Sachsische Zeitung (Pirna Sebnitz)
„Eine Reform des Schulsystems ist nötig“
Der Freitaler Lars Wurzler trat erst vor wenigen Monaten dem Bündnis Sahra Wagenknecht bei. Nun zieht der Politikneuling in den Sächsischen Landtag ein und hat Ideen für die Bildungspolitik.
Lars Wurzler, 47 Jahre alt, fünffacher Familienvater aus Freital-Potschappel und Lehrer an einer Förderschule in Pirna sicherte sich über den Listenplatz Sieben für das Bündnis Sahra Wagenknecht einen Sitz im Sächsischen Landtag.
Zur ersten Sitzung des Landtags am 1. Oktober steht seine offizielle Verpflichtung als Parlamentarier an. Die SZ hat den Politik-Neuling befragt.
Herr Wurzler, wie lief Ihre erste Begegnung mit Frau Wagenknecht ab?
Zu mehr als Sichtkontakt ist es bisher nicht gekommen. Das war bei einem Treffen für Unterstützer und Interessierte des BSW in Leipzig, wo sie eine Rede gehalten hat. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich danach gedrängt haben, um persönliche Fotos mit ihr zu machen. Das war bisher der einzige reale Kontakt, den ich zu Frau Wagenknecht hatte.
Was fasziniert Sie an der Partei?
Wir wollen manche Dinge anders angehen, den Leuten tatsächlich zuhören und überlegen, was die Probleme sind, um die es wirklich geht. Die Frage ist: Wie können wir der Bevölkerung, die uns jetzt gewählt hat, auch zeigen, dass wir etwas tun? Und das scheint mir bei anderen Parteien keine Rolle mehr zu spielen.
Gibt es in der Partei aufgrund des Namens einen Personenkult?
Grundsätzlich ist Sahra Wagenknecht schon ein Zugpferd. Ohne sie wäre dieser Wahlerfolg nicht möglich gewesen - das ist unstrittig. Ich finde interessant, dass die Idee besteht, irgendwann den Namen zu ändern und bin gespannt, in welcher Form das passiert. Ich weiß auch nicht, ob den
Leuten immer klar war, dass Sahra Wagenknecht in Sachsen nicht zur Wahl stand.
Wodurch hat es das BSW aus dem Stand auf knapp 12 Prozent geschafft?
Ich glaube, dass die Menschen einen starken Wunsch nach Veränderung haben. Da sind Themen, die die Leute umtreiben. Migration, aber auch Bildung und Frieden. Und auch wenn Frieden kein richtiges Landesthema ist, beschäftigt das die Menschen in Sachsen.
Das BSW hat mit den Plakaten zur Landtagswahl auf Frau Wagenknecht gesetzt, aber auch auf bundespolitische Themen, wie den russischen Angriffskrieg. Ist das fairer Wahlkampf ?
Erst mal ist es gut, das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es dieses Thema gibt. Letztlich betrifft es ebenso die Menschen hier und man könnte auch sagen, es ist so ein wichtiges Thema, dass man so plakatieren sollte. Ich glaube auch nicht, dass es das Hauptthema auf den Plakaten war.
Was wäre Ihr Vorschlag für eine Lösung des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine?
Ich habe keinen. Ich bin weder in der Position, noch stecke ich in der diplomatischen Ebene drin. Ich habe eine persönliche Meinung, die aber nichts mit einem Lösungsvorschlag zu tun hat.
Und wie lautet Ihre persönliche Meinung dazu?
Es sollte versucht werden, es mit Diplomatie zu klären. Sonst geht es einfach weiter, bis alle des Sterbens überdrüssig sind. Dass Deutschland weiterhin eingreift mit Waffenlieferungen oder der Stationierung von Mittelstreckenraketen, finde ich falsch.
Was sind die wichtigsten Themen, für die Sie sich im Landtag einsetzen werden?
Mein Hauptthema ist Bildung. Politik wird zu wenig von Leuten gemacht, die wirklich praktische Erlebnisse oder Erfahrungen in den Bereichen haben. Viel zu Bildungsthemen zu lesen oder selbst Kinder zu haben, führt nicht automatisch zu einer Expertise. Das bedeutet nicht, dass ich automatisch besser bin. Aber ich habe einen anderen Blick und weiß durch meinen Alltag, was sächsische Lehrer möglicherweise denken, in welcher Situation sie sind und was sie bewegt.
Sie haben den „überhöhten Leistungsdruck im Schulsystem“und die „frühe Trennung nach der Grundschule“kritisiert. Was schlagen Sie vor, um das Bildungssystem besser zu machen?
Längeres gemeinsames Lernen und das System Gemeinschaftsschule müssen ausgebaut werden. Natürlich sollen auch Gymnasien weiterhin bestehen, aber die frühe Selektion nach der vierten Klasse setzt Eltern unter Druck und hat möglicherweise negative Auswirkungen für die Kinder. Gerade Jungs sind in der Entwicklung oft hinterher und wenn sie dann aufs Gymnasium gehen und sich entwicklungsbedingt schwertun, werden sie kurz danach auf die Oberschule abgeschoben, die, neutral gesagt, das Auffangbecken für alle ist, die das Gymnasium nicht geschafft haben. Eine Reform unseres Schulsystems ist nötig.
Sie arbeiten an einer Förderschule. Sollte es mehr Integration von Schülern mit besonderen Bedürfnissen an Regelschulen geben? Oder sind spezialisierte Förderschulen besser?
Inklusion ist insgesamt gut, aber manche Kinder lassen sich nicht inkludieren. Es gibt einen Unterschied zwischen Kindern mit dem Förderschwerpunkt emotional-sozialer Entwicklung und anderen, die beispielsweise motorische oder sprachliche Einschränkungen haben. Was mache ich mit Kindern, die mitten im Unterricht Stühle durch den Raum schmeißen oder andere mit der Schere angreifen? Dafür sollte es weiterhin Förderzentren geben.
Das Thema Zuwanderung ist in Sachsen besonders kontrovers. Wo positionieren Sie sich in der Debatte um Migration und Integration?
Es muss eine kontrollierte Migration geben. Wichtiger ist aber, Möglichkeiten durchzugehen, was wir mit denen machen, die schon hier sind. Diejenigen brauchen Sprachkurse oder Schnuppertage für mögliche Praktikums- und Ausbildungsplätze. Die Ablehnung der Menschen in Sachsen gegenüber Migranten kommt von ihrer Sozialisation. Die Bürger in den westlichen Bundesländern wurden schon ab den 50er Jahren viel stärker mit Migration konfrontiert und konnten sich darauf einstellen. Hier wurden die Menschen in den letzten Jahren mit der Masse der ankommenden Menschen schlicht überfordert.
Welche Parteien sollten zukünftig in Sachsen regieren?
Die Frage ist: Was will die Regierung erreichen und findet man in der Koalition eine Möglichkeit, gemeinsame Ziele zu definieren und umzusetzen? Ich kann die Frage nicht beantworten, da ich weder im Parteivorstand, noch in den Regionalverbänden bin. Ich weiß auch nicht, wie die CDU in Gesprächen reagiert oder inwieweit der Einfluss von Wagenknecht noch eine Rolle spielen wird. Wichtig ist, dass die Regierung stabil agiert und transparent für die Bevölkerung ist. Damit sich die Bürger nicht fragen müssen: Was macht ihr den ganzen Tag dafür, dass wir euch unsere Steuergelder geben?