Sachsische Zeitung (Riesa & Grossenhain)
Europa rüstet gegen russische Drohnen auf
Illegale Flugobjekte dringen immer häufiger in den europäischen Luftraum ein – nun reagiert Brüssel. Ein großes Abwehrprogramm soll ab Ende 2026 einsatzbereit sein.
Plötzlich geht es in Europa ganz schnell: Nur einen Monat nachdem russische Drohnen in den polnischen Luftraum eingedrungen waren und weitere in mehreren Eu-staaten Alarm ausgelöst hatten, präsentierte die Eu-kommission am Donnerstag ihren Plan für ein gigantisches Drohnenabwehrprogramm. Ziel ist es, massenhaft eingesetzte, kostengünstige Drohnen abzuwehren, wie sie bei einem möglichen Großangriff aus Russland zu erwarten wären.
Ist der Drohnenwall damit vom Tisch?
Der sogenannte Drohnenwall, den Eu-kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer Rede zur Lage der Union im vergangenen Monat angekündigt hatte, bekommt einen neuen Namen: Europäische Drohnenverteidigungs-initiative. Zu groß waren die Irritationen in der Bevölkerung, die EU wolle eine Art Mauer an der Ostflanke errichten. Auch in der Nato war man unzufrieden, denn Drohnen müssen nicht zwangsläufig aus Russland über die Ostgrenze ins Nato-territorium fliegen, sie können überall starten.
Wie lange dauert der Aufbau des Drohnenschutzes?
Die Eu-kommission drängt darauf, dass die Staats- und Regierungschefs das Vorhaben noch vor Weihnachten absegnen. Spätestens im Frühjahr sollen die Mitgliedstaaten dann Aufträge für Drohnen, Radare und Kontrollsysteme vergeben. Erste Teile des Systems könnten bis Ende 2026 einsatzbereit sein, das Gesamtsystem bis Ende 2027. Schon jetzt ist klar: Europas Anti-drohnenabwehr muss kontinuierlich weiterentwickelt werden. „Was wir aus der Ukraine gelernt haben, ist, dass sich die Anpassungsschleife von Jahren auf Wochen bis hin zu Tagen verkürzt hat. Man muss die Dinge täglich neu erfinden“, betonte ein Nato-beamter.
Wie groß ist die Bedrohung durch Russland?
Dass im September knapp 20 russische Drohnen tief in den polnischen Luftraum eindringen konnten, zeigte, wie blank die Nato bei der Drohnenabwehr dasteht. Die Sorge ist groß, dass Russland künftig in noch größerem Maßstab angreifen könnte. „Die Zahl der Drohnen, die Russßend
Wir brauchen mehr als teure Raketen, um die billigen Drohnen auszuschalten. Mark Rutte, Nato-generalsekretär
land produziert, liegt heute bei 50.000 oder 60.000 pro Jahr. Die Russen produzieren Drohnen wie Autos“, so ein Nato-beamter. Das Problem: Mit Kampfjets Drohnen abzuschießen ist teuer, ineffizient und zeitaufwendig. Eine Abfangrakete kostet zehn- bis zwanzigmal so viel wie eine Drohne.
Welche Lösungen gibt es?
Die Eu-kommission will alle erdenklichen Anti-drohnenmittel unterstützen, von Abfangdrohnen und günstigen Raketen bis hin zu Störsendern und speziellen Maschinengewehren. „Die meisten dieser Fähigkeiten können von europäischen Herstellern geliefert werden“, so ein Kommissionsbeamter. Die Nato testet in der kommenden Woche drei verschiedene Antidrohnen-systeme auf Übungsplätzen in Polen und im Baltikum. Also genau dort, wo sie auch eines Tages im Einsatz sein könnten. Anschlie
sollen die Verbündeten die Ergebnisse, Kaufempfehlungen und bereits ausgehandelte Rahmenverträge bekommen. Es handelt sich bei den Drohnensystemen in der engeren Auswahl um sogenannte „Hit-to-kill“-systeme – also günstige Anti-drohnen-drohnen. Alternativ kämen zur Drohnenabwehr zwar Störsender in Betracht, die die Funkverbindung zwischen Drohne und Pilot unterbrechen und die Drohne so zum Absturz bringen. Doch diese Systeme können leicht ausgehebelt werden, heißt es bei der Nato.
Was genau soll die Drohneninitiative schützen?
„Wir geben der Grenze und militärischen Objekten Priorität“, erklärte ein Nato-beamter. Flughäfen sollen sie dagegen nicht absichern. Denn die Kleinstdrohnen, die in letzter Zeit in Flughafennähe gesichtet wurden, stammten nach Einschätzung des Bündnisses meist aus dem Hobbybereich. „Diese Drohnen sind zwar eine Bedrohung für den zivilen Flugverkehr, aber es sind keine Waffen.“Für solche Geräte gebe es bereits erprobte Lösungen, die erste Flughäfen schon eingeführt hätten. Die Eu-kommission will aber, dass die Drohnen auch für den Grenzschutz, gegen illegale Migration und Schlepper und grenzüberschreitende Kriminalität eingesetzt werden können.
Ist ein vollständiger Drohnenschutz bezahlbar?
Innerhalb der Nato hat man ausgerechnet: Für einen effektiven Schutz von 100 Kilometern Grenze müsste man vier Abwehrzellen aufbauen, jeweils ausgestattet mit Drohnen (rund 20.000 bis 40.000 Euro) und einem Radarsystem (1 bis 2 Millionen Euro). Ein lückenloser Schutz der Grenzen von Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen zu Russland – insgesamt etwa 3500 Kilometer – wäre damit grundsätzlich finanzierbar, sagen Nato-planer. Ziel sei ein System, das massenhaft produzierte Drohnen mit geringen Kosten abwehren kann. Sollte es zu einem großangelegten Drohnenkrieg kommen, soll Europa den günstigen Kampfdrohnen etwas entgegensetzen können. „Wir brauchen mehr als teure Raketen, um die billigen Drohnen auszuschalten“, sagte Nato-chef Mark Rutte. „Wir brauchen Mittel, die weniger kostspielig sind.“