Augsburger Allgemeine (Ausgabe Stadt)
Der Radprofi mit der Bierruhe
Nach dem Zusammenschluss der Rennteams Intermarché-wanty und Lotto gibt es den Arbeitgeber von Georg Zimmermann nicht mehr. Wie der 28-Jährige auf den Vorgang reagiert.
Als während der Tour de France erstmals Gerüchte auftauchten, dass die beiden belgischen Rennteams Intermarche-wanty und Lotto fusionieren wollen, da wurde natürlich auch Georg Zimmermann etwas nervös. Der Augsburger Radprofi steht seit fünf Jahren im Dienste von Intermarché-wanty. Doch früh wurden die Fahrer per Mail informiert und relativ schnell war dann auch klar: Georg Zimmermann wird auch in der kommenden Saison für den neuen Rennstall, der dann Lotto-intermarché heißen soll, fahren.
Deshalb verfolgt der Augsburger auch in diesen November-tagen mit seiner ihm eigenen Bierruhe die ganzen Meldungen, die rund um den Zusammenschluss verbreitet werden. Denn in der Branche ist die Zusammenlegung, der Zweitdivisionär Lotto übernimmt die Worldtour-lizenz des finanziell angeschlagenen Intermarchéwanty-rennteams, ein großes Thema.
Vor allem, weil plötzlich viele Radprofis auf dem Markt sind. Rund 40 Fahrer standen bei beiden Teams unter Vertrag, nur 30 dürfen aber lizenziert werden. „Das ist die schwierigste Komponente“, sagt Zimmermann. Ihm und seiner Berateragentur Corso in Köln wurde ja schnell signalisiert, dass er bleiben würde. Zudem war Zimmermann auch zur ersten Teambuilding-maßnahme Mitte Oktober in Belgien eingeladen. „Mein Vertrag läuft bis 2026. Mein Wissensstand ist, dass ich nichts Neues unterzeichnen muss, sondern dass alles übernommen wird“, sagt Zimmermann. Seine Zukunft ist also geklärt. Die vieler seiner Kollegen noch nicht. Auch, weil sich der neue Rennstall alle personellen Optionen offen halten will und dabei auch mit harten Bandagen kämpft. Nach den Regularien des Radsportweltverbandes UCI sind die Fahrer des Rennstalls, der sich auflöst, also Intermarché-wanty, vertragslos, doch nach belgischem Arbeitsrecht anscheinend nicht. Und das hat Vorrang.
Und so beginnt jetzt ein knallhartes Schachern auf dem Transfermarkt. Die nicht übernommenen
Helfer hoffen dabei, dass Intermarché bei einer Neuanstellung vielleicht ein Teil ihres Gehaltes übernimmt, um so leichter eine neue Stelle zu finden. Bei Spitzenfahrer und Sprintspezialist Biniam Girmay, mehrfacher Etappengewinner bei der Tour de France und dem Giro, ist die Sachlage anders. Er wird das neue Team wohl verlassen, doch Intermarché pokert um eine möglichst hohe Ablösesumme. „Das ist das große fragliche Puzzleteil in der Personalplanung“, sagt Zimmermann.
Er selbst gehört zu keiner der beiden Gruppen. Der deutsche Meister ist ein Edelhelfer, der selbst Spitzenplätze herausfahren kann, aber vor allem die Spitzenfahrer unterstützen soll. So jemand
lässt man nicht gehen. Seine Rolle im zukünftigen Team ist wohl auch schon definiert. Er soll den 24-jährigen belgischen Podestfahrer Lennert Van Eetvelt unterstützen, so wie bisher den Südafrikaner Louis Meintjes, der seine Karriere beendet hat. „Lennert hat ein Riesenpotenzial, er hat das Talent zu gewinnen, aber auch Formschwankungen“, sagt Zimmermann. „Ich werde viel nach dem Lennert schauen, ihn unterstützen, wie ich es bei Louis gemacht habe.“
Ansonsten freut er sich auf seinen neuen Arbeitgeber, auf neuen Input. „Frischer Wind ist immer gut, in der Trainingsplanung, oder auch in Bezug auf die Ernährung“, gibt sich Zimmermann aufgeschlossen für Neues. Darum sieht er den Ausrüsterwechsel nicht nur negativ. Der Vertrag mit dem bayerischen Radhersteller Cube aus Waldershof im Fichtelgebirge läuft am Jahresende aus. Neuer Ausrüster soll wohl der spanische Radhersteller Orbea werden. „Für mich ist das eher eine emotionale Sache als Hardfacts. Ich bin bei Cube immer hervorragend betreut worden, hatte einfach einen guten Draht dorthin. So wurde mein Rad nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft super speziallackiert“, sagt Zimmermann.
Bei der Qualität der neuen Räder sieht Zimmermann keine großen Unterschiede. „Es geht darum, dass die Räder individuell an mich angepasst werden. Dass man eine gute Balance aus Aerodynamik und Komfort findet, dass du drei Wochen bei der Tour ohne Rückenund Knieprobleme durchziehen und trotzdem in einer aerodynamischen Position fahren kannst.“Das sei eine Spielerei, die ein wenig Zeit kostet.
Viel wichtiger war für Zimmermann, dass sein sportlicher Leiter, Frederik Veuchelen, auch im neuen Team das Sagen hat. „Der sportliche Leiter ist bei uns der Trainer. Es ist wichtig, dass der etwas von einem hält. Er ist für die Renntaktik verantwortlich, aber auch für die Nominierung für die großen Rennen wie die Tour de France. Das war für mich die wichtigste Personalie.“
Und so startet Zimmermann in seine Saisonvorbereitung wie jedes Jahr. „Stand heute hat sich für mich nichts geändert. Auch ohne Fusion hätte ich nichts anders gemacht.“Im Dezember geht es dann zum ersten gemeinsamen Trainingslager an die spanische Costa Blanca. Wie immer. Am 15. Januar gibt es die große Teampräsentation in der belgischen Zentrale von Lotto. Vorher geht Zimmermann seinen Weg. „Ich will mich nicht über Sachen ärgern, die noch nicht eingetreten sind. Das kann ich dann machen, wenn es so weit ist.“
Er sieht das alles ganz pragmatisch. „Es kommt, wie es kommt. Ich habe ja keine 100 Jahre Vertrag mehr, sondern ein Jahr. Wenn es nichts wird, kann ich mich im Frühjahr umschauen.“In aller Ruhe.