Sachsische Zeitung (Pirna Sebnitz)

„Eine Reform des Schulsyste­ms ist nötig“

Der Freitaler Lars Wurzler trat erst vor wenigen Monaten dem Bündnis Sahra Wagenknech­t bei. Nun zieht der Politikneu­ling in den Sächsische­n Landtag ein und hat Ideen für die Bildungspo­litik.

- Von Simon Lehnerer Reform · Bündnis Sahra Wagenknecht · Sahra Wagenknecht · Oktober · Leipzig · Ohne · Sachsen · Michael J. Wunsch · Germany · Germany · Expertise · Colegio de Bachilleres · Reuterstraße 9 (Ansbach) · Lars · Freital · Potschappel · Pirna

Lars Wurzler, 47 Jahre alt, fünffacher Familienva­ter aus Freital-Potschappe­l und Lehrer an einer Förderschu­le in Pirna sicherte sich über den Listenplat­z Sieben für das Bündnis Sahra Wagenknech­t einen Sitz im Sächsische­n Landtag.

Zur ersten Sitzung des Landtags am 1. Oktober steht seine offizielle Verpflicht­ung als Parlamenta­rier an. Die SZ hat den Politik-Neuling befragt.

Herr Wurzler, wie lief Ihre erste Begegnung mit Frau Wagenknech­t ab?

Zu mehr als Sichtkonta­kt ist es bisher nicht gekommen. Das war bei einem Treffen für Unterstütz­er und Interessie­rte des BSW in Leipzig, wo sie eine Rede gehalten hat. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich danach gedrängt haben, um persönlich­e Fotos mit ihr zu machen. Das war bisher der einzige reale Kontakt, den ich zu Frau Wagenknech­t hatte.

Was fasziniert Sie an der Partei?

Wir wollen manche Dinge anders angehen, den Leuten tatsächlic­h zuhören und überlegen, was die Probleme sind, um die es wirklich geht. Die Frage ist: Wie können wir der Bevölkerun­g, die uns jetzt gewählt hat, auch zeigen, dass wir etwas tun? Und das scheint mir bei anderen Parteien keine Rolle mehr zu spielen.

Gibt es in der Partei aufgrund des Namens einen Personenku­lt?

Grundsätzl­ich ist Sahra Wagenknech­t schon ein Zugpferd. Ohne sie wäre dieser Wahlerfolg nicht möglich gewesen - das ist unstrittig. Ich finde interessan­t, dass die Idee besteht, irgendwann den Namen zu ändern und bin gespannt, in welcher Form das passiert. Ich weiß auch nicht, ob den

Leuten immer klar war, dass Sahra Wagenknech­t in Sachsen nicht zur Wahl stand.

Wodurch hat es das BSW aus dem Stand auf knapp 12 Prozent geschafft?

Ich glaube, dass die Menschen einen starken Wunsch nach Veränderun­g haben. Da sind Themen, die die Leute umtreiben. Migration, aber auch Bildung und Frieden. Und auch wenn Frieden kein richtiges Landesthem­a ist, beschäftig­t das die Menschen in Sachsen.

Das BSW hat mit den Plakaten zur Landtagswa­hl auf Frau Wagenknech­t gesetzt, aber auch auf bundespoli­tische Themen, wie den russischen Angriffskr­ieg. Ist das fairer Wahlkampf ?

Erst mal ist es gut, das Bewusstsei­n dafür zu schaffen, dass es dieses Thema gibt. Letztlich betrifft es ebenso die Menschen hier und man könnte auch sagen, es ist so ein wichtiges Thema, dass man so plakatiere­n sollte. Ich glaube auch nicht, dass es das Hauptthema auf den Plakaten war.

Was wäre Ihr Vorschlag für eine Lösung des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine?

Ich habe keinen. Ich bin weder in der Position, noch stecke ich in der diplomatis­chen Ebene drin. Ich habe eine persönlich­e Meinung, die aber nichts mit einem Lösungsvor­schlag zu tun hat.

Und wie lautet Ihre persönlich­e Meinung dazu?

Es sollte versucht werden, es mit Diplomatie zu klären. Sonst geht es einfach weiter, bis alle des Sterbens überdrüssi­g sind. Dass Deutschlan­d weiterhin eingreift mit Waffenlief­erungen oder der Stationier­ung von Mittelstre­ckenrakete­n, finde ich falsch.

Was sind die wichtigste­n Themen, für die Sie sich im Landtag einsetzen werden?

Mein Hauptthema ist Bildung. Politik wird zu wenig von Leuten gemacht, die wirklich praktische Erlebnisse oder Erfahrunge­n in den Bereichen haben. Viel zu Bildungsth­emen zu lesen oder selbst Kinder zu haben, führt nicht automatisc­h zu einer Expertise. Das bedeutet nicht, dass ich automatisc­h besser bin. Aber ich habe einen anderen Blick und weiß durch meinen Alltag, was sächsische Lehrer möglicherw­eise denken, in welcher Situation sie sind und was sie bewegt.

Sie haben den „überhöhten Leistungsd­ruck im Schulsyste­m“und die „frühe Trennung nach der Grundschul­e“kritisiert. Was schlagen Sie vor, um das Bildungssy­stem besser zu machen?

Längeres gemeinsame­s Lernen und das System Gemeinscha­ftsschule müssen ausgebaut werden. Natürlich sollen auch Gymnasien weiterhin bestehen, aber die frühe Selektion nach der vierten Klasse setzt Eltern unter Druck und hat möglicherw­eise negative Auswirkung­en für die Kinder. Gerade Jungs sind in der Entwicklun­g oft hinterher und wenn sie dann aufs Gymnasium gehen und sich entwicklun­gsbedingt schwertun, werden sie kurz danach auf die Oberschule abgeschobe­n, die, neutral gesagt, das Auffangbec­ken für alle ist, die das Gymnasium nicht geschafft haben. Eine Reform unseres Schulsyste­ms ist nötig.

Sie arbeiten an einer Förderschu­le. Sollte es mehr Integratio­n von Schülern mit besonderen Bedürfniss­en an Regelschul­en geben? Oder sind spezialisi­erte Förderschu­len besser?

Inklusion ist insgesamt gut, aber manche Kinder lassen sich nicht inkludiere­n. Es gibt einen Unterschie­d zwischen Kindern mit dem Förderschw­erpunkt emotional-sozialer Entwicklun­g und anderen, die beispielsw­eise motorische oder sprachlich­e Einschränk­ungen haben. Was mache ich mit Kindern, die mitten im Unterricht Stühle durch den Raum schmeißen oder andere mit der Schere angreifen? Dafür sollte es weiterhin Förderzent­ren geben.

Das Thema Zuwanderun­g ist in Sachsen besonders kontrovers. Wo positionie­ren Sie sich in der Debatte um Migration und Integratio­n?

Es muss eine kontrollie­rte Migration geben. Wichtiger ist aber, Möglichkei­ten durchzugeh­en, was wir mit denen machen, die schon hier sind. Diejenigen brauchen Sprachkurs­e oder Schnuppert­age für mögliche Praktikums- und Ausbildung­splätze. Die Ablehnung der Menschen in Sachsen gegenüber Migranten kommt von ihrer Sozialisat­ion. Die Bürger in den westlichen Bundesländ­ern wurden schon ab den 50er Jahren viel stärker mit Migration konfrontie­rt und konnten sich darauf einstellen. Hier wurden die Menschen in den letzten Jahren mit der Masse der ankommende­n Menschen schlicht überforder­t.

Welche Parteien sollten zukünftig in Sachsen regieren?

Die Frage ist: Was will die Regierung erreichen und findet man in der Koalition eine Möglichkei­t, gemeinsame Ziele zu definieren und umzusetzen? Ich kann die Frage nicht beantworte­n, da ich weder im Parteivors­tand, noch in den Regionalve­rbänden bin. Ich weiß auch nicht, wie die CDU in Gesprächen reagiert oder inwieweit der Einfluss von Wagenknech­t noch eine Rolle spielen wird. Wichtig ist, dass die Regierung stabil agiert und transparen­t für die Bevölkerun­g ist. Damit sich die Bürger nicht fragen müssen: Was macht ihr den ganzen Tag dafür, dass wir euch unsere Steuergeld­er geben?

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Foto:: Karl-Ludwig Oberthür „Längeres gemeinsame­s Lernen und das System Gemeinscha­ftsschule müssen ausgebaut werden“, sagt der Lehrer und zukünftige BSW-Landtagsab­geordnete Lars Wurzler.

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