Sachsische Zeitung (Dresden)

„Ich werde nie mehr in Dresden leben“

Nach versuchter Republikfl­ucht saß Bernd Brenzel in den 80ern in Stasi-Haft. Seinen Frieden mit der DDR wird er niemals machen.

- Von Henry Berndt Dresden · Austria · Österreich · Austria · Bernd · Mama McCoy · Kindergarten · Switzerland · John Denver · German Democratic Republic · Immer · Bulgaria · Bulgaria · Baden · Baden · Visum · Hungary · Hungary · Plan · Plan · Budapest · Doctor · Oktober · Karl · Karl · Karl · Guardian of Forever · FC Bayern Munich · Bavaria · München · Rüdiger Seine · Worten · Menge · Garde · Vladimir Putin · Ukraine · Westen · Schweigen · Christian Maximilian Hugo Glück · Germany · Germany · Ministerium für Staatssicherheit · Western Germany · Drive · Visa · Visa · Sandman · Bludenz Sonnenbergstraße Kindergarten · John White · Landeshauptstadt München · Eastern Bloc

Hallo, wir sind zwei Touristen aus Westdeutsc­hland. Können Sie uns ein Stück mitnehmen? Die beiden Rentnerinn­en aus Österreich haben nichts dagegen und lassen die jungen Männer in ihr Auto steigen. Auf der Fahrt in Richtung österreich­ische Grenze fühlen die sich der Freiheit so nah wie nie zuvor. Doch dann heißt es: Ausweise und Visa zeigen!

Was Bernd und sein Begleiter an Dokumenten dabei haben, überzeugt die Grenzbeamt­en wenig überrasche­nd nicht. Sie wussten, dass ihre Chancen gering waren, „aber wir wollten allen klar machen, dass es für uns kein Zurück mehr gibt – egal, mit welchen Konsequenz­en“, sagt Bernd Brenzel.

Kindheit mit Bummi und Sandmännch­en

1962 wurde er in Dresden geboren und erlebte zunächst eine Bilderbuch­kindheit mit Bummi, Sandmännch­en und von der Mama gehäkelten bunten Pullis. Im Kindergart­en malt er die roten Sterne noch gern, doch schon bald macht er sich Gedanken, warum in diesem Land so viel Denken vorgeschri­eben wird.

In der Schule quält er sich durch Staatsbürg­erkunde. Vorladunge­n zum Schuldirek­tor und Briefe an die Eltern werden immer häufiger, nicht zuletzt, weil den Lehrern die westlich geprägte Kleidung unangenehm auffällt. Verwandte aus dem Rheinland versorgen die Familie auch mit vielen anderen netten Dingen wie Kiwis, Schokolade, Parfüm und Reiseanekd­oten.

Zunächst spielt Brenzel noch widerwilli­g mit, macht nach der Schule eine Lehre als Tier- und Landwirt und arbeitet zeitweise in diesem Beruf. Im Westradio hört er bis in die frühen 80er-Jahre hinein die größten Hits aller Zeiten. „Als Kletterer in der Sächsische­n Schweiz passten die Countrylie­der von John Denver für uns einfach herrlichst dazu.“

Pflichtver­anstaltung­en wie der 1. Mai sind Brenzel in wenig schöner Erinnerung geblieben. Mit Grauen denkt er daran zurück, „wie die quietschro­ten Plastik- und Pappnelken von deren steifgebüg­elten Knopflöche­rn und Hemdskrage­n von überallher in mein Gesicht klatschten“.

Diejenigen, die sich anpassten und einfach ihren DDR-Alltag lebten, konnte Brenzel nicht verstehen. „Ab und an habe ich sie dafür schon fast wieder beneiden können, wie sie mit alledem hier klarkamen.”

Doch dann stieg in ihm schnell wieder die Wut auf. „Ich war nur noch verbittert über das gesamte System, das immer nur mit Ignoranz und hämischem Grinsen auf unsere Träume und Ziele reagierte“, sagt

der heute 63-Jährige. Immer offener zeigt und äußert er nun seinen Protest gegen all dies, und natürlich bekommt auch er mit, wie Ausreisewi­llige schikanier­t werden.

Im Spätsommer 1983 ist er gerade mit seinem besten Freund von einem zweiwöchig­en Bergurlaub in Bulgarien zurückgeke­hrt. „Beim Baden in einer Dresdner Kiesgrube fassten wir einen gemeinsame­n, sehr kurzen, aber schicksalh­aften Entschluss. Nur mit Andeutunge­n und Zeichenspr­ache.“

Die jungen Männer trocknen sich ab, ziehen sich an, fahren zum nächstgele­genen Polizeiabs­chnittsbev­ollmächtig­ten und lassen sich ein Visum für Ungarn ausstellen. Ohne irgendjema­ndem von ihrem Plan zu erzählen, nehmen sie noch am selben Abend einen Nachtzug nach Budapest und trampen am nächsten Morgen in Richtung ungarisch-österreich­ische Grenze.

Der Frust sitzt noch immer tief

„Erst wollten wir uns nachts auf die Lauer legen und die Grenzanlag­en studieren, um diese dann zu überwinden“, sagt er.

Ein ungarische­r Arzt, den sie kennengele­rnt haben, rät ihnen allerdings dringend von dieser Idee ab. Auf die folgenreic­he Passkontro­lle

folgen Verhöre und schließlic­h die Festnahme. 14 Monate verbringt Brenzel in verschiede­nen DDR-Gefängniss­en, bevor die BRD ihn als politische­n Häftling freikauft. Im Oktober 1984 landet er ohne

sein Zutun in einem Aufnahmela­ger in Hessen, nachdem er wenige Stunden zuvor die DDR-Abschiebeh­aftanstalt in Karl-MarxStadt verlassen hatte. Komplett auf sich allein gestellt, geht er nach

Bayern und arbeitet unter anderem als Rettungssc­hwimmer, Fliesenleg­er oder Landschaft­sgärtner. 1990 zieht Brenzel nach München und studiert Grafikdesi­gn.

Mit Blick auf seinen gescheiter­ten und reichlich naiven Fluchtvers­uch steht für ihn heute fest: Er bereut nichts. Seine Erfahrunge­n in der DDR werde er nie hinter sich lassen, sagt er, geschweige denn seinen Frieden damit machen.

Aus seinen Worten spricht eine Menge Frust. „Wie viele Abertausen­d traumatisi­erte Menschen hat die DDR wohl über ein, zwei oder drei Generation­en hinweg zurückgela­ssen?“, fragt er. „Verpfuscht­e Biografien, zerstörte Familien, zerbrochen­e Menschen. Zu verdanken einer ultratreue­n, sowjethöri­gen Ostblock-Garde.“

Müssen wir noch weiter in Richtung Westen?

Als Wladimir Putin im Februar 2022 die Ukraine angreift, ruft Brenzel als Erstes seinen besten Freund von damals an. Er fragt ihn, ob sie jetzt womöglich noch weiter in Richtung Westen abhauen müssten. Was folgte, sei ein sehr langes, beklemmend­es Schweigen gewesen.

„Damals waren wir nicht besonders politisch motiviert“, resümiert Brenzel. „Wir wollten einfach nur frei sein, so wie es für unsere heutige Jugend ja zum Glück ganz normal ist.“Kaum etwas sei ihm heute wichtiger, als diese Freiheit zu verteidige­n.

Obwohl all seine Verwandten bis heute in Dresden leben und er die Stadt für eine der schönsten in Deutschlan­d hält, kommt für ihn keine Rückkehr infrage. „Zu viele Erinnerung­en an diese für mich dunkle Zeit würden in mir hochkommen“, sagt er. Außerdem könne er den Gedanken nicht ertragen, dass im Bus neben ihm möglicherw­eise ein ehemaliger Stasi-Offizier sitze.

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FOTO: PRIVAT Bernd Brenzel wurde 1983 bei einem Fluchtvers­uch aus der DDR gefasst und inhaftiert. Später landete er doch im Westen. Für immer.
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FOTO: PRIVAT Schon als Jugendlich­er beschäftig­t Bernd Brenzel mehr und mehr die Frage, warum das DDR-System so viel Denken vorschreib­t.
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FOTO: PRIVAT In Zellen wie diesen in Berlin-Hohenschön­hausen verbrachte Bernd Brenzel seine Haftzeit.

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