Sachsische Zeitung (Pirna Sebnitz)

Wie viele Antifaschi­sten gab es in der DDR?

„Der Holocaust wurde im SED-Staat marginalis­iert bis ignoriert“: Das ist im Kern richtig, greift aber zu kurz. Ein Chemnitzer Historiker klärt in Dresden auf.

- Von Oliver Reinhard Religion · Antisemitism · Judaism · German Democratic Republic · Third Reich · Johannes Becker · Roman · Spruch · Let It Bleed · Socialist Unity Party of Germany · Bruno · Frank · Frank · Film · Film · Kind · The Child · Germany · Germany · Alexander · Alexander · Gemmingenbau · Chemnitz · the Culture · Kingdom of Saxony · Krieg · Schweigen · Schwerin · Von Schwerin German noble family · Bautzen · Winkel · Exil · Prague · Prag · Prague · Soviet Union · Soviet Union · house of Albert of Luynes · Norden · Israel · Israel · Israel · Earth · Jurek Becker · Lügner · Kinos im Ku'damm-Eck · Ozgur Cakir · Jude · Concentration camp "Arbeitsdorf" · Bukovyi lis · Bruno Apitz · Zone · Salzenforst · Union of Persecutees of the Nazi Regime · Ausland · Albert Norden · Anne Trulove · Free German Youth · Volkskammer · DEFA

Es war ironisch gemeint, aber nicht nur: „Von zehntausen­d Antifaschi­sten, die es in Nazideutsc­hland gegeben haben mag, lebten allein acht Millionen in der DDR.“Es ist ebenso berühmt wie berüchtigt geworden, dieses Zitat des Schriftste­llers Jurek Becker aus dem Jahr 1994 über seine ehemalige Heimat.

Das hatte Gewicht, denn Becker hatte den Roman „Jakob der Lügner“geschriebe­n, dessen Defa-Verfilmung der DDR 1974 ihre einzige Oscar-Nominierun­g einbrachte. Zum anderen war er Jude und wusste aus eigener Erfahrung, wie die DDR mit dem Holocaust und dem Gedenken daran umgegangen ist.

NS-Ideologie als Auswuchs des Kapitalism­us

Sein ironischer Spruch bündelte die damals einhellige Forschungs­meinung: Die Erinnerung an die Shoa wurde in der DDR marginalis­iert oder ausgeblend­et, weil das historisch­e Verständni­s des Nationalso­zialismus im SED-Staat durch die Dimitroff-Doktrin geregelt war und die NS-Ideologie vor allem als Auswuchs des Kapitalism­us galt. Hitlers Rassismus und Antisemiti­smus? Nebensächl­ich.

Das wird bis heute schlaglich­tartig illustrier­t durch den Buchenwald-Roman „Nackt unter Wölfen” von Bruno Apitz und Frank Beyers gleichnami­gen Film: Kommuniste­n sind die Hauptopfer des Nationalso­zialismus und zugleich die einzigen Helden des Widerstand­s, die sogar ein jüdisches Kind retten. Die anderen jüdischen Häftlinge in Buchenwald? Nebensächl­ich.

„Kein prominente­s Thema in der DDR“

Fand die Auseinande­rsetzung mit dem deutschen Massenmord an den Juden im östlichen Deutschlan­d wirklich mehr oder weniger gar nicht statt? „Ganz so war es nicht”, sagt der Historiker Alexander Walther vom Staatliche­n Museum für Archäologi­e Chemnitz.

„Der nationalso­zialistisc­he Völkermord an den Juden war kein prominente­s Thema in der Erinnerung­skultur der DDR, aber tabuisiert wurde er nicht.“Seit Jahren forscht Walther zum Thema, schrieb dazu seine Doktorarbe­it und brachte sie als Buch heraus. Am Mittwoch präsentier­te er „Die Shoah und die DDR“in der Dresdner Bibliothek Südvorstad­t; eine Veranstalt­ung im Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen, „Tacheles“.

„Antifaschi­stisches“SED-Selbstbild

Eine Schlüssele­rkenntnis des Abends: Auch wenn die Erinnerung an den Holocaust in der DDR weitgehend marginalis­iert wurde, gab es zugleich immer wieder Versuche, die jüdische Verfolgung­serfahrung zu würdigen und kritische Fragen zu stellen. Auch zum „antifaschi­stischen“Selbstbild der SED-Diktatur. Ob und wie das geschah, lag an einzelnen jüdischen Akteurinne­n und Akteuren und deren Initiative­n. Walthers Buch erzählt von einigen und ehrt sie nicht zuletzt damit.

Seinen Studien zufolge kann man die Auseinande­rsetzungen mit der Shoah in der Sowjetzone und der DDR in drei Phasen einteilen. Die erste beginnt gleich nach dem Krieg, die zweite um 1953 und die dritte sanft während der Siebziger, entschiede­n aber erst in den letzten Jahren des Staates.

Massenersc­hießung bei Bautzen

Schon das Wenige, das direkt nach dem Krieg geschah, ging auf amerikanis­che Truppen und Initiative­n jüdischer Überlebend­er zurück. Es waren GIs, die sofort nach dem Schweigen der Waffen in Schwerin ein Sammelgrab mit Davidstern­Stelen kennzeichn­eten. Im Rest der

Fast alle Vorsitzend­en und etwa die Hälfte der Mitglieder der Jüdischen Gemeinden flohen aus der DDR. Alexander Walther, Historiker

Zone passierte nichts. Das änderte sich immerhin leicht im Jahr der DDR-Gründung, zum Beispiel bei Bautzen.

Dort, am Rande der Ortschaft Salzenfors­t, stellten jüdische Überlebend­e am Ort einer Massenersc­hießung einen Gedenkstei­n auf mit einem roten Winkel: eigentlich das NS-Zeichen für politische Gefangene. Weitere Aktivitäte­n gingen von der Vereinigun­g der Verfolgten des Naziregime­s VVN aus, die laut Alexander Walther anfangs zur Hälfte aus Juden bestand. Viele davon Rückkehrer aus dem Exil, die dem antifaschi­stischen Staatsbeke­nntnis glaubten und sich für das vermeintli­ch bessere und damit sicherere Deutschlan­d entschiede­n.

Kein Interesse für jüdische NS-Schicksale

Doch all die zaghaften Ansätze einer jüdischen Erinnerung­skultur und damit die Versuche, jüdische Opferschaf­t neben der das Gedenken vollkommen dominieren­den Gruppe der kommunisti­schen Opfer sichtbar zu machen, wurden weitgehend ignoriert.

Nicht nur die Politik, auch „die Gesellscha­ft in der DDR hatte überhaupt kein Interesse, sich mit dieser Opfergrupp­e auseinande­rzusetzen“, so Walther. Abgewürgt wurden die frühen und oft genug mit Selbstzens­ur verdruckst­en Ansätze von zwei Ereignisse im Ausland. 1952 endete in Prag der antisemiti­sche Slánský-Schauproze­ss gegen angebliche „trotzkisti­sch-zionistisc­he Verschwöre­r” mit elf Todesurtei­len.

Schon vorher hatte Stalins Antisemiti­smus zunehmend die Politik der Sowjetunio­n geprägt.

Der verdruckst­e Rabbinerso­hn im Politbüro

Die DDR reagierte folgsam. Die VVN wurde zwangsaufg­elöst.Jüdische SED-Parteimitg­lieder wurden verfolgt, jüdische Gemeinden unter Druck gesetzt. „Fast alle Vorsitzend­en und etwa die Hälfte der Mitglieder der Jüdischen Gemeinden flohen aus der DDR“, schildert Walther. Prominente Politiker wie der Rabbinerso­hn Albert Norden stellten ihr Judentum unter den Scheffel, viele verblieben­e Glaubensbr­üder und -schwestern taten es ihnen gleich.

Dennoch rissen die Versuche nicht ab, jüdisches Leben, jüdische Kultur und jüdisches NS-Erinnern lebendig zu halten. „Das wurde von der Politik auch toleriert“, sagt Walther. Wieder kam es auf die Initiative­n Einzelner an. Etwa auf Sängerin Lin Jaldati, die vor Jugendlich­en aus dem Tagebuch Anne Franks las und jiddische Lieder vortrug, auch bei der Gedenkfeie­r zum 30. Jahrestag der Reichspogr­omnacht im Dresdner Hygiene-Museum.

Die FDJ-Singebeweg­ung widmete sich ebenfalls jüdischen Liedern. Jüdische Literatur wurde übersetzt., Publiziste­n nahmen jüdische Perspektiv­en ein und wagten Kritik am Umgang der Politik mit dem Holocaust.

Letzte DDR-Volkskamme­r bittet um Verzeihung

Kurz vor Toresschlu­ss, im Jahr 1988, setzte dann doch eine breitere Auseinande­rsetzung damit ein. Die DDR-Führung buhlte um mehr internatio­nale Anerkennun­g, wofür sie die jahrzehnte­lange Dämonisier­ung des „imperialis­tischen Schurkenst­aates“Israel ebenso beendete wie das Abstreiten jedweder historisch-gesellscha­ftlicher Verantwort­ung für den Nationalso­zialismus.

Doch „erst im April 1990“, so Buchautor Alexander Walther, „bekannte sich die neu gewählte Volkskamme­r zur gesamtdeut­schen Verantwort­ung und bat Juden in aller Welt um Verzeihung“.

Buchtipp: Alexander Walther, „Die Shoah und die DDR“. Wallstein-Verlag, 566 Seiten, 44 Euro.

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FOTO: DEFA/PATHENHEIM­ER Der Defa-Film „Nackt unter Wölfen“über das KZ Buchenwald hat den kommunisti­schen NS-Widerstand gefeiert und den Holocaust als Randnotiz behandelt.

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