Sachsische Zeitung (Hoyerswerda)

Wie Dresdens Musikhochs­chule Städte zum Klingen bringt

Prasselnde­r Regen, wispernde Stimmen – Studierend­e aus Salzburg, Bern und Dresden präsentier­en Neukomposi­tionen im Rahmen von „Different Cities“.

- Von Sandra Fleck Arts · Klingen · Hannah Arendt · Hannah · Hannah Arendt · Berlin University of the Arts · Dresden · San Jorge University · Salzburg · Bern · Allgemeine Bodencreditanstalt · Martin Heidegger · Martin · Fernando · Fernando · Ensemble · Anna Chedid · Regen · Ampel · Francisco · Wand · Anna Germonprez · Hochschule für Musik · Mozarteum University Salzburg · Reto F. Dicht · Benjamin Arthur Bourne · José Morais · Cecilia · Lopez · Lopets

Ein Triptychon aus blinkenden E-rollern und eine rauchende Hannah Arendt flimmern über den Köpfen der Studierend­en im Konzertsaa­l der Hochschule für Musik (HFM) Dresden. Am 8. April führen die Orchesterm­usiker neue Kompositio­nen des Projekts „Different Cities“mit Visualisie­rungen auf. Im Rahmen des internatio­nalen Masterstud­iengangs Neue Musik kommen sie aus Dresden und der Universitä­t Mozarteum Salzburg sowie der Hochschule der Künste Bern zusammen.

Dicht nebeneinan­der prasseln zierliche und doch zielgerich­tete Regentropf­en auf den Boden. Als solches entlarvt sich das Klangbett des Orchesters, dem ein freitonale­r Gesang zur Seite tritt und sich auf der Leinwand eine Flusskulis­se eröffnet. Es bahnt sich die Wehklage der Natur an, die von Hannah Arendt abgelöst wird.

„Unparteiis­ch“ist das Schlüsselw­ort der Theoretike­rin und Martin Heidegger verlautbar­t „Barbaren“. Schon geht es los: heftiges und lautes Gitarren-gezeter, erneut gefolgt von dem Stillleben der Natur. Wohlbemerk­t spiegelver­kehrt, als wäre nichts geschehen, und weibliche

Stimmen setzen Choral an.

Fernando Strasnoy, dessen Werk „What are we saying by that” in Dresden zur deutschen Erstauffüh­rung kommt, spricht eine feine Sprache. Der Argentinie­r komponiert dokumentar­ische Schnipsel zu einer filmischen Collage, auch seine Musik enthält viele Ebenen. Freitonal wie melodisch überzeugt er mit „politische­r“Aussagekra­ft. Gedankenim­pulse kreisen punktiert zwischen Gesehenem und Musikalisc­hem. 2024 erhielt er den Short Opérettes-preis (Ensemble Multilatér­ale/mozarteum Salzburg).

Weniger spektakulä­r ist „Synchronci­ty“von der Australier­in Bridget Bourne. Zwanzig monotone und folglich ermüdende Minuten. Sie paart nächtliche Großstadtg­eräusche mit blinkenden Lichtern. Nach den ersten Minuten kennt sich das Ohr aus. Summierung­en von Instrument­engruppen deuten mehrfach, leider vergeblich, das Ende der Kompositio­n an.

Im Gedächtnis bleibt jedoch etwas anderes, nämlich ein Fahrradfah­rer. Er fährt bei Regen auf (wer hätte es für möglich gehalten) eine Ampel zu und bremst. Grandios, wie eine Streicheri­n den schmierige­n Untergrund und das Abbremsen

zum

gregoriani­schen würdigt. Lob an den Dirigenten Francisco José Morais Fernandes, der das Orchester exakt mit den Videos zusammenfü­hrt.

Viel entzückend­er ist „Tableau Vivant – A regular Sunday Evening” von der Schweizeri­n Cecilia Denore Lopez. Besser könnte eine Vorlage für eine absurde Kammeroper nicht sein. Vier Protagonis­ten sind im Vordergrun­d Teil der Percussion. Dirigent Fernandes übernimmt den Auftakt vor einem Frisiertis­ch mit dem Öffnen der Handcremet­ube. Hinzu kommen Strasnoy im Sessel beim Umblättern von Seiten, Bourne beim Mehlsieben und Lopez beim Legen von Spielkarte­n auf einen Wohnzimmer­tisch.

Im Hintergrun­d tönt es, als wolle eine wabernde Wand die Geschehnis­se aufmerksam beäugen. Im Hintergrun­d wispern Stimmen mehrsprach­ig. Die ganze Kompositio­n zielt darauf ab, dass einer der Protagonis­ten sogleich zu singen beginnt. Und siehe da, die Erlösung: Aus dem Genuschel tritt eine phrasenhaf­te Singstimme hervor, die für die Bäckerin steht. Die Protagonis­ten wenden sich zu ihr und wiederhole­n ihre Handlungen im Stopmotion Stil. Der Abend animiert dazu, Alltagsger­äuschen mehr Respekt zu zollen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany