Sachsische Zeitung (Pirna Sebnitz)
Verkehrsversuch: Keine Unfälle, aber auch nicht mehr Radfahrer
Weil ein Radweg fehlt, testet der Freistaat zwischen Bad Schandau und Sebnitz alternative Methoden. Das sind die bisherigen Ergebnisse.
Sebnitz/Bad Schandau. Fahrradpiktogramm auf der Fahrbahn, Hinweisschilder und eine herabgesetzte Höchstgeschwindigkeit künden seit Herbst 2024 vom Verkehrsversuch auf der Staatsstraße S154 zwischen Bad Schandau und dem Sebnitzer Ortsteil Altendorf. Diese Änderungen sollen für mehr Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer sorgen, so die erklärte Prämisse. Es ist ein sachsenweites Pilotprojekt, mit dem Verkehrsplaner hier in der Sächsischen Schweiz alternative Varianten für den Radverkehr testen wollen.
Zur Halbzeit des auf zwei Jahre angelegten Verkehrsversuchs hat die landeseigene Gesellschaft für Verkehrswesen und ingenieurtechnische Dienstleistungen LISt kürzlich erste Zwischenergebnisse präsentiert. Auf Basis der erhobenen Messwerte lasse sich demnach eine Verbesserung der Verkehrssituation feststellen.
Es habe sich im Jahr 2025 kein Unfall auf dem Straßenabschnitt ereignet (Wildunfälle ausgenommen), eine stichprobenhafte Analyse habe keine kritischen Begegnungen zwischen Autos und Radfahrern gezeigt.
? Wie viele Radfahrer nutzen die Strecke?
Allerdings haben die Maßnahmen bislang nicht dazu geführt, dass mehr Radfahrer auf der Strecke unterwegs sind. Bei dem Verkehrsversuch sind für Fahrradfahrer zwei parallel verlaufende Varianten ausgeschildert.
Die touristische Route verläuft über schmale Nebenstraßen (Rathmannsdorfer Straße, Zaukenweg) und ist etwas länger, dafür mit wenig Autoverkehr. Die direkte Route führt auf der Staatsstraße entlang und ist vor allem für Alltagsradfahrer gedacht.
Auf beiden Streckenvarianten waren im Durchschnitt täglich jeweils acht Radfahrer bergauf und acht Radfahrer bergab unterwegs, teilt die LISt mit. Die Werte lägen damit auf einem ähnlichen Niveau wie im vergangenen Jahr. Gezählt wurde mit Verkehrszählgeräten in Stichproben zu verschiedenen Zeitpunkten.
? Wie schnell fahren die Autos?
Eine Maßnahme, die aus Autofahrersicht für Kritik gesorgt hat, ist die reduzierte Höchstgeschwindigkeit
auf der Strecke. Auf der langen Geraden zwischen Altendorf und Bad Schandau wurde das erlaubte Tempo von 100 km/h auf 70 km/h heruntergesetzt, im kurvigen Teil oberhalb von Bad Schandau gelten jetzt 50 km/h statt vorher 70 km/h.
Gemessen wird dies mit Dialogdisplays auf der geraden Strecke, die Autofahrern dann je nach Tempo grüne oder rote Smileys anzeigen. Bergauf liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit bei 64 km/h und damit im Limit der dort erlaubten 70 km/h. Dennoch wurde hier eine Spitzengeschwindigkeit von 154 km/h gemessen.
Bergab wird die erlaubte Höchstgeschwindigkeit weit öfter überschritten. Das Durchschnittstempo liegt hier bei 79 km/h. Der schnellste Kraftfahrer raste sogar mit 219 km/h durch die Messstelle.
Insgesamt sind täglich zwischen 800 und 1000 Kraftfahrzeuge pro Fahrtrichtung auf diesem Abschnitt der Staatsstraße S154 unterwegs.
? Mit welchem Abstand überholen Autos?
Ende August wurden im Rahmen des Verkehrsversuchs auch die Abstände gemessen, mit denen Autos ein Fahrrad überholen. Dabei war ein spezielles Messfahrrad auf der Strecke unterwegs, ausgerüstet mit einem Ultraschallmessgerät. Der Mittelwert der gemessenen Überholabstände liegt bei 1,53 Meter und damit unter dem vorgeschriebenen Wert. Außerorts müssen Autos beim Überholen von Fahrrädern einen Abstand von zwei Metern einhalten.
Bei 16 Fahrten mit dem Messfahrrad wurden dabei 684 Überholmanöver registriert. Autos überholten dabei auch an Stellen, an denen es verkehrsrechtlich nicht zugelassen ist.
? Wie fallen die Reaktionen aus?
Die Reaktionen auf die bisherigen Ergebnisse fallen durchwachsen aus. Der Sebnitzer Oberbürgermeister
Ronald Kretzschmar (parteilos) zeigt sich enttäuscht. Er fordert weiterhin einen durchgehenden straßenbegleitenden Radweg zwischen Sebnitz und Bad Schandau.
Bad Schandaus Bürgermeister Thomas Kunack (WV Tourismus) führt die gemessene geringe Anzahl an Fahrradfahrern auf der touristischen Route auf den steilen Anstieg am Zaukenweg zurück. Gleichzeitig würden die Ergebnisse zeigen, dass es auf der Staatsstraße an Platz mangelt.
Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) würde einen separaten Fahrradweg ebenfalls vorziehen. Da es diesen nicht gibt, seien die aktuellen Maßnahmen besser, als nichts zu tun, erklärt Konrad Krause, ADFC-Geschäftsführer in Sachsen. Es sei der Sinn eines Verkehrsversuchs, neue Varianten in der Praxis zu testen. Wenn der Versuch zeige, dass sie nicht funktionieren, müsse man sich etwas anderes überlegen.
? Wie geht es jetzt weiter
Vorerst läuft der Verkehrsversuch unverändert weiter. Im kommenden Jahr werde es erneut Messungen und eine Bewertung geben, teilt die LISt mit. Gegen Jahresende 2026 werde man sich dann auf Basis der Ergebnisse über das weitere Vorgehen verständigen.
Ursprünglich war ein durchgehender Radweg zwischen Sebnitz und Bad Schandau vorgesehen. Für den Streckenabschnitt zwischen Bad Schandau und Altendorf wurde die Planung jedoch aus Kostengründen 2019 eingestellt. Allein der Bau einer Stützmauer auf diesem Stück hätte 2,4 Millionen Euro gekostet (Stand 2017).
Im oberen Bereich der Strecke kommt ein Radweg. Für die beiden Bauabschnitte zwischen Lichtenhain und Mittelndorf sowie Mittelndorf-Altendorf steht das Planfeststellungsverfahren kurz vor dem Abschluss. Mit einem Baubeginn ist voraussichtlich 2027 zu rechnen.