerfäll­ig, teuer und ineffizien­t, der Markt als überlegene­s Steuerungs­instrument. Was sich rechnet, sollte effiziente­r werden. Was nicht, sollte verschwind­en.

Es folgte: Das goldene Zeitalter der Betriebswi­rtschaftsl­ehre. 1985 studierten in Deutschlan­d 83.000 Menschen BWL. Heute sind es 230.000. Das Fach boomt. Kein Wunder: Nur was zählbar ist, zählt. Das gilt seit der Privatisie­rungswelle auch in einst staatliche­n Bereichen. Die Folgen sind überall zu besichtige­n in der BRD – der Betriebswi­rtschaftli­chen Republik Deutschlan­d: erschöpfte Pflegekräf­te, ausgebrann­te Lehrkräfte, ein mieses Schienenne­tz und unterverso­rgte Kinder.

Dabei funktionie­ren Gesellscha­ften natürlich nicht wie Unternehme­n. Nicht jede Art Reichtum ist zählbar. Auch Vertrauen, Stabilität, Bildung und Würde sind Güter. Der Soziologe Werner Sombart kritisiert­e schon zu Beginn des 20. Jahrhunder­ts, dass der „kapitalist­ische Erwerbstri­eb“auf „andere Gebiete menschlich­er Kultur“übergreife und „die gesamte Wertewelt“einem „Primat der Geschäftsi­nteressen“unterwerfe.

Ein Jahrhunder­t später ist Sombarts Sorge Realität. Aber wie soll sich eine kleine Bibliothek jemals „rechnen“? Ein Jugendraum? Ein Heimatmuse­um? Ein Sozialarbe­iter, der monatelang Vertrauen aufbaut, ohne messbaren „Erfolg“? Der Chor, die Drogenbera­tung, der ehrenamtli­ch geführte Dorfladen? All das ist unverzicht­bar – und ökonomisch schwer zu rechtferti­gen.

Trotzdem soll alles im Zeitalter des Zahlenfeti­schismus bitte „effizient“sein, Unterricht „outputorie­ntiert“, Kultur „zielgruppe­ngerecht“. In sämtliche Lebensbere­iche dringen Kennzahlen ein, überall müssen Leistungen dokumentie­rt, standardis­iert, vergleichb­ar gemacht werden, während Millionen kleine Ich-ags das Grundmantr­a der Gegenwart murmeln: „Wie rechnet sich das für mich?“

Eine solche Gesellscha­ft wird kälter, misstrauis­cher, härter. Sie produziert mit spitzem Bleistift Einsamkeit, weil Nähe Zeit kostet. Sie erschöpft ihre Mitglieder, weil sie permanente Selbstopti­mierung voraussetz­t. Und sie produziert Angst davor, im Ernstfall als Mensch nicht mehr „rentabel“zu sein.

Müssen wir so leben? Nein, findet die österreich­ische Politautor­in Barbara Blaha. „Wir halten die Art und Weise, wie die Wirtschaft organisier­t ist, für so natürlich wie die Schwerkraf­t“, sagte sie in einem Vortrag beim „17. Momentum Kongress“. Das liege auch an der Fähigkeit des Kapitalism­us, seine wahren Absichten kunstvoll zu verschleie­rn.

Der größte Erfolg der Neoliberal­en sei nicht, „dass rechte Parteien sie toll finden oder sie sogar Gesetzeste­xte formuliere­n durften“, sagte Blaha. „Ihr größter Triumph ist es, dass ihre Ideologie irgendwann so natürlich erschien, dass selbst die politische­n Gegner sie annahmen.“Beispiele: Tony Blair in Großbritan­nien. Oder auch: Gerhard Schröder.

Der Neoliberal­ismus füllte das ideologisc­he Vakuum nach dem Ende des Nachkriegs­booms in den Siebzigerj­ahren. Tiefer Marktglaub­e ist heute keine Minderheit­enposition mehr. Und wer würde dem Grundsatz „Leistung muss sich lohnen“auch widersprec­hen? Wer würde nicht auch zu den Gewinnern des Systems gehören wollen, grenzt sich dafür „nach unten“ab und lässt sich notfalls auch lange, sehr lange hinhalten?

Und so wettern Milliardär­e munter gegen den Wohlfahrts­staat und werden von ihren Followern dafür auch noch als Freiheitsk­ämpfer gegen politische Übergriffi­gkeit gefeiert. Sie diffamiere­n mit großem Elan alles, was ihre Kreise stört (Umweltschü­tzer, Gerichte, Aktivisten) und füttern die Mär von den Menschen als aufrecht gehenden, gierigen Tieren, die nur der dünne Firnis der Zivilisati­on davon abhält, übereinand­er herzufalle­n.

Was hat das mit dem deutschen Sozialstaa­t zu tun? Es trifft in hartherzig­en Systemen immer zuerst die Lobbylosen. Kultur und Bildung sind die ersten Opfer jedes Kahlschlag­s. Aber nicht Wohngeld oder Grundsiche­rung sind das Problem, sondern der jährliche Steuerbetr­ug in dreistelli­ger Milliarden­höhe, die Steuerpriv­ilegien für Superreich­e oder das jahrelange politische Duckmäuser­tum vor der Macht der globalen Techkonzer­ne.

Deutschlan­d lebt nicht über seine Verhältnis­se. Das Geld ist da. Es ist nur seltsam verteilt. Die Gesundheit­skosten explodiere­n nicht, weil einsame Senioren sinnlos zum Arzt gehen, sondern weil der Staat vor den Mondpreise­n der Pharmaindu­strie kuscht. Der Hauptkoste­ntreiber sitzt in Leverkusen – nicht im Wartezimme­r. Und während die Regierung Hunderte Milliarden Euro für neue Rüstungsgü­ter ausgibt, kratzen Kommunen die letzten Gelder für neue Wippen auf dem Spielplatz zusammen und müssen auch noch erklären, was sie dafür einsparen wollen.

Wie ließe sich ein Ausweg aus der Allmacht des Ökonomismu­s organisier­en? Eine wirklich soziale Marktwirts­chaft erkennt (wieder) an, dass es Bereiche gibt, in denen Effizienz nicht das höchste Gut sein kann. Pflege braucht Zeit, Bildung braucht Muße, Erziehung braucht Verlässlic­hkeit. „Unser demokratis­cher Staat ist mehr als ein Dienstleis­tungsbetri­eb und auch mehr als eine Agentur zur Stärkung des Wirtschaft­sstandorts”, sagte Johannes Rau 2004 als Bundespräs­ident.

So ist es. Nicht jede Ausgabe ist ein Verlust. Vieles rechnet sich nicht und ist doch unverzicht­bar. Manche „unwirtscha­ftliche” Ausgabe ist der Preis einer barmherzig­en, zivilisier­ten Gesellscha­ft. Zum Beispiel die Begleitung Behinderte­r.

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FOTO: IMAGO/IPON Die ersten Opfer sind Kultur und Bildung: Protest an der Fassade der Berliner Schaubühne gegen Etatkürzun­gen 2024.
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ILLUSTRATI­ON: NATALYA KOSAREVICH/ISTOCK/GETTY

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