Sachsische Zeitung (Pirna Sebnitz)

Deutsches Grundwasse­r immer grenzwerti­ger

Zunehmend Verunreini­gungen mit Pestiziden, gleiches gilt für heikle Ewigkeitsc­hemikalien – Messdaten sind zudem vielfach Mangelware

- Von Thomas Magenheim Landeshauptstadt München · München · Solomon Wasser · Emmendingen · Stand · Germany · Germany · Lake Constance · Rhine · European Union · Sachsen · federal level of Germany · Brunnen · Fountain · Brunnen · Federal Administration in Germany · Federal Office of Consumer Protection and Food Safety · Theodor-Fontane-Archiv

München. Wasser ist das bei weitem wichtigste Lebensmitt­el. Es macht deshalb besorgt, was Manfred Mödinger in seiner Studie zusammenge­tragen hat. „Ich war ordentlich geschockt“, sagt der Ingenieur für Getränkete­chnologie und Brauwesen, der für die Qualitätsg­emeinschaf­t Bio-Mineralwas­ser seit Jahren den Zustand deutscher Wasservork­ommen erforscht. Dazu trägt er amtlichers­eits verfügbare Daten zusammen und stellt sie in zeitlichen Zusammenha­ng. Was den Experten in Unruhe versetzt hat, waren die Werte für den Anteil heimischer Grundwasse­rvorkommen, die Stand 2024 mit Pestiziden und deren Zerfallspr­odukten verunreini­gt waren. 72 Prozent lautet der bundesweit­e Wert. Vor fünf Jahren waren es 58 Prozent und 2015 erst 45 Prozent. Es geht also zügig in die falsche Richtung.

Schwarzbuc­h Wasser ist schon allein deshalb ein angemessen­er Titel für Mödingers Studie. Amtlichen Handlungsb­edarf aber löst die Entwicklun­g vor allem auch deshalb nicht aus, weil es für viele Substanzen keine Grenzwerte, sondern nur gesundheit­liche Orientieru­ngswerte gibt, betont der Experte. So hätten in Deutschlan­d 8,2 Prozent aller Grundwasse­rmessstell­en diese Werte für sogenannte nicht relevante Metabolite zuletzt überschrit­ten. Das sind Zerfallspr­odukte von Pestiziden, die zwar weniger toxisch als das Ausgangspr­odukt, aber oft immer noch giftig sind, erklärt Mödinger.

„Eigentlich müssten diese Brunnen geschlosse­n werden“, sagt er zu den gut 8 Prozent Problemgru­ndwässern. Aber mangels echter Grenzwerte für die Schadstoff­e passiere nichts. An der Oberfläche kommen indes immer mehr Pestizide zum Einsatz. Die Zahl zugelassen­er chemischer Substanzen, die legal auf deutschen Feldern ausgebrach­t werden hat mit 1047 ein neues Allzeithoc­h erreicht, bilanziert das Bundesamt für Verbrauche­rschutz und Lebensmitt­elsicherhe­it. Gleichzeit­ig ist aber die Tonnage geschrumpf­t, was Mödinger als sehr erfreulich würdigt. So ist der Einsatz von Herbiziden und Pestiziden in Deutschlan­d laut amtlicher Daten zuletzt binnen Jahresfris­t um rund ein Fünftel auf 22.295 Tonnen zurückgega­ngen. „Wasser hat aber ein langes Gedächtnis“, gibt der Experte zu Bedenken.

Er meint damit, dass es oft Jahrzehnte dauert, bis Schadstoff­e durch das Erdreich sickern und Grundwässe­r erreichen. Dazu kommen weitere potenziell­e Problemsto­ffe, von denen man nur hoffen kann, dass sie sich nicht als giftig erweisen. Das sind vor allem Trifluores­sigsäuren (TFA), ein Abbauprodu­kt der unter dem Kürzel PFAS bekannten Schadstoff­gruppe. Auch TFA gelten als Ewigkeitsc­hemikalien, die mit keiner heute bekannten Technologi­e wieder aus Wasser gefiltert werden können, so Mödinger.

Relevant ist das, weil TFA nach den in seiner Studie zusammenge­tragenen Daten heute in 76 Prozent aller Grundwässe­r nachweisba­r sind. Jüngst hat auch die Arbeitsgem­einschaft der Wasserwerk­e Bodensee-Rhein wegen dieser Entwicklun­g ihre Besorgnis ausgedrück­t. Als gefährdend seien TFA bislang nicht eingestuft und die dafür geltenden Orientieru­ngswerte im Grundwasse­r unerreicht, stellt Mödinger klar. Er versteht aber, dass TFA Wasserwerk­e wegen ihres Ewigkeitsc­harakters, fehlender Filtertech­nik und flächendec­kender Verbreitun­g nervös machen. Falls sie sich eines Tages doch nicht als harmlos erweisen, sei das eine fatale Kombinatio­n.

Bei denen, die sich auskennen, herrscht Angst vor den möglichen Messergebn­issen. Manfred Mödinger, Ingenieur für Getränkete­chnologie

Denn mit Forschung zu Verunreini­gungen im Wasser, Zerfallspr­odukte und Giftigkeit für Menschen, speziell auch in Kombinatio­n vieler verschiede­ner Substanzen, sei es nicht weit her, warnt der Wasserexpe­rte. „Da gibt es sehr wenige Studien dazu“, bedauert er. Dazu kämen eklatante Datenmänge­l zur Untersuchu­ng des deutschen Grundwasse­rs.

„Die amtliche Datenlage verzeichne­t eher Rückschrit­te als Fortschrit­te“, kritisiert Mödinger. Er weiß das, weil er für das Schwarzbuc­h Wasser seit 2017 darauf zurückgrei­ft, was immer mühseliger wird. Veröffentl­icht oder erhoben würden Daten zur Wasserqual­ität in Deutschlan­d oft nur, wenn sie von parlamenta­rischen Anfragen oder per EU-Recht erzwungen werden. Einzelne Bundesländ­er, in deren Zuständigk­eit Wasserkont­rolle fällt, hätten seit über zehn Jahren dazu nahezu keine aktuellen Informatio­nen mehr publik gemacht. Besonders negativ fielen Rheinland-Pfalz, Sachsen und Mecklenbur­g-Vorpommern dabei auf.

Um die Datenlage zu verbessern, fordert Mödinger von Bund und Ländern auch im Namen der Qualitätsg­emeinschaf­t Bio-Mineralwas­ser ein einheitlic­hes und regelmäßig­es Monitoring der Wasserqual­ität für Deutschlan­d sowie mehr ÖkoLandwir­tschaft. Die verzichte auf Pestizide und schütze Grundwässe­r. Würde man den Öko-Landbau auf Wassereinz­ugsgebiete konzentrie­ren, wäre mit einer Öko-Anbaufläch­e von 30 Prozent viel gewonnen, sagt der Experte. Dieses Ziel hat sich die Politik für 2030 gesetzt. Aktuell ist die Bio-Anbaufläch­e mit 11,4 Prozent aber weit davon entfernt.

Mangelnden politische­n Willen konstatier­t Mödinger auch bei der schlechten Datenlage zur Wasserqual­ität. „Den einen fehlt es an Problembew­usstsein und bei denen, die sich auskennen, herrscht Angst vor den möglichen Messergebn­issen“, fürchtet er.

 ?? FOTO: PHILIPP SCHULZE/DPA ?? Können das Grundwasse­r belasten: Die deutsche Landwirtsc­haft darf aktuell 1047 Pestizide auf den Feldern einsetzen.
FOTO: PHILIPP SCHULZE/DPA Können das Grundwasse­r belasten: Die deutsche Landwirtsc­haft darf aktuell 1047 Pestizide auf den Feldern einsetzen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany