Sachsische Zeitung (Weiswasser)
„An den Flughäfen wird nicht gerüttelt“
Michael Kretschmer hält auch an Dresden fest – im Gegensatz zur Wirtschaft. Lufthansa-Chef Spohr erklärt, warum sich seine Airline mit Sachsen-Flügen so schwertut.
Wir fliegen auf Sachsen.“So steht es in großen Lettern auf der Bühnenwand im Dresdner Flughafen. Davor drei maßgebliche Entscheider über dessen Zukunft: Sachsens Premier Michael Kretschmer (CDU), Lufthansa-Chef Carsten Spohr und der Vorstandsvorsitzende der Mitteldeutschen Flughafen AG, Götz Ahmelmann. Unter dem Motto „Standortstärken? Standort stärken!“diskutieren sie am Mittwochabend vor rund 300 Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Luftverkehr zu Aussichten und Potenzial der sächsischen Airports.
„Wir haben den Flugplan ein bisschen aufgeräumt für Sie“, begrüßt Ahmelmann Spohr, seinen mit 120 Flügen von und nach Sachsen „größten und wichtigsten Kunden“. Was draußen auf dem Vorfeld stehe – „München, Palma, Antalya, Sun Express und später kommt noch die Swiss“– sei „100 Prozent Lufthansa-Gruppe“, sagt er.
Was Ahmelmann verschweigt: Aufzuräumen war nicht viel, zumindest auf der Abflugtafel. Auf das 32-zeilige Display passen nach jahrelangem Rückgang gut zwei Tage. Er feiert die Flughäfen dennoch als „Entwicklungsmotoren der Region“. Sie sorgten für Mobilität, internationale Anbindung, zukunftsweisende Investitionen, dynamisches Beschäftigungswachstum.
Dresdens Tor zur Welt gehört mit minus 2,4 Prozent zu nur sechs von 28 deutschen Flughäfen, die bis Ende Juli weniger Passagiere zählten als in gleicher Vorjahreszeit. Anderswo geht es nach der Pandemie zweistellig aufwärts, obwohl das Vorkrisenniveau auch dort nicht erreicht ist. Ein Grund: hohe Standortkosten. Nationale Luftverkehrsteuer, Gebühren für Sicherheitskontrollen und Flugsicherung hätten sich seit 2020 fast verdoppelt, heißt es.
Die Folge: teurere Tickets, weniger Linien. Diese Kosten seien mitentscheidend, von wo Airlines fliegen, und nirgends in der EU sind sie so hoch wie in Deutschland. Die Politik müsse Luftverkehr als Chance für Wachstum, Wohlstand, Völkerverständigung begreifen, statt „Flightshaming“zu befördern, fordert Spohr, dessen Fluggesellschaft in zwei Jahren 100 Jahre alt wird.
Dann rechnet der Manager vor, warum sich auch seine Airline mit Dresden schwertut. „Ehe ein Flugzeug mit 100 Menschen von Dresden nach Frankfurt abhebt, sind wir um 4.500 Euro ärmer“, sagt er. In Prag seien es 500 Euro. Tickets für diesen Flug müssten deshalb um 35 Euro teurer sein. LH fliege nur noch, wo es sich lohnt. Zudem habe ein Bundesland mit zwei so nahen Flughäfen ein strukturelles Problem. „Das macht es uns nicht leichter“, der Verkehr müsse gesplittet werden. Beobachter stellen fest: Die Airline will für ihr Engagement Geld – woher auch immer.
„Wir freuen uns, dass Lufthansa auf Sachsen fliegt, aber lieber wäre es uns, wenn sie nach Sachsen fliegt“, sagt Regierungschef Kretschmer und: „Wir sind leider nicht der Freistaat Bayern, der im Geld schwimmt …, wir müssen es über die Intelligenz machen.“Dazu brauche es einen Schulterschluss aller Beteiligten.
Vier Tage vor der Landtagswahl verweist der Regierungschef auf Sachsens erfolgreiche Entwicklung. Der Freistaat liege beim Bruttoinlandsprodukt, dem Wert aller produzierten Waren und Dienstleistungen, aber noch hinter Schleswig-Holstein, dem schwächsten Land im Westen. Deshalb
müsse Sachsen weiter wachsen – mit beiden Airports. Er sei froh, dass der Vertrag mit Posttochter DHL über ihr Leipziger Frachtkreuz um 30 Jahre bis 2053 verlängert wurde. Dass sich Sachsen finanziell für seine Flughäfen engagiere, sei „nichts Ungewöhnliches“. Bei einem Haushalt von 23 Milliarden Euro gehe es um kleine Beträge.
Die MFAG schreibt seit Jahrzehnten zweistellige Millionenverluste. Dem Konzern, der zu 77 Prozent dem Freistaat gehört, fehlen bis 2026 rund 145 Millionen Euro. Sachsen und Sachsen-Anhalt hatten eine Staatshilfe von 100 Millionen Euro zugesagt – Bedingung für neue Bankkredite.
„Wir stehen zu den Flughäfen Dresden und Leipzig als unverzichtbare Infrastruktur, da wird überhaupt nicht dran gerüttelt“, stellt Kretschmer klar. Man könne für Dresden über andere Nutzungen diskutieren, „aber dieser Flughafen ist wichtig“.
Die Vereinigung der sächsischen Wirtschaft (VSW) sieht das anders. „Mag der Flughafen Leipzig-Halle als internationales Frachtdrehkreuz noch von Bedeutung sein, so gibt es für den Weiterbetrieb des Flughafens Dresden keine wirtschaftlichen Argumente“, schreibt die Dachorganisation von 38 Mitgliedsverbänden auf Anfrage der SZ.
Dafür hätte die VSW bei der Diskussion im Dresdner Terminal keinen Beifall bekommen. Den erhält Spohr für die Ankündigung der 4. Dresdner Tagesverbindung nach Frankfurt und das Eingeständnis: „Eigentlich müssten wir unseren 100. hier feiern.“Schließlich sei der Name „Luft Hansa“dort erstmals dokumentiert: 1924 beim Erstflug Dresden – München.
Wer nach den Hiobsbotschaften um die MFAG eine Kontroverse erwartet hat, wird enttäuscht. Stattdessen Lob für die Veranstalter und eine Einladung an Spohr zum Semperopernball. Einen Seitenhieb hat Kretschmer aber: Für die gemeinsame Strategie brauche Dresdens Flughafen „ein Gesicht vor Ort“, sagt er mit Blick auf MFAGChef Ahmelmann, der zwischen Leipzig und seinem Wohnort bei Frankfurt pendelt. Ansonsten ist es eine SchönwetterVeranstaltung – wie die Kulisse verheißt.