Sachsische Zeitung (Freital Dippoldiswalde & Osterzgebirge)
Wenn Krieg ist, gehen sie hin
Die Panzergrenadiere aus dem sächsischen Marienberg würden im Ernstfall als Erste in Marsch gesetzt. Wer sind die tausend Männer und Frauen? Einblicke in den Arbeitsalltag der Soldaten.
Jetzt wird es laut. Die Marienberg. drei anrollenden Panzer sind zwar nicht zu sehen, das Dröhnen ist aber bestens zu hören. Hauptgefreite Cholena drückt sich noch tiefer in ihre Stellung auf dem Waldboden. Neben ihr liegt griffbereit die rückstoßfreie Panzerfaust. Ziel ist es, zwei Kettenfahrzeuge in einem Abstand von weniger als 100 Metern an sich vorbeiziehen zu lassen und den dritten, ganz hinten fahrenden Panzer außer Gefecht zu setzen. Ihr Einsatz gelingt nur, wenn die Soldatin und der Rest ihres Zuges unentdeckt bleiben.
Das misslingt. Dank Wärmebildtechnik kann bereits die erste Panzerbesatzung Soldaten in einer Stellung im Wald entdecken. Ein Feuergefecht bricht los. Der Panzer dreht in Richtung der schlecht getarnten Soldaten im Wald. So kann sich Hauptgefreite Cholena nicht für ihren Schuss in Stellung bringen. In den hinteren Reihen ist ihr Zugführer am Verzweifeln, hämmert mit der Faust gegen den Baumstamm, hinter dem er die Szenerie beobachtet.
Sachsens größte Einheit
Über Funk kommt das Kommando „Feuer einstellen!“und „Abbruch“. Zum Glück ist es nur eine Trainingsübung auf dem Gelände der Bundeswehr im sächsischen Marienberg. Hier ist die Panzergrenadierbrigade 37 „Freistaat Sachsen“stationiert. Es ist die größte Einheit der Bundeswehr in Sachsen, die im Ernstfall zum Einsatz kommt.
Mit „Marsch, marsch!“werden alle über Funk zum Sammelplatz zurück gerufen, außer den Besatzungen der Marder-Schützenpanzer. Die mimen heute die Angreifer. Cholena und zwei ihrer Kameraden haben den weitesten Weg und müssen ihre Ausrüstung einen leichten Hang hinauf schleppen. Der Rest des Zuges wartet auf der verabredeten Lichtung im Wald.
Der Arbeitstag der meisten Soldaten begann um 6 Uhr beim gemeinsamen Frühstück. Exakt zum geplanten Antreten 6.45 Uhr stehen alle in Ausrüstung zum Abmarsch bereit. Nur die persönlichen Waffen fehlen noch. Die gibt es an der Waffenkammer. Nach einer kurzen Einweisung heißt es „Aufsitzen“und es geht raus ins Trainingsgelände. Eine Toilette werden die Soldaten erst am späten Nachmittag wieder sehen.
Was bringen die Gipfel-Treffen?
Rund 1000 Soldaten der Bundeswehr sind in Marienberg stationiert. Es ist die größte Kampfeinheit in Sachsen, die im Verteidigungsfall in Marsch gesetzt würde. Die anderen größeren Standorte in Sachsen sind Führungsstäbe oder für Ausbildung und Versorgung zuständig. Und natürlich wird auch in Marienberg die Weltlage genau verfolgt: AlaskaGipfel, Washington-Treffen, ein möglicher Dreiergipfel Putin-Selenskyj-Trump. Im Krieg Russlands gegen die Ukraine gibt es jetzt so viele diplomatische Initiativen wie nie. Die Bundeswehr sieht dennoch
keinen Anlass für Entspannung.
Trotz der Verhandlungen führt Russland seine Angriffe mit unverminderter Härte fort. Und damit bleibt der Druck hoch, für einen wie auch immer denkbaren Ernstfall vorbereitet zu sein. Die Debatte über eine Entsendung von Bodentruppen in die Ukraine, um die verabredeten Sicherheitsgarantien zu erfüllen, lässt ein konkretes Einsatzszenario deutscher Soldaten sogar näher rücken.
In Marienberg wird bislang nur für einen Konfliktfall in Litauen geprobt - würde hier Russland angreifen, würde der Nato-Bündnisfall in Kraft treten. Der Zugführer fingert drei rote Spielzeugpanzer, die kaum größer als eine Streichholzschachtel sind, aus einem Koffer und setzt sie auf den Waldboden.
Dort sind mit Sprühfarbe die möglichen Wege markiert, die hier in dem Waldgebiet befahren werden können. Blaue Spielzeuge stellen die Verteidiger dar, die roten die Angreifer. Jeder Gruppe wird der Auftrag erklärt. „Noch Fragen?“Kurze Stille. Einige machen sich Notizen auf ein Stück Papier.
„Eine Musterlösung gibt es nicht”, unterbricht der Kompaniechef die Stille. Er beobachtet und bewertet, wie die Zugführer agieren. Drohnengeräusche werden abgespielt, um psychisch auf feindliche Kräfte vorzubereiten. Der Funk wird künstlich gestört, um das Improvisieren zu üben.
Lob vom Kompaniechef
So geht es zum zweiten Versuch ins Gelände. Sobald die „Verteidiger“ihre neuen Stellungen bezogen ha
ben, bekommen die Panzer das Signal, erneut „anzugreifen“. Dieses Mal klappt es besser. Hauptgefreite Cholena kommt zu ihrem improvisierten Schuss, ohne dass vorher jemand enttarnt wurde.
„Angreifende“Schützen springenjetztausdemPanzerundsuchen Deckung hinter dicken Bäumen. Zum Stellungswechsel werden Rauchbomben gezündet. Zwischen die Fronten geraten, ist für den neutralen Beobachter kaum noch zu unterschieden, wer Freund und wer Feind ist. Der Abzug sitzt bei vielen locker. Salvenweise wird aus den G36-Gewehren geschossen. Zur Sicherheit wird nur Übungsmunition, sogenannte Platzpatronen, auf dem mehrere Hektar großen Trainingsgelände verwendet.
Die Truppführer schreien ihre Kommandos gegen den Lärm der
Waffen an oder gestikulieren wild – bis der Kompaniechef erneut zum Abbruch ruft. Es dauert noch zwei, dreiSalven,bisderBefehlbeimLetzten angekommen ist.
In der Auswertung sagt er: „Wir sind schon einen Schritt weiter.“Hauptgefreite Cholena wird für ihre Schusshaltung gelobt. Kritik hagelt es dann für das Geballer im Wald. „Ohne Deckung lauft ihr hier so nah am Feind vorbei“, schimpft der Kompaniechef und schwingt einen Arm flach auf einen Waldweg gerichtet. Im Ernstfall wäre der Trupp dort hinten „ausgefallen“. Soll heißen, Soldaten wären getroffen oder getötet worden. Ist den Soldaten dieser Ernst bewusst? Die Stille nach dem Anschiss lässt es vermuten. In die Köpfe schauen kann niemand. Kurz darauf ist die Stimmung wieder gelöst. „Essen fassen!“Ein paar Schritte entfernt ist auf einer geschotterten Fläche das Küchenteam im Übungsgelände vorgefahren und gibt warmes Essen aus. Reis mit Geschnetzeltem wird in einer Plastikschale gereicht. Joghurt und Tee gibt es dazu.
Berufsrisiko zu töten
Geheimes wird hier offenbar nicht geübt. Journalist und Fotograf dürfen alles mithören und fotografieren. Die Soldaten wurden jedoch angehalten, ihre Namensschilder, Pads genannt, von der Uniform abzunehmen. Aus Sicherheitsgründen dürfen nicht die vollen Namen genannt werden. Einzige Ausnahme für Fotos sind die Innenräume der Fahrzeuge. Offenbar gibt es sonst nichts, was der Feind nicht schon wüsste.
Dass keine Atmosphäre eines lustigen Geländespiels aufkommt, dafür
sorgt der Kompaniechef. Seine Ansagen sind hart. Warum tut sich das die Hauptgefreite Cholena an?
Seit mehr als einem Jahr ist die 19Jährige Soldatin. Für drei Jahre hat sie sich bei der Bundeswehr verpflichtet. Dass zum Berufsrisiko gehört, verletzt oder gar getötet zu werden oder auch töten zu müssen, sei ihr bewusst. „Das ist bestimmt nichts für jeden”, sagt sie. Im Kopf müsse man schon klar sein, dass es immer um die Verteidigung der demokratischen Grundordnung gehe.
Neuer Auftrag für die Truppe
Seit diesem Jahr haben die Panzergrenadiere von Marienberg einen neuen Auftrag. Sie sind Teil der multinationalen Brigade Litauen. Einige haben sich schon freiwillig für den Auslandseinsatz gemeldet. Würde der Nato-Bündnisfall eintreten, würden auch die restlichen Panzergrenadiere aus Marienberg in Marsch gesetzt.
Man tausche sich regelmäßig in der Truppe aus, ob das noch das Richtige für einen ist. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat bei den Marienberger Soldaten einen guten Stand. „Der versteht uns. Der weiß, wovon er spricht“, sagt Cholena. Auch als Frau habe sie in der Truppe keine Probleme. Das einzige sei, dass sie öfter unterschätzt würde. Ob sie ihre Dienstzeit bei der Bundeswehr verlängern wolle, habe sie noch nicht entschieden.
Die Besoldung für das, was sie tut, sei „angemessen“. Panzergrenadiere mit Dienstgrad Hauptgefreite erhalten ein Grundgehalt von 2759,23 Euro. Das steigert sich mit den Dienstjahren. Für jede militärische
Führungsfunktion gibt es Zulagen von 53 Euro monatlich aufwärts. In Litauen würde ein Auslandszuschlag hinzukommen.
Der orientiert sich am Grundsold und an der Gefährlichkeit des jeweiligen Landes. Zur Zone eins gehört die Niederlande. Afghanistan zur Zone 20, der gefährlichsten. Litauen ist dieses Jahr von Zone 5 auf 8 hochgestuft worden. Eine Hauptgefreite bekäme dort mindestens 1685,93 Euro pro Monat oben drauf. Gäbe es noch mal einen Einsatz in Afghanistan, wäre der Zuschlag höher als Cholenas Grundsold.
Arbeitszeit gesetzlich geregelt
Das ist für junge Menschen ohne Berufsabschluss viel Geld. Das sei aber nicht ihre Hauptmotivation, sagt die 19-Jährige. Sie hebt die Kameradschaft in der Truppe hervor und mag den strukturierten Tagesablauf. In der Regel gehe es um 6.45 Uhr mit dem Antreten los und 16.15 Uhr ist Dienstschluss. Es sei denn, es ist eine Nachtübung angesetzt wie heute. Dann werden den Soldaten Überstunden gutgeschrieben.
Abgefeiert wird das meistens mit einem frühzeitigen Wochenende. Cholena stammt aus Norddeutschland und fährt, so oft es geht, in die Heimat. Im Soldatengesetz sind als Regelarbeitszeit grundsätzlich 41 Wochenstunden vereinbart. Davon ausgenommen sind lediglich Generäle. Können Soldaten etwa im Notfall die Waffe aus der Hand legen, weil Feierabend ist?
Die Arbeitszeiterfassung gilt nur für die normale Arbeitszeit am Dienstort. Zur Landesverteidigung, im Falle eines inneren Notstands und auch bei mandatierten Auslandseinsätzen gilt die 41-StundenWoche nicht. Gleiches trifft für besonders dringende Hilfeleistungen oder mehrtägige Übungen zu.
Ausrüstung wird besser
Für Frust in der Truppe sorgte vor nicht allzu langer Zeit, dass die Ausrüstung mangelhaft ist. Das habe sich mit dem zusätzlichen Geld aus dem Sondervermögen des Bundes sofort verbessert. „Die Ausrüstung ist wieder auf modernem Stand“, erklärt der Kommandeur am Standort Marienberg, Oberstleutnant Georg Böhme.
Das bestätigen sowohl Cholena als auch Hauptmann Martin, der einen Zug von Panzergrenadieren in Marienberg führt. Er sei einer der Letzten gewesen, die noch Wehrdienst absolviert haben, bevor dieser 2011 ausgesetzt wurde. Das habe ihn nicht abgeschreckt, eine Offizierslaufbahn anzustreben, im Gegenteil. „Das ist ein kerniger Beruf mit einer hohen Verantwortung, aber auch mit viel Freiraum“, sagt der Hauptmann.
Vor der Nachtübung geht es für alle noch mal zurück in die Kaserne. Der erste Weg von der Waffenkammer führt die meisten auf die Toilette. Dann wird die Ausrüstung gecheckt und kurz ausgeruht. Wegen des extra langen Arbeitstags murrt niemand. Die Vorfreude aufs Wochenende ist größer.