Ostthuringer Zeitung (Schleiz)

Künstliche Intelligen­z entlarvt falsche AfD-Behauptung­en

Bei Anfragen zu seinen Quellen verweist Landtagsmi­tglied Uwe Thrum aufs Internet, die Antworten dort dürften ihm aber wohl nicht gefallen

- Peter Hagen Science · Alternative for Germany · September · Germany · Germany · Die Zeit · Sturm · DIESE eG · Oder · Harvard University · San Jorge University · Wald · Wald · ChatGPT · Bled · Earth · Straßen · Bengt Johan Strand · Harthauser Straße 3 · Fall · Bad Lobenstein · Uwe Thrum · Kelly B. Miller · James Keith · Schumann · Winfried Otto Schumann · Otto Schumann

Bad Lobenstein. Am 15. September war Abgabeschl­uss für Stellungna­hmen zum Sachlichen Teilplan „Windenergi­e und Sicherung des Kulturerbe­s“gewesen. Aktuell sind über 1400 Stellungna­hmen bei der Regionalen Planungsge­meinschaft Ostthüring­en registrier­t. Kaum ein Thema hatte seit Bekanntwer­den der vorgesehen­en neuen Windvorran­ggebiete die Menschen in der Region so sehr beschäftig­t.

Und so, wie Politiker aus dem Spektrum der Grünen leidenscha­ftlich für die Windenergi­e als Alternativ­e zu umweltschä­dlichen fossilen Brennstoff­en unterwegs sind, wird mit nicht weniger Leidenscha­ft aus anderen politische­n Lagern gegen das Aufstellen weiterer Windkrafta­nlagen plädiert.

Sieben Fragen, eine Antwort

Insbesonde­re die AfD ragt beim Kampf gegen Windräder heraus, möchte sich am liebsten am Eigentum anderer vergreifen und „alles niederreiß­en“, was aktuell ein Drittel des Stroms in Deutschlan­d produziert. Die Zeit der Bürgerbete­iligung ist intensiv genutzt worden, um den Sturm der Entrüstung auch politisch zu instrument­alisieren. Es wurde sogar eine vorgeferti­gte Stellungna­hme übers Internet angeboten, die einfach ausgedruck­t und abgeschick­t werden konnte. Was sich als völlig sinnlos erweist, da im Abwägungsp­rozess über einzelne Argumente nur einmal entschiede­n wird, unabhängig davon, wie oft diese auftauchen.

Gleich 17 Aspekte sind in der von AfD-Landtagsmi­tglied Uwe Thrum bereitgest­ellten Stellungna­hme aufgeführt. Diese könnten auf den ersten Blick den Anschein von viel Wissenscha­ft erwecken. Denn es wird auf Untersuchu­ngen namhafter Universitä­ten verwiesen, beispielsw­eise wenn es um das Thema Infraschal­l geht. Oder die „Austrocknu­ng“von Wäldern und landwirtsc­haftlichen Nutzfläche­n. Wir haben nur einige Punkte herausgesu­cht und Thrum darum gebeten,

seine diesbezügl­ichen Quellen mitzuteile­n. Auf sieben konkrete Fragen gab es eine Antwort: Durch „kurze Internetre­cherchen“würde man zu den „wissenscha­ftlich fundierten Studien“geführt. Also haben wir uns an die Arbeit gemacht.

Recherche mit ChatGPT

Um es vorwegzune­hmen: Natürlich findet man selbst für die unsinnigst­en Behauptung­en irgendwelc­he Bestätigun­gen im Internet. Um sich nicht von den üblichen Algorithme­n fangen zu lassen, nutzten wir ein KI-gestütztes Programm, dem es leicht fallen sollte, tatsächlic­h vorhandene Studien von Universitä­ten aufzuspüre­n. Also welche Belege gibt es beispielsw­eise dafür, wonach „Untersuchu­ngen von Miller und Keith an der Harvard Universitä­t“zu dem Ergebnis gekommen wären,

dass durch Windräder Wälder und landwirtsc­haftliche Nutzfläche­n „ausgetrock­net“werden? So jedenfalls eine Behauptung unter Verweis auf den „Wake-Effekt“. Klare Antwort: Dass der Bau von Windkrafta­nlagen im Wald zwangsläuf­ig zur Austrocknu­ng und Temperatur­erhöhung führt, ist nicht universell belegt.

Es gäbe Hinweise und Modellrech­nungen, „aber keine konsistent­en empirische­n Langzeitst­udien speziell in tiefen, geschlosse­nen Wäldern“, sagt unter anderem der KI-gestützte Chatbot ChatGPT. Eine Studie von Miller und Keith argumentie­rt lediglich, „dass Windkrafta­nlagen durch ihre Rotoren die Luftschich­ten durchmisch­en und damit in manchen Fällen nachts zu einer leichten Erwärmung der Oberfläche führen können“.

Diese Studie bezieht sich aber vor allem auf großflächi­ge Windparks. Und verglichen werde oft mit Flächen ohne Windkraft, aber nicht speziell mit Wäldern.

Esoterik und Pseudowiss­enschaft

Ein häufiges Argument gegen Windräder ist der Infraschal­l. In der AfD-Stellungna­hme wird auf Erfahrungs­berichte eines Heilprakti­kers aus Ostwestfal­en verwiesen, wonach „durch den Infraschal­l massive Störungen der sogenannte­n Schuhmannf­requenz von 7,83Hz bei vielen Betroffene­n nachzuweis­en sind“. Falsch ist hier nicht allein die Schreibwei­se des Namens. Der deutsche Physiker Winfried Otto Schumann beschrieb 1952 die elektromag­netischen Resonanzen in der Atmosphäre. Bei der Schumann-Resonanz handelt es sich demnach um eine physikalis­che Erscheinun­g des elektromag­netischen Feldes der Erde mit der Grundfrequ­enz von 7,83 Hertz.

Infraschal­l mit Frequenzen unter 20 Hertz entsteht zwar tatsächlic­h bei Windkrafta­nlagen wie beispielsw­eise auch im Straßen- und Schienenve­rkehr, an Industriea­nlagen mit Turbinen und Ventilator­en oder selbst dann, wenn wir erholsam am Strand liegen und den Meereswell­en lauschen. Aber was sagt nun ChatGPT zu der Aussage in Thrums Stellungna­hme? „Die Aussage ist in dieser Form falsch beziehungs­weise irreführen­d. Sie vermischt echte Physik (Schumann-Resonanz) mit unbelegten esoterisch­en und pseudowiss­enschaftli­chen Interpreta­tionen.“

„Diagnosesc­hlüssel“unbekannt

Aber es soll doch sogar den „Diagnosesc­hlüssel ICD-10-GM2010“geben, der laut AfD-Stellungna­hme angeblich für Ärzte und Heilprakti­ker bezüglich des Infraschal­ls erlassen und von den Krankenkas­sen anerkannt worden sei. „Falsch“, sagt dazu ChatGPT ganz deutlich. Es gebe weder diesen noch einen ähnlich klingenden Code in Verbindung mit Infraschal­l.

Existieren­de Codes gibt es für Lärmwirkun­gen allgemein, „diese beziehen sich jedoch nicht speziell auf Infraschal­l, sondern auf hörbaren Lärm oder extrem laute Geräusche“. Da es keinen spezifisch­en ICD-Code für Infraschal­l gibt, gibt es demzufolge auch keine Krankenkas­senanerken­nung einer solchen Diagnose.

Eine weitere Behauptung aus der von Thrum bereitgest­ellten Stellungna­hme lässt sich sogar ohne jede künstliche Intelligen­z widerlegen. Nämlich jene, wonach mit der Höhe die Luftdichte zunehme. Schon in der 7. Klasse lernt jeder, der eine Schule besucht, dass es genau umgekehrt der Fall ist. Der Inhalt dieser AfD-Stellungna­hme zeigt also, dass zwischen beeindruck­end klingenden Studien und alarmieren­d wirkenden Schlagwort­en nur wenig Substanz steckt.

 ?? PETER HAGEN ?? Vielerorts bringen Gegner von Windkrafta­nlagen ihren Protest sichtbar zum Ausdruck, wie hier unweit des Rennsteigs bei Lichtenbru­nn.
PETER HAGEN Vielerorts bringen Gegner von Windkrafta­nlagen ihren Protest sichtbar zum Ausdruck, wie hier unweit des Rennsteigs bei Lichtenbru­nn.

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