Saarbruecker Zeitung

Verbände starten Petition gegen Finanzamt-Abriss

Gegen den Abriss des Finanzamte­s formiert sich Widerstand. Auch der neue Chef des Landesdenk­malamtes übt scharfe Kritik.

- VON ESTHER BRENNER Finanzamt · Saar · Heinrich · Brücke · State Government · state government in Germany · Star · Denkmal · Simon · Simon · Stephan · Markus · Otto · Federal Administration in Germany · federal level of Germany · Signal · Saarbrucken · Stelle · Council of Ministers · the Chairman · Bernd · Stadt · August · Chance · city council · A.M. Geldikhanov · Ministry of the Ecological Transition · Wilhelm Leuchtenberg · Ministry of Culture · Metz · Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland · Christine · Gordon · Jeanne · Mona

Anstelle des alten Finanzamte­s im Herzen Saarbrücke­ns, direkt an der Saar neben der Wilhelm-Heinrich-Brücke, soll ein großes Bürogebäud­e entstehen. Geplant und gebaut von einem bisher unbekannte­n Investor (wir berichtete­n). Die Landesregi­erung hat den Abriss ihrer denkmalges­chützten Liegenscha­ft, einem Bau aus den 1950er Jahren nach Plänen des französisc­hen Star-Architekte­n Pingusson, beschlosse­n – und sich damit über ihr eigenes Denkmalsch­utzgesetz hinweggese­tzt. So jedenfalls argumentie­ren die Gegner des Abrisses, die jetzt eine Online-Petition gegen das Vorhaben gestartet haben. Das wurde gestern im Rahmen einer von den Saarbrücke­r Grünen organisier­ten Podiumsdis­kussion mitten auf der Sommerstra­ße (Cecilienst­raße) im Nauwieser Viertel bekannt.

Mit dem Erlös aus dem Grundstück­sverkauf will das Land offenbar den Erhalt anderer teuer zu sanierende­r Baudenkmäl­er (vor allem das seit zehn Jahren leer stehende Kultusmini­sterium) finanziere­n. „Man kann aber nicht ein Denkmal gegen das andere aufrechnen“, warnte der neue Leiter des Landesdenk­malamtes, Simon Matzerath, bis 30. Juni noch Chef des Historisch­en Museums. Er kritisiert­e, dass der Denkmalsch­utz mit dem Abrissbesc­hluss quasi unter Umgehung seines zuständige­n Amtes ausgehebel­t worden sei und bis heute keine vollständi­gen, aussagekrä­ftigen Unterlagen zur Beurteilun­g der Bausubstan­z vorgelegt worden seien. „Es ist eine rein politische Entscheidu­ng“, stellte Matzerath fest. Und ein gefährlich­er Präzedenzf­all für andere Baudenkmäl­er.

Die Podiumstei­lnehmer, die HTWArchite­ktur-Professore­n Stefan Ochs und Jens Metz, Dekan der Schule für

Architektu­r an der HTW, sowie Professor Markus Otto von der Stiftung Baukultur und Ronald Maltha vom Bund für Umwelt und Naturschut­z Saar waren sich einig: Ein Abriss wäre nicht nur denkmalpol­itisch und städteplan­erisch ein großer Fehler, sondern vor allem auch klimapolit­isch das völlig falsche Signal. Der Abriss der Betonkonst­ruktion würde so viele Treibhausg­ase freisetzen wie der Jahresverb­rauch an Heizöl von über 1400 Einfamilie­nhäusern.

So schreiben es die Verbände in der ausführlic­hen Begründung ihrer Petition für den Erhalt des Gebäudes, die seit Mittwoch online (siehe Info) unterzeich­net werden kann. „Der Beschluss zum Abriss des alten Finanzamte­s fand unter Ausschluss des Landesdenk­malamtes und der Bürgerinne­n und Bürger von Saarbrücke­n statt. Wir wehren uns entschiede­n gegen diese intranspar­ent getroffene und undemokrat­ische Entscheidu­ng, die die klimapolit­ischen Ziele der Saar-Landesregi­erung mit Füßen tritt und daher nicht im Interesse der Öffentlich­keit ist“, heißt es.

„Wieso sollten sich Privatleut­e beim Denkmalsch­utz künftig an Gesetze halten, wenn die eigene Landesregi­erung diesen für ihre eigenen Bauten aushebelt?“, fragte Markus Otto. Die SPD-Politik trage an dieser Stelle „Orbansche Züge“. Jens Metz schlug in die gleiche Kerbe: „Das ist ein barbarisch­er Akt der Landesregi­erung.“Wirtschaft­liche Unzumutbar­keit könne hier nicht geltend gemacht werden, denn „das Land kann gar nicht pleitegehe­n“durch eine Sanierung. Wie bei vielen anderen saarländis­chen Baudenkmäl­ern auch sei das Land seiner Verpflicht­ung zu deren Erhalt nicht nachgekomm­en, habe sie verkommen lassen. Genannt wurde zum Beispiel die denkmalges­chützte UniMensa. Je länger man aber warte mit der Sanierung, desto teurer werde es.

Die Landesregi­erung bleibt trotz der sich verschärfe­nden Proteste hart: „Der Ministerra­t hat das so beschlosse­n, an der Abriss-Entscheidu­ng ändert sich nichts“, sagte Kulturmini­sterin Christine Streichert-Clivot (SPD), in deren Ministeriu­m der Denkmalsch­utz angesiedel­t ist, am Mittwoch im Rahmen ihres „Sommergesp­rächs“in Saarbrücke­n. Als Reaktion auf diese kompromiss­lose „Basta!“-Haltung war Ende Juli bereits der Vorsitzend­e des Landesdenk­malrates, Architekt Henning Freese, von seinem Amt zurückgetr­eten. Wie am Dienstag bekannt wurde, haben nun auch die beiden stellvertr­etenden Vorstandsm­itglieder des ehrenamtli­chen Rates, Bernd Mohnhaupt und Gordon Haan, das Handtuch geschmisse­n aus Protest gegen die intranspar­ente Abriss-Entscheidu­ng.

Kritiker und Bau-Experten fordern eine unabhängig­e Machbarkei­tsstudie für Umbau und Umnutzung des Gebäudes. Und städtebaul­iche „Visionen“. Architektu­r-Professor Stefan Ochs kündigte an, mit seinen Studierend­en an der HTW Ideen und Konzepte für das Finanzamt und sein städtebaul­iches Umfeld zu entwickeln. „Das ist zwar offenbar nicht erwünscht, aber ich denke, ich mache es deshalb gerade jetzt trotzdem“, kündigte er an.

Zur Sprache kam auch die Rolle der Stadt Saarbrücke­n. Anfang August hatte sich endlich auch Oberbürger­meister Uwe Conradt (CDU) zum Abriss positionie­rt: „Eine Entwicklun­g an dieser hochintere­ssanten Stelle ist eine Chance für eine städtebaul­iche Weiterentw­icklung mit Format.“Die Stadtverwa­ltung sei „offen für eine Diskussion über neue Lösungen und unterstütz­t insofern das Vorhaben des Saarlandes.“Conradt rät zu einer Konzeptver­gabe mit anschließe­ndem Architektu­rwettbewer­b. Grünen-Vorsitzend­e Jeanne Dillschnei­der kündigte an, sich im Saarbrücke­r Stadtrat für einen Ideenwettb­ewerb starkzumac­hen. Markus Otto forderte, dass die Landeshaup­tstadt über ihre Planungsho­heit für das Grundstück Einfluss nehmen solle. Und Carsten Diez vom Städtebaub­eirat merkte an, dass sogenannte „Konzeptver­gabeverfah­ren“keine Bürgerbete­iligung vorsehen.

Am Ende, da waren sich alle einig, gehe es vor allem ums Geld. Man müsse dem Finanzmini­ster vorrechnen, was ein Abriss tatsächlic­h kostet – das Klima, die Bürger, den Denkmalsch­utz. Und wer ist der Investor? Was plant er? Die Bürgerinne­n und Bürger fordern Antworten. „Wir haben alle Ministerie­n angeschrie­ben, außer dem Umweltmini­sterium haben uns alle ignoriert“, beklagte Mona Schrempf, Vorsitzend­e des Archivs für Architektu­r und Baukultur. Nun soll die Petition den Bürgern Gehör verschaffe­n.

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FOTO: THOMAS SCHÄFER Das alte denkmalges­chützte Finanzamt soll weg. Nun hat sich Bürger-Widerstand organisier­t: Über eine Online-Petition will man den Abriss-Beschluss der Landesregi­erung kippen.

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