Wolfsburger Nachrichten (Wolfsburg-Gifhorn)
Schauerstück im Braunschweiger Schloss
Die Gruppe Stör & Fried spielt „Die Legende von Sleepy Hollow“scharf konturiert. Sie ist eine von zwei aktiven TU-Theatergruppen.
Michael Völkel
Braunschweig. Seine Träume in der ersten Nacht in Sleepy Hollow sind gruselig und wirr. Der größte Schreck ist für Schulmeister Ichabod Crane, als eine weiß gekleidete Frau langsam rückwärts läuft, untermalt von schaurigem Geigengekratze. Plötzlich realisiert er: Das Geigenspiel ist echt. Sein Schlafraum ist gleichzeitig das Klassenzimmer. Schülerin Maitje spielt immer morgens um acht das Startsignal, weil sie als einzige die Uhr lesen kann.
So beginnt eine große Herausforderung: Sein Vorgänger ist verschwunden. Nun soll Crane im Jahr 1820 in dem abgelegenen Dorf in New York State Bildung vermitteln. Der Kutscher hatte ihn eindringlich gewarnt: Der Ort sei verzaubert. „Alle bewegen sich wie im Traum, und es wimmelt von Hexen und bösen Geistern.“Der erste Eindruck ist dann tatsächlich heftig. Scheinbar gab es ein Gemetzel. Vier Dorfbewohner liegen reglos da. Aber nicht lange. Es ist nur Show: „Unser Empfangskomitee.“
Das Theater Stör & Fried probiert im 20. Jahr seines Bestehens mal wieder etwas ganz anderes aus. Die studentische Vereinigung der TU Braunschweig kombiniert im Roten Saal des Schlosses Spuk und Humor. „Die Legende von Sleepy Hollow“stammt ursprünglich von Washington Irving. Der Dramatiker Philipp Löhle hat die 1820 erschienene Kurzgeschichte nun fürs Theater adaptiert, mit alternativem Ende.
Schreck erzeugen mit einfachen Mitteln
Die Braunschweiger Inszenierung unter Regie von Jonas Sander (dem Kutscher) und Johannes Krüger jagt überwiegend mit einfachen Mitteln effiziente Schrecken ein, etwa durch Schreie, Auftritte, die zusammenzucken lassen, sowie Licht und Sound. Es ist sonderbar in Sleepy Hollow. Alle Mitwirkenden gewinnen durch ihr Outfit, ihre Bewegungen und ihre Art zu sprechen schnell an Kontur. Besonders einprägsam ist Julia Engelhardt als etwas verpeilter, irre lachender Ickebin Niemand. Kolja Löblich agiert markant als tonangebender, dem Alkohol zugeneigter Reverend Steenwyk.
Die eingespielte Dorfgemeinschaft wehrt Cranes Überzeugung, dass es für alles eine natürliche Erklärung gibt, rigoros ab. Wolken, die durch Wasserdampf entstehen, der abkühlt und kondensiert? Das klingt nicht logischer, als dass Lady van Tassel (Christina Wagner) – die eindrucksvoll sprudelnde Suppen
kocht – den Regen erzeugt. Die Gemeinschaft versucht beharrlich, den Lehrmeister loszuwerden. Er sei in Gefahr. Der kopflose Hesse, ein getöteter Söldner aus dem Unabhängigkeitskrieg, finde keine Ruhe. Er suche einen klugen Kopf als Ersatz für seinen eigenen.
Ist die Gefahr real? Oder spielen die Einheimischen etwas vor, damit alles beim Alten bleibt? Warum verweigern sie sich dem Denken?
Das Szenario sorgt für Spannung. Und hat natürlich Bezug zur Gegenwart. Was brauche ich Fakten? Ich habe doch Gefühle. Oder „alternative Fakten“. Crane derweil verliert seine Gelassenheit und Gewissheit. Zeitweise weiß man nicht: Träumt er? Oder ist alles ein böser Traum?
Die Theatergruppe erlebte übrigens selbst ein Horrorszenario. Der ursprüngliche Lehrer-Darsteller sprang nach der Hälfte der Probezeit ab. Umso beeindruckender, wie souverän Björn Oswald nun die große Textmenge schultert.
Student sein ist kein Muss bei Stör & Fried
Stör & Fried hat wieder mal geliefert. „Unser erstes Stück 2007 spielte in einem Supermarkt – nur mit einer Kasse und einem Einkaufswagen. Kostüme brauchten wir nicht. Wir spielten ganz normale Leute“, erzählt Gründungsmitglied Anne Freund, die bis 2016 dabei war und inzwischen im Schwarzwald wohnt. Im Lauf der Jahre wurden die Produktionen immer aufwendiger und professioneller. Das Ensemble präsentierte Politsatiren, Krimikomödien und wandelte auch mal einen 1500-Seiten-Roman von David Forster Wallace
in zweieinhalb Stunden Theater um.
Zum besonderen Spirit gehört dabei, dass sich alle vielfältig ausprobieren. Es gibt keine feste Aufgabenverteilung. „Unser technischer Leiter etwa ist heute Bühnenmeister am Staatstheater Braunschweig. Er gibt sein Wissen gern weiter“, berichtet Regisseur und Schauspieler Johannes Krüger. Der 29-Jährige studiert Medienmanagement an der OstfaliaHochschule.
Student zu sein, ist indes kein Muss, um hier mitzuwirken. Die Altersspanne reicht von 19 bis 43 Jahren. Neuzugänge sind willkommen. Geprobt wird montags ab 19 Uhr im PK 4.2 im Altgebäude der TU Braunschweig.
Neben Stör & Fried gibt es derzeit nur eine weitere bekannte Theatergruppe aus dem Umfeld der Hochschule, die englischsprachigen TU BS Players. Die 1979 gegründete Theatergruppe des germanistischen Seminars wurde 2020 in der Corona-Krise nicht ganz freiwillig aufgelöst und hat sich seitdem nicht neu gebildet.
Weitere Aufführungen von „Sleepy Hollow“am Samstag, 19, und Sonntag, 16 Uhr, im Roten Saal.