Sachsische Zeitung (Freital Dippoldiswalde & Osterzgebirge)
Fast die Hälfte der Erstklässler hat Probleme beim Sprechen
Sprache, Sehen, Koordination: Die Ergebnisse der Schulanfangsuntersuchungen bei den jetzigen Erstklässlern zeigen eine deutliche Entwicklung. Woran es hakt und was die Fachärztin empfiehlt.
In Dresden haben immer mehr Kinder Schwierigkeiten beim Sprechen, Zahlenverständnis, Sehen sowie in der Motorik und mit der Koordination. Das zeigen die Ergebnisse der Schulaufnahmeuntersuchungen für die Kinder, die im vergangenen Jahr eingeschult worden sind.
Der Kinder- und Jugendärztliche Dienst in Dresden hat zum Schuljahr 2025/26 insgesamt 5366 Fünf- bis Sechsjährige auf Gesundheits- und Entwicklungsstörungen mit besonderer Bedeutung für einen erfolgreichen Schulbesuch untersucht.
Mehr Kinder sind nicht altersgerecht entwickelt
Getestet werden der physische Entwicklungsstatus, die Wahrnehmung, die Konzentrationsfähigkeit und die Belastbarkeit, die Visuomotorik und Körperkoordination, das Niveau der Sprachentwicklung, der Ernährungszustand, der Haltungsund Bewegungsapparat und Hinweise auf psychosoziale Auffälligkeiten. Das Ergebnis: In allen Bereichen wurden mehr Kinder mit Auffälligkeiten festgestellt.
In Dresden haben die Ärzte für 400 Kinder eine Rückstellung empfohlen – sie werden erst später eingeschult. 413 Kinder bekamen eine Empfehlung für die Förderschule.
Sprache: Fast die Hälfte der Kinder hat Probleme beim Sprechen
Die größten Probleme gibt es beim Sprechen. Bei 2375 Kindern haben die Amtsärzte Auffälligkeiten festgestellt – das sind 44,3 Prozent. Die Kinder stottern, lispeln oder haben Schwierigkeiten, Sätze zu bilden oder Worte richtig auszusprechen. Im vergangenen Jahr waren es fast 42 Prozent. Viele Mediziner machen dafür die Handynutzung verantwortlich. In den Familien werde weniger gesprochen, seltener Geschichten erzählt oder vorgelesen – stattdessen würden die Kinder mit Tablets ruhiggestellt. „Das erste Lebensjahr ist entscheidend“, sagt Natalie Schmitt, die Abteilungsleiterin Kinder- und Jugendgesundheit im Amt für Gesundheit und Prävention. „Wenn die Eltern keine Bindung zu ihrem Kind haben, können sie auch nicht die Sprache erlernen.“Die Sprache sei aber die Basis für alle anderen Entwicklungen.
Wahrnehmung: Mehr Kinder haben schlechte Augen
Bereits in jungen Jahren haben genau 41,8 Prozent der Kinder schlechte Augen. Der Anteil steigt seit Jahren. Auch hier könnte die vermehrte Bildschirmzeit ein Grund sein: Die Augen sind dadurch zu oft auf naheliegende Objekte wie Handys oder Tablets gerichtet. Bei etwa jedem siebten Kind wurden außerdem Auffälligkeiten beim Hören festgestellt. Probleme haben viele Kinder auch bei der Auge-Hand-Koordination, die zum Schreiben und Malen notwendig
ist. Die Amtsärzte haben 1212 Kindern einen entsprechenden Befund ausgestellt.
Zahlenwissen: Viele Kinder können nicht altersgerecht zählen
Auch bei der Körperkoordination haben etwa ein Drittel der Kinder Probleme. Dazu kommt, dass etwa sieben Prozent der untersuchten Kinder als übergewichtig gelten. Eine wesentliche Ursache für diese Entwicklung sei, dass sich Kinder im Alltag viel zu wenig bewegen.
Mehr als jedes dritte Kind in Dresden hat zudem Schwierigkeiten mit Zahlen. Für Fünf- bis Sechsjährige wäre es altersgerecht, unterschiedlich große Mengen zu erkennen oder bis 14 zu zählen. 1800 Kinder bewerteten die Ärzte als auffällig.
Ärztin: Psychische Gesundheit der Kinder besorgniserregend
Sorgen macht den Ärzten vor allem, dass viele Kinder gleich mehrere besondere Bedarfe haben. „Sie haben nicht nur eine Auffälligkeit oder ein Risiko, sondern einfach sehr, sehr viele Themen“, sagt Natalie Schmitt. „Das nimmt auf jeden Fall zu.“Besorgniserregend
seien auch die psychische Gesundheit und die sozialemotionale Entwicklung der Kinder.
„Wir sehen, dass viele Familien überlastet sind, genauso wie das System Kindertagesbetreuung“, sagt Schmitt. Die Ärztin stellt fest, dass es vielen Eltern an Bindungsund Erziehungskompetenz fehlt. „Sie haben sehr viele Fragen oder sind sehr unsicher, etwa wenn es darum geht, ihr Kind sprachlich zu fördern.“Sie spüre oft eine Hilflosigkeit. Dazu kommt, dass viele niedrigschwellige Unterstützungsangebote wegbrechen.
Versorgung: Kinderarztpraxen in Dresden sind überlastet
Überlastet sei auch die ambulante Versorgung. „Viele Familien haben keine kinderärztliche Betreuung“, so Schmitt. „Und damit auch nicht die Beratung, die sie vielleicht für das gesunde Aufwachsen brauchen.“Zwar gebe es in Dresden statistisch keinen Mangel an Kinderärzten. Nach Daten der Kassenärztlichen Vereinigung liegt der Versorgungsgrad bei 125 Prozent. In der Praxis bekommen Eltern aber oft keinen Termin oder müssen mehrere Ärzte anfragen.
Empfehlung: Mehr Hilfe bei der Erziehung und zeitigere Betreuung in Kitas
Wichtig sei, dass die Kinder so zeitig wie möglich regelmäßig eine Kita besuchen, sagt Schmitt. Ein verpflichtendes Vorschuljahr, wie es die Landesregierung geplant hat, hält die Ärztin nicht für sinnvoll. Das sei zu spät, um noch in die Entwicklung einzugreifen.
Zudem würden in dem Alter schon fast alle Kinder in Kitas betreut. Gerade Familien mit vielen Kindern oder Familien mit Migrationshintergrund würden durchs Raster fallen.
Enger Wohnraum sei auch ein Risikofaktor, geringe Bildung, psychische Belastung der Eltern, aber auch hoher Medienkonsum. „Das hängt alles zusammen“, sagt Schmitt. „Wenn die Eltern belastet sind, haben sie weniger Kapazitäten für die Kinder.“Schmitt würde sich wünschen, dass diese Risikofaktoren anerkannt werden. Kindern und Jugendlichen sollte endlich mehr Bedeutung beigemessen werden. „Wenn wir schon so früh eine solche Ungerechtigkeit zulassen, haben die Kinder kaum Chancen“, sagt Natalie Schmitt.