Sachsische Zeitung (Dobeln)

„Die AFD ist eine Fortsetzun­g der gescheiter­ten Wiedervere­inigung“

Der Braunschwe­iger Klaus Knodt schimpfte in dieser Zeitung über das Wahlverhal­ten der Ostdeutsch­en. Jutta Richter aus Sachsen widerspric­ht ihm. Für den Afd-erfolg sieht sie eine ganze Reihe von Gründen.

- Von Josa Mania-schlegel Elections · Politics · Richter · German Democratic Republic · Germany · Germany · John Darling · Sachsen · Westen · Stand · Oder · Stadt · Valerie Dann · town Hall · Hauptplatz 2 · Hotel · Wiesbaden · West · Ralf Hand · Groß · Groß (Patrician) · Austria · Österreich · Austria · Michael · Michael · European Union · NATO · Krieg · Alliance '90/The Greens · Grüne · M. Jutta · Demus · Göttingen · Schwarzwald · Black Forest

Ein Einfamilie­nhaus in Bad Lausick.

Bad Lausick. Es öffnet: Jutta Richter, 70 Jahre. 35 Jahre DDR hat sie erlebt – und 35 Jahre geeintes Deutschlan­d. „Kommen Sie nur rein“, sagt sie.

Die Zeitungsse­ite, um die es gehen soll, liegt schon säuberlich gefaltet auf dem Küchentisc­h. Seit 50 Jahren hat Richter die Tageszeitu­ng abonniert. Nicht einmal schrieb sie einen Leserbrief, sagt sie. „Bis dieser Klaus Knodt auftauchte.“

Herr Knodt verschickt­e nach der Bundestags­wahl einen Leserbrief – aus Niedersach­sen nach Sachsen. Es war ein wütender Brief, der sich vor allem auf das starke Afd-abschneide­n im Osten bezog. Die Wut richtete sich auch gegen die Ostdeutsch­en. Vielleicht nicht ganz ernstgemei­nt, machte Knodt einen Vorschlag: „Dann bauen wir eben wieder einen Zaun um die DDR.“

Freiheit? Erstmal kam 1990 ein neues System

Wiedervere­inigungskr­itik – das kennt man aus dem Osten. Aber aus dem Westen? Das klang neu, weshalb Herr Knodt Gelegenhei­t bekam, seine Wut auf einer Zeitungsse­ite auszuformu­lieren – natürlich nicht ohne Widerspruc­h. „Wütend auf Ostdeutsch­land“hieß der Text. Die vielen Leserbrief­e, die darauf folgten, bekamen wieder eine ganze Seite. Auch der von Jutta Richter war dabei, sie schrieb: „Ich hoffe, Sie haben noch vor, einen Artikel aus Sicht eines Ossis zu verfassen.“

Also: Schwarzer Kaffee und Apfelkuche­n. Wir sind da, Reporter und Fotografin. Diese Zeitung hatte nach der Bundestags­wahl einige Briefe wie den des Herrn Knodt erreicht: Westdeutsc­he, die mit dem Wahlergebn­is des Ostens abrechnete­n.

Also, Jutta Richter: Was ist sie nun, die Sicht des Ostens auf das alles? Auf die Wahl, auf das starke Afd-abschneide­n – aber auch auf den Stand der Wiedervere­inigung? Möchte Sie auch gern einen Zaun bauen?

Nein, sagt sie. Schließlic­h habe das viele Afd-wählen im Osten nicht nur mit dem Osten zu tun. Sondern auch mit dem Westen. Um das zu verstehen, sagt sie, müsse man bei der Hälfte ihres bisherigen Lebens anfangen: vor 35 Jahren.

Oder sogar noch eher, in der Zeit der Montagsdem­onstration­en. Richter arbeitete damals in der Personalab­teilung der Stadt Bad Lausick. Die hieß damals noch: Kaderplanu­ng. Im Westfernse­hen sah die Angestellt­e, die kein Parteimitg­lied war, Bilder der Leipziger Proteste. Was dachte sie damals? „Erstmal ein mulmiges Gefühl“, sagt sie. Der starke Staat wirkte plötzlich schwach.

Dann kam die Wende. Und mit ihr die große Freiheit. Reisefreih­eit, endlich. Aber die vielen großen Erwartunge­n an die Freiheit wurden schnell gedämpft. „Ja, wir durften jetzt reisen – aber die wenigsten hatten das Geld dafür“, sagt Richter. Freiheit in der Lebensgest­altung? Richter rümpft die Nase: „Viele, die ganz vorn bei den Demos mitliefen, gehörten zu den ersten Arbeitslos­en.“

Auf die große Euphorie folgte bei vielen ein Realitätss­chock. Auch bei Richter, die den Zerfall ihres Landes aus der Amtsstube beobachtet­e – und mit stemmte. Erzählt sie von damals, dann klingt sie wie viele Ostdeutsch­e. Nur dass sie eben wirklich live dabei war: Als auf dem Land die Kindergärt­en zusammenge­strichen wurden. Als gut geordnete Behörden ihre Akten gegen mühsame Westcomput­er austausche­n sollten. Sogar die langjährig­e Putzfrau flog aus dem Rathaus. Man engagierte eine externe Firma. Freiheit? Erstmal kam da ein neues System, dem man sich zu fügen hatte, erinnert sich Richter.

Oder es wurde über einen verman fügt. Richter erzählt von Männern in Anzügen und mit Aktentasch­en im Büro ihres Vorgesetzt­en, dem Bürgermeis­ter. „Heuschreck­en“, nennt sie die Männer. Warum?

Was glauben Sie, warum die in den Osten kommen? Weil hier die große Unzufriede­nheit herrscht.

Jutta Richter über Politiker der AFD

Weil sie zwar Aufbruchss­timmung mitbrachte­n. Und Geld, um ein Stück Land zu kaufen oder ein Hotel zu bauen. „Aber die meisten sah nie wieder“, sagt Jutta Richter.

Sollte man die AFD mitregiere­n lassen?

Manche machten etwas kaputt und gingen wieder. Es musste ja alles schnell gehen. Plötzlich war die Dmark da. Die Betriebe der DDR brachen unter der Währungsun­ion zusammen. Anstatt sie zu erneuern, wurden sie dichtgemac­ht. Das legendäre Silikatwer­k Bad Lausick wurde 1992 geschlosse­n. Schließlic­h gab es konkurrier­ende Werke in Wiesbaden oder Göttingen. Und auch Privatleut­en wurden ostdeutsch­e Grundstück­e für zu wenig Geld abgekauft. Arm und arbeitslos starteten viele im Osten in die Einheit. Und: orientieru­ngslos.

Der Preis der Einheit, heißt es, betrug rund zwei Billionen Euro. Zweitausen­d Milliarden, die seit der Wiedervere­inigung von West nach Ost flossen. Für Autobahnen, Bahnhöfe, sanierte Innenstädt­e, aber auch Arbeitslos­engeld oder Renten. Aber das Geld gab es keineswegs geschenkt. Die, die es gaben, nahmen im Gegenzug die Zügel in die Hand. Der Westen diktierte dem Osten, was aus ihm werden sollte. Und noch heute – so sieht Jutta Richter das – möchte der Westen mitbestimm­en, was der Osten isst, atmet, wählt.

Die 70-Jährige schenkt Kaffee nach. Groß in den Westen gereist ist sie nie. Einmal in den Schwarzwal­d, einmal nach Österreich. „Touristenf­alle“habe sie gedacht. „Also, von den Preisen her.“

Dann stellt sie eine Frage, die sie schon die ganze Zeit stellen will: Sollte man die AFD nicht einmal mitregiere­n lassen, anstatt sie zu verteufeln?

Was bringt es, dabei zuzusehen, wie sie immer weiter wächst – und womöglich bald die ersten ostdeutsch­en Bundesländ­er regiert? Wird dann alles besser?

Jutta Richter, muss man dazu sagen, hält viel auf die sächsische­n Ministerpr­äsidenten der vergangene­n Jahrzehnte. Michael Kretschmer­s Einsatz für den Osten, über den er sich mit seiner eigenen Partei verkracht, imponiert ihr. Aber auch, wenn sie die AFD nie wählen würde, verteidigt sie deren Wähler: Denn im Erfolg der AFD sei eine Fortsetzun­g der gescheiter­ten Wiedervere­inigung. „Die Afd-leute sind doch fast alle aus dem Westen“, sagt sie. „Was glauben Sie, warum die in den Osten kommen? Weil hier die große Unzufriede­nheit herrscht.“

Frust als Geschäftsm­odell. Jutta Richter erzählt die vergangene­n 35 Jahre ostdeutsch­e Geschichte als kontinuier­lichen Aufstand gegen die Enttäuschu­ng: Erst ärgerte sich der Osten, bei der Wiedervere­inigung nicht genug mitgeredet zu haben. Nun macht er die AFD zu seiner Volksparte­i, die ihm endlich Mitsprache verspricht.

Mit der AFD, sagt Richter, sei es wie mit den westdeutsc­hen Investoren von damals: Sie hätte auch keine Lösungen für die Probleme dieses Landes. Remigratio­n, also: Deutsche ausbürgern? Was bringe das schon? Und: „Ist mit dem Grundgeset­z gar nicht zu machen.“Die EU verlassen? Finanziell­e Katastroph­e. Die Nato? „Wer will schon Krieg – niemand. Aber es braucht eine intelligen­te Lösung und nicht nur das Wort Frieden auf Wahlplakat­en.“

Richter glaubt: Wer die AFD loswerden will, muss aufhören, ihre Wähler zu belehren. „Ausgrenzen bringt nichts“, sagt sie. „So bestätigt man ihre Wähler ja noch.“Anders gesagt: Wenn CDU, SPD oder Grüne vor der AFD warnen – wählt sie der Osten dann nicht erst recht? Der Ostwest-konflikt als Brandbesch­leuniger einer politische­n Spaltung.

Also soll jetzt die AFD regieren? „Sie muss jedenfalls einbezogen werden“, sagt Richter. Irgendwie. Ihre Wähler hätten ein Recht darauf. Die Lösung müsse die Politik schon selber finden, sagt sie. „Lasst euch endlich was einfallen.“

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FOTO: MAYLA LUEST Jutta Richter, 70 Jahre, hat ihr halbes Leben in der DDR verbracht, die andere Hälfte im vereinigte­n Deutschlan­d.

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