„Ich werde nie mehr in Dresden leben“
Nach versuchter Republikflucht saß Bernd Brenzel in den 80ern in Stasi-Haft. Seinen Frieden mit der DDR wird er niemals machen.
Hallo, wir sind zwei Touristen aus Westdeutschland. Können Sie uns ein Stück mitnehmen? Die beiden Rentnerinnen aus Österreich haben nichts dagegen und lassen die jungen Männer in ihr Auto steigen. Auf der Fahrt in Richtung österreichische Grenze fühlen die sich der Freiheit so nah wie nie zuvor. Doch dann heißt es: Ausweise und Visa zeigen!
Was Bernd und sein Begleiter an Dokumenten dabei haben, überzeugt die Grenzbeamten wenig überraschend nicht. Sie wussten, dass ihre Chancen gering waren, „aber wir wollten allen klar machen, dass es für uns kein Zurück mehr gibt – egal, mit welchen Konsequenzen“, sagt Bernd Brenzel.
Kindheit mit Bummi und Sandmännchen
1962 wurde er in Dresden geboren und erlebte zunächst eine Bilderbuchkindheit mit Bummi, Sandmännchen und von der Mama gehäkelten bunten Pullis. Im Kindergarten malt er die roten Sterne noch gern, doch schon bald macht er sich Gedanken, warum in diesem Land so viel Denken vorgeschrieben wird.
In der Schule quält er sich durch Staatsbürgerkunde. Vorladungen zum Schuldirektor und Briefe an die Eltern werden immer häufiger, nicht zuletzt, weil den Lehrern die westlich geprägte Kleidung unangenehm auffällt. Verwandte aus dem Rheinland versorgen die Familie auch mit vielen anderen netten Dingen wie Kiwis, Schokolade, Parfüm und Reiseanekdoten.
Zunächst spielt Brenzel noch widerwillig mit, macht nach der Schule eine Lehre als Tier- und Landwirt und arbeitet zeitweise in diesem Beruf. Im Westradio hört er bis in die frühen 80er-Jahre hinein die größten Hits aller Zeiten. „Als Kletterer in der Sächsischen Schweiz passten die Countrylieder von John Denver für uns einfach herrlichst dazu.“
Pflichtveranstaltungen wie der 1. Mai sind Brenzel in wenig schöner Erinnerung geblieben. Mit Grauen denkt er daran zurück, „wie die quietschroten Plastik- und Pappnelken von deren steifgebügelten Knopflöchern und Hemdskragen von überallher in mein Gesicht klatschten“.
Diejenigen, die sich anpassten und einfach ihren DDR-Alltag lebten, konnte Brenzel nicht verstehen. „Ab und an habe ich sie dafür schon fast wieder beneiden können, wie sie mit alledem hier klarkamen.”
Doch dann stieg in ihm schnell wieder die Wut auf. „Ich war nur noch verbittert über das gesamte System, das immer nur mit Ignoranz und hämischem Grinsen auf unsere Träume und Ziele reagierte“, sagt
der heute 63-Jährige. Immer offener zeigt und äußert er nun seinen Protest gegen all dies, und natürlich bekommt auch er mit, wie Ausreisewillige schikaniert werden.
Im Spätsommer 1983 ist er gerade mit seinem besten Freund von einem zweiwöchigen Bergurlaub in Bulgarien zurückgekehrt. „Beim Baden in einer Dresdner Kiesgrube fassten wir einen gemeinsamen, sehr kurzen, aber schicksalhaften Entschluss. Nur mit Andeutungen und Zeichensprache.“
Die jungen Männer trocknen sich ab, ziehen sich an, fahren zum nächstgelegenen Polizeiabschnittsbevollmächtigten und lassen sich ein Visum für Ungarn ausstellen. Ohne irgendjemandem von ihrem Plan zu erzählen, nehmen sie noch am selben Abend einen Nachtzug nach Budapest und trampen am nächsten Morgen in Richtung ungarisch-österreichische Grenze.
Der Frust sitzt noch immer tief
„Erst wollten wir uns nachts auf die Lauer legen und die Grenzanlagen studieren, um diese dann zu überwinden“, sagt er.
Ein ungarischer Arzt, den sie kennengelernt haben, rät ihnen allerdings dringend von dieser Idee ab. Auf die folgenreiche Passkontrolle
folgen Verhöre und schließlich die Festnahme. 14 Monate verbringt Brenzel in verschiedenen DDR-Gefängnissen, bevor die BRD ihn als politischen Häftling freikauft. Im Oktober 1984 landet er ohne
sein Zutun in einem Aufnahmelager in Hessen, nachdem er wenige Stunden zuvor die DDR-Abschiebehaftanstalt in Karl-MarxStadt verlassen hatte. Komplett auf sich allein gestellt, geht er nach
Bayern und arbeitet unter anderem als Rettungsschwimmer, Fliesenleger oder Landschaftsgärtner. 1990 zieht Brenzel nach München und studiert Grafikdesign.
Mit Blick auf seinen gescheiterten und reichlich naiven Fluchtversuch steht für ihn heute fest: Er bereut nichts. Seine Erfahrungen in der DDR werde er nie hinter sich lassen, sagt er, geschweige denn seinen Frieden damit machen.
Aus seinen Worten spricht eine Menge Frust. „Wie viele Abertausend traumatisierte Menschen hat die DDR wohl über ein, zwei oder drei Generationen hinweg zurückgelassen?“, fragt er. „Verpfuschte Biografien, zerstörte Familien, zerbrochene Menschen. Zu verdanken einer ultratreuen, sowjethörigen Ostblock-Garde.“
Müssen wir noch weiter in Richtung Westen?
Als Wladimir Putin im Februar 2022 die Ukraine angreift, ruft Brenzel als Erstes seinen besten Freund von damals an. Er fragt ihn, ob sie jetzt womöglich noch weiter in Richtung Westen abhauen müssten. Was folgte, sei ein sehr langes, beklemmendes Schweigen gewesen.
„Damals waren wir nicht besonders politisch motiviert“, resümiert Brenzel. „Wir wollten einfach nur frei sein, so wie es für unsere heutige Jugend ja zum Glück ganz normal ist.“Kaum etwas sei ihm heute wichtiger, als diese Freiheit zu verteidigen.
Obwohl all seine Verwandten bis heute in Dresden leben und er die Stadt für eine der schönsten in Deutschland hält, kommt für ihn keine Rückkehr infrage. „Zu viele Erinnerungen an diese für mich dunkle Zeit würden in mir hochkommen“, sagt er. Außerdem könne er den Gedanken nicht ertragen, dass im Bus neben ihm möglicherweise ein ehemaliger Stasi-Offizier sitze.