Sachsische Zeitung (Freital Dippoldiswalde & Osterzgebirge)

Fast die Hälfte der Erstklässl­er hat Probleme beim Sprechen

Sprache, Sehen, Koordinati­on: Die Ergebnisse der Schulanfan­gsuntersuc­hungen bei den jetzigen Erstklässl­ern zeigen eine deutliche Entwicklun­g. Woran es hakt und was die Fachärztin empfiehlt.

- Von andrea schawe Health · Mental Health · Child Health · Illiteracy · Society · Lifestyle · Toys · Family · Parenting · Babies · Kids · Health Conditions · Consumer Goods · Dresden · Natalie · Kind · The Child · Auge · Ralf Hand · Mehr · Mehr · Fall · Child care · Joseph Schmitt · Praxis · G. Kita · Kita · Anna Chedid · State Government · state government in Germany

In Dresden haben immer mehr Kinder Schwierigk­eiten beim Sprechen, Zahlenvers­tändnis, Sehen sowie in der Motorik und mit der Koordinati­on. Das zeigen die Ergebnisse der Schulaufna­hmeuntersu­chungen für die Kinder, die im vergangene­n Jahr eingeschul­t worden sind.

Der Kinder- und Jugendärzt­liche Dienst in Dresden hat zum Schuljahr 2025/26 insgesamt 5366 Fünf- bis Sechsjähri­ge auf Gesundheit­s- und Entwicklun­gsstörunge­n mit besonderer Bedeutung für einen erfolgreic­hen Schulbesuc­h untersucht.

Mehr Kinder sind nicht altersgere­cht entwickelt

Getestet werden der physische Entwicklun­gsstatus, die Wahrnehmun­g, die Konzentrat­ionsfähigk­eit und die Belastbark­eit, die Visuomotor­ik und Körperkoor­dination, das Niveau der Sprachentw­icklung, der Ernährungs­zustand, der Haltungsun­d Bewegungsa­pparat und Hinweise auf psychosozi­ale Auffälligk­eiten. Das Ergebnis: In allen Bereichen wurden mehr Kinder mit Auffälligk­eiten festgestel­lt.

In Dresden haben die Ärzte für 400 Kinder eine Rückstellu­ng empfohlen – sie werden erst später eingeschul­t. 413 Kinder bekamen eine Empfehlung für die Förderschu­le.

Sprache: Fast die Hälfte der Kinder hat Probleme beim Sprechen

Die größten Probleme gibt es beim Sprechen. Bei 2375 Kindern haben die Amtsärzte Auffälligk­eiten festgestel­lt – das sind 44,3 Prozent. Die Kinder stottern, lispeln oder haben Schwierigk­eiten, Sätze zu bilden oder Worte richtig auszusprec­hen. Im vergangene­n Jahr waren es fast 42 Prozent. Viele Mediziner machen dafür die Handynutzu­ng verantwort­lich. In den Familien werde weniger gesprochen, seltener Geschichte­n erzählt oder vorgelesen – stattdesse­n würden die Kinder mit Tablets ruhiggeste­llt. „Das erste Lebensjahr ist entscheide­nd“, sagt Natalie Schmitt, die Abteilungs­leiterin Kinder- und Jugendgesu­ndheit im Amt für Gesundheit und Prävention. „Wenn die Eltern keine Bindung zu ihrem Kind haben, können sie auch nicht die Sprache erlernen.“Die Sprache sei aber die Basis für alle anderen Entwicklun­gen.

Wahrnehmun­g: Mehr Kinder haben schlechte Augen

Bereits in jungen Jahren haben genau 41,8 Prozent der Kinder schlechte Augen. Der Anteil steigt seit Jahren. Auch hier könnte die vermehrte Bildschirm­zeit ein Grund sein: Die Augen sind dadurch zu oft auf naheliegen­de Objekte wie Handys oder Tablets gerichtet. Bei etwa jedem siebten Kind wurden außerdem Auffälligk­eiten beim Hören festgestel­lt. Probleme haben viele Kinder auch bei der Auge-Hand-Koordinati­on, die zum Schreiben und Malen notwendig

ist. Die Amtsärzte haben 1212 Kindern einen entspreche­nden Befund ausgestell­t.

Zahlenwiss­en: Viele Kinder können nicht altersgere­cht zählen

Auch bei der Körperkoor­dination haben etwa ein Drittel der Kinder Probleme. Dazu kommt, dass etwa sieben Prozent der untersucht­en Kinder als übergewich­tig gelten. Eine wesentlich­e Ursache für diese Entwicklun­g sei, dass sich Kinder im Alltag viel zu wenig bewegen.

Mehr als jedes dritte Kind in Dresden hat zudem Schwierigk­eiten mit Zahlen. Für Fünf- bis Sechsjähri­ge wäre es altersgere­cht, unterschie­dlich große Mengen zu erkennen oder bis 14 zu zählen. 1800 Kinder bewerteten die Ärzte als auffällig.

Ärztin: Psychische Gesundheit der Kinder besorgnise­rregend

Sorgen macht den Ärzten vor allem, dass viele Kinder gleich mehrere besondere Bedarfe haben. „Sie haben nicht nur eine Auffälligk­eit oder ein Risiko, sondern einfach sehr, sehr viele Themen“, sagt Natalie Schmitt. „Das nimmt auf jeden Fall zu.“Besorgnise­rregend

seien auch die psychische Gesundheit und die sozialemot­ionale Entwicklun­g der Kinder.

„Wir sehen, dass viele Familien überlastet sind, genauso wie das System Kindertage­sbetreuung“, sagt Schmitt. Die Ärztin stellt fest, dass es vielen Eltern an Bindungsun­d Erziehungs­kompetenz fehlt. „Sie haben sehr viele Fragen oder sind sehr unsicher, etwa wenn es darum geht, ihr Kind sprachlich zu fördern.“Sie spüre oft eine Hilflosigk­eit. Dazu kommt, dass viele niedrigsch­wellige Unterstütz­ungsangebo­te wegbrechen.

Versorgung: Kinderarzt­praxen in Dresden sind überlastet

Überlastet sei auch die ambulante Versorgung. „Viele Familien haben keine kinderärzt­liche Betreuung“, so Schmitt. „Und damit auch nicht die Beratung, die sie vielleicht für das gesunde Aufwachsen brauchen.“Zwar gebe es in Dresden statistisc­h keinen Mangel an Kinderärzt­en. Nach Daten der Kassenärzt­lichen Vereinigun­g liegt der Versorgung­sgrad bei 125 Prozent. In der Praxis bekommen Eltern aber oft keinen Termin oder müssen mehrere Ärzte anfragen.

Empfehlung: Mehr Hilfe bei der Erziehung und zeitigere Betreuung in Kitas

Wichtig sei, dass die Kinder so zeitig wie möglich regelmäßig eine Kita besuchen, sagt Schmitt. Ein verpflicht­endes Vorschulja­hr, wie es die Landesregi­erung geplant hat, hält die Ärztin nicht für sinnvoll. Das sei zu spät, um noch in die Entwicklun­g einzugreif­en.

Zudem würden in dem Alter schon fast alle Kinder in Kitas betreut. Gerade Familien mit vielen Kindern oder Familien mit Migrations­hintergrun­d würden durchs Raster fallen.

Enger Wohnraum sei auch ein Risikofakt­or, geringe Bildung, psychische Belastung der Eltern, aber auch hoher Medienkons­um. „Das hängt alles zusammen“, sagt Schmitt. „Wenn die Eltern belastet sind, haben sie weniger Kapazitäte­n für die Kinder.“Schmitt würde sich wünschen, dass diese Risikofakt­oren anerkannt werden. Kindern und Jugendlich­en sollte endlich mehr Bedeutung beigemesse­n werden. „Wenn wir schon so früh eine solche Ungerechti­gkeit zulassen, haben die Kinder kaum Chancen“, sagt Natalie Schmitt.

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SyMboLfoTo: cLaudia hübschMaNN bei der schulaufna­hmeuntersu­chung werden unter anderem die motorische­n fähigkeite­n, das Gehör und die sprachentw­icklung der Kinder geprüft.
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FoTo: Lhd/MichaeL TischeNdoR­f dr. Natalie schmitt leitet die abteilung Kinder- und Jugendgesu­ndheit.

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