Sachsische Zeitung (Hoyerswerda)
Wie Dresdens Musikhochschule Städte zum Klingen bringt
Prasselnder Regen, wispernde Stimmen – Studierende aus Salzburg, Bern und Dresden präsentieren Neukompositionen im Rahmen von „Different Cities“.
Ein Triptychon aus blinkenden E-rollern und eine rauchende Hannah Arendt flimmern über den Köpfen der Studierenden im Konzertsaal der Hochschule für Musik (HFM) Dresden. Am 8. April führen die Orchestermusiker neue Kompositionen des Projekts „Different Cities“mit Visualisierungen auf. Im Rahmen des internationalen Masterstudiengangs Neue Musik kommen sie aus Dresden und der Universität Mozarteum Salzburg sowie der Hochschule der Künste Bern zusammen.
Dicht nebeneinander prasseln zierliche und doch zielgerichtete Regentropfen auf den Boden. Als solches entlarvt sich das Klangbett des Orchesters, dem ein freitonaler Gesang zur Seite tritt und sich auf der Leinwand eine Flusskulisse eröffnet. Es bahnt sich die Wehklage der Natur an, die von Hannah Arendt abgelöst wird.
„Unparteiisch“ist das Schlüsselwort der Theoretikerin und Martin Heidegger verlautbart „Barbaren“. Schon geht es los: heftiges und lautes Gitarren-gezeter, erneut gefolgt von dem Stillleben der Natur. Wohlbemerkt spiegelverkehrt, als wäre nichts geschehen, und weibliche
Stimmen setzen Choral an.
Fernando Strasnoy, dessen Werk „What are we saying by that” in Dresden zur deutschen Erstaufführung kommt, spricht eine feine Sprache. Der Argentinier komponiert dokumentarische Schnipsel zu einer filmischen Collage, auch seine Musik enthält viele Ebenen. Freitonal wie melodisch überzeugt er mit „politischer“Aussagekraft. Gedankenimpulse kreisen punktiert zwischen Gesehenem und Musikalischem. 2024 erhielt er den Short Opérettes-preis (Ensemble Multilatérale/mozarteum Salzburg).
Weniger spektakulär ist „Synchroncity“von der Australierin Bridget Bourne. Zwanzig monotone und folglich ermüdende Minuten. Sie paart nächtliche Großstadtgeräusche mit blinkenden Lichtern. Nach den ersten Minuten kennt sich das Ohr aus. Summierungen von Instrumentengruppen deuten mehrfach, leider vergeblich, das Ende der Komposition an.
Im Gedächtnis bleibt jedoch etwas anderes, nämlich ein Fahrradfahrer. Er fährt bei Regen auf (wer hätte es für möglich gehalten) eine Ampel zu und bremst. Grandios, wie eine Streicherin den schmierigen Untergrund und das Abbremsen
zum
gregorianischen würdigt. Lob an den Dirigenten Francisco José Morais Fernandes, der das Orchester exakt mit den Videos zusammenführt.
Viel entzückender ist „Tableau Vivant – A regular Sunday Evening” von der Schweizerin Cecilia Denore Lopez. Besser könnte eine Vorlage für eine absurde Kammeroper nicht sein. Vier Protagonisten sind im Vordergrund Teil der Percussion. Dirigent Fernandes übernimmt den Auftakt vor einem Frisiertisch mit dem Öffnen der Handcremetube. Hinzu kommen Strasnoy im Sessel beim Umblättern von Seiten, Bourne beim Mehlsieben und Lopez beim Legen von Spielkarten auf einen Wohnzimmertisch.
Im Hintergrund tönt es, als wolle eine wabernde Wand die Geschehnisse aufmerksam beäugen. Im Hintergrund wispern Stimmen mehrsprachig. Die ganze Komposition zielt darauf ab, dass einer der Protagonisten sogleich zu singen beginnt. Und siehe da, die Erlösung: Aus dem Genuschel tritt eine phrasenhafte Singstimme hervor, die für die Bäckerin steht. Die Protagonisten wenden sich zu ihr und wiederholen ihre Handlungen im Stopmotion Stil. Der Abend animiert dazu, Alltagsgeräuschen mehr Respekt zu zollen.