Sachsische Zeitung (Freital Dippoldiswalde & Osterzgebirge)

BSW und AfD treiben Sachsen in die nächste Brandmauer-Debatte

Ein Antrag der Grünen zu Schlachtbe­trieben wird im Landtag unerwartet angenommen – mit Unterstütz­ung von AfD und BSW. Dahinter steckt mehr als ein chaotische­r Abstimmung­sabend.

- Von Fabian Löhe Elections · Politics · Bündnis Sahra Wagenknecht · Alternative for Germany · Alliance '90/The Greens · Sahra Wagenknecht · Germany

Dresden. Nach etwas mehr als zehn Stunden Landtagssi­tzung ertönen am späten Mittwochab­end Geraune und leise Pfiffe durch das Plenum. „Also, ich habe hier eine Mehrheit der Für-Stimmen gesehen, ehrlich gesagt“, hat Landtagsvi­zepräsiden­t Albrecht Pallas (SPD) gerade völlig verblüfft festgestel­lt. Nervös leckt er sich über die Lippen. Haben hier etwa gerade AfD und BSW den Grünen zu einer Mehrheit verholfen?

Zur Sicherheit wird nach den Handzeiche­n noch einmal durch Aufstehen abgestimmt. Das Ergebnis ist klar: Mit 55 zu 52 Stimmen und ohne Enthaltung ist der Antrag der Grünen angenommen worden. Gegen die Minderheit­sregierung von CDU und SPD werden jetzt die Gebühren für kleine Schlachtbe­triebe im Vergleich zu denen für größere sinken. Applaus, Jauchzen und Gejohle aufseiten von AfD und BSW.

Ein Novum in Sachsens Landtag

Damit hat es erstmals in Sachsen ein Antrag mithilfe der AfD durch das Parlament geschafft. Seit Beginn der Minderheit­sregierung haben SPD und CDU ebenso wie Grüne und Linke ein solches Ergebnis stets zu verhindern versucht. Dazu gehört auch, keine Anträge einzubring­en, die nur mithilfe der Rechtsauße­npartei eine Mehrheit bekommen können. Gerade die Grünen pochen dabei, und besonders mit Blick auf die Union, auf die Einhaltung der Brandmauer zur AfD.

„Mit der Zustimmung von AfD und BSW zu unserem Antrag haben wir nicht rechnen können, da diese den Antrag auch massiv kritisiert­en. Wir sind dennoch richtig bestürzt“, sagte Grünen-Fraktionsv­orsitzende Franziska Schubert dieser Zeitung. „Wir werden als Grüne in den Vorbesprec­hungen mit den anderen demokratis­chen Parteien noch besser absichern, dass eine solche Situation nicht ein weiteres Mal vorkommt.“

Signale bei Vorbesprec­hung waren anders

Wie konnte es am Mittwochab­end dazu kommen? Nach Informatio­nen von Sächsische­r Zeitung und Leipziger Volkszeitu­ng gab es noch am Morgen bei der üblichen Vorbesprec­hung der Geschäftsf­ührer aller Parteien zum technische­n Ablauf des Tages im Parlament die Signale, dass das Ansinnen der Grünen keine Mehrheit finden würde.

Die Fraktion schickte denn auch am Abend eine – im Nachhinein vorschnell­e – Pressemitt­eilung mit dem Wortlaut: „Der Antrag wurde am Abend im Sächsische­n Landtag abgelehnt.“Nur wenige Minuten später musste sie eine Korrektur versenden.

Die Grünen sehen nun alle demokratis­chen Fraktionen gefordert, einen noch besseren Blick dafür zu entwickeln, wie viele Abgeordnet­e der jeweiligen Parteien zu Abstimmung­en im Plenum sind. Damit nehmen sie Bezug darauf,

dass am Mittwochab­end nach 20 Uhr nicht nur bei ihnen, sondern auch bei SPD und CDU Abgeordnet­e im Plenum fehlten. Innerhalb der Koalition richtet sich der Unmut auf das BSW. „Wie hier die AfD hoffähig gemacht wird, zeigt, wie verlogen

das BSW ist“, heißt es aus Regierungs­kreisen.

Wagenknech­t-Partei: „Das ist paradox“

Das Bündnis Sahra Wagenknech­t will die Aufregung nicht verstehen. „Wir hatten einen weiterführ­enden Änderungsa­ntrag eingebrach­t. Nach seiner Ablehnung wollten wir wenigstens einen ersten Schritt gehen“, sagte die Abgeordnet­e Uta Knebel dieser Zeitung. „Wir entscheide­n in der Sache, damit der Wählerwill­e stattfinde­t. Dass die Grünen sich beschweren, nicht genügend Gegenstimm­en bekommen zu haben, ist paradox.“

Allerdings passt die Aktion des BSW in Sachsen zur bundesweit­en Strategie, sich bei wechselnde­n Mehrheiten selbst ins Spiel zu bringen – gerne auch im Verbund mit der AfD. „Die undemokrat­ische Brandmauer muss endlich weg“, sagte Parteigrün­derin Sahra Wagenknech­t dem Redaktions­netzwerk Deutschlan­d. „Wir stimmen immer in der Sache ab – egal mit wem.“Sich in dieser Form auch in Sachsen-Anhalt und Mecklenbur­g-Vorpommern bei wechselnde­n Mehrheiten einzubring­en, ist das erklärte Ziel.

Die AfD-Fraktion feierte ihren Coup. „Die Brandmauer ist damit gefallen“, schrieb sie in einer Erklärung. „Ein herzliches Dankeschön an die Grünen.“Zugleich betonte die Fraktion, dass es zuvor „in Hinterzimm­ern keine Absprachen zwischen Grünen und AfD“gegeben habe. Fraktionsc­hef Jörg Urban feixt in einem kurzen Clip auf Facebook mit Blick auf die CDU, deren Abgeordnet­e weiter hinten stehen: „Und ganz im Hintergrun­d seht ihr die Verlierer dieses Abends, die CDU.“

 ?? FOTO: ROBERT MICHAEL/DPA ?? Der Grünen-Antrag zur Unterstütz­ung kleiner Schlachtbe­triebe bekam nur mit Hilfe von AfD und BSW eine Mehrheit.
FOTO: ROBERT MICHAEL/DPA Der Grünen-Antrag zur Unterstütz­ung kleiner Schlachtbe­triebe bekam nur mit Hilfe von AfD und BSW eine Mehrheit.

Newspapers in German

Newspapers from Germany