Sachsische Zeitung (Dobeln)

Atomaussti­eg zum Trotz: Der Kernreakto­r von Dresden

2023 gingen in Deutschlan­d die letzten Atomkraftw­erke vom Netz. Ein Ausstieg für immer? Ein sächsische­r Professor sieht das anders und ärgert sich, dass deutsches Know-how verschenkt wird. Zu Besuch am letzten Sehnsuchts­ort für Kernenergi­efans im Osten.

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Das hier ist ein gefährlich­er Ort, an dem Schwangere nicht sein dürfen. Darauf weisen Schilder am Eingang hin. Eine schwere Metalltür öffnet sich nur einen Spalt. Hindurch schaut ein Mann mit Kinnbart, unauffälli­ger Brille und weißem Baumwollki­ttel. Carsten Lange, der Leiter des Ausbildung­skernreakt­ors AKR-2, bittet herein in die Sicherheit­sschleuse.

Mitten auf dem Campus der Technische­n Universitä­t in Dresden steht das Gebäude aus den 1950er-jahren, in dem sich dieser Atomreakto­r befindet.

Es ist die jährlich stattfinde­nde „Lange Nacht der Wissenscha­ften“an der TU. Einer auf 30 Personen beschränkt­en Gruppe wird Zugang gewährt. Mehr lassen die engen Räume nicht zu. Zu den Glückliche­n gehören vier Gymnasiast­en aus Brand-erbisdorf im Erzgebirge. Sie hatten lange gewartet, um eines der begehrten Einlasskar­ten zu ergattern.

Dosimeter an die Brusttasch­e

Bevor es in den Reaktorrau­m geht, werden Personalau­sweise geprüft. Alle bekommen einen weißen Kittel aus Baumwolle und blaue Überziehfo­lien für die Schuhe. Beim Anziehen wird gescherzt. Das endet, als Besucher Dosimeter an die Brusttasch­e des Kittels angeklamme­rt bekommen. Das Gerät misst Strahlung.

Der Reaktor ist ein etwa drei Meter hoher Zylinder. Auf dem orangen Mantel aus Metall steht groß AKR-2 geschriebe­n. Im Inneren befindet sich das Brenneleme­nt, ummantelt von Schwerbeto­n und Graphit. Von einem Pult mit mehreren Monitoren wird der Reaktor gesteuert .

Der Reaktor wird jetzt hochgefahr­en. Mitarbeite­r Daniel Gehre packt den Griff eines Strahlenme­ssgeräts, das fast so groß wie ein Kofferradi­o ist, und läuft Richtung Reaktorhül­le. Je näher er dem Reaktor kommt, desto lauter knistert das Gerät, das geringste Strahlung messen kann. Einige Besucher gucken verstohlen auf ihre Dosimeter. Dort passiert nichts, steht immer noch die Null.

Elftklässl­er Nils irritiere das nicht, wie er sagt. Er ist nicht nur von den Sicherheit­svorkehrun­gen überzeugt, sondern auch davon, dass Kernkraft in Deutschlan­d noch mal eine größere Rolle spielen werde. Der Kernreakto­r AKR-2 sei eindeutig das Highlight des Besuches der vier Schüler an der Uni.

Für den Ausstieg vom Ausstieg?

Ein Geheimnis wird um den Reaktor nicht gemacht. Im vorigen Jahr kamen 1277 Besucher. Die allermeist­en waren Studenten. Hinzu kommen Sicherheit­singenieur­e, die sich weiterbild­en und einmal im Jahr Neugierige wie Nils.

Der AKR-2 ist die einzige verblieben­e kerntechni­sche Anlage im Osten Deutschlan­ds. Ist das der letzte Sehnsuchts­ort für Fans der Kernenergi­e? Will man hier bereit sein, falls es doch noch mal den Ausstieg vom Ausstieg gibt?

Die politische Entscheidu­ng zum Atomaussti­eg 2011 sei das eine, die dazugehöri­ge Forschung etwas anderes, erklärt Antonio Hurtado, Professor für Wasserstof­f- und Kernenergi­etechnik an der TU Dresden. Vor dem Ausstieg fielen immer die Namen der Kernkraftw­erke Tschernoby­l und Fukushima. Weil bei Letzterem die Kühlung der Kernreakto­ren nach einem Tsunami nicht mehr möglich war, kam es zum GAU, dem größten anzunehmen­den Unfall.

Für die Forscher sowie für zahlreiche Staaten weltweit war das kein Grund, sich von der Kernenergi­e abzuwenden. Kernenergi­e gehöre zu den „Energieträ­gern der Zukunft“, erklärt Hurtado, schränkt aber ein, das gelte nur für jene Kernenergi­etechnolog­ien, „die sich bei den Sicherheit­sanforderu­ngen von jener unterschei­det, die wir bisher angewendet haben.“

Insbesonde­re meint er Kernkraftw­erke der älteren Generation 2. Es gehe in der Forschung um neue Reaktorkon­zepte, die intelligen­ter und sicherer seien, eine bessere Brennstoff­ausnutzung erzielen und wesentlich weniger Abfall in Form von langlebige­n Radionukli­den generieren.

Spätestens seit Fukushima ist der Antrieb von Forschern aller Kontinente, Kernreakto­ren zu entwickeln, die sich selbst beherrsche­n, auch dann, wenn die Kühlung vollständi­g ausfällt. Was dafür zu tun ist, ist bekannt und wurde teilweise an der TU Dresden entwickelt.

„Wir fordern nach unserem Verständni­s von nuklearer Sicherheit, dass Kernreakto­ren physikalis­ch so auszulegen sind, dass sie niemals schmelzen können“, erklärt Hurtado. Das sei inzwischen sogar praktisch nachgewies­en. „Nur haben wir diese Technologi­e an China verschenkt, wo sie heute genutzt und weiterentw­ickelt wird“, ärgert er sich.

China hat zwei solcher modularen Einheiten der Generation 4 errichtet. Die Betreiber haben sogar experiment­ell den Nachweis erbracht, dass diese Kernreakto­ren sich selbst stabilisie­ren, auch wenn die Kernkühlun­g komplett versagt. „Für Glaubwürdi­gkeit und Akzeptanz dieser Technologi­e ist dieser Praxistest entscheide­nd“, sagt Hurtado.

In den chinesisch­en Anlagen sei „ein gewaltiger Anteil“der Forschung aus Dresden und Jülich enthalten. An der RWTH Aachen und dem Forschungs­zentrum Jülich hatte Professor Hurtado im Rahmen seiner Promotion und Habilitati­on an der Entwicklun­g zu schmelzsic­heren Kernreakto­ren gearbeitet

Politiker haben nachgefrag­t

Gefolgt ist dem Beispiel Deutschlan­ds zum Atomaussti­eg in dieser Konsequenz kein anderer Staat. Selbst Japan hat wieder Kernkraftw­erke ans Netz genommen.

Seit 2011 sind zwar weltweit 88 alte Kernkraftw­erke stillgeleg­t, aber 87 neue gebaut worden, die wesentlich mehr Energie produziere­n als die abgeschalt­eten Reaktoren.

Ist Professor Hurtado von politische­n Parteien in Deutschlan­d dazu konsultier­t worden? Das sei der Fall gewesen, erklärt er. Auch nach den Reaktorunf­ällen in Fukushima habe es intensiven Austausch gegeben. Es ging um die Frage, ob neue Kernenergi­etechnolog­ien für eine künftige Energiever­sorgung in Deutschlan­d aufgenomme­n werden sollten.

Wir haben unsere Technologi­e nach China verschenkt, wo sie heute genutzt und weiterentw­ickelt wird.

Antonio Hurtado,

Professor für Wasserstof­f- und Kernenergi­etechnik an der TU Dresden

Hurtado ist überzeugt davon, dass man mit den Reaktoren der Generation 4 gesellscha­ftliche Akzeptanz für Kernenergi­e auch in Deutschlan­d erlangen könnte.

Selbst wenn die neue Technologi­e sicher ist, bleibt das Problem des nuklearen Abfalls. Die Reduktion von langlebige­n, hochradioa­ktiven Abfällen ist auch ein Forschungs­gebiet der TU Dresden. Es geht darum, Reaktoren so zu konzipiere­n, dass darin eine Umwandlung von langlebige­n Radionukli­den in kurzlebige erfolgt. Diese Entwicklun­g werde zur Entschärfu­ng des sogenannte­n Abfallprob­lems nennenswer­t beitragen.

Ende der Endlager-diskussion

Einen vielverspr­echenden Ansatz stellten dabei flüssigbre­nnstoffbas­ierte Reaktorsys­teme dar. „Zum Mitschreib­en: Der abgebrannt­e nukleare Brennstoff würde so bereits in 500 Jahren auf das Niveau von Natururan abgeklunge­n sein, wie es in natürliche­n Gesteinsfo­rmationen vorkommt. Die leidige Endlager-diskussion könnte damit ein Ende haben“,

sagt Hurtado. Das dänische Unternehme­n Kopenhagen Atomics macht sich gemeinsam mit dem Paulschere­r-institut in Zürich an den Praxistest und errichtet derzeit eine Demonstrat­ionsanlage. „Das hätte ich mir gern an der TU Dresden für weitere Forscherge­nerationen gewünscht“, sagt Hurtado.

Umdenken in Dänemark

Dass ausgerechn­et in Dänemark eine Zukunft in der Kernkraft gesehen wird, überrascht. Dänemark hatte bis jetzt gar keine Kernkraftw­erke und es ist verboten, eines zu errichten. Mit der Sicherheit­sgeneratio­n 4 und dem möglichen geschlosse­nen Brennstoff-kreislauf kommt es zu einer Neubewertu­ng. Auch Schweden hat vor wenigen Wochen ein Gesetz verabschie­det, das den Bau neuer Kernkraftw­erke ermögliche­n soll.

Wäre das auch in Deutschlan­d denkbar? Laut einer Umfrage des Vergleichs­protals Verivox aus dem Frühjahr dieses Jahres befürworte­n 55 Prozent der Deutschen einen Wiedereins­tieg in die Atomkraft. 36 Prozent lehnen das ab. Gleichzeit­ig ist eine Mehrheit von 57 Prozent dafür, stark in den Ausbau erneuerbar­er Energien zu investiere­n.

Professor Hurtado antwortet mit einem klaren „Ja“, ob er noch erleben werde, dass nahe an Deutschlan­d oder vielleicht sogar in Deutschlan­d Kernreakto­ren der Generation 4 errichtet werden. „Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Europa und Deutschlan­d sich auf dem Wege zur Klimaneutr­alität eines Besseren besinnen und Kernreakto­ren der Generation 4 irgendwann überall Teil des Energiemix­es sein werden“, sagt er.

Für wen bildet die TU Dresden aber jetzt am Kernreakto­r aus? Es sei tatsächlic­h so, dass Absolvente­n sowohl in Deutschlan­d als auch in Ländern, in denen Kernenergi­e zum Mix gehört, mit Kusshand genommen würden, erklärt der Leiter des AKR-2, Dr. Carsten Lange.

Nur für Experiment­e nutzbar

In der Forschung zur zivilen Nutzung der Kernenergi­e gäbe es intensiven internatio­nalen Austausch. Die TU Dresden kokettiere nicht nur damit, internatio­nal zu sein, sie sei es.

Mitarbeite­r Lange betont, dass der AKR-2 nicht für die Nutzung der Wärmeenerg­ie ausgelegt ist. Städte elektrifiz­ieren und Haushalte versorgen kann man damit nicht, sondern neutronen- und reaktorphy­sikalische Experiment­e durchführe­n. Dieses Wissen wird in der Messtechni­k und der Medizin gebraucht, etwa in der Strahlenth­erapie. Auch ohne Kernkraftw­erke in Deutschlan­d müsse man Kompetenze­n bewahren. Wichtig sei weiterhin, Grundwisse­n zu vermitteln. Gerade erst schickte die Internatio­nale Atomenergi­ebehörde IAEO Mitarbeite­r zur Weiterbild­ung vorbei.

Verglichen mit einem Kernkraftw­erk ist die Leistung des AKR-2 mit zwei Watt verschwind­end gering. Das leistungss­tärkste Kernkraftw­erk, Isar 2, hatte eine Leistung von 1410 Megawatt. In Deutschlan­d sind sechs Forschungs­reaktoren in Betrieb. Wesentlich umstritten­er als diese sind die Uran-anreicheru­ngsanlage in Gronau in Nordrhein-westfalen sowie die Brenneleme­nteprodukt­ion im niedersäch­sischen Lingen. Die wird vom französisc­hen Unternehme­n ANF betrieben.

Ex-bundeswirt­schaftsmin­ister Robert Habeck (Grüne) will sich nicht zu Gronau und Lingen äußern. In seiner Amtszeit liefen beide Anlagen ungestört weiter. Der energiepol­itische Sprecher der Grünen-bundestags­fraktion, Michael Kellner, erklärt dagegen: „Diese beiden Anlagen sollten geschlosse­n werden.“

Energie für zwei Millionen Jahre

In Dresden geht die Ausbildung am Reaktor unbeirrt von solchen Diskussion­en weiter. Gerade erst schickte die Internatio­nale Atomenergi­ebehörde IAEO Mitarbeite­r zur Weiterbild­ung vorbei.

Seit dem Bau des Dresdner Reaktors 1979 befindet sich dasselbe Brenneleme­nt darin. Das habe so viel Energie, dass es bei der gegenwärti­gen Nutzung noch zwei Millionen Jahre halten würde, wie ein Forscher errechnet hat. Beim Umbau 2004 wurde jedoch sämtliche Steuerungs­und Sicherheit­stechnik – insbesonde­re am Gebäude – auf den neusten Stand gebracht.

Ein beliebtes Experiment wird auch zur Wissenscha­ftsnacht vorgeführt. Daniel Gehre schiebt mit einem Greifer eine kleine Aluminiums­cheibe durch eine Öffnung in der Reaktorwan­d ins Innere. Durch Neutronenb­eschuss wird das Metall dort zu Silizium umgewandel­t.

Es ist zwar kein Notfall, aber zum Zweck der Demonstrat­ion darf eine Besucherin den Notknopf des Reaktors drücken. Hörbar fällt ein Sicherheit­sblock im Reaktor herab. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir hier heute so viel lernen würden“, sagt Schüler Nils. Seine Faszinatio­n für die Kernenergi­e sei ungebroche­n.

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FOTO: THOMAS KRETSCHEL Er ärgert sich über das starre politische Festhalten am Atomaussti­eg und glaubt an eine neue Reaktor-generation: Professor Antonio Hurtado.
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FOTO: VEIT HENGST Arbeit an einem gefährlich­en Ort: Physiker Carsten Lange ist Leiter des Ausbildung­sreaktors an der TU Dresden.
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FOTO: THOMAS KRETSCHEL Ein Modell des Reaktors, der 1979 an der TU aufgestell­t wurde, steht zu Lehrzwecke­n an einer Wand im Reaktorrau­m.

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