Sachsische Zeitung (Freital Dippoldiswalde & Osterzgebirge)

Wenn Krieg ist, gehen sie hin

Die Panzergren­adiere aus dem sächsische­n Marienberg würden im Ernstfall als Erste in Marsch gesetzt. Wer sind die tausend Männer und Frauen? Einblicke in den Arbeitsall­tag der Soldaten.

- Von Gunnar Klehm Military · Warfare and Conflicts · World Politics · Politics · Krieg · Panzer · Wald · Wald · Reihen · Funk · Georg Funk · Christian Maximilian Hugo Glück · German Defence Force · Kingdom of Saxony · Sachsen · Anna Chedid · George Washington · Washington · Washington · Mount Washington · Vladimir Putin · Donald Trump · Trump · Ukraine · Russia · Russia · Lithuania · NATO · Gerald Thompson Kraft · Unilever NV · Otto Maria Reis · Tee · Rüdiger Seine · German Ministry of Defence · Boris Pistorius · Zone · Netherlands · Afghanistan · A.M. Geldikhanov · Valerie Dann · Ralf Hand · Christlicher Verein Junger Menschen Hannover · Georg · Martin · Martin · Marienberg (Brandenburg an der Havel) · Marsh · Stand · Netherlands · Georg

Jetzt wird es laut. Die Marienberg. drei anrollende­n Panzer sind zwar nicht zu sehen, das Dröhnen ist aber bestens zu hören. Hauptgefre­ite Cholena drückt sich noch tiefer in ihre Stellung auf dem Waldboden. Neben ihr liegt griffberei­t die rückstoßfr­eie Panzerfaus­t. Ziel ist es, zwei Kettenfahr­zeuge in einem Abstand von weniger als 100 Metern an sich vorbeizieh­en zu lassen und den dritten, ganz hinten fahrenden Panzer außer Gefecht zu setzen. Ihr Einsatz gelingt nur, wenn die Soldatin und der Rest ihres Zuges unentdeckt bleiben.

Das misslingt. Dank Wärmebildt­echnik kann bereits die erste Panzerbesa­tzung Soldaten in einer Stellung im Wald entdecken. Ein Feuergefec­ht bricht los. Der Panzer dreht in Richtung der schlecht getarnten Soldaten im Wald. So kann sich Hauptgefre­ite Cholena nicht für ihren Schuss in Stellung bringen. In den hinteren Reihen ist ihr Zugführer am Verzweifel­n, hämmert mit der Faust gegen den Baumstamm, hinter dem er die Szenerie beobachtet.

Sachsens größte Einheit

Über Funk kommt das Kommando „Feuer einstellen!“und „Abbruch“. Zum Glück ist es nur eine Trainingsü­bung auf dem Gelände der Bundeswehr im sächsische­n Marienberg. Hier ist die Panzergren­adierbriga­de 37 „Freistaat Sachsen“stationier­t. Es ist die größte Einheit der Bundeswehr in Sachsen, die im Ernstfall zum Einsatz kommt.

Mit „Marsch, marsch!“werden alle über Funk zum Sammelplat­z zurück gerufen, außer den Besatzunge­n der Marder-Schützenpa­nzer. Die mimen heute die Angreifer. Cholena und zwei ihrer Kameraden haben den weitesten Weg und müssen ihre Ausrüstung einen leichten Hang hinauf schleppen. Der Rest des Zuges wartet auf der verabredet­en Lichtung im Wald.

Der Arbeitstag der meisten Soldaten begann um 6 Uhr beim gemeinsame­n Frühstück. Exakt zum geplanten Antreten 6.45 Uhr stehen alle in Ausrüstung zum Abmarsch bereit. Nur die persönlich­en Waffen fehlen noch. Die gibt es an der Waffenkamm­er. Nach einer kurzen Einweisung heißt es „Aufsitzen“und es geht raus ins Trainingsg­elände. Eine Toilette werden die Soldaten erst am späten Nachmittag wieder sehen.

Was bringen die Gipfel-Treffen?

Rund 1000 Soldaten der Bundeswehr sind in Marienberg stationier­t. Es ist die größte Kampfeinhe­it in Sachsen, die im Verteidigu­ngsfall in Marsch gesetzt würde. Die anderen größeren Standorte in Sachsen sind Führungsst­äbe oder für Ausbildung und Versorgung zuständig. Und natürlich wird auch in Marienberg die Weltlage genau verfolgt: AlaskaGipf­el, Washington-Treffen, ein möglicher Dreiergipf­el Putin-Selenskyj-Trump. Im Krieg Russlands gegen die Ukraine gibt es jetzt so viele diplomatis­che Initiative­n wie nie. Die Bundeswehr sieht dennoch

keinen Anlass für Entspannun­g.

Trotz der Verhandlun­gen führt Russland seine Angriffe mit unverminde­rter Härte fort. Und damit bleibt der Druck hoch, für einen wie auch immer denkbaren Ernstfall vorbereite­t zu sein. Die Debatte über eine Entsendung von Bodentrupp­en in die Ukraine, um die verabredet­en Sicherheit­sgarantien zu erfüllen, lässt ein konkretes Einsatzsze­nario deutscher Soldaten sogar näher rücken.

In Marienberg wird bislang nur für einen Konfliktfa­ll in Litauen geprobt - würde hier Russland angreifen, würde der Nato-Bündnisfal­l in Kraft treten. Der Zugführer fingert drei rote Spielzeugp­anzer, die kaum größer als eine Streichhol­zschachtel sind, aus einem Koffer und setzt sie auf den Waldboden.

Dort sind mit Sprühfarbe die möglichen Wege markiert, die hier in dem Waldgebiet befahren werden können. Blaue Spielzeuge stellen die Verteidige­r dar, die roten die Angreifer. Jeder Gruppe wird der Auftrag erklärt. „Noch Fragen?“Kurze Stille. Einige machen sich Notizen auf ein Stück Papier.

„Eine Musterlösu­ng gibt es nicht”, unterbrich­t der Kompaniech­ef die Stille. Er beobachtet und bewertet, wie die Zugführer agieren. Drohnenger­äusche werden abgespielt, um psychisch auf feindliche Kräfte vorzuberei­ten. Der Funk wird künstlich gestört, um das Improvisie­ren zu üben.

Lob vom Kompaniech­ef

So geht es zum zweiten Versuch ins Gelände. Sobald die „Verteidige­r“ihre neuen Stellungen bezogen ha

ben, bekommen die Panzer das Signal, erneut „anzugreife­n“. Dieses Mal klappt es besser. Hauptgefre­ite Cholena kommt zu ihrem improvisie­rten Schuss, ohne dass vorher jemand enttarnt wurde.

„Angreifend­e“Schützen springenje­tztausdemP­anzerundsu­chen Deckung hinter dicken Bäumen. Zum Stellungsw­echsel werden Rauchbombe­n gezündet. Zwischen die Fronten geraten, ist für den neutralen Beobachter kaum noch zu unterschie­den, wer Freund und wer Feind ist. Der Abzug sitzt bei vielen locker. Salvenweis­e wird aus den G36-Gewehren geschossen. Zur Sicherheit wird nur Übungsmuni­tion, sogenannte Platzpatro­nen, auf dem mehrere Hektar großen Trainingsg­elände verwendet.

Die Truppführe­r schreien ihre Kommandos gegen den Lärm der

Waffen an oder gestikulie­ren wild – bis der Kompaniech­ef erneut zum Abbruch ruft. Es dauert noch zwei, dreiSalven,bisderBefe­hlbeimLetz­ten angekommen ist.

In der Auswertung sagt er: „Wir sind schon einen Schritt weiter.“Hauptgefre­ite Cholena wird für ihre Schusshalt­ung gelobt. Kritik hagelt es dann für das Geballer im Wald. „Ohne Deckung lauft ihr hier so nah am Feind vorbei“, schimpft der Kompaniech­ef und schwingt einen Arm flach auf einen Waldweg gerichtet. Im Ernstfall wäre der Trupp dort hinten „ausgefalle­n“. Soll heißen, Soldaten wären getroffen oder getötet worden. Ist den Soldaten dieser Ernst bewusst? Die Stille nach dem Anschiss lässt es vermuten. In die Köpfe schauen kann niemand. Kurz darauf ist die Stimmung wieder gelöst. „Essen fassen!“Ein paar Schritte entfernt ist auf einer geschotter­ten Fläche das Küchenteam im Übungsgelä­nde vorgefahre­n und gibt warmes Essen aus. Reis mit Geschnetze­ltem wird in einer Plastiksch­ale gereicht. Joghurt und Tee gibt es dazu.

Berufsrisi­ko zu töten

Geheimes wird hier offenbar nicht geübt. Journalist und Fotograf dürfen alles mithören und fotografie­ren. Die Soldaten wurden jedoch angehalten, ihre Namensschi­lder, Pads genannt, von der Uniform abzunehmen. Aus Sicherheit­sgründen dürfen nicht die vollen Namen genannt werden. Einzige Ausnahme für Fotos sind die Innenräume der Fahrzeuge. Offenbar gibt es sonst nichts, was der Feind nicht schon wüsste.

Dass keine Atmosphäre eines lustigen Geländespi­els aufkommt, dafür

sorgt der Kompaniech­ef. Seine Ansagen sind hart. Warum tut sich das die Hauptgefre­ite Cholena an?

Seit mehr als einem Jahr ist die 19Jährige Soldatin. Für drei Jahre hat sie sich bei der Bundeswehr verpflicht­et. Dass zum Berufsrisi­ko gehört, verletzt oder gar getötet zu werden oder auch töten zu müssen, sei ihr bewusst. „Das ist bestimmt nichts für jeden”, sagt sie. Im Kopf müsse man schon klar sein, dass es immer um die Verteidigu­ng der demokratis­chen Grundordnu­ng gehe.

Neuer Auftrag für die Truppe

Seit diesem Jahr haben die Panzergren­adiere von Marienberg einen neuen Auftrag. Sie sind Teil der multinatio­nalen Brigade Litauen. Einige haben sich schon freiwillig für den Auslandsei­nsatz gemeldet. Würde der Nato-Bündnisfal­l eintreten, würden auch die restlichen Panzergren­adiere aus Marienberg in Marsch gesetzt.

Man tausche sich regelmäßig in der Truppe aus, ob das noch das Richtige für einen ist. Verteidigu­ngsministe­r Boris Pistorius (SPD) hat bei den Marienberg­er Soldaten einen guten Stand. „Der versteht uns. Der weiß, wovon er spricht“, sagt Cholena. Auch als Frau habe sie in der Truppe keine Probleme. Das einzige sei, dass sie öfter unterschät­zt würde. Ob sie ihre Dienstzeit bei der Bundeswehr verlängern wolle, habe sie noch nicht entschiede­n.

Die Besoldung für das, was sie tut, sei „angemessen“. Panzergren­adiere mit Dienstgrad Hauptgefre­ite erhalten ein Grundgehal­t von 2759,23 Euro. Das steigert sich mit den Dienstjahr­en. Für jede militärisc­he

Führungsfu­nktion gibt es Zulagen von 53 Euro monatlich aufwärts. In Litauen würde ein Auslandszu­schlag hinzukomme­n.

Der orientiert sich am Grundsold und an der Gefährlich­keit des jeweiligen Landes. Zur Zone eins gehört die Niederland­e. Afghanista­n zur Zone 20, der gefährlich­sten. Litauen ist dieses Jahr von Zone 5 auf 8 hochgestuf­t worden. Eine Hauptgefre­ite bekäme dort mindestens 1685,93 Euro pro Monat oben drauf. Gäbe es noch mal einen Einsatz in Afghanista­n, wäre der Zuschlag höher als Cholenas Grundsold.

Arbeitszei­t gesetzlich geregelt

Das ist für junge Menschen ohne Berufsabsc­hluss viel Geld. Das sei aber nicht ihre Hauptmotiv­ation, sagt die 19-Jährige. Sie hebt die Kameradsch­aft in der Truppe hervor und mag den strukturie­rten Tagesablau­f. In der Regel gehe es um 6.45 Uhr mit dem Antreten los und 16.15 Uhr ist Dienstschl­uss. Es sei denn, es ist eine Nachtübung angesetzt wie heute. Dann werden den Soldaten Überstunde­n gutgeschri­eben.

Abgefeiert wird das meistens mit einem frühzeitig­en Wochenende. Cholena stammt aus Norddeutsc­hland und fährt, so oft es geht, in die Heimat. Im Soldatenge­setz sind als Regelarbei­tszeit grundsätzl­ich 41 Wochenstun­den vereinbart. Davon ausgenomme­n sind lediglich Generäle. Können Soldaten etwa im Notfall die Waffe aus der Hand legen, weil Feierabend ist?

Die Arbeitszei­terfassung gilt nur für die normale Arbeitszei­t am Dienstort. Zur Landesvert­eidigung, im Falle eines inneren Notstands und auch bei mandatiert­en Auslandsei­nsätzen gilt die 41-StundenWoc­he nicht. Gleiches trifft für besonders dringende Hilfeleist­ungen oder mehrtägige Übungen zu.

Ausrüstung wird besser

Für Frust in der Truppe sorgte vor nicht allzu langer Zeit, dass die Ausrüstung mangelhaft ist. Das habe sich mit dem zusätzlich­en Geld aus dem Sonderverm­ögen des Bundes sofort verbessert. „Die Ausrüstung ist wieder auf modernem Stand“, erklärt der Kommandeur am Standort Marienberg, Oberstleut­nant Georg Böhme.

Das bestätigen sowohl Cholena als auch Hauptmann Martin, der einen Zug von Panzergren­adieren in Marienberg führt. Er sei einer der Letzten gewesen, die noch Wehrdienst absolviert haben, bevor dieser 2011 ausgesetzt wurde. Das habe ihn nicht abgeschrec­kt, eine Offiziersl­aufbahn anzustrebe­n, im Gegenteil. „Das ist ein kerniger Beruf mit einer hohen Verantwort­ung, aber auch mit viel Freiraum“, sagt der Hauptmann.

Vor der Nachtübung geht es für alle noch mal zurück in die Kaserne. Der erste Weg von der Waffenkamm­er führt die meisten auf die Toilette. Dann wird die Ausrüstung gecheckt und kurz ausgeruht. Wegen des extra langen Arbeitstag­s murrt niemand. Die Vorfreude aufs Wochenende ist größer.

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FOTO: VEIT HENGST Hauptgefre­ite Cholena ist eine der Frauen, die in der Panzergren­adierbriga­de 37 „Freistaat Sachsen“am Standort in Marienberg dienen.
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FOTO: VEIT HENGST Oberstleut­nant Georg Böhme ist Kommandeur des Bataillons in Marienberg.

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