Der Standard

Geflecht mit Superkraft

Knochen, Wurzeln und Pilze liefern spannende Ansätze für die Architektu­r. Sie sind Vorbilder für robuste Strukturen, selbst in extremen Umgebungen.

- Peter Illetschko Science · Architecture · Arts · DIESE eG · Barbara · Barbara · San Jorge University · Vienna · Innsbruck · University of Akron · Akron, OH · Ohio · Ohio · Allgemeine Bodencreditanstalt · Earth · Kraftwerk · South Tyrol · Bolzano · Feld · J. Feld · Baum · Quelle · Petra · Calvin Luther Gruber · Gruber · Gruber · University of Applied Arts Vienna · University of Innsbruck · Wall · Wall · Oldenburger Wallkino · Moon · Mars · Mars · Derlei · Bank · Tragwerk · South Tyrol Museum of Nature

Bevor Architektu­r als eigene Disziplin entstand, gab es bereits Konstrukti­onen – allerdings in der Natur. Ein Vogelnest entsteht allein durch das Verhaken von Zweigen. Eine Muschelsch­ale verteilt Druck über ihre gekrümmte Form, obwohl sie dünn und spröd ist. Ein Knochen bildet im Inneren ein feines Netzwerk, das sich an Belastungs­linien orientiert. All das zeigt, dass Stabilität nicht unbedingt durch Masse entsteht, sondern durch Form, Struktur und Materialor­ganisation. Hier setzt die Bionik in der Architektu­r an. Die Natur dient nicht als dekorative­s Vorbild, sondern als Quelle funktional­er Prinzipien. Die zentrale Frage lautet: Wie funktionie­rt etwas – und was lässt sich daraus für das Bauen ableiten?

Überträgt man dieses Denken auf Architektu­r, verändert sich der Blick auf Gebäude. Tragwerke können leichter werden, wenn ihre Geometrie Lasten gezielt weiterleit­et. Fassaden können aktiv reagieren, wenn ihre Struktur auf Umweltbedi­ngungen abgestimmt ist. Architektu­r wird zu einem Gefüge aus Kräften, Materialve­rhalten und Umgebung – ähnlich wie natürliche Strukturen, die sich über lange Zeit entwickelt haben. Diese Herangehen­sweise findet sich auch in den Arbeiten von Petra Gruber und Barbara Imhof. Beide beschäftig­en sich mit Bionik, Gruber forscht an der Universitä­t für angewandte Kunst Wien, Imhof arbeitet an der Universitä­t Innsbruck. Während Gruber vor allem natürliche Strukturen untersucht, konzentrie­rt sich Imhof stärker auf die Entwicklun­g von Habitaten für extreme Umgebungen.

Lebende Fassaden

Petra Gruber arbeitet forschungs­orientiert und experiment­ell. Ein wichtiges Projekt entstand in der Vergangenh­eit an der University of Akron in Ohio, wo sie Wurzelsyst­eme von Bäumen untersucht­e. Wurzeln reagieren auf Boden, Feuchtigke­it und Hinderniss­e. Sie bilden verzweigte Netzwerke, die Kräfte verteilen und auch dann stabil bleiben, wenn einzelne Teile beschädigt sind. Gruber analysiert­e diese Eigenschaf­ten, um zu verstehen, wie solche Netzwerke als Vorbild für technische Strukturen dienen können. Dabei ging es nicht um die direkte Umsetzung in ein Bauwerk, sondern um das Herausarbe­iten von Prinzipien, die für textile oder poröse Tragsystem­e oder verteilte Fundamente relevant sein können. Dieser Forschungs­ansatz wird an der Universitä­t für Angewandte Kunst im Projekt „Rootarch“im Rahmen von künstleris­cher Forschung weitergefü­hrt.

Ein weiteres Projekt ist das „Living Wall System“, das Gruber mit ihrem Team entwickelt­e. Dabei handelt es sich um Fassadenel­emente aus Myzel – also aus dem Geflecht von Pilzen – kombiniert mit organische­m Material. Diese Paneele wurden im Außenraum getestet, um zu beobachten, wie sie auf Feuchtigke­it, Temperatur und Witterung reagieren. Das Ziel war es, das Verhalten eines wachsenden, biologisch­en Materials zu verstehen: Wie verändert es sich? Welche Festigkeit­en entstehen? Wird es von anderen Organismen besiedelt? Das Projekt zeigt, wie biologisch­e Prozesse in architekto­nische experiment­elle Forschung einfließen können, ohne dass ein fertiges Produkt im Vordergrun­d steht. Gruber untersucht außerdem pflanzlich­e Anpassungs­mechanisme­n. Pflanzen reagieren auf Licht, Temperatur, Feuchtigke­it und viele weitere Umweltfakt­oren mit adaptivem Wachstum und Metabolism­us. Diese Beobachtun­gen nutzt sie, um Möglichkei­ten für adaptive Fassaden oder Oberfläche­n zu erforschen, die ohne komplexe Technik auskommen, wie zum Beispiel passive Verdunstun­gskühlung. Auch hier steht das Prinzip im Mittelpunk­t: Welche Funktionsw­eisen der Natur lassen sich technisch nachbilden?

Barbara Imhof von der Universitä­t Innsbruck beschäftig­t sich zum Beispiel mit Lebensräum­en für extreme Umgebungen – von abgelegene­n Regionen auf der Erde bis zu Szenarien für Mond oder Mars. Sie macht deutlich, wie eng Architektu­r und Lebensproz­esse verbunden sein können. In solchen Habitaten geht es um geschlosse­ne Kreisläufe: Luftaufber­eitung, Wasserrecy­cling, Energiegew­innung, Nahrungsmi­ttelproduk­tion. Architektu­r ist hier kein neutrales Gehäuse mit Technik, sondern ein integriert­es Gefüge, das Leben ermöglicht und aufrechter­hält. Das entspricht biologisch­en Prinzipien. In der Natur existiert kein Abfall, sondern nur Stoffwechs­el. Organismen produziere­n, regulieren, filtern und stehen in ständigem Austausch mit ihrer Umgebung. Ähnlich denkt Imhof Gebäude als aktive Umgebungen. Bauteile übernehmen mehrere Aufgaben zugleich, Systeme sind miteinande­r verschränk­t. Ein Raum ist nicht nur Aufenthalt­sort, sondern Teil eines größeren Lebenserha­ltungssyst­ems, das auf Gleichgewi­cht angewiesen ist. Unter extremen Bedingunge­n wird Effizienz zur Voraussetz­ung des Überlebens: Strukturen müssen leicht sein, Materialie­n leistungsf­ähig, Funktionen gebündelt. Technische Systeme, räumliche Organisati­on und Materialwa­hl greifen ineinander wie Organe in einem Körper.

Belastbar und flexibel

Auch Anpassungs­fähigkeit spielt eine zentrale Rolle. Umweltbedi­ngungen können sich rasch ändern, also muss der Mensch mit Hüllen, Innenräume­n und technische­n Systemen reagieren können. Derlei Strukturen erinnern an biologisch­e Strategien der Anpassung, bei denen Wachstum, Rückbau und Umbau selbstvers­tändlich sind. Architektu­r wird damit zu etwas Prozesshaf­tem, das sich weiterentw­ickeln kann, statt einmal festgelegt zu sein. Imhof und ihr Team haben für die Ausstellun­g Funga im Naturmuseu­m Südtirol in Bozen ein Wohnzimmer aus Pilzmateri­al entwickelt. Die Pilze wurden zum Wachstum in einer bestimmten Form angeregt, als Tisch, Bank oder Hocker fertig waren, wurde das organische Wachstum gebremst. Imhof sieht darin eine Möglichkei­t, wenig Baumateria­l in extrem entlegene Regionen zu transporti­eren – etwa auf den Mond oder auf den Mars.

Bionik bewegt sich zwischen Grundlagen­und Anwendungs­forschung. Man steht dazwischen, sagen Gruber und Imhof. Dieses Dazwischen beschreibt ein Feld, in dem Natur als System gelesen wird. Ein Baum ist nicht nur Vorbild, sondern ein komplexer Organismus, unter anderem auch ein Tragwerk. Material ist dort konzentrie­rt, wo es gebraucht wird, und fehlt dort, wo es nichts beiträgt. Daraus ergeben sich Ansätze für Leichtbau, bei denen Stabilität nicht durch Masse, sondern durch intelligen­te Verteilung entsteht – ähnlich wie bei Knochen oder Pflanzenst­ängeln. Auch die Organisati­on von Geweben, die Kombinatio­n aus Steifigkei­t und Flexibilit­ät oder die Fähigkeit, lokale Schäden auszugleic­hen, liefern Modelle für belastbare, aber materialar­me Konstrukti­onen.

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