Ostthuringer Zeitung (Schleiz)
Künstliche Intelligenz entlarvt falsche AfD-Behauptungen
Bei Anfragen zu seinen Quellen verweist Landtagsmitglied Uwe Thrum aufs Internet, die Antworten dort dürften ihm aber wohl nicht gefallen
Bad Lobenstein. Am 15. September war Abgabeschluss für Stellungnahmen zum Sachlichen Teilplan „Windenergie und Sicherung des Kulturerbes“gewesen. Aktuell sind über 1400 Stellungnahmen bei der Regionalen Planungsgemeinschaft Ostthüringen registriert. Kaum ein Thema hatte seit Bekanntwerden der vorgesehenen neuen Windvorranggebiete die Menschen in der Region so sehr beschäftigt.
Und so, wie Politiker aus dem Spektrum der Grünen leidenschaftlich für die Windenergie als Alternative zu umweltschädlichen fossilen Brennstoffen unterwegs sind, wird mit nicht weniger Leidenschaft aus anderen politischen Lagern gegen das Aufstellen weiterer Windkraftanlagen plädiert.
Sieben Fragen, eine Antwort
Insbesondere die AfD ragt beim Kampf gegen Windräder heraus, möchte sich am liebsten am Eigentum anderer vergreifen und „alles niederreißen“, was aktuell ein Drittel des Stroms in Deutschland produziert. Die Zeit der Bürgerbeteiligung ist intensiv genutzt worden, um den Sturm der Entrüstung auch politisch zu instrumentalisieren. Es wurde sogar eine vorgefertigte Stellungnahme übers Internet angeboten, die einfach ausgedruckt und abgeschickt werden konnte. Was sich als völlig sinnlos erweist, da im Abwägungsprozess über einzelne Argumente nur einmal entschieden wird, unabhängig davon, wie oft diese auftauchen.
Gleich 17 Aspekte sind in der von AfD-Landtagsmitglied Uwe Thrum bereitgestellten Stellungnahme aufgeführt. Diese könnten auf den ersten Blick den Anschein von viel Wissenschaft erwecken. Denn es wird auf Untersuchungen namhafter Universitäten verwiesen, beispielsweise wenn es um das Thema Infraschall geht. Oder die „Austrocknung“von Wäldern und landwirtschaftlichen Nutzflächen. Wir haben nur einige Punkte herausgesucht und Thrum darum gebeten,
seine diesbezüglichen Quellen mitzuteilen. Auf sieben konkrete Fragen gab es eine Antwort: Durch „kurze Internetrecherchen“würde man zu den „wissenschaftlich fundierten Studien“geführt. Also haben wir uns an die Arbeit gemacht.
Recherche mit ChatGPT
Um es vorwegzunehmen: Natürlich findet man selbst für die unsinnigsten Behauptungen irgendwelche Bestätigungen im Internet. Um sich nicht von den üblichen Algorithmen fangen zu lassen, nutzten wir ein KI-gestütztes Programm, dem es leicht fallen sollte, tatsächlich vorhandene Studien von Universitäten aufzuspüren. Also welche Belege gibt es beispielsweise dafür, wonach „Untersuchungen von Miller und Keith an der Harvard Universität“zu dem Ergebnis gekommen wären,
dass durch Windräder Wälder und landwirtschaftliche Nutzflächen „ausgetrocknet“werden? So jedenfalls eine Behauptung unter Verweis auf den „Wake-Effekt“. Klare Antwort: Dass der Bau von Windkraftanlagen im Wald zwangsläufig zur Austrocknung und Temperaturerhöhung führt, ist nicht universell belegt.
Es gäbe Hinweise und Modellrechnungen, „aber keine konsistenten empirischen Langzeitstudien speziell in tiefen, geschlossenen Wäldern“, sagt unter anderem der KI-gestützte Chatbot ChatGPT. Eine Studie von Miller und Keith argumentiert lediglich, „dass Windkraftanlagen durch ihre Rotoren die Luftschichten durchmischen und damit in manchen Fällen nachts zu einer leichten Erwärmung der Oberfläche führen können“.
Diese Studie bezieht sich aber vor allem auf großflächige Windparks. Und verglichen werde oft mit Flächen ohne Windkraft, aber nicht speziell mit Wäldern.
Esoterik und Pseudowissenschaft
Ein häufiges Argument gegen Windräder ist der Infraschall. In der AfD-Stellungnahme wird auf Erfahrungsberichte eines Heilpraktikers aus Ostwestfalen verwiesen, wonach „durch den Infraschall massive Störungen der sogenannten Schuhmannfrequenz von 7,83Hz bei vielen Betroffenen nachzuweisen sind“. Falsch ist hier nicht allein die Schreibweise des Namens. Der deutsche Physiker Winfried Otto Schumann beschrieb 1952 die elektromagnetischen Resonanzen in der Atmosphäre. Bei der Schumann-Resonanz handelt es sich demnach um eine physikalische Erscheinung des elektromagnetischen Feldes der Erde mit der Grundfrequenz von 7,83 Hertz.
Infraschall mit Frequenzen unter 20 Hertz entsteht zwar tatsächlich bei Windkraftanlagen wie beispielsweise auch im Straßen- und Schienenverkehr, an Industrieanlagen mit Turbinen und Ventilatoren oder selbst dann, wenn wir erholsam am Strand liegen und den Meereswellen lauschen. Aber was sagt nun ChatGPT zu der Aussage in Thrums Stellungnahme? „Die Aussage ist in dieser Form falsch beziehungsweise irreführend. Sie vermischt echte Physik (Schumann-Resonanz) mit unbelegten esoterischen und pseudowissenschaftlichen Interpretationen.“
„Diagnoseschlüssel“unbekannt
Aber es soll doch sogar den „Diagnoseschlüssel ICD-10-GM2010“geben, der laut AfD-Stellungnahme angeblich für Ärzte und Heilpraktiker bezüglich des Infraschalls erlassen und von den Krankenkassen anerkannt worden sei. „Falsch“, sagt dazu ChatGPT ganz deutlich. Es gebe weder diesen noch einen ähnlich klingenden Code in Verbindung mit Infraschall.
Existierende Codes gibt es für Lärmwirkungen allgemein, „diese beziehen sich jedoch nicht speziell auf Infraschall, sondern auf hörbaren Lärm oder extrem laute Geräusche“. Da es keinen spezifischen ICD-Code für Infraschall gibt, gibt es demzufolge auch keine Krankenkassenanerkennung einer solchen Diagnose.
Eine weitere Behauptung aus der von Thrum bereitgestellten Stellungnahme lässt sich sogar ohne jede künstliche Intelligenz widerlegen. Nämlich jene, wonach mit der Höhe die Luftdichte zunehme. Schon in der 7. Klasse lernt jeder, der eine Schule besucht, dass es genau umgekehrt der Fall ist. Der Inhalt dieser AfD-Stellungnahme zeigt also, dass zwischen beeindruckend klingenden Studien und alarmierend wirkenden Schlagworten nur wenig Substanz steckt.