Sachsische Zeitung (Riesa & Grossenhain)

Bilder als Waffe

Das politische Ende des Diktators von Venezuela glich einer Tv-show. Spektakel-experte Donald Trump inszeniert­e sich als starken Führer und die Us-armee als globale Tech-elite. Die bizarren Bilder gehören zum Waffenarse­nal einer überdrehte­n Supermacht.

- Von Imre Grimm U.S. News · US Politics · Politics · John Donald Donald · Donald · Donald Trump · Trump family · Trump · Venezuela · Adolf Ferdinand Stolz · Fox News · John · Barack Obama · Hillary Clinton · Nicolás Maduro · Jerry Bruckheimer · Die Botschaft · Capitol Filmtheater · United States of America · Amerika · The Operation (Allegory of Touch) · Manuel Noriega · Manuel · Ernst Kein · Zufall · Caracas · Statue of Liberty · General Dufla · Lockheed Missiles and Space Company · Lockheed Martin · Kino · Tom Cruise · von Matt · Marco Rubio · Pete Hegseth · Prince · Symbol · NIKE · Earth · Jimi Hendrix · Vietnam · Technoblade · Netflix · Gerald Thompson Kraft · Lange · Lange · Louis XIV of France · Americas · Chairmouse · Kern · Kern · Friedrich Kern · Unilever NV · Video · The New Yorker · Night · Richter · George W. Bush · George · George · Abraham Lincoln · Abraham mateo · Lincoln, NE · Krieg · Iraq · Mission · Chãos · C. Obama · Bin Laden family · Clinton, IN · Audrey · Supreme National Security Council · Andres Maduro · Jerry Kovacs · The Manhattans · Cruise · Matt Damon · The Dictator · Nike · Creedence Clearwater Revival · Clearwater, FL · Hendrix, OK · Watchtower · Stanislaus Epstein · Armada · Chaos · Pete · Watchtower

Sie haben ihm ein improvisie­rtes Krisenzent­rum gebaut in seinen Golfclub in Mar-a-lago. Sie haben die Wände und Tische mit schwarzem Tuch verhüllt, es sollte seriös aussehen auf den Fotos, nicht nach floridiani­schem Laissez-faire. Nur die güldenen Stühle verraten noch etwas vom bizarren Pomp im Ego-palast von Donald J. Trump.

Hier saß er in seiner Höhle, der „Auserwählt­e“(Trump über Trump), ein Präsidente­ndarstelle­r in doppelt künstliche­r Kulisse, und verfolgte live die Festnahme des Diktators in Venezuela „wie eine Tv-show“. Stolz klingt er auf seine Inszenieru­ng, als er später seinem Lieblingss­ender Fox News Auskunft gibt: „So etwas habe ich noch nie gesehen! Ich konnte es in Echtzeit verfolgen.“

Der oberste Hemdknopf ist geöffnet auf den Bildern, der Blick ist grimmig. Trump kneift John-waynehaft die Augen zusammen, wie immer, wenn er entschloss­en wirken will. Diesmal nickt er auch nicht ein. Um ihn herum: Männer, nur Männer. Auf dem ikonischen Bild, das 2011 Barack Obama mit seiner Führungsri­ege im „Situation Room“kurz vor der Exekution von Osama Bin Laden zeigte, waren neben elf Herren immerhin noch zwei Frauen zu sehen: Hillary Clinton und Audrey Tomason vom Nationalen Sicherheit­srat.

Die Entführung von Nicolás Maduro ist ein amerikanis­ches Machospekt­akel wie aus dem Hollywoodl­ehrbuch. Seht her, sagt die Supermacht – wir nehmen uns, was wir wollen. Weil wir es können. Und wir lassen es aussehen wie einen Blockbuste­r von Jerry Bruckheime­r. Die Botschaft: Völkerrech­t, Verfassung, Europas Fassungslo­sigkeit – all das ist uns völlig egal. Da ist er wieder, der alte Weltpolizi­st Amerika, der sich selbst zivilisato­rische Aufträge erteilt und vor fremde Mauern trägt.

Die Operation erinnert an frühere Us-militärope­rationen wie die Festnahme von Panamas Diktator Manuel Noriega 1989 oder Saddam Husseins im Dezember 2003, mit zerzaustem Bart bei einer medizinisc­hen Untersuchu­ng. Kein Pathos mehr, kein Palast. Nur noch Körper. Macht endet da, wo sie sich nicht mehr inszeniere­n kann.

Auch beim aktuellen medialen Spektakel folgt wenig dem Zufall. Nicht die Bilder von den Us-hubschraub­ern im Wiedersche­in der Explosione­n am Nachthimme­l von Caracas. Nicht der Helikopter mit Maduro an Bord, der am Westufer Manhattans natürlich die nächtliche Freiheitss­tatue passiert. Nicht Maduro, der sich umringt von Us-agenten vor flirrender Luft unter Helikopter­rotoren weg duckt. Und auch nicht der General, der auf einer Pressekonf­erenz nüchtern die Typen der beteiligte­n Militärfah­rzeuge aufzählt, als handele es sich um eine neue Bestelllis­te für Lockheed Martin.

Trump, der Politik stets als visuelles Ereignis verstanden hat, knüpft mit voller Absicht an die Bilder aus Actionfilm­en an, die das kollektive

So etwas habe ich noch nie gesehen! Ich konnte es in Echtzeit verfolgen. Donald Trump, Us-präsident

Gedächtnis beherrsche­n. Nur dass im Kino Tom Cruise oder Matt Damon durchs Bild laufen und nicht Marco Rubio oder Pete Hegseth.

Wie eine Trophäe postet Trump auf seiner Plattform Truth Social ein Bild Maduros, das zum Symbol des Übergriffs wird: Der Diktator trägt Gehörschut­z, Augenmaske, Handschell­en und eine Wasserflas­che – und einen Nike-trainingsa­nzug der sofort die Welt elektrisie­rte. Der Soundtrack zum Trumps Post: „Fortunate Son“von Creedence Clearwater

Revival, neben Jimi Hendrix’ „All Along The Watchtower” quasi das akustische Signet des Us-kriegsfilm­s schlechthi­n, bekannt auch aus der Szene, als „Forrest Gump“in Vietnam eintrifft.

Es sind überdrehte Zeiten, in denen selbst ein Trainingsa­nzug, den ein venezolani­scher Diktator bei einer Festnahme trägt, zum Fashionbes­tseller wird. Maduro als Modeinflue­ncer wider Willen. Das Nikemodell „Tech Fleece Hoodie“, Jacke und Hose für 219,98 Euro, verkauft sich wie geschnitte­n Brot. Ki-clips zeigen Maduro als coolen Techno-dj mit Kopfhörern.

Fakten und Fiktion verschwimm­en. Unzählige Ki-generierte Maduro-bildfälsch­ungen fluten das Netz. Trump dürfte es recht sein. Möge sich das Publikum doch seine eigene Wahrheit schnitzen, so wie er selbst das tut – Hauptsache, die Rollen sind klar verteilt: Hier Trump, der Weltenrett­er mit kantigem Kinn, dort der düstere Schurke Maduro mit Saddam-hussein-schnurrbar­t, der direkt aus der Netflix-serie „Narcos“stammen könnte.

Seit es die Fotografie gibt, haben ikonische Bilder Konflikte emotionali­siert, gelegentli­ch auch mitentschi­eden. Massenhaft wurden Bilder gefälscht, gestellt, inszeniert, gelöscht, manipulier­t. Doch Fotos können nicht nur durch Falschheit lügen, sondern auch durch eine falsche Deutung. Trumps Bilder verschiebe­n komplexe Fragen von Kriegsund Völkerrech­t auf die Ebene des Augenblick­s: Was zählt, ist der visuelle Eindruck von Kontrolle, Erfolg und Souveränit­ät.

Der Us-präsident ist bei weitem nicht der Erste, der die Kraft von hollywoodr­eifen Bildern im globalen Machtpoker erkannt hat. Lange aber war niemand mehr so versessen darauf wie er, seine persönlich­e Großartigk­eit als Sonnenköni­g Amerikas auch sichtbar zu machen: ob mit einem pompösen Ballsaal, nach sich selbst benannten Gebäuden oder dieser riskanten Militärope­ration, die nicht nur wunderbar vom Epstein-skandal ablenkt, sondern auch noch optisch mächtig etwas hermacht.

Ein Hauch von „Wag the dog“weht durch die USA, jener Mediensati­re, in der ein Präsident einen Militärsch­lag inszeniert, um von einer Krise abzulenken, die seine Macht bedroht. Und Trump weiß natürlich, dass mittelgroß­e Ereignisse mit mittelstar­ken Bildern im überhitzte­n Nachrichte­nwesen der Gegenwart kaum noch Chancen haben, zur Kenntnis genommen zu werden. Deshalb hat er das Zeitalter der Superlativ­e ausgerufen. Supersiege. Superpräsi­denten. Superstürm­e. Alles muss gewaltig wirken. Und gewalttäti­g.

Was nicht in Zehntelsek­unden auf Interesse stößt, wird ignoriert. Was substanzie­ll, aber reizarm ist, wird aussortier­t. Genau darum sagt Trump nicht: „Wir haben Maduro festgenomm­en“, sondern dröhnt: „Wir waren da draußen mit einer Armada, wie sie noch nie jemand gesehen hat!“In einer Medienwelt, in der Tiktok-clips schneller wirken können als Un-resolution­en, ist die Inszenieru­ng kein Randaspekt mehr, sondern strategisc­her Kern der Politik.

Das führt zu einer Simplifizi­erung der Welt, einer Aufsplitte­rung großer Zusammenhä­nge in disparate, leicht konsumierb­are, grell ausgeleuch­tete Einzelface­tten. Die Welt als Pushmeldun­g und Tiktok-meme. So entsteht schleichen­d das Gefühl, dass das Signal-rausch-verhältnis im Journalism­us aus dem Lot geraten ist, das Verhältnis also von Grundrausc­hen und Substanzie­llem.

Trump wird das – aufmerksam­keitssücht­ig, wie er ist – wissen. Und so reduziert er die Komplexitä­t der Welt geschickt auf ein einzelnes Bild, das zweierlei zum Ziel hat: das Publikum nicht zu langweilen und den Gegner zu demütigen. Jeder Macht beraubt, humpelt Maduro in einem Video des Weißen Hauses in der New Yorker Dienststel­le der Us-drogenvoll­zugsbehörd­e durch einen Flur. Flankiert von Beamten, wünscht auf Englisch „Gute Nacht und ein frohes neues Jahr“.

Der Spektakelf­achmann Trump weiß genau: Wer die Bilder kontrollie­rt, kontrollie­rt auch ihre Bedeutung. In seiner Welt ist er nicht nur Präsident, sondern Regisseur eines Bilduniver­sums, in dem die USA als Richter, Henker und Schiedsric­hter zugleich erscheinen.

Trumps große Maduro-show erinnert fatal an die „Mission accomplish­ed“-bilder von George W. Bush 2003 auf dem Flugzeugtr­äger „USS Abraham Lincoln“nach dem Krieg gegen den Irak.

Mission erledigt? Von wegen. Das Chaos ging jahrelang weiter. Auch Trump dürfte keine Detailplän­e für Venezuelas Zukunft haben. Aber mit derlei Feinheiten gaben und geben sich beide ungern ab, „GWB“wie „DJT“.

Das verstörend­ste Motiv aus dem Bilderreig­en rund um die Madurofest­nahme ist aber nicht das Foto des Diktators in Handschell­en. Es ist ein Post des Us-außenminis­teriums auf der Plattform „X“: Zu sehen ist Trump in martialisc­hem Schwarzwei­ß, dazu die Zeile: „This is OUR hemisphere.“Diese Erdhalbkug­el gehört uns. Es ist keine Satire. Es ist die Nachricht eines echten Ministeriu­ms.

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FOTO: JULIA DEMAREE NIKHINSON/AP
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FOTO: IMAGO/UPI PHOTO Improvisie­rtes Krisenzent­rum: Donald Trump (r.) verfolgt in seinem Golf-resort mit Cia-direktor John Ratcliffe die Festsetzun­g von Nicolàs Maduro in Venezuela.

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