Sachsische Zeitung (Riesa & Grossenhain)
Deutschland droht eine neue „Machtergreifung“
Der Rechtsextremismus marschiert wieder voran. Was sind das für Menschen, die heute gegen den Staat aufstehen? Wie sich der Autor eines Romans über eine „Machtergreifung“nach der Bundestagswahl 2029 von der Realität inspirieren ließ.
Dresden. In den sozialen Medien fliegen zum Rechtsextremismus die Fetzen, besonders auf Tiktok, Instagram und Telegram. Wer nicht für Rechts ist, ist Links. Als Thriller-autor gegen den Faschismus 2.0 erlebe ich nicht zitierfähige Übergriffe persönlich. Was sind das für Menschen, die gegen den Staat aufstehen? Es sind keineswegs die „ewig Gestrigen“, wie zu Zeiten der gescheiterten NPD. Eher die Nachfolgegewächse der rechtsextremen Partei „Die Heimat“– früher NPD.
Doch so einfach ist es auch wieder nicht. Rechts ist eine Bewegung geworden, die sich wie eine Krake in ganz Deutschland, besonders im Osten Deutschlands, ausbreitet. Bundesweit entstehen neue rechtsextreme Gruppen, in denen sich Jugendliche radikalisieren – wie Finley Pügner aus Dresden, der zum Gesicht einer neuen Generation von Neonazis wurde. Jung, medienaffin und offen radikal spricht er seine Generation an.
Das zieht vor allem bei minderjährigen Gruppenmitgliedern, also Menschen, die auf der Suche nach Orientierung sind, wie in der hochgradig gewaltbereiten „Elblandrevolte“, deren Anführer Pügner ist. Sie mobilisiert gegen Linke, Geflüchtete und den Christopher Street Day (CSD). Das Kulturbüro Sachsen urteilt, dass mindestens ein Drittel der Gesellschaft rechtsextremen Positionen zustimme.
Dazu passt die Meldung des Deutschlandmonitors 2025, dass Teile der Bevölkerung offen für autoritäre Ideen seien. Die Forderung nach einer Einheitspartei, einem starken Anführer ohne parlamentarische Zwänge und der Diktatur als Staatsform würde bundesweit bei etwa jedem Fünften auf Zustimmung stoßen, in Ostdeutschland sympathisiere damit sogar jeder Vierte.
Klar demokratiefeindliche Botschaften als Erfolgsmittel
Die Entwicklung ist keineswegs überraschend. Seit Jahrzehnten gilt für die Sicherheitsbehörden der Rechtsextremismus als die größte Gefahr von innen. Aber bisher spielte er sich eher im Hintergrund ab, ohne massenhaft kriminell zu werden. In den letzten Jahren erleben wir einen dramatischen Richtungswechsel.
Das Bedrohungspersonal von rechts umfasste 2024 über 50.000 Menschen, das sind ungefähr 10.000 mehr als im Jahr zuvor, darunter rund 15.300 Gewaltorientierte; Tendenz steigend. Zu den Straftaten zählen rassistische Angriffe, offener Antisemitismus und der Versuch, gesellschaftliche Institutionen zu unterwandern. In Sachsen sind die regionalen Schwerpunkte neben den Großstädten Leipzig, Dresden und Chemnitz vor allem deren Umland wie in Zwickau, Brandis und Bautzen.
Ob Ost- oder Westdeutschland, Dresden oder Bielefeld: Der Rechtsextremismus ist auf dem Vormarsch, auch dank seines parlamentarischen Arms namens AFD.
Vielen Deutschen sind, wenn überhaupt, nur die spektakulären Fälle des rechten Terrors im Bewusstsein, wie der Nationalsozialistische Untergrund, die Morde in Hanau, der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Lübke oder die brisanten Umsturzpläne der Reichsbürger.
Der Anstieg rechter Gewalt geht mit dem rasanten Aufstieg der AFD einher und deren internationalem Schulterschluss, insbesondere mit europäischen Rechtsparteien und der rechtsextremistischen Szene in den USA. Das alles verbindende Ziel der Rechten, ist die Umwandlung der liberalen Demokratie in eine Autokratie, in der die Gewaltenteilung keinen Platz mehr hat.
In den USA existiert mit dem sogenannten Project 2025 ein umfassender Masterplan (Heritage Foundation), der genau diese radikale Umwandlung des Us-staatsapparates vorsieht. Das ist unter der Trump-administration bereits zu 40 Prozent geschehen: Die Legislative ist gelähmt, die Staatsgewalt im Inneren gegen die eigene Bevölkerung eskaliert und geht mit dem stetigen Anstieg der präsidialen Macht einher. Die Verbindung der Trumpadministration zur AFD ist eng. Man sieht sich in der Strategie vereint.
Wer die Afd-partei über die Jahre verfolgt, sieht, dass sie radikaler geworden ist und sie Menschen belügt und täuscht. Das Muster aller diktatorischen Systeme. Es gilt als gesichert, dass der Anstieg des Rechtsextremismus eng mit dem
Aufstieg der AFD verbunden ist. Angesichts der Überwachung durch die Sicherheitsorgane und drohender Sanktionen halten sich die Sprachrohre dieser rechtsextremistischen Partei – so gut es geht – noch zurück. Aber die demokratiefeindlichen Botschaften der führenden Politiker sind klar.
Der Geschichtsschreiber Polybius (ca. 200–118 v. Chr.) entwickelte in seiner Anacyclosis eine politische Theorie über den Zyklus des politischen Wandels. Er erkannte, dass Demokratien mit der Zeit zur Pöbel-herrschaft degenerieren. Die Demokratie zerfällt, Aristokratien und Oligarchien übernehmen, die das einfache Volk von der Macht ausschließen und in denen sich die Herrschenden maßlos bereichern, bis irgendwann erneut der Umsturz folgt. Der Zyklus beginnt von vorne. Diese Sequenz ist in der Geschichte nachweisbar und gilt als ein welthistorisches Gesetz.
Nur Anhänger und Mitläufer sehen keine Gefahr
Kann eine Machtergreifung im heutigen Deutschland auch geschehen?
Ich bin davon überzeugt, dass sich das Undenkbare wiederholen kann. Die Brandbeschleuniger sind die wirtschaftliche Lage, die Migrationspolitik und vor allem die Unzufriedenheit mit der EU und den Herrschenden.
Rechtsextremismus entsteht in der Geschichte besonders schnell mit dem Abbau des Sozialstaates, wenn in der Folge die einkommensschwächeren
Jörg H. Trauboth (*1943) ist Autor und international tätiger Krisenmanager. Er quittierte mit 50 Jahren als hochdekorierter Generalstabs-oberst in der NATO den Dienst, arbeitete nach einer Ausbildung als Special-risk-consultant weltweit bei Entführungen und Erpressungen und führte seine eigene Krisen-beratungsgesellschaft. In seinem aktuellen Polit-thriller „Operation Machtergreifung“(572 Seiten, 28 Euro) geht es um Deutschland vor der Bundestagswahl 2029 und die rechtsextreme Partei für Deutschland (PFD), die entschlossen ist, die Macht zu übernehmen.
Schichten frustriert sind und die diffuse Sehnsucht nach einer Führerfigur wächst, die vermeintliche Orientierung und Sicherheit bietet.
Genau dieses geschieht jetzt und ist ein Grund für den rasanten Aufstieg der in weiten Teilen rechtsextremen AFD, die, wenn man sie in ihren Aussagen zerpflückt, keine
Alternative für Deutschland, sondern gegen Deutschland ist.
Warum sehen die Anhänger und Mitläufer diese Gefahr nicht und sind im Gegenteil bereit, die Rechtsverstöße einzelner Mitglieder und die inhaltslosen Programme zu akzeptieren? Der Grund kann nicht nur die oft benannte Dummheit in bildungsfernen Schichten sein.
Ohnehin liegen die Ursachen weniger im Volk. Es fehlt in der Bundespolitik seit Jahrzehnten die richtige Strategie zur Eindämmung des Rechtsextremismus. Das Parteienverbot wäre die scheinbar effektivste Methode. Doch die Chance dafür ist vertan. Es erscheint wenig realistisch, dass das Bundesverfassungsgericht die AFD – und mit ihr die zweitstärkste Fraktion im Bundestag – verbieten wird. Damals war die NPD zu klein für ein Verbot, heute ist die AFD zu groß.
Es macht auch keinen Sinn, weiter eine parteipolitische Brandmauer aufzubauen. Sie ist weder im kommunalen Bereich noch auf Landesund Bundesebene durchhaltefähig. Und Vorsicht! Nicht jeder, der der AFD angehört oder mit ihr sympathisiert, ist rechtsextrem oder gar ein Neonazi. Die Brandmauer ist ein Bumerang.
Auch mit der Absage der Leipziger Buchmesse an die Lesung mit dem umstrittenen Afd-politiker Maximilian Krah hat sich diese Buchmesse einen Bärendienst erwiesen, denn es wurde nicht sein neues Buch ausgeschlossen, was unter dem Aspekt der Meinungsfreiheit
ohnehin chancenlos wäre, sondern die Person wegen des zu erwartenden Tumultes. Das ist ein berechtigter Punkt. Aber man hätte den unsäglichen Krah im Rahmen von Leipzig liest outsourcen können. Wir reden hier von einer Buchmesse, nicht von einer Wahlveranstaltung. Derartige typisch deutsche Hau-ruck-maßnahmen erhöhen am Ende nur den selbst ernannten Opferstatus dieser Partei.
Die nächsten Wahlen werden Prüfsteine für die Demokratie
Der gesetzmäßige Zerfall der Demokratie nach Polybius ist 2000 Jahre nach ihm auch nicht in Stein gemeißelt, wenn sich alle demokratischen Kräfte aufmachen, den Übergang in eine Autokratie zu stoppen. Wir müssen es nur wollen, die da oben und wir im Wohnzimmer. Bürgerfreundliche Wirtschafts- und Sozialpolitik, Bildung und Erziehung in den Schulen sind angesagt, nicht der verbale Vernichtungskrieg.
Wieviel Zeit bleibt uns? Hitler benötigte nach seiner Ernennung als Reichskanzler gerade eineinhalb Jahre für die Umwandlung der Demokratie in eine totale Diktatur. Die Landtagswahlen 2026 und spätestens das Bundestagswahljahr 2029 werden der Lackmustest für unsere Demokratie sein.
Ich habe „Operation Machtergreifung“aus dieser Sorge heraus geschrieben. Das fiktive Volk in meinem Roman bekommt um fünf vor zwölf Uhr gerade noch die Kurve. Und wir realen Deutschen?