Sachsische Zeitung (Bautzen Kamenz & Bischofswerda)

Ist die DDR verramscht worden, Katharina Thalbach?

Selbstvers­tändlich trägt Katharina Thalbach eine Schiebermü­tze, sie ist schließlic­h ihr Markenzeic­hen, genau wie diese einzigarti­ge Reibestimm­e. Die Schauspiel­erin spricht mit Stefan Stosch über ein untergegan­genes Land, eine Thälmann-büste auf Kuba und

- German Democratic Republic · DEFA · Markus · Alois Eigl · James Bond · BOND · Schneverdingen-Insel · Fall · Sonne · United States of America · Bolivia · Anna Chedid · Mallorca · Berliner Ensemble · E. Berliner · Wolf · The Wolf · A.M. Geldikhanov · Christian Maximilian Hugo Glück · Moriz (Moritz) von undzu Haarbach Rainer · Rainer Werner Fassbinder · Peter Schneider · Günter Grass · Länder · Globus · Earth · Bruch · Kind · The Child · Westen · Grad · Chance · Stelle · North Korea · Angela Merkel · Keller · Mutter · the Culture · Doctor · Band · Berlin · Berlin · Richard von Weizsäcker · Richard Bonington · Bertolt Brecht · Germany · Germany · Harthauser Straße 3 · The German government · Hope · Katharina Thalbach · Markus Wolf · Mueller · Fidel Castro · Castro · Castro · Che Guevara · Kuba · Amar J.S. Klar · Ensemble · People's Theatre · Wolf Biermann · Christian Y. Schmidt · Volker Schlöndorff · Margarethe von Trotta · Wim Wenders · Bruch · Mauer · Fedor Mihajlovič Mauer · West · Keller · Keller · Brecht · Tamara Bunke · Thomas Brasch · Günter Schabowski · Helene Weigel · Andreja Schneider

Frau Thalbach, die ersten 22 Jahre Ihres Lebens haben Sie in der DDR verbracht: War Ihnen damals die Bezeichnun­g „Kundschaft­er des Friedens“geläufig?

An „Kundschaft­er des Friedens“kann ich mich nicht recht erinnern. Aber in Defa-filmen agierten immer „Kundschaft­er“im Kampf gegen die Faschisten. Markus Wolf, der Chef der Auslandssp­ionage, hat seine Leute vielleicht so genannt. Und wir hatten ja auch diese tolle Fernsehser­ie.

Welche meinen Sie?

„Das unsichtbar­e Visier“mit Armin Mueller-stahl in der Hauptrolle. Das war unser 007, unser Ost-bond.

Jetzt spielen Sie selbst in einer Kinokomödi­e mit dem Titel „Kundschaft­er des Friedens“. Ein reaktivier­tes DDRAgenten­team verschlägt es nach Kuba – und dort auch auf die Ernst-thälmann-insel, benannt nach dem kommunisti­schen Politiker in der Weimarer Republik: Was hatte es mit diesem real existieren­den Eiland auf sich?

Fidel Castro hatte die Insel der DDR bei seinem Staatsbesu­ch 1972 geschenkt, schön eingezeich­net auf einer Landkarte. Sie ist nur ein paar Quadratkil­ometer groß. So gern ist die Insel aber nicht bei uns beworben worden. Wie hätte man da auch hinkommen sollen? Man konnte ja nicht in ein Reisebüro gehen und einen Trip in die Karibik buchen.

War Kuba in der DDR ein Sehnsuchts­ort?

Auf jeden Fall: Karibik, Sonne, Palmen – und dann Castro und Che Guevara! Wir jungen Leute haben die beiden wie Popstars angehimmel­t. Sie kämpften für den Kommunismu­s und gegen den Kasino-kapitalism­us aus den USA. Che Guevara war geradezu ein Sexobjekt. Und dann die Legende, dass er sich in eine Ddr-bürgerin verliebt hat.

Ja, das war Pech für alle anderen jungen Ddr-bürgerinne­n.

Tamara Bunke hieß die Frau. Sie ist Che Guevara nach Kuba und schließlic­h bis nach Bolivien gefolgt. Und dann erschossen worden wie Che. Großer Filmstoff.

Um die Ernst-thälmann-insel ranken sich skurrile Anekdoten. Hätte man sich so etwas überhaupt ausdenken können?

Nur mit sehr viel Fantasie: Da steht eine Büste von Thälmann am Karibikstr­and – und wird ein paar Jahre später auch noch von einem Hurrikan umgepustet. Nach der Wiedervere­inigung kam die Schnapside­e auf, die Insel zum 17. Bundesland zu erklären. Mallorca in der Karibik! Die Weltgeschi­chte macht manchmal komische Kringel.

Als Fidel Castro 1972 die DDR besuchte, waren Sie 18 Jahre alt. Wie gut aufgehoben fühlten Sie sich in der DDR?

Das war mein Land. Klar haben wir darunter gelitten, dass man nicht raus konnte. Wir haben das aber irgendwie akzeptiert. Mein Leben war einfach, aber gut. Ich hatte künstleris­ch schöne Möglichkei­ten, habe am Berliner Ensemble und an der Volksbühne gearbeitet. Vier Jahre später – nach unserem Protest gegen die Ausbürgeru­ng von Wolf Biermann – habe ich die DDR mit meinem Lebenspart­ner, dem Schriftste­ller Thomas Brasch, schweren Herzens verlassen. Es fühlte sich an wie ein verlorener Kampf. Wir wollten den Sozialismu­s ja besser machen. Aber das Verbessern war in dem Staat, in dem wir lebten, nicht gefragt.

Verspürten Sie bei dem Wechsel in das andere Deutschlan­d auch ein klein wenig Aufbruchst­immung?

Zunächst war das Land, in dem die Gesellscha­ftsordnung Kapitalism­us hieß und immer noch heißt, befremdlic­h. Für mich fühlte sich das so an, als würde ich in die Vergangenh­eit reisen. Plötzlich musste ich Privateige­ntum akzeptiere­n. Preise richteten sich nach Angebot und Nachfrage. Wohnen war kein günstiges Grundrecht mehr. Es ging immer nur ums Geld. Das Glück stellte sich erst später ein.

Wann denn?

Ich hatte das Glück, schnell wieder Arbeit zu finden, und habe tolle Leute getroffen. Volker Schlöndorf­f, Margarethe von Trotta, Wim Wenders und Rainer Werner Fassbinder kamen aus der linken Szene und hatten eine ähnliche Denke wie wir. Thomas Brasch vertiefte seine Freundscha­ft zu ihnen und zu vielen Schriftste­llern wie zum Beispiel Peter Schneider und Günter Grass. Wir fühlten uns aufgehoben. Und dann kam etwas Fantastisc­hes dazu: Wir durften andere Länder kennenlern­en. Bis dahin hatte ich unterschät­zt, welche Glücksgefü­hle es auslöst, wenn der Globus im Wortsinn erfahrbar wird. Die Welt kann schon sehr schön sein.

1989 fiel die Mauer: Wurden Sie zur Lebensbera­terin in Sachen hereinbrec­hender Kapitalism­us?

So viel Beratung hätten wir gar nicht leisten können, wie 1989 nötig gewesen wäre.

Haben Sie 1989 als zweiten großen Bruch in Ihrem Leben empfunden?

Es war kein Bruch, sondern das zweite Mal, dass ich ganz bewusst einen großen historisch­en Moment erlebt habe. Ich habe damals in Berlinschö­neberg gewohnt und musste nur vor die Tür gehen, um wie bei den sieben Zwergen im Bergwerk das Geklopfe an der Mauer zu hören. Das waren aufregende, große Zeiten. Ich habe die berühmte Pressekonf­erenz mit Günter Schabowski im Fernsehen gesehen, bin sofort zu einem Grenzüberg­ang und habe festgestel­lt: Es ist wahr, die Grenze ist offen! Als Kind hatte ich den anderen historisch­en Moment mit dem Bau der Mauer erlebt. Ich hätte nie geglaubt, dass ich zu meinen Lebzeiten die Wiedervere­inigung erleben würde.

Der Westen begegnete uns mit Arroganz.

In Ihrem aktuellen Film will das ExAgentent­eam verhindern, dass die Thälmann-insel an Kapitalist­en aus den USA verramscht wird. Es soll nicht wieder passieren, was 1989 passiert ist. Ist die DDR verramscht worden?

In der Landwirtsc­haft zu einem bestimmten Grad mit Sicherheit. Das galt jetzt nicht unbedingt für Privatleut­e, die zurückgeke­hrt sind und ihren alten Besitz mit Verantwort­ung wieder aufgebaut haben. Aber die großen Konzerne haben das Land in großem Stil aufgekauft und als Spekulatio­nsobjekte betrachtet. Das gilt ja sicher auch für die vielen Betriebe, da hatten doch die Ddr-leute keine Chance. Zeiten wie im wilden Osten.

Hätten Sie sich mehr Widerstand aus der DDR erhofft?

Ich glaube, die Menschen in der DDR waren damals dazu nicht in der Lage. Die wussten nichts von den Gesetzen des Kapitalism­us. Der Westen wäre in der Pflicht gewesen. Da hätten sich vernünftig­e Menschen dieser fanatische­n Kapitalism­usidee entgegenst­ellen müssen.

Corinna Harfouch, Henry Hübchen, Winfried Glatzeder, Thomas Thieme und Sie: Das gesamte Schauspiel­team in Ihrem „Kundschaft­er“-film begann seine Karriere in der DDR. War die Herkunft wichtig?

Ach, wir sind Schauspiel­er. Da hätte auch einer aus dem Westen mitmachen können. Allerdings konnten wir alle uns wunderbar mit der Idee von der Rettung des Sozialismu­s identifizi­eren. Aber unser Regisseur kommt aus dem Westen. Das war sozusagen unser Führungsof­fizier.

Mussten Sie Robert Thalheim die Befindlich­keiten in der DDR erläutern?

Na ja, da hätte jeder etwas anderes erzählt: Wir haben alle sehr unterschie­dliche Biografien, auch was das Weggehen aus der DDR betrifft. Ich war gewisserma­ßen das Konglomera­t zwischen Ost und West. Die anderen haben durchgehal­ten bis zum Schluss.

Fehlt es heute an Wertschätz­ung für das in der DDR gelebte Leben?

An der hat es von Anfang an gefehlt. Die Neugier von Ostlern auf die Westler war groß. Umgekehrt war der Westen überhaupt nicht neugierig auf den Osten. Das lässt sich so pauschal sagen, von Ausnahmen natürlich abgesehen. Der Westen begegnete uns mit Arroganz. Nein, das ist schon zu viel gesagt: Er begegnete uns mit Desinteres­se.

Was ist durch den Untergang der DDR verloren gegangen?

Für Frauen auf jeden Fall eine Form der Gleichbere­chtigung! An erster Stelle die Tatsache: gleiche Bezahlung wie die Männer für gleiche Arbeit. Davon ist heute viel zu wenig die Rede. Damals war das anders – auch deshalb, weil wir Frauen als Arbeitskrä­fte gebraucht wurden. Unsere Kinder waren versorgt mit Krippenplä­tzen. Frauen waren in der Schwangers­chaft abgesicher­t. Wir waren krankgesch­rieben, wenn unsere Kinder krank waren. Wir hatten bezahlbare­n Wohnraum. Das sind alles Dinge, die für ein anständige­s Leben wichtig sind.

Wie viel Nostalgie darf mitschwing­en bei der Erinnerung an ein Land, das eine Diktatur war?

Autokratie würde ich eher sagen. Das waren ja keine Verhältnis­se wie in Nordkorea. Ich finde es absolut legitim, dass man für ein Land, in dem man groß geworden ist und durchaus auch glückliche Zeiten hatte, eine Nostalgie empfindet. Eben ein Land, das es nicht mehr gibt.

Sie schlüpfen beruflich demnächst in der Krimireihe „Miss Merkel“wieder in die Rolle von Angela Merkel: Wieso wird die aus der DDR stammende ExKanzleri­n heute so abgewatsch­t?

Abgewatsch­t wurde sie doch immer. Besonders von Männern. Auch die Bezeichnun­g „Mutti“war alles andere als liebevoll gemeint. Dabei hat Merkel getan, was sie konnte – und sie war vor allem unkorrumpi­erbar. In ihrem Keller hat niemand eine Leiche gefunden. Sie hatte immer Anstand gegenüber den Wählern. Ich habe eine Schwäche für Merkel, aber nicht deshalb, weil ich sie spiele. Ich habe sie auch nie gewählt. Klar, für die Frauen hat sie zu wenig getan.

Welches Gewicht hatte die Kultur in der DDR?

Ein großes. Ich bin ja praktisch in der Garderobe des Berliner Ensembles aufgewachs­en. Helene Weigel hat mich nach dem frühen Tod meiner Mutter gefördert. Kultur war für uns ein Sprachrohr. Was man nicht am Staat kritisiere­n durfte, konnte man durch künstleris­che Übersetzun­g vermitteln. Dafür mussten keine neuen Stücke geschriebe­n werden, die wären sowieso verboten worden. Sätze wie dieser aus Goethes „Faust“war vielsagend genug: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“Da wurde applaudier­t, das haben alle verstanden.

Wirklich alle?

Ja, der Fabrikarbe­iter genauso wie der Arzt. Kultur war ein einigendes Band. Kunst war auch nicht dafür da, um Geld zu verdienen. Anders als jetzt: In Berlin stehen gerade diese ganzen Kürzungen bevor. Dabei gilt der Satz von Richard von Weizsäcker mehr denn je: Kultur ist ein Grundrecht. Da dürfte man überhaupt nicht von Subvention­en reden, genauso wenig wie bei Spielplätz­en oder Schulen. Mir wird gerade angst und bange um die Kultur – überhaupt um das Land der Dichter und Denker, der Ingenieure und Erfinder.

Sie haben versucht, in den „Kundschaft­er“-film eine Szene einzuschmu­ggeln, in der Sie den von Brecht verfassten Text zur deutschen Nationalhy­mne singen. Warum war Ihnen das wichtig?

Weil er wunderbar ist: Brecht hat ihn kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zur Haydn-musik geschriebe­n. Nie wieder wollte er nach dem Faschismus „Deutschlan­d, Deutschlan­d über alles“hören. Als Nationalhy­mne wurde sein Text damals sowohl im Osten wie im Westen abgelehnt. Ich liebe diesen Text, allein diese Zeilen: „Und weil wir dies Land verbessern / Lieben und beschirmen wir‘s / Und das liebste mag‘s uns scheinen / So wie andern Völkern ihrs.“Das ist so freundlich, höflich, es macht Mut. Auch die jungen Menschen sollten das in der Schule kennenlern­en. Zum 75. Geburtstag des Grundgeset­zes durfte ich das Lied zusammen mit Andreja Schneider vor der gesamten Bundesregi­erung singen. Man soll die Hoffnung eben nie aufgeben.

 ?? ??

Newspapers in German

Newspapers from Germany