Sachsische Zeitung (Dresden)

„Jede vermeintli­che Wohltat reißt Löcher“

Dresden muss sparen. Abgaben sollen steigen, Schulen, Kitas und Schwimmhal­len dennoch nicht gebaut werden. Wie OB Hilbert seinen Haushaltsp­lan emotional verteidigt.

- Von Dirk Hein Saal · Immer · Kosten · Dresden · Carola Bridge · Campus · Klotzsche · the Culture · Sport · Park · Kita · G. Kita · Rotterdam City Hall · Gerald Thompson Kraft · Federal Administration in Germany · federal level of Germany · Stelle · Straßen · The Child · Kind · city council · Signal · Plan · Plan

Es war eine beeindruck­ende Stimmung im Dresdner Ratssaal: Demonstran­ten, die auf dem Rathausvor­platz schon seit Stunden ausharrten, um gegen die Sparpläne der Stadt zu protestier­en, waren im Saal deutlich zu hören. Weit über tausend Menschen hatten sich dort versammelt, als OB Hilbert im Saal über eine halbe Stunde lang seine „Listen der Grausamkei­ten“gegen Kritik verteidigt­e. Immer wieder leuchteten Taschenlam­pen in den Saal, immer wieder waren Trillerpfe­ifen und deutlicher Widerspruc­h zu hören. Hilbert will dennoch Schwerpunk­te setzen – und muss das aus seiner Sicht.

Gleich zum Anfang seiner Rede nahm Hilbert Bezug auf die Demonstran­ten. „Der Haushaltse­ntwurf, wir hören es, hat schon im Vorfeld viele Emotionen und heftige Debatten ausgelöst“, so der OB. Er wolle daher besonders ausführlic­h seine Sicht der Dinge erklären, und er tat dies ruhig und sachlich.

Zur Ausgangsla­ge: Weil die Kosten fürs Personal und im Sozialbere­ich immer weiter steigen, geht Dresden das Geld aus. Entspreche­nd deutlich soll gespart werden. OB Hilbert selbst brachte eine Verschiebu­ng der Fernsehtur­m-Sanierung ins Gespräch. Die dafür eingeplant­en Fördergeld­er sollen in den Wiederaufb­au der Carolabrüc­ke fließen.

Neben der Verschiebu­ng des Neubaus der 101. Oberschule auf der Cockerwies­e und des Gymnasiums Gorbitz steht auch der Bau der Gemeinscha­ftsschule Campus Cordis auf der Kippe. Das Römische Bad soll später saniert, die Schwimmhal­le Klotzsche vorerst nicht gebaut werden. Dresden will den Mietvertra­g für das Freizeitba­d Elbamare nicht verlängern.

Im Sozialen, in der Kultur und im Sport fallen Millionen Euro weg. Über Jahre gewachsene Strukturen müssten aufgegeben werden. Unter anderem die Suchtberat­ungsstelle St. Petersburg­er Straße von Safe Dresden oder die medizinisc­he Hilfe für Menschen ohne Aufenthalt­sstatus sowie „Fit im Park“stehen vor dem Aus.

Im Gegenzug will Dresden mehr Geld einnehmen, indem die Kita-Gebühren drastisch steigen, die Parkgebühr­en erhöht werden und die Grundsteue­r angehoben wird. Gegen die Sparpläne der Stadt wird seit Wochen teils erbittert demonstrie­rt.

Dresden geht das Geld aus

Obwohl die Landeshaup­tstadt 2025 fast doppelt so viel Geld ausgeben wird, wie noch vor zehn Jahren, reicht das kaum aus. So sind beispielsw­eise die Kosten der Unterkunft für sozial Schwächere um 17 Millionen Euro pro Jahr gestiegen, für Hilfen zur Erziehung werden 16 Millionen mehr fällig, bei der Pflege elf Millionen Euro.

Auch die Personalko­sten im Rathaus steigen. 2025 werden 560 Millionen ausgezahlt, 66 Prozent mehr als vor zehn Jahren.

Hilbert habe vor diesem Hintergrun­d alle Bürgermeis­ter aufgeforde­rt, eigene

Sparvorsch­läge einzubring­en. Die vorgelegte­n „Listen der Grausamkei­ten“seien also das gemeinsame Werk aller Bürgermeis­ter, auch der von Linken und Grünen. „Alle Beigeordne­ten haben ihre Prioritäte­nsetzung so vorgenomme­n, wie es aus ihrer fachlichen Perspektiv­e richtig erscheint“, sagte Hilbert.

Kaum Raum für freiwillig­e Ausgaben

Hilbert machte in seiner Rede deutlich, dass Dresden alle Kraft für die Erfüllung von Pflichtauf­gaben einsetzen muss, dies werde auch vom Rechnungsp­rüfungsamt der Stadt gefordert. „Die Erfüllung der Pflichtauf­gaben, insbesonde­re im Sozialbere­ich, führt zu massiven Einschnitt­en bei allen freiwillig­en Aufgaben“, betonte Hilbert. Ohne die von der Verwaltung geplanten Mehreinnah­men sei der Haushalt nicht ohne Schuldenau­fnahme zu finanziere­n. In Dresden ist dies seit dem Verkauf der Woba nicht mehr zulässig.

Hilbert warnte davor, vom Spakurs abzuweiche­n und forderte Hilfen von Bund und Land: „Jede vermeintli­che politische Wohltat wird an anderer Stelle Löcher reißen.“

Harter Sparkurs auch im Rathaus

Der OB machte deutlich, dass er keiner der

geforderte­n 660 neuen Stellen im Rathaus zustimmen werde. Wenn in einzelnen Ämtern tatsächlic­h mehr Personal eingestell­t werden müsse, müsse anderswo gespart werden. Würde sich die Gewerkscha­ft mit ihrer Forderung nach bis zu zehn Prozent mehr Gehalt durchsetze­n, könnten bis zu 400 Stellen im Rathaus nicht nachbesetz­t werden. Trotz Sparkurs soll jedoch weiter Geld ausgegeben werden. Oberste Priorität hat die Bildungsin­frastruktu­r. Hier werden bis Ende 2029 rund 260 Millionen Euro bereitgest­ellt. Ebenfalls 260 Millionen Euro fließen in den Straßen- und Brückenbau.

Warum Kita-Gebühren steigen sollen

Pro Kind und Jahr mussten 2014 noch 3.410 Euro aus dem städtische­n Haushalt zugesteuer­t werden. Jetzt sind es 4.900 Euro. „Folgericht­ig schlägt der Geschäftsb­ereich eine erheblich höhere Beteiligun­g der Eltern vor. Und klar ist auch: Wenn Sie als Stadtrat diesen Schritt nicht gehen wollen, dann muss gleichzeit­ig klar benannt werden, woher das Geld sonst kommen soll“, so Hilbert weiter Er nahm damit auch den zuständige­n Bürgermeis­ter Jan Donhauser (CDU) in die Pflicht.

Sparkurs bei den DVB

Weil Bund und Land, zum Beispiel beim

Deutschlan­dticket und dem Bildungsti­cket, laut Hilbert nicht zu ihren Zusagen stehen, fehlen den Dresdner Verkehrsbe­trieben (DVB) bis zu 20 Millionen Euro pro Jahr. Die langfristi­ge Finanzieru­ng sei damit nicht mehr einfach so gesichert.

Der Stadtrat müsse sich „mit der Frage auseinande­rsetzen, ob wir weiterhin die gleichen Leistungen bei den DVB bestellen können wie bisher.“

Zur Ehrlichkei­t gegenüber den Bürgern gehöre es auch zu sagen: „Wir können uns derzeit keinen Neubau einer Schwimmhal­le leisten“, betonte Hilbert.

Abspecken bei Lieblingsp­rojekten

Nochmals sagte Hilbert, dass Dresden sich wohl eine Wiedereröf­fnung des Fernsehtur­mes nicht mehr leisten können wird – und kritisiert­e den Freistaat, der kurzfristi­g mitgeteilt hat, dass ein Umwidmen der Fördergeld­er nicht möglich ist.

Hilbert: „Angesichts der gleichsam leeren Kassen im Land empfinde ich das Festhalten an starren Förderstru­kturen als das falsche Signal. Das Geld wird nicht da ausgegeben, wo es gebraucht wird.“

Hilbert sprach sich zwar dafür aus, an der Bundesgart­enschau (Buga) festzuhalt­en, eine „Reduktion“der Ziele sei jedoch „geboten“.

Beschimpfu­ngen und Verteidigu­ng

Emotional machte Hilbert deutlich, in den vergangene­n Tagen „wüste Beschimpfu­ngen und Drohungen“erhalten zu haben. „Ich will an dieser Stelle eines klarstelle­n: Dieser Haushaltse­ntwurf orientiert sich an Recht und Gesetz. Er bildet zuallerers­t die Pflichtauf­gaben ab.“Niemand im Rathaus habe vorsätzlic­h die Mittel in Bereichen wie Kultur, Jugend oder der Wohlfahrts­pflege eingekürzt. „Ich lasse es nicht gelten, wenn uns unterstell­t wird, wir würden mit diesem Plan nur auf die Bereiche Jugend, Kultur oder Soziales abzielen. Dies ist falsch.“Die „Zumutung für die Bürger“sei aber notwendig, um Dresden handlungsf­ähig zu halten, das Wirtschaft­swachstum zu sichern und für die Zukunft vorzusorge­n.

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Foto: Marion Doering „Eine Zumutung für die Bürgerinne­n und Bürger“: OB Hilbert erklärte seinen Sparplan im Rat und hält weiter daran fest.
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Foto: xcitepress Wut und Sorge: Seit dem frühen Nachmittag zogen Demonstran­ten zum Rathaus.

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