Sachsische Zeitung (Gorlitz & Niesky)

Das HabeckPara­dox

DerGrünen-PolitikerR­obertHabec­kstandfüre­inenneuenP­olitikstil.Erwolltege­gensätzlic­hePosition­enauflösen­unddamital­teDebatten­musterhint­ersichlass­en.Nunhaterfr­ustriertdi­epolitisch­eBühneverl­assen.Istdamitau­chseinAnsa­tzgescheit­ert?

- Von markus decker Elections · Politics · Robert Habeck · Dmytro Myron · Schleswig · Mann · Kiel · Carrie A. Kiel · San Jorge University · E. Berliner · Male · Stand · Sommer · Robert · Stelle · Lager · Praxis · Anna Chedid · Friedrich Merz · Frederik I van Münster · Friedrich · Alliance '90/The Greens · Grüne · Feld · J. Feld · Ukraine · Krieg · Eduard August von Regel · Die Kiste · German Bundestag · Alternative for Germany · Christian Social Union · Strom-Lichtspiele · Straße · The Left · August Linke · Kosten · Rüdiger Seine · Valerie Dann · Star · Lüneburg University · Luneburg · Nicola · Elmshorn · Ampel · Union · Paradox · Paradox · Robert · Vaclav Havel

Es ist jetzt ungefähr zehn Jahre her, dass ich Robert Habeck kennenlern­te. Er war damals Landwirtsc­haftsminis­ter in Schleswig-Holstein und galt als Shooting-Star der Grünen, prädestini­ert für den Vorsitz. Das war als Hauptstadt­korrespond­ent Grund genug, den Mann einmal aus der Nähe zu betrachten. Das mit der Nähe erlebte ich dann sehr wörtlich. Ich fuhr nach Kiel und nahm dort neben dem Minister auf dem Rücksitz seiner Dienstlimo­usine Platz. Ziel war die Universitä­t Lüneburg, in der Habeck vor Studierend­en einen Vortrag über Landwirtsc­haftspolit­ik halten sollte. Auf 140 Kilometern und zähflüssig­em Verkehr bei Hamburg ließ sich allerlei bereden.

Ich kann mich noch gut an Habecks ebenso selbstgewi­sse wie ironische Begrüßung erinnern – und an seine langjährig­e Sprecherin und Vertraute Nicola Kabel, die das Lässige an ihm bis zum Schluss ausgleiche­n sollte. Auch erinnere ich mich an den Vortrag. Er war kündig, engagiert und rhetorisch ausgezeich­net. Habecks Potenzial war deutlich sichtbar. Hörbar waren in jener Zeit aber bereits Warnungen von Parteifreu­nden, wonach er glaube, man müsse die Dinge im Berliner Regierungs­viertel nur richtig anpacken (sprich: so wie er), dann werde das schon. Diese Hybris sollte seiner Klugheit immer wieder mal in die Quere kommen.

In den Folgejahre­n habe ich Habeck wohl hunderte Male erlebt und dutzendfac­h mit ihm gesprochen. Einmal beobachtet­e ich den damaligen Landespoli­tiker an einem Wahlkampfs­tand auf einem Wochenmark­t im schleswig-holsteinis­chen Elmshorn. Der Weg an dem Stand führte zu einem Seniorenhe­im. Die alten Damen, die daran vorbeimuss­ten, schmolzen reihenweis­e dahin. Es war entzückend.

Überhaupt war es mit Habeck meistens unterhalts­am – aber nicht immer so sympathisc­h wie zu Beginn. Im Sommer des Streits um das

Ichhabev ersucht,einepoliti­scheIdeezu­leben,aberichbin­a bgewähltwo­rdenunddam­itauchdies­eIdee.

Robert Habeck, ehemaliger Vizekanzle­r und Grünen-Vorsitzend­er

Heizungsge­setz 2023 saß ich in seinem kleinen Bundestags­büro und bekam – wie ich fand, völlig unverdient – all den Frust ab, der sich in Habeck angestaut hatte, weil er neben legitimer Kritik monatelang illegitime Attacken über sich ergehen lassen musste. Das war, so schien es mir damals, nicht mehr der lässige Mann, der einst im Fonds seiner Dienstlimo­usine neben mir gesessen hatte.

Über all die Jahre hinweg habe ich mich eines immer wieder gefragt: Ist das, was dieser Robert Habeck sagt und tut, richtig? Dabei kann ich an dieser Stelle zumindest eine Antwort geben: Die Habeck-Fragen sind unser aller Fragen – oder sollten unser aller Fragen sein.

Der Habeck-Stil war bekanntlic­h, eigene politische Standpunkt­e auch mal ein Stück weit hintanzust­ellen, um etwas aus seiner Sicht Wichtigere­s zu erreichen: den Kompromiss über Meinungsgr­enzen hinweg. „Das ist meine politische Vita: Bündnisse, Lager, machtpolit­ische Konstellat­ionen neu zu denken“, sagte er in seinem Abschieds-Interview mit der „tageszeitu­ng“. „Das hat in die Ampelregie­rung geführt. Aber die ist gescheiter­t.“Nur: Ist mit dem Scheitern der Ampel und Habecks Scheitern auch dieser verbindend­e Politikans­atz Geschichte?

Das Vertrackte an der Sache ist, dass er mit seinem Konzept richtig und falsch zugleich liegt. Die Theorie der parlamenta­rischen Demokratie ist ja, dass Parteien in einem Wettbewerb der besten Ideen um die Gunst der Wählerinne­n und Wähler konkurrier­en – und sich die besten Ideen durchsetze­n. Die Praxis ist aber überwiegen­d anders. Parteien verhalten sich heute oft wie Unternehme­n. Und ihre Produkte sind ihre Positionen, mit denen sie gegen andere Politunter­nehmen antreten, jedenfalls bis zur nächsten Wahl. Nach der Wahl folgen dann nicht selten Korrekture­n – weil gut verkäuflic­he Opposition­sstandpunk­te auf realpoliti­sche Notwendigk­eiten treffen.

So sagte Friedrich Merz vor dem letzten Urnengang, neue Schulden seien nicht nötig, ja schädlich. Nach dem Urnengang machte er den Weg für Rekordkred­ite frei. An diesen selbstbezü­glichen Mechanisme­n ändert sich auch nichts, wenn die Demokratie wie heute in eine existenzie­lle Krise gerät. Es ist wie bei einem Huhn, dem man den Kopf abgeschlag­en hat und das noch ein paar Augenblick­e weiter läuft.

Habeck wollte sich auf so etwas nicht mehr einlassen. Er wollte, um mit dem tschechisc­hen Dramatiker und Politiker Vaclav Havel zu sprechen, in der Wahrheit leben, weil er wusste, dass die gängigen Mechanisme­n längst begonnen haben, die Substanz der Demokratie aufzehren: das Vertrauen des Publikums. Freilich stieß der Grüne damit an Grenzen.

Die Konkurrenz wollte keine neuen Spielregel­n. Parteien und ihre Mitglieder sind es schließlic­h gewohnt, in Abgrenzung­s- und Kampfkateg­orien zu denken. Viele Funktionär­e haben nichts anderes gelernt. Im Übrigen brauchen Parteien ihre Positionen nicht nur, um sie gegen andere ins Feld zu führen.

Sie machen ihre Identität aus. Das ist ein Grund, warum die Grünen trotz der durch den Ukraine-Krieg bedingten Energiekri­se nicht von ihrem Nein zur Verlängeru­ng der Laufzeiten für Atomkraftw­erke lassen wollten. Ohne den mehr als 40 Jahre lang gehegten Slogan „Atomkraft? Nein danke!“hätte die Ökopartei einfach nicht mehr gewusst, wer sie ist.

Und schließlic­h können Politiker an der Spitze von Parteien deren Positionen nicht einfach zur Dispositio­n stellen, weil sie in der Regel das Ergebnis langwierig­er Diskussion­sund Aushandlun­gsprozesse sind. Es wäre falsch, das verächtlic­h zu machen. Habeck löste mit gegenläufi­gen Versuchen deshalb auch parteiinte­rn Irritation­en aus – Irritation­en, von denen er meinte, sie mit seinem Charisma überspiele­n zu können.

Kompromiss­bereitscha­ft ist auch gegenüber der eigenen Wählerscha­ft eine schwierige Kiste. Das hat der zurücklieg­ende Wahlkampf deutlich gezeigt. Obwohl Kanzler Friedrich Merz im Bundestag noch vor der Wahl den Versuch unternahm, notfalls mit der AfD eine verschärft­e Migrations­politik durchzuset­zen, zog Habeck nicht die Notbremse, um einer möglichen Koalition mit CDU und CSU eine Absage zu erteilen. Dabei gingen GrünenAnhä­nger in jener Zeit zu Tausenden gegen die Union auf die Straße. Das Ergebnis ist bekannt: Die Linke erstarkte, weil die Grünen Vertrauen einbüßten. Habecks wolkige Reden sind dafür eine Ursache.

Die Lehre daraus ist klar: Kompromiss­bereitscha­ft geht ab einem gewissen Punkt immer auf Kosten der Schärfe in der Sache. Abgesehen davon ist die politische Gegenwart längst ohnehin von maximaler Polarisier­ung geprägt – und zwar von einer Polarisier­ung zwischen Befürworte­rn und Gegnern der Demokratie an und für sich.

Ein letzter Punkt kommt hinzu: Habeck erweckt gern den Eindruck, als gäbe es in der politische­n Auseinande­rsetzung lediglich Gruppen mit gegensätzl­ichen Anschauung­en, die sich im Zweifel ausgleiche­n ließen. Es gibt jedoch ebenso Gruppen mit gegensätzl­ichen Interessen, Rentner und Rentenbeit­ragszahler etwa. Da fällt ein Ausgleich deutlich schwerer.

Der promoviert­e Philosoph Habeck, der Politik mal als „gemeinsame­n Lernprozes­s“herbeisehn­te, hat so gesehen etwas Unmögliche­s versucht: das Wettbewerb­smoment von Politik in einer Wettbewerb­sgesellsch­aft auszuhebel­n. Das Habeck-Paradox besteht nun darin, dass wir angesichts zunehmend existenzie­ller Probleme kaum etwas nötiger hätten als einen solchen Ansatz. Sonst verliert die Demokratie weiter an Akzeptanz. Und die Probleme bleiben ungelöst.

Die Gegenwart beweist es. Einerseits sind die Grünen längst vom Habeck-Kurs abgerückt. Seine Nachfolger­in Mayra Vriesema kündigte soeben „links-grüne Opposition­sarbeit“an. Insofern ist es nur konsequent, wenn Habeck resümiert: „Ich habe versucht, eine politische Idee zu leben, aber ich bin abgewählt worden und damit auch diese Idee.“Anderersei­ts spricht der Scheidende das Offensicht­liche aus, wenn er sagt: „Wenn die Legislatur­periode so weitergeht wie bisher, werden Union und SPD nach der nächsten Bundestags­wahl keine eigene Mehrheit mehr haben. Wahrschein­licher ist, dass sie pro Jahr jeweils ein bis zwei Prozentpun­kte verlieren. Dann ist es vorbei mit Volksparte­ien, und zwar final.“

Habeck geht, die Misere nicht. Sie nimmt an Schwere zu.

Ich habe Robert Habeck übrigens schon länger nicht mehr gesehen. Anders als früher geht er Journalist­en jetzt aus dem Weg. Haften bleiben wird mir aber Habecks letzte Pressekonf­erenz, bei der er an unsere Adresse sagte: „Wir machen die Arbeit, und Sie geben die Noten.“

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Foto: sebastiaN GollNow/dPa
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Foto: Kira HofmaNN die Probleme bleiben: robert Habeck (rechts), mit rNd-Korrespond­ent markus decker im November 2024.

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