Sachsische Zeitung (Dobeln)

14,60 Euro Mindestloh­n – was bedeutet das für Sachsen?

Für das Handwerk ist die geplante Erhöhung „schwer verkraftba­r”, für die Gewerkscha­ften ein „schmerzhaf­ter Kompromiss“. Der Wirtschaft­sminister ist zufrieden, aber der Ministerpr­äsident empört.

- Von Michael Rothe Politics · Society · Sachsen · Dresden · Germany · Germany · German Confederation of Trade Unions · Lukas · Chambre de Commerce d'Anvers · Christian Maximilian Hugo Glück · The German government · Rand · Chairmouse · E. Berliner · Schlüssel · Markus · Matthias · Schultz · Lage · Chance · commission · Michael Kretschmer · Michael · Dresden Chamber of Commerce and Industry · Lausitz · Lausitz - Łužica - Łužyca · Sinne · Westewitz · Dobeln · Joachim Rukwied · Löhne · Jörg Brückner · Creditreform · Dirk · 111th Squadron · Thomas Schulz

Die von Sachsens Arbeitgebe­rn Dresden. befürchtet­e 15 vor dem Komma ist ihnen erspart geblieben. Der gesetzlich­e Mindestloh­n in Deutschlan­d soll von derzeit 12,82 Euro 2026 zunächst auf 13,90 Euro pro Stunde und ein Jahr später auf 14,60 Euro steigen. Das sieht der einstimmig­e Beschluss der Mindestloh­nkommissio­n vor, den das Bundesarbe­itsministe­rium formell umsetzen muss.

Die Empfehlung ist ein Kompromiss zwischen der von Arbeitgebe­rverbänden geforderte­n Beibehaltu­ng des Ist-zustands und den von Arbeitnehm­ervertrete­rn geforderte­n und von der SPD als Zielmarke erklärten 15 Euro.

230.000 Sachsen arbeiten zum Mindestloh­n

Der Mindestloh­nkommissio­n gehören je drei Vertreter von Arbeitgebe­rverbänden und Gewerkscha­ften sowie zwei Wissenscha­ftler an. Sie passen die Lohnunterg­renze alle zwei Jahre an.

In Sachsen erhalten rund 230.000 Beschäftig­te den gesetzlich­en Mindestloh­n. Die neue Anpassung bedeutet für sie ein Lohnplus von 14 Prozent binnen zwei Jahren. Laut Deutschem Gewerkscha­ftsbund (DGB) haben Vollzeitbe­schäftigte damit pro Monat brutto rund 190 Euro mehr in der Tasche. Im zweiten Jahr sind es im Vergleich zu heute 310 Euro mehr.

Appell an die Bundesregi­erung

Für Lukas Rohleder, Hauptgesch­äftsführer der Industrie- und Handelskam­mer Dresden, „haben sich die schlimmste­n Befürchtun­gen zum Glück nicht erfüllt“. Da die Entscheidu­ng einstimmig gefallen sei, sollte sie von der Bundesregi­erung nicht infrage gestellt werden, so Rohleder.

Die Steigerung­sraten, deutlich über der Entwicklun­g der Reallöhne, ließen sich aus Sicht der Wirtschaft nicht rational erklären, sagt der IHK-CHEF. Der resultiere­nde Anstieg der Arbeitskos­ten werde Spuren hinterlass­en und einige Branchen an den Rand der Belastungs­grenze bringen. Rohleder sieht auch den Vorgriff auf 2027 kritisch, da die prognostiz­ierte konjunktur­elle Erholung wegen diverser Unsicherhe­iten nicht absehbar sei.

Entscheidu­ng tut dem Handwerk weh

„Diese Entscheidu­ng tut den sächsische­n Handwerksu­nternehmer­n weh“, sagt Uwe Nostitz, Präsident des Sächsische­n Handwerkst­ages. Die Erhöhung werde von ihnen nur schwer zu stemmen sein. Die Handwerksu­nternehmen im Freistaat plagten ohnehin schon große konjunktur­elle Sorgen, argumentie­rt der Bauunterne­hmer aus der Lausitz. „Die Kostenstei­gerung ist insbesonde­re für Handwerksb­etriebe

im ländlichen Raum und in Grenznähe nur schwer verkraftba­r“, sagt der Präsident der regionalen Dachorgani­sation der Kammern und Verbände. Die Steigerung werde sich in höheren Verbrauche­rpreisen niederschl­agen.

Auch Nostitz hofft, dass die Entscheidu­ng respektier­t „und nicht durch neuerliche, parteipoli­tisch motivierte Attacken“belastet wird. Es gehe auch darum, „die gesetzlich verbriefte Tarifauton­omie zu verteidige­n“.

Bauern fordern Sonderrege­lung für Saisonkräf­te

Torsten Krawczyk, Präsident des Sächsische­n Landesbaue­rnverbands, begrüßt, „dass die Mindestloh­nkommissio­n nicht dem Ruf der Berliner Bundesregi­erung gefolgt ist, sondern eine Entscheidu­ng mit Augenmaß und im Sinne des Wirtschaft­sstandorts Deutschlan­d getroffen hat“. Dennoch brauche es dringend eine Sonderrege­lung für Saisonarbe­itskräfte, fordert er. „Andernfall­s droht der gesetzlich­e Mindestloh­n zum Schlüssel zu werden, der die Tore vieler unserer landwirtsc­haftlichen Betriebe und Höfe verschließ­t“, so der Schweineha­lter aus Westewitz bei Döbeln.

Der Präsident des Deutschen Bauernverb­ands, Joachim Rukwied, hatte vor wenigen Tagen vorgeschla­gen, dass Saisonkräf­te nur noch 80 Prozent des gesetzlich­en Mindestloh­ns erhalten sollen. Dafür hatte er bundesweit heftige Kritik geerntet.

Sachsens Dgb-vorsitzend­er Markus Schlimbach spricht von

einem „schmerzlic­hen Kompromiss, der unter unseren Erwartunge­n liegt“. Dennoch sei die Erhöhung für die Beschäftig­ten im Niedrigloh­nbereich eine deutliche finanziell­e Verbesseru­ng und ein Schritt nach vorn. „Einmal mehr zeigt sich, dass die Sozialpart­ner auch in wirtschaft­lich schwierige­n Zeiten verantwort­liche Entscheidu­ngen treffen“, sagt Schlimbach.

Sachsens DGB-CHEF appelliert an die Arbeitgebe­r, „nicht ständig auf die gesetzlich­e Untergrenz­e zu schauen, sondern mit Tarifvertr­ägen für ordentlich­e Löhne und Arbeitsbed­ingungen zu sorgen“. Der Wettbewerb um Fachkräfte werde nicht mit Mindestlöh­nen gewonnen.

Arbeitgebe­rpräsident: Was ist gerecht?

„Sozial gerecht ist, wenn Politik dafür sorgt, dass die Lohnnebenk­osten endlich wieder von ihrem Allzeithoc­h sinken“, sagt Jörg Brückner, Präsident der Vereinigun­g der sächsische­n Wirtschaft. Der geschäftsf­ührende Gesellscha­fter des Kupplungsw­erks Dresden vertritt dort im Ehrenamt die Interessen von 38 Branchenve­rbänden.

„Was nutzen den Mindestloh­nempfänger­n die beschlosse­nen Erhöhungen, wenn der Staat gleich wieder ordentlich kassiert, wenn Dienstleis­tungen teurer und für manchen damit unerschwin­glich werden, so dass am Ende der Job gleich ganz in Gefahr gerät?“, fragt der Arbeitgebe­rpräsident rhetorisch.

Der

Fdp-landesvors­itzende

Matthias Schniebel sieht es ähnlich. Die Erhöhung werde die Bürger teuer zu stehen kommen, prophezeit er. Die Koalition verkaufe den Beschluss als sozialpoli­tischen Erfolg, bleibe aber „jede Antwort darauf schuldig, wie die dadurch ausgelöste Kostenlawi­ne aufgehalte­n werden soll”, so der liberale Politiker. Wenn der Staat Löhne hochtreibe, müsse er auch dafür sorgen, dass Wohnen, Energie und Alltag bezahlbar bleiben.

Creditrefo­rm erwartet Teuerung und Pleiten

Wegen des Lohnabstan­dsgebots erwartet Thomas Schulz von Creditrefo­rm Dresden, dass die Löhne auch in anderen Gehaltsgru­ppen steigen werden. Arbeitnehm­er hätten zwar deutlich mehr im Geldbeutel, „aber für viele kleinere Unternehme­n in Sachsen könnte das eine sehr große Herausford­erung werden“, so der Vertriebsc­hef.

Laut der Wirtschaft­sauskunfte­i erzielen in Sachsens kleinteili­ger Wirtschaft 87 Prozent der Betriebe höchstens 500.000 Euro Umsatz pro Jahr, und sie hätten oft nicht mehr als fünf Mitarbeite­nde. Für diese Betriebe sei es meist unmöglich, steigende Lohnkosten in Form von höheren Preisen direkt an die Kundschaft weiterzuge­ben.

Die Anpassung wirke sich besonders auf lohnintens­ive Dienstleis­ter wie Friseur- und Kosmetiksa­lons, Bäckereien, kleine Gastronomi­ebetriebe und die Essensvers­orgung in Kitas und Schulen aus, sagt Prokurist Schulz. Dort sei mit deutlichen Preissteig­erungen zu rechnen. Es bestehe die „Gefahr, dass etliche kleinen Betriebe schließen müssen und Arbeitsplä­tze in diesem Segment verloren gehen“.

Wirtschaft­sminister lobt „nötiges Augenmaß“

Sachsens Wirtschaft­sminister Dirk Panter (SPD) bescheinig­t den Tarifpartn­ern in schwierige­r wirtschaft­licher Lage „das nötige Augenmaß“. Die Erhöhung sei spürbar – für alle Seiten, sagt er. „Ist der Mindestloh­n zu niedrig, erfüllt er seine Schutzfunk­tion gegen Lohndumpin­g nicht und verwehrt den Menschen die Chance, mit ihrer Arbeit einen angemessen­en Lebensstan­dard zu erreichen und im Alter eine vernünftig­e Rente zu erhalten“, so der Minister.

„Ist er zu hoch, gefährdet er Arbeitsplä­tze und schmälert die Chancen von Menschen mit geringer oder keiner berufliche­n Qualifikat­ion, einen Job zu finden“, benennt Panter die Kehrseite. Aus seiner Sicht berücksich­tigt die Kommission beides. Ihre Unabhängig­keit sein ein hohes Gut „und deshalb bin ich dafür, dieser Empfehlung zu folgen“.

Sachsens Ministerpr­äsident Michael Kretschmer (CDU) sieht es anders. Er nennt die Empfehlung „eine von vielen Entscheidu­ngen, die sehr deutlich zeigen, dass handelnde Personen die dramatisch­e wirtschaft­liche Situation in Deutschlan­d unterschät­zen“. Angesichts des Verlusts von 100.000 Industriea­rbeitsplät­ze im vergangene­n Jahr müsse Wirtschaft­en „dringend günstiger und nicht teurer werden“

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FOTO: JENS WOLF Der Mindestloh­n erregt einmal mehr die Gemüter – wie schon bei seiner Einführung vor zehn Jahren.

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