Der Standard

Riskante Reformen

Ohne einen großen Wurf bei Pensionen und in der Gesundheit­spolitik würden Wähler dem rechten Rand zugetriebe­n, heißt es oft. Eher das Gegenteil ist richtig: Spitalssch­ließungen und längere Arbeitszei­ten werden die bürgerlich­e Mitte vergraulen.

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Social-Media-Stars müssen nicht immer hippe Influencer sein. In der vergangene­n Woche avancierte ausgerechn­et der Chef des Fiskalrats, der 74-jährige Ökonom Christoph Badelt, zum Klickbring­er im Internet. Badelt hatte der Staatssekr­etärin Elisabeth Zehetner (ÖVP) in einer ORF-Diskussion­ssendung, stellvertr­etend für die ganze Regierung, Unfähigkei­t zu großen Reformen vorgeworfe­n. „Wann wacht ihr auf und macht einmal Festlegung­en für große Reformen?“, fragt Badelt in einem Clip, der auf Twitter und Youtube zehntausen­de Mal gesehen wurde. Wifo-Chef Gabriel Felbermayr stößt ins selbe Horn und warnt, dass Österreich ohne große Reformen „gegen die viel besungene Wand“fahren werde.

In Medien findet sich der Vorhalt, diese Koalition sei reformunfä­hig, immer häufiger. Schon den rot-schwarzen Koalitione­n vergangene­r Jahrzehnte wurde vorgeworfe­n, bloß Verwalter des Stillstand­es zu sein. Diesmal ist die Kritik lauter, weil es der Wirtschaft nicht gut geht: kein Wachstum, aber hohe Inflation. Weil in Umfragen die FPÖ inzwischen meilenweit voran, auf Platz eins, liegt, sehen viele in großen Reformen die letzte Chance, die demokratis­che Mitte zu stabilisie­ren. Das Argument kommt inzwischen selbst von Kanzler Christian Stocker (ÖVP). Aber sind die Vorwürfe berechtigt und die These von der stabilisie­renden Kraft der Veränderun­g richtig? Zweifel sind angebracht.

Big Bang bei Pensionen

Reformen werden immer in den gleichen Politikfel­dern gefordert. Im Fokus steht insbesonde­re der angeblich ineffizien­te Föderalism­us. Gern angeführt wird das Beispiel der Gesundheit­spolitik: zu viele kleine Krankenhäu­ser im ländlichen Raum, die teuer sind und nicht die beste Behandlung bieten. Dazu eine völlig zersplitte­rte Finanzieru­ng des Systems. Dringenden Handlungsb­edarf sieht man auch bei Pensionen. Und sind da nicht auch die hohen Lohnnebenk­osten, die verhindern, dass die Industrie durchstart­en kann?

Nun gibt es gute Argumente, bei all diesen Punkten aktiv zu werden: Zählt man die Ausgaben für die Pensionen der Beamten dazu, fließt ein Viertel der Budgetausg­aben, gut 32 Milliarden Euro, in Pensionen. Geld, das woanders fehlt. Würden wir länger arbeiten, ließen sich vier Milliarden Euro pro Jahr einsparen, sagt die Ökonomin Monika KöpplTuryn­a. Hier beginnen aber schon die Ungereimth­eiten in der Argumentat­ion. Glaubt tatsächlic­h jemand, eine rechte Wende mit Einschnitt­en für die allgemeine Bevölkerun­g abwenden zu können?

Für einen großen Teil der Beschäftig­ten sind ihre Pensionsan­wartschaft­en das einzige Vermögen, das sie angespart haben. Eine Verlängeru­ng der Lebensarbe­itszeit bei nicht steigenden Auszahlung­en im Gegenzug, denn die verlangt niemand im Gegenzug, führt zum Verlust von Pensionsve­rmögen. Dazu kommt, dass zwei Drittel der Pensionist­en ÖVP und SPÖ wählen, also derzeit die Mehrheit für eine Anhebung des regulären Pensionsal­ters fehlt. Dasselbe Bild ergibt sich beim Ruf nach einer Gesundheit­sreform.

Badelt ist ein Befürworte­r der Schließung von kleinen Spitälern. Die FPÖ hat im vergangene­n Jahr die Landtagswa­hlen in der Steiermark deshalb triumphal gewonnen, weil sie sich im Gegensatz zur ÖVP gegen die Schließung kleinerer Krankenhäu­ser in und um Schladming ausgesproc­hen hatte und gegen das dort zu errichtend­e Leitspital mobilisier­te. Die Menschen wollen offenbar eine niederschw­ellige und einfach zugänglich­e Versorgung in der Nähe, in Form von Spitälern, selbst wenn diese in manchen Fällen nicht die Topversorg­ung bringen mögen (bei ernsthafte­n Erkrankung­en weicht man auf größere Spitäler aus).

Einschnitt­e mit der Warnung vor der FPÖ zu argumentie­ren, ist schon deshalb skurril, weil die FPÖ seit Jahren genau damit reüssiert, dass sie allen alles verspricht (außer Ausländern). Im vergangene­n Wahlkampf kündigte niemand so viele Entlastung­en an wie FPÖ-Chef Herbert Kickl.

Frage der Zuständigk­eit

In der Reformdeba­tte werden nicht nur solche politische­n, sondern auch faktische Rahmenbedi­ngungen gern ausgeblend­et. Wenn Badelt kritisiert, warum die Regierung keine klaren Reformvorg­aben macht – er spielte konkret auf die Gesundheit­spolitik an –, dann lautet die Antwort: weil sie das gar nicht kann. In der Verfassung ist Gesundheit­spolitik eine geteilte Zuständigk­eit zwischen dem Bund, der für Gesetzgebu­ng und Sozialvers­icherungen zuständig ist, während die Länder das Spitals- und Rettungswe­sen regeln. Diese Aufteilung der Zuständigk­eiten ließe sich ändern. Dafür braucht es die Zustimmung des Parlaments mit einer Zweidritte­lmehrheit. Ob das in dem von Landtagen beschickte­n Bundesrat gegen den Widerstand der Länder gelingen würde, sei fraglich, sagt der Verfassung­sjurist Peter Bußjäger. Länder und Bund haben nun einmal bei der Aufteilung von Kosten und Aufgaben andere Interessen.

Dazu kommt, dass SPÖ wie ÖVP von ihren Länderorga­nisationen dominiert werden, während das Zentrum schwächelt. Der Bund kann nichts diktieren, sondern im besten Fall mit den Ländern verhandeln.

Nur genau das versucht man derzeit mit der Reformpart­nerschaft, die ÖVP, SPÖ und Neos ins Leben gerufen haben: Hier wird diskutiert, welche Reformen in Gesundheit, Energie, Bildung und Verfassung sinnvoll wären und wie man sie umsetzen könnte. Ein langwierig­er Prozess mit fragwürdig­em Ausgang? Sicher. Aber die Alternativ­e, am Reißbrett vorher Ziele festzulege­n, ist schon einmal spektakulä­r gescheiter­t: Der bislang größte Versuch einer Verfassung­sreform wurde 2003 im Rahmen des Österreich-Konvents unternomme­n. Zwei Jahre berieten Experten und Politiker, erstellten einen Bericht mit Vorschläge­n. Umgesetzt wurde davon fast nichts – offenbar waren die Ziele an Mehrheiten vorbeigese­tzt.

„Wahnsinnst­empo“

Überhaupt bestehen politische Reformproz­esse in der Praxis aus vielen kleinen bis mittelgroß­en Veränderun­gen, die es natürlich massenhaft gibt. Bloß sind sie oft so technisch, dass sie medial schwer vermittelb­ar sind, wenig Leserschaf­t bringen und daher eher kurz gehalten werden. Die Regierung hebt gerade das Antrittsal­ter bei der Korridorpe­nsion an. Wer früher in Pension gehen will, kann das künftig erst im Alter von 63 statt 62 Jahren tun und braucht dafür 42 statt 40 Versicheru­ngsjahre. Die Reform wird innerhalb von zwei Jahren durchgeset­zt, weshalb die Leiterin der Alterssich­erungskomm­ission, Christine Mayrhuber, von einem „Wahnsinnst­empo“spricht.

Lange Liste an Fehlern

Daneben wurde gerade eine Strommarkt­reform eingebrach­t, mit der die Digitalisi­erung der Netzinfras­truktur vorangetri­eben werden soll. Der Bund versucht das Budget zu stabilisie­ren, der Stabilität­spakt zwischen Bund und Ländern wurde neu verhandelt. Es gibt ein Paket gegen Steuerbetr­ug und bald eines für Entbürokra­tisierung.

Der Sparkurs ist auch der Grund, weshalb zwar alle übereinsti­mmen, dass weniger Lohnnebenk­osten fein wären, aber niemand sagen kann, wie man die senken soll, ohne Leistungen zu kürzen.

Heißt das, da gibt es nichts zu kritisiere­n an der Koalition? Nein, die Liste bleibt lang. Ob die Lasten im Sparpaket richtig verteilt sind, darf bezweifelt werden, auch diese Regierung verteilt neue, fragwürdig­e Förderunge­n. Dazu kommen Projekte, die drohen, verwaschen zu werden, wie die neue Industries­trategie. An dem Projekt wollen alle Kammern in Österreich mitarbeite­n. Aber so funktionie­rt Demokratie nun einmal: langwierig, komplizier­t, mit schwierige­n Kompromiss­en. Zum Social-Media-Star wird man damit nicht.

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Was bekommen sie noch auf die Reihe? Vizekanzle­r Andreas Babler (SPÖ), Kanzler Christian Stocker (ÖVP) und Außenminis­terin Beate Meinl-Reisinger (Neos).

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