Sachsische Zeitung (Riesa & Grossenhain)
Bilder als Waffe
Das politische Ende des Diktators von Venezuela glich einer Tv-show. Spektakel-experte Donald Trump inszenierte sich als starken Führer und die Us-armee als globale Tech-elite. Die bizarren Bilder gehören zum Waffenarsenal einer überdrehten Supermacht.
Sie haben ihm ein improvisiertes Krisenzentrum gebaut in seinen Golfclub in Mar-a-lago. Sie haben die Wände und Tische mit schwarzem Tuch verhüllt, es sollte seriös aussehen auf den Fotos, nicht nach floridianischem Laissez-faire. Nur die güldenen Stühle verraten noch etwas vom bizarren Pomp im Ego-palast von Donald J. Trump.
Hier saß er in seiner Höhle, der „Auserwählte“(Trump über Trump), ein Präsidentendarsteller in doppelt künstlicher Kulisse, und verfolgte live die Festnahme des Diktators in Venezuela „wie eine Tv-show“. Stolz klingt er auf seine Inszenierung, als er später seinem Lieblingssender Fox News Auskunft gibt: „So etwas habe ich noch nie gesehen! Ich konnte es in Echtzeit verfolgen.“
Der oberste Hemdknopf ist geöffnet auf den Bildern, der Blick ist grimmig. Trump kneift John-waynehaft die Augen zusammen, wie immer, wenn er entschlossen wirken will. Diesmal nickt er auch nicht ein. Um ihn herum: Männer, nur Männer. Auf dem ikonischen Bild, das 2011 Barack Obama mit seiner Führungsriege im „Situation Room“kurz vor der Exekution von Osama Bin Laden zeigte, waren neben elf Herren immerhin noch zwei Frauen zu sehen: Hillary Clinton und Audrey Tomason vom Nationalen Sicherheitsrat.
Die Entführung von Nicolás Maduro ist ein amerikanisches Machospektakel wie aus dem Hollywoodlehrbuch. Seht her, sagt die Supermacht – wir nehmen uns, was wir wollen. Weil wir es können. Und wir lassen es aussehen wie einen Blockbuster von Jerry Bruckheimer. Die Botschaft: Völkerrecht, Verfassung, Europas Fassungslosigkeit – all das ist uns völlig egal. Da ist er wieder, der alte Weltpolizist Amerika, der sich selbst zivilisatorische Aufträge erteilt und vor fremde Mauern trägt.
Die Operation erinnert an frühere Us-militäroperationen wie die Festnahme von Panamas Diktator Manuel Noriega 1989 oder Saddam Husseins im Dezember 2003, mit zerzaustem Bart bei einer medizinischen Untersuchung. Kein Pathos mehr, kein Palast. Nur noch Körper. Macht endet da, wo sie sich nicht mehr inszenieren kann.
Auch beim aktuellen medialen Spektakel folgt wenig dem Zufall. Nicht die Bilder von den Us-hubschraubern im Wiederschein der Explosionen am Nachthimmel von Caracas. Nicht der Helikopter mit Maduro an Bord, der am Westufer Manhattans natürlich die nächtliche Freiheitsstatue passiert. Nicht Maduro, der sich umringt von Us-agenten vor flirrender Luft unter Helikopterrotoren weg duckt. Und auch nicht der General, der auf einer Pressekonferenz nüchtern die Typen der beteiligten Militärfahrzeuge aufzählt, als handele es sich um eine neue Bestellliste für Lockheed Martin.
Trump, der Politik stets als visuelles Ereignis verstanden hat, knüpft mit voller Absicht an die Bilder aus Actionfilmen an, die das kollektive
So etwas habe ich noch nie gesehen! Ich konnte es in Echtzeit verfolgen. Donald Trump, Us-präsident
Gedächtnis beherrschen. Nur dass im Kino Tom Cruise oder Matt Damon durchs Bild laufen und nicht Marco Rubio oder Pete Hegseth.
Wie eine Trophäe postet Trump auf seiner Plattform Truth Social ein Bild Maduros, das zum Symbol des Übergriffs wird: Der Diktator trägt Gehörschutz, Augenmaske, Handschellen und eine Wasserflasche – und einen Nike-trainingsanzug der sofort die Welt elektrisierte. Der Soundtrack zum Trumps Post: „Fortunate Son“von Creedence Clearwater
Revival, neben Jimi Hendrix’ „All Along The Watchtower” quasi das akustische Signet des Us-kriegsfilms schlechthin, bekannt auch aus der Szene, als „Forrest Gump“in Vietnam eintrifft.
Es sind überdrehte Zeiten, in denen selbst ein Trainingsanzug, den ein venezolanischer Diktator bei einer Festnahme trägt, zum Fashionbestseller wird. Maduro als Modeinfluencer wider Willen. Das Nikemodell „Tech Fleece Hoodie“, Jacke und Hose für 219,98 Euro, verkauft sich wie geschnitten Brot. Ki-clips zeigen Maduro als coolen Techno-dj mit Kopfhörern.
Fakten und Fiktion verschwimmen. Unzählige Ki-generierte Maduro-bildfälschungen fluten das Netz. Trump dürfte es recht sein. Möge sich das Publikum doch seine eigene Wahrheit schnitzen, so wie er selbst das tut – Hauptsache, die Rollen sind klar verteilt: Hier Trump, der Weltenretter mit kantigem Kinn, dort der düstere Schurke Maduro mit Saddam-hussein-schnurrbart, der direkt aus der Netflix-serie „Narcos“stammen könnte.
Seit es die Fotografie gibt, haben ikonische Bilder Konflikte emotionalisiert, gelegentlich auch mitentschieden. Massenhaft wurden Bilder gefälscht, gestellt, inszeniert, gelöscht, manipuliert. Doch Fotos können nicht nur durch Falschheit lügen, sondern auch durch eine falsche Deutung. Trumps Bilder verschieben komplexe Fragen von Kriegsund Völkerrecht auf die Ebene des Augenblicks: Was zählt, ist der visuelle Eindruck von Kontrolle, Erfolg und Souveränität.
Der Us-präsident ist bei weitem nicht der Erste, der die Kraft von hollywoodreifen Bildern im globalen Machtpoker erkannt hat. Lange aber war niemand mehr so versessen darauf wie er, seine persönliche Großartigkeit als Sonnenkönig Amerikas auch sichtbar zu machen: ob mit einem pompösen Ballsaal, nach sich selbst benannten Gebäuden oder dieser riskanten Militäroperation, die nicht nur wunderbar vom Epstein-skandal ablenkt, sondern auch noch optisch mächtig etwas hermacht.
Ein Hauch von „Wag the dog“weht durch die USA, jener Mediensatire, in der ein Präsident einen Militärschlag inszeniert, um von einer Krise abzulenken, die seine Macht bedroht. Und Trump weiß natürlich, dass mittelgroße Ereignisse mit mittelstarken Bildern im überhitzten Nachrichtenwesen der Gegenwart kaum noch Chancen haben, zur Kenntnis genommen zu werden. Deshalb hat er das Zeitalter der Superlative ausgerufen. Supersiege. Superpräsidenten. Superstürme. Alles muss gewaltig wirken. Und gewalttätig.
Was nicht in Zehntelsekunden auf Interesse stößt, wird ignoriert. Was substanziell, aber reizarm ist, wird aussortiert. Genau darum sagt Trump nicht: „Wir haben Maduro festgenommen“, sondern dröhnt: „Wir waren da draußen mit einer Armada, wie sie noch nie jemand gesehen hat!“In einer Medienwelt, in der Tiktok-clips schneller wirken können als Un-resolutionen, ist die Inszenierung kein Randaspekt mehr, sondern strategischer Kern der Politik.
Das führt zu einer Simplifizierung der Welt, einer Aufsplitterung großer Zusammenhänge in disparate, leicht konsumierbare, grell ausgeleuchtete Einzelfacetten. Die Welt als Pushmeldung und Tiktok-meme. So entsteht schleichend das Gefühl, dass das Signal-rausch-verhältnis im Journalismus aus dem Lot geraten ist, das Verhältnis also von Grundrauschen und Substanziellem.
Trump wird das – aufmerksamkeitssüchtig, wie er ist – wissen. Und so reduziert er die Komplexität der Welt geschickt auf ein einzelnes Bild, das zweierlei zum Ziel hat: das Publikum nicht zu langweilen und den Gegner zu demütigen. Jeder Macht beraubt, humpelt Maduro in einem Video des Weißen Hauses in der New Yorker Dienststelle der Us-drogenvollzugsbehörde durch einen Flur. Flankiert von Beamten, wünscht auf Englisch „Gute Nacht und ein frohes neues Jahr“.
Der Spektakelfachmann Trump weiß genau: Wer die Bilder kontrolliert, kontrolliert auch ihre Bedeutung. In seiner Welt ist er nicht nur Präsident, sondern Regisseur eines Bilduniversums, in dem die USA als Richter, Henker und Schiedsrichter zugleich erscheinen.
Trumps große Maduro-show erinnert fatal an die „Mission accomplished“-bilder von George W. Bush 2003 auf dem Flugzeugträger „USS Abraham Lincoln“nach dem Krieg gegen den Irak.
Mission erledigt? Von wegen. Das Chaos ging jahrelang weiter. Auch Trump dürfte keine Detailpläne für Venezuelas Zukunft haben. Aber mit derlei Feinheiten gaben und geben sich beide ungern ab, „GWB“wie „DJT“.
Das verstörendste Motiv aus dem Bilderreigen rund um die Madurofestnahme ist aber nicht das Foto des Diktators in Handschellen. Es ist ein Post des Us-außenministeriums auf der Plattform „X“: Zu sehen ist Trump in martialischem Schwarzweiß, dazu die Zeile: „This is OUR hemisphere.“Diese Erdhalbkugel gehört uns. Es ist keine Satire. Es ist die Nachricht eines echten Ministeriums.