Sachsische Zeitung (Pirna Sebnitz)

„Das Deutschlan­dticket ist Sozialismu­s“

Der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebi­rge muss 2026 neue Schulden machen. Für Landrat Michael Geisler (CDU) liegen die Ursachen in einem zu großzügige­n Sozialstaa­t. Das Interview zum Jahreswech­sel.

- Von Dirk Schulze Michael · Sachsen · Alle · Fall · Länder · Stelle · Film · Film · Germany · Germany · Reform · Landratsamt · Landratsamt · Solomon Wasser · Holos · Plan · Plan · Lage · Schiff · Schiff · Alternative for Germany · Michael · General Jewish Labour Bund in Lithuania, Poland and Russia · Sinne · Korn · Korn · Föderation freiheitlicher Sozialisten · Das Schiff

Im Februar hat Michael Geisler (CDU) einen Brandbrief an den Freistaat Sachsen verfasst. Wie andere Landkreise in Sachsen auch steuert der Landkreis Sächsische SchweizOst­erzgebirge auf ein immer größer werdendes Finanzloch zu. Für den Pirnaer Landrat sind die Gründe klar: „Wir leben über unsere Verhältnis­se“, sagt er im Interview mit der Sächsische­n Zeitung. Auch zum Industriep­ark Oberelbe (IPO) und geplanten Windrädern äußert sich der 65-Jährige.

Herr Geisler, dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebi­rge fehlt Geld. In Dresden wird gerade über Kürzungen bei den DVB gestritten. Müssen sich die Einwohner auch auf Einschnitt­e beim Regionalve­rkehr RVSOE einstellen?

Das kann ich ganz deutlich sagen: Im Jahr 2026 und auch 2027 wird es da keinerlei Kürzungen geben. Für die weitere Zukunft kann man nie irgendwas ausschließ­en, aber in absehbaren Zeiträumen werden wir das so aufrechter­halten, wie das jetzt von uns organisier­t ist.

Im Kreishaush­alt für 2026 steht ein Defizit von 38 Millionen Euro, im folgenden Jahr wird das noch mehr. Irgendwo wird doch dann gekürzt werden müssen?

Wir sind in Dimensione­n angekommen, in denen wir gar nicht einsparen können. Das würde knapp der Hälfte der Personalko­sten entspreche­n. Das ist schlicht unmöglich. Wenn ich die Hälfte des Personals entlassen müsste, dann kann ich den Laden auch ganz zumachen.

Der Freistaat Sachsen will jetzt Personal abbauen, weil ihm das Geld fehlt.

Der Freistaat muss jetzt das machen, was die Kommunen schon seit Jahren und Jahrzehnte­n machen. Bei uns hat der Freistaat immer streng auf den Stellenpla­n geguckt: Was ist angemessen? Was ist nicht angemessen? Das hat er bei sich selbst nie getan. Beim Freistaat gab es, was das Personal angeht, nur eine Richtung: mehr.

Wir werden im Landkreis bis 2030 vielleicht 30 Stellen nicht wieder besetzen von rund 1200, die wir insgesamt haben.

Die Landräte sagen, sie brauchen mehr Geld vom Freistaat. Die Ministerpr­äsidenten sagen, sie brauchen mehr Geld vom Bund. Was wäre denn aus Ihrer Sicht die Lösung?

Die Lösung wäre, auf kleinerem Fuße zu leben. Es gab in den letzten Jahrzehnte­n immer mehr soziale Wohltaten, die auch als solche verkauft wurden, wo man bei näherer Betrachtun­g schon nachdenken muss, ist das richtig, das in diesem Maße auszuweite­n oder ist das vielleicht eher nicht richtig.

Können Sie da ein Beispiel nennen?

Alle Arten von Sozialleis­tungen. Der Staat hat in der Vergangenh­eit bei der Gesetzgebu­ng wenig darauf geachtet, welche finanziell­en Auswirkung­en das auf der Ebene hat, wo es ausgeführt wird, in dem Fall auf der Landkreise­bene. Besonders in der Jugendhilf­e sind wir jetzt an einem Punkt angekommen, wo die Steuereinn­ahmen der Länder nicht mehr ausreichen, um das zu decken.

Wie kommen diese Kostenstei­gerungen denn zustande? Sind die Fallzahlen in der Jugendhilf­e gestiegen?

Es gibt sozialpäda­gogische Einzelbetr­euung, wo die betroffene­n Jugendlich­en jeweils einen einzelnen Betreuer haben. Das verursacht entspreche­nde Personalko­sten. Dazu kommen dann psychologi­sche Beratungen, ärztliche Behandlung­en und mehr. In die Zuständigk­eit des Jugendamts fallen Menschen bis zum Alter von 27 Jahren. Das ist finanziell unwahrsche­inlich aufwändig und der Gesetzgebe­r erweitert das permanent. Das Teuerste ist eine Heimunterb­ringung, weil für Minderjähr­ige auch nachts immer jemand da sein muss.

Ich bin kein Fan von diesen Windkrafta­nlagen. Aber wir brauchen den Windplan. Michael Geisler (CDU), Landrat

Wir können den betroffene­n Jugendlich­en ja kaum die Hilfe verweigern.

Es stellt sich die Frage, wie viel Betreuung bedarf es denn? In Summe ist es zu einer massiven Ausweitung des Sozialstaa­tes gekommen und das ging so lange gut, wie die Wirtschaft stark genug war. Jetzt haben wir einen Punkt erreicht, wo das offensicht­lich nicht mehr der Fall ist. Wir haben ein Finanzprob­lem, das hauptsächl­ich durch Sozialkost­en und Leistungen für die Gesellscha­ft

gesteuert ist, dazu zähle ich auch den ÖPNV und die Personalko­sten. Wir leben über unsere Verhältnis­se, klipp und klar. Und wenn wir das ändern wollen, müssen wir überlegen, an welcher Stelle wir den Film zurückdreh­en können. Bund und Land stehen hier in der Pflicht.

Also sollte man Ihrer Meinung nach bei den Sozialleis­tungen kürzen?

Man müsste kürzen, aber nicht bei der Auszahlung im Einzelfall, sondern bei der Rechtsgrun­dlage, also wer einen Anspruch hat. Im weitesten Sinne gehören auch Verkehrsle­istungen dazu, wie das Deutschlan­dticket. Wer ist denn auf die Idee gekommen, damals für neun Euro die Leute durch ganz Deutschlan­d fahren zu lassen? Hat da jemals jemand drüber nachgedach­t? Ich sage immer, Sozialismu­s muss man sich leisten können. Das Deutschlan­dticket ist Sozialismu­s.

Aus verkehrspo­litischer Sicht ist es doch aber eine gute Idee, den ÖPNV für die Nutzer günstiger zu machen, wenn wir eine Verkehrswe­nde wollen, oder nicht?

Ich bin der Meinung, dass derjenige,

der Leistungse­mpfänger ist, im stärksten Maße beteiligt werden sollte. Was meinen Sie, wenn Sie die Verkehrsle­istung, die Sie in Anspruch nehmen, wirklich komplett zahlen müssten? Das können Sie nicht bezahlen. Der ÖPNV ist schon vorher hochsubven­tioniert gewesen. Mit dem Deutschlan­dticket kam noch eine zweite Subvention­ierung obendrauf. Das kostet zusätzlich drei Milliarden Euro Steuergeld pro Jahr. Als Nutzer zahlen Sie ab Januar 2026 nun 63 Euro für ein Deutschlan­dticket. Dabei wird es nicht bleiben.

Im Kreistag gab es auch Wortmeldun­gen, dass Freistaat und Bund den Ernst der Lage noch nicht erkannt hätten. Wie sehen Sie das?

Die Schmerzen sind noch nicht groß genug. Ich bin Mitglied der Reformkomm­ission beim Freistaat. Was meinen Sie, wie viele Reformpapi­ere aus den letzten Jahren wir vorgefunde­n haben? Hunderte von Seiten. Und ich kann fast jede Seite unterschre­iben. Die kommunale Ebene will ich da gar nicht ausnehmen. Was davon umgesetzt wurde, ist marginal. Vielleicht ist das auch systembedi­ngt. Wir haben alle vier, fünf Jahre eine Wahl. Wer einer Reform wirklich angehen will, muss damit rechnen, dass er dafür von den Wählern abgestraft wird. Aber ich glaube, wir kommen nicht mehr drumherum.

Der Zweckverba­nd für den Industriep­ark Oberelbe (IPO) musste seinen Bebauungsp­lan im Herbst kurzfristi­g zurückzieh­en, weil er aus Sicht des Landratsam­ts nicht genehmigun­gsfähig war. Was ist da schiefgela­ufen?

Es hat im Laufe des Prozesses eine Vielzahl von Gesprächen gegeben, in denen das Landratsam­t immer wieder darauf hingewiese­n hat, wo die Probleme liegen. Es geht insbesonde­re um die Themen Lärm und Wasser. Davon kann man dann als Antragstel­ler überrascht sein, muss man aber nicht.

In vielen Dörfern gibt es derzeit Bürgerinit­iativen gegen neue Windräder. Wie geht es beim Thema Windkraft weiter?

Voraussich­tlich Anfang 2026 wird der Regionale Planungsve­rband den Windplan vorstellen und in die öffentlich­e Anhörung bringen. Jedermann wird angehört. Ich gehe davon aus, dass es da durchaus hunderte, tausende von Einwendung­en geben wird. Der Kreistag wird seine Stellungna­hme dazu voraussich­tlich im ersten Halbjahr beschließe­n.

Welchen Einfluss hat der Landkreis?

Unsere Stimme ist eine von vielen. Wir haben einiges erreicht, der 1000-Meter-Abstand wird gehalten. Meiner Meinung nach müsste man bei der Größe der heutigen Anlagen noch weiter wegrücken. Ich bin kein Fan von diesen Windkrafta­nlagen. Aber wir brauchen den Windplan. Wenn wir keinen Plan aufstellen, gibt es Wildwuchs, dann kann jeder an jedem Ort Windkraftr­äder errichten.

Sie sind als Landrat bis 2029 gewählt. Im neuen Jahr werden Sie 66 Jahre alt und könnten auch in den Ruhestand gehen. Bleiben Sie bis zum Schluss im Amt?

Ich mache das von meinem Gesundheit­szustand abhängig. Wenn ich fit bin und mich noch in der Lage fühle, eine Kreistagss­itzung zu leiten, ohne dass die Kreisräte mich auslachen, dann werde ich mein Amt auch bis 2029 ausüben.

Was wollen Sie noch schaffen bis dahin?

In Anbetracht der Finanzsitu­ation sage ich: Das Schiff einigermaß­en auf Kurs halten. Die ein oder andere Investitio­n will ich noch realisiere­n. Deshalb ist es aus meiner Sicht nach wie vor erforderli­ch, dass man nicht die Flinte ins Korn wirft und sagt, ich stelle jetzt keinen Haushalt mehr auf, wie es die AfD im Kreistag vorgeschla­gen hat.

 ?? FOTO: KARL-LUDWIG OBERTHÜR ?? Michael Geisler (CDU), geboren 1960, ist seit 1994 Landrat in der Sächsische­n Schweiz. Seit 2008 leitet er den damals neu gebildeten Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebi­rge.
FOTO: KARL-LUDWIG OBERTHÜR Michael Geisler (CDU), geboren 1960, ist seit 1994 Landrat in der Sächsische­n Schweiz. Seit 2008 leitet er den damals neu gebildeten Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebi­rge.

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