Verbände starten Petition gegen Finanzamt-Abriss
Gegen den Abriss des Finanzamtes formiert sich Widerstand. Auch der neue Chef des Landesdenkmalamtes übt scharfe Kritik.
Anstelle des alten Finanzamtes im Herzen Saarbrückens, direkt an der Saar neben der Wilhelm-Heinrich-Brücke, soll ein großes Bürogebäude entstehen. Geplant und gebaut von einem bisher unbekannten Investor (wir berichteten). Die Landesregierung hat den Abriss ihrer denkmalgeschützten Liegenschaft, einem Bau aus den 1950er Jahren nach Plänen des französischen Star-Architekten Pingusson, beschlossen – und sich damit über ihr eigenes Denkmalschutzgesetz hinweggesetzt. So jedenfalls argumentieren die Gegner des Abrisses, die jetzt eine Online-Petition gegen das Vorhaben gestartet haben. Das wurde gestern im Rahmen einer von den Saarbrücker Grünen organisierten Podiumsdiskussion mitten auf der Sommerstraße (Cecilienstraße) im Nauwieser Viertel bekannt.
Mit dem Erlös aus dem Grundstücksverkauf will das Land offenbar den Erhalt anderer teuer zu sanierender Baudenkmäler (vor allem das seit zehn Jahren leer stehende Kultusministerium) finanzieren. „Man kann aber nicht ein Denkmal gegen das andere aufrechnen“, warnte der neue Leiter des Landesdenkmalamtes, Simon Matzerath, bis 30. Juni noch Chef des Historischen Museums. Er kritisierte, dass der Denkmalschutz mit dem Abrissbeschluss quasi unter Umgehung seines zuständigen Amtes ausgehebelt worden sei und bis heute keine vollständigen, aussagekräftigen Unterlagen zur Beurteilung der Bausubstanz vorgelegt worden seien. „Es ist eine rein politische Entscheidung“, stellte Matzerath fest. Und ein gefährlicher Präzedenzfall für andere Baudenkmäler.
Die Podiumsteilnehmer, die HTWArchitektur-Professoren Stefan Ochs und Jens Metz, Dekan der Schule für
Architektur an der HTW, sowie Professor Markus Otto von der Stiftung Baukultur und Ronald Maltha vom Bund für Umwelt und Naturschutz Saar waren sich einig: Ein Abriss wäre nicht nur denkmalpolitisch und städteplanerisch ein großer Fehler, sondern vor allem auch klimapolitisch das völlig falsche Signal. Der Abriss der Betonkonstruktion würde so viele Treibhausgase freisetzen wie der Jahresverbrauch an Heizöl von über 1400 Einfamilienhäusern.
So schreiben es die Verbände in der ausführlichen Begründung ihrer Petition für den Erhalt des Gebäudes, die seit Mittwoch online (siehe Info) unterzeichnet werden kann. „Der Beschluss zum Abriss des alten Finanzamtes fand unter Ausschluss des Landesdenkmalamtes und der Bürgerinnen und Bürger von Saarbrücken statt. Wir wehren uns entschieden gegen diese intransparent getroffene und undemokratische Entscheidung, die die klimapolitischen Ziele der Saar-Landesregierung mit Füßen tritt und daher nicht im Interesse der Öffentlichkeit ist“, heißt es.
„Wieso sollten sich Privatleute beim Denkmalschutz künftig an Gesetze halten, wenn die eigene Landesregierung diesen für ihre eigenen Bauten aushebelt?“, fragte Markus Otto. Die SPD-Politik trage an dieser Stelle „Orbansche Züge“. Jens Metz schlug in die gleiche Kerbe: „Das ist ein barbarischer Akt der Landesregierung.“Wirtschaftliche Unzumutbarkeit könne hier nicht geltend gemacht werden, denn „das Land kann gar nicht pleitegehen“durch eine Sanierung. Wie bei vielen anderen saarländischen Baudenkmälern auch sei das Land seiner Verpflichtung zu deren Erhalt nicht nachgekommen, habe sie verkommen lassen. Genannt wurde zum Beispiel die denkmalgeschützte UniMensa. Je länger man aber warte mit der Sanierung, desto teurer werde es.
Die Landesregierung bleibt trotz der sich verschärfenden Proteste hart: „Der Ministerrat hat das so beschlossen, an der Abriss-Entscheidung ändert sich nichts“, sagte Kulturministerin Christine Streichert-Clivot (SPD), in deren Ministerium der Denkmalschutz angesiedelt ist, am Mittwoch im Rahmen ihres „Sommergesprächs“in Saarbrücken. Als Reaktion auf diese kompromisslose „Basta!“-Haltung war Ende Juli bereits der Vorsitzende des Landesdenkmalrates, Architekt Henning Freese, von seinem Amt zurückgetreten. Wie am Dienstag bekannt wurde, haben nun auch die beiden stellvertretenden Vorstandsmitglieder des ehrenamtlichen Rates, Bernd Mohnhaupt und Gordon Haan, das Handtuch geschmissen aus Protest gegen die intransparente Abriss-Entscheidung.
Kritiker und Bau-Experten fordern eine unabhängige Machbarkeitsstudie für Umbau und Umnutzung des Gebäudes. Und städtebauliche „Visionen“. Architektur-Professor Stefan Ochs kündigte an, mit seinen Studierenden an der HTW Ideen und Konzepte für das Finanzamt und sein städtebauliches Umfeld zu entwickeln. „Das ist zwar offenbar nicht erwünscht, aber ich denke, ich mache es deshalb gerade jetzt trotzdem“, kündigte er an.
Zur Sprache kam auch die Rolle der Stadt Saarbrücken. Anfang August hatte sich endlich auch Oberbürgermeister Uwe Conradt (CDU) zum Abriss positioniert: „Eine Entwicklung an dieser hochinteressanten Stelle ist eine Chance für eine städtebauliche Weiterentwicklung mit Format.“Die Stadtverwaltung sei „offen für eine Diskussion über neue Lösungen und unterstützt insofern das Vorhaben des Saarlandes.“Conradt rät zu einer Konzeptvergabe mit anschließendem Architekturwettbewerb. Grünen-Vorsitzende Jeanne Dillschneider kündigte an, sich im Saarbrücker Stadtrat für einen Ideenwettbewerb starkzumachen. Markus Otto forderte, dass die Landeshauptstadt über ihre Planungshoheit für das Grundstück Einfluss nehmen solle. Und Carsten Diez vom Städtebaubeirat merkte an, dass sogenannte „Konzeptvergabeverfahren“keine Bürgerbeteiligung vorsehen.
Am Ende, da waren sich alle einig, gehe es vor allem ums Geld. Man müsse dem Finanzminister vorrechnen, was ein Abriss tatsächlich kostet – das Klima, die Bürger, den Denkmalschutz. Und wer ist der Investor? Was plant er? Die Bürgerinnen und Bürger fordern Antworten. „Wir haben alle Ministerien angeschrieben, außer dem Umweltministerium haben uns alle ignoriert“, beklagte Mona Schrempf, Vorsitzende des Archivs für Architektur und Baukultur. Nun soll die Petition den Bürgern Gehör verschaffen.