„Die AFD ist eine Fortsetzung der gescheiterten Wiedervereinigung“
Der Braunschweiger Klaus Knodt schimpfte in dieser Zeitung über das Wahlverhalten der Ostdeutschen. Jutta Richter aus Sachsen widerspricht ihm. Für den Afd-erfolg sieht sie eine ganze Reihe von Gründen.
Ein Einfamilienhaus in Bad Lausick.
Bad Lausick. Es öffnet: Jutta Richter, 70 Jahre. 35 Jahre DDR hat sie erlebt – und 35 Jahre geeintes Deutschland. „Kommen Sie nur rein“, sagt sie.
Die Zeitungsseite, um die es gehen soll, liegt schon säuberlich gefaltet auf dem Küchentisch. Seit 50 Jahren hat Richter die Tageszeitung abonniert. Nicht einmal schrieb sie einen Leserbrief, sagt sie. „Bis dieser Klaus Knodt auftauchte.“
Herr Knodt verschickte nach der Bundestagswahl einen Leserbrief – aus Niedersachsen nach Sachsen. Es war ein wütender Brief, der sich vor allem auf das starke Afd-abschneiden im Osten bezog. Die Wut richtete sich auch gegen die Ostdeutschen. Vielleicht nicht ganz ernstgemeint, machte Knodt einen Vorschlag: „Dann bauen wir eben wieder einen Zaun um die DDR.“
Freiheit? Erstmal kam 1990 ein neues System
Wiedervereinigungskritik – das kennt man aus dem Osten. Aber aus dem Westen? Das klang neu, weshalb Herr Knodt Gelegenheit bekam, seine Wut auf einer Zeitungsseite auszuformulieren – natürlich nicht ohne Widerspruch. „Wütend auf Ostdeutschland“hieß der Text. Die vielen Leserbriefe, die darauf folgten, bekamen wieder eine ganze Seite. Auch der von Jutta Richter war dabei, sie schrieb: „Ich hoffe, Sie haben noch vor, einen Artikel aus Sicht eines Ossis zu verfassen.“
Also: Schwarzer Kaffee und Apfelkuchen. Wir sind da, Reporter und Fotografin. Diese Zeitung hatte nach der Bundestagswahl einige Briefe wie den des Herrn Knodt erreicht: Westdeutsche, die mit dem Wahlergebnis des Ostens abrechneten.
Also, Jutta Richter: Was ist sie nun, die Sicht des Ostens auf das alles? Auf die Wahl, auf das starke Afd-abschneiden – aber auch auf den Stand der Wiedervereinigung? Möchte Sie auch gern einen Zaun bauen?
Nein, sagt sie. Schließlich habe das viele Afd-wählen im Osten nicht nur mit dem Osten zu tun. Sondern auch mit dem Westen. Um das zu verstehen, sagt sie, müsse man bei der Hälfte ihres bisherigen Lebens anfangen: vor 35 Jahren.
Oder sogar noch eher, in der Zeit der Montagsdemonstrationen. Richter arbeitete damals in der Personalabteilung der Stadt Bad Lausick. Die hieß damals noch: Kaderplanung. Im Westfernsehen sah die Angestellte, die kein Parteimitglied war, Bilder der Leipziger Proteste. Was dachte sie damals? „Erstmal ein mulmiges Gefühl“, sagt sie. Der starke Staat wirkte plötzlich schwach.
Dann kam die Wende. Und mit ihr die große Freiheit. Reisefreiheit, endlich. Aber die vielen großen Erwartungen an die Freiheit wurden schnell gedämpft. „Ja, wir durften jetzt reisen – aber die wenigsten hatten das Geld dafür“, sagt Richter. Freiheit in der Lebensgestaltung? Richter rümpft die Nase: „Viele, die ganz vorn bei den Demos mitliefen, gehörten zu den ersten Arbeitslosen.“
Auf die große Euphorie folgte bei vielen ein Realitätsschock. Auch bei Richter, die den Zerfall ihres Landes aus der Amtsstube beobachtete – und mit stemmte. Erzählt sie von damals, dann klingt sie wie viele Ostdeutsche. Nur dass sie eben wirklich live dabei war: Als auf dem Land die Kindergärten zusammengestrichen wurden. Als gut geordnete Behörden ihre Akten gegen mühsame Westcomputer austauschen sollten. Sogar die langjährige Putzfrau flog aus dem Rathaus. Man engagierte eine externe Firma. Freiheit? Erstmal kam da ein neues System, dem man sich zu fügen hatte, erinnert sich Richter.
Oder es wurde über einen verman fügt. Richter erzählt von Männern in Anzügen und mit Aktentaschen im Büro ihres Vorgesetzten, dem Bürgermeister. „Heuschrecken“, nennt sie die Männer. Warum?
Was glauben Sie, warum die in den Osten kommen? Weil hier die große Unzufriedenheit herrscht.
Jutta Richter über Politiker der AFD
Weil sie zwar Aufbruchsstimmung mitbrachten. Und Geld, um ein Stück Land zu kaufen oder ein Hotel zu bauen. „Aber die meisten sah nie wieder“, sagt Jutta Richter.
Sollte man die AFD mitregieren lassen?
Manche machten etwas kaputt und gingen wieder. Es musste ja alles schnell gehen. Plötzlich war die Dmark da. Die Betriebe der DDR brachen unter der Währungsunion zusammen. Anstatt sie zu erneuern, wurden sie dichtgemacht. Das legendäre Silikatwerk Bad Lausick wurde 1992 geschlossen. Schließlich gab es konkurrierende Werke in Wiesbaden oder Göttingen. Und auch Privatleuten wurden ostdeutsche Grundstücke für zu wenig Geld abgekauft. Arm und arbeitslos starteten viele im Osten in die Einheit. Und: orientierungslos.
Der Preis der Einheit, heißt es, betrug rund zwei Billionen Euro. Zweitausend Milliarden, die seit der Wiedervereinigung von West nach Ost flossen. Für Autobahnen, Bahnhöfe, sanierte Innenstädte, aber auch Arbeitslosengeld oder Renten. Aber das Geld gab es keineswegs geschenkt. Die, die es gaben, nahmen im Gegenzug die Zügel in die Hand. Der Westen diktierte dem Osten, was aus ihm werden sollte. Und noch heute – so sieht Jutta Richter das – möchte der Westen mitbestimmen, was der Osten isst, atmet, wählt.
Die 70-Jährige schenkt Kaffee nach. Groß in den Westen gereist ist sie nie. Einmal in den Schwarzwald, einmal nach Österreich. „Touristenfalle“habe sie gedacht. „Also, von den Preisen her.“
Dann stellt sie eine Frage, die sie schon die ganze Zeit stellen will: Sollte man die AFD nicht einmal mitregieren lassen, anstatt sie zu verteufeln?
Was bringt es, dabei zuzusehen, wie sie immer weiter wächst – und womöglich bald die ersten ostdeutschen Bundesländer regiert? Wird dann alles besser?
Jutta Richter, muss man dazu sagen, hält viel auf die sächsischen Ministerpräsidenten der vergangenen Jahrzehnte. Michael Kretschmers Einsatz für den Osten, über den er sich mit seiner eigenen Partei verkracht, imponiert ihr. Aber auch, wenn sie die AFD nie wählen würde, verteidigt sie deren Wähler: Denn im Erfolg der AFD sei eine Fortsetzung der gescheiterten Wiedervereinigung. „Die Afd-leute sind doch fast alle aus dem Westen“, sagt sie. „Was glauben Sie, warum die in den Osten kommen? Weil hier die große Unzufriedenheit herrscht.“
Frust als Geschäftsmodell. Jutta Richter erzählt die vergangenen 35 Jahre ostdeutsche Geschichte als kontinuierlichen Aufstand gegen die Enttäuschung: Erst ärgerte sich der Osten, bei der Wiedervereinigung nicht genug mitgeredet zu haben. Nun macht er die AFD zu seiner Volkspartei, die ihm endlich Mitsprache verspricht.
Mit der AFD, sagt Richter, sei es wie mit den westdeutschen Investoren von damals: Sie hätte auch keine Lösungen für die Probleme dieses Landes. Remigration, also: Deutsche ausbürgern? Was bringe das schon? Und: „Ist mit dem Grundgesetz gar nicht zu machen.“Die EU verlassen? Finanzielle Katastrophe. Die Nato? „Wer will schon Krieg – niemand. Aber es braucht eine intelligente Lösung und nicht nur das Wort Frieden auf Wahlplakaten.“
Richter glaubt: Wer die AFD loswerden will, muss aufhören, ihre Wähler zu belehren. „Ausgrenzen bringt nichts“, sagt sie. „So bestätigt man ihre Wähler ja noch.“Anders gesagt: Wenn CDU, SPD oder Grüne vor der AFD warnen – wählt sie der Osten dann nicht erst recht? Der Ostwest-konflikt als Brandbeschleuniger einer politischen Spaltung.
Also soll jetzt die AFD regieren? „Sie muss jedenfalls einbezogen werden“, sagt Richter. Irgendwie. Ihre Wähler hätten ein Recht darauf. Die Lösung müsse die Politik schon selber finden, sagt sie. „Lasst euch endlich was einfallen.“