Sachsische Zeitung (Hoyerswerda)

Gegen den „Drang nach Trophäen“

Niedersach­sens Ministerpr­äsident Olaf Lies (SPD) über hohe Erwartunge­n an Schwarz-rot und den Rentenstre­it

- Fordert eine positivere Darstellun­g der Bundesregi­erung: Olaf Lies (SPD). Interview: Daniela Vates Anna Chedid · Reform · Society · Chance · Germany · The German government · DIESE eG · Diego Baldassare Pascal · German Bundestag · Quantum Leap

Herr Lies, eine große Mehrheit der Bürger ist laut Umfragen unzufriede­n mit der Bundesregi­erung. Gehören Sie dazu?

Ich gehöre nicht dazu. Ich finde, es wurde schon viel Gutes beschlosse­n. Aber ich ärgere mich schon, dass es nicht gelingt, das auch in ein positives Licht zu rücken. Nach außen dringt vor allem der Streit und das, was nicht oder noch nicht geklappt hat. Die Bürgerinne­n und Bürger haben aber Interesse daran, dass Dinge funktionie­ren.

Warum klappt die Vermittlun­g nicht?

Im Erwartungs­management sehe ich eine Ursache. Man hat sich viele Dinge vorgenomme­n. Das ist ja auch erst einmal genau richtig. Aber es wurde gleichzeit­ig der Eindruck erzeugt, das in unmöglich kurzer, vermutlich zu kurzer Zeit schaffen zu können. Das produziert Enttäuschu­ngen. Es entstand der Eindruck: Es gibt eine neue Regierung, und schon ändert sich alles. Aber so läuft das eben nicht. Es ist nicht möglich, alle Probleme innerhalb eines halben Jahres zu lösen. Und die Wirtschaft wächst auch nicht sofort, nur weil es einen Regierungs­wechsel gab. Der Investitio­nsbooster wurde schnell beschlosse­n, aber die Wirkung wird eben jetzt erst nach und nach einsetzen und spürbar werden. Auch viele andere Dinge werden angegangen, wie etwa die Modernisie­rung unseres Staates und die notwendige Reform unseres Sozialstaa­tes. Aber da gibt es die Lösungen halt nicht hopplahopp. Das bedarf schon einer intensiven Auseinande­rsetzung.

In der Unionsfrak­tion droht eine Gruppe junger Abgeordnet­er mit der Blockade des Rentenpake­ts. Muss der Kanzler die einfangen, oder kann die SPD ihnen entgegenko­mmen?

Bereits mit Beginn der Koalitions­verhandlun­gen ist man aufeinande­r zugegangen. Disziplin gilt für beide Seiten. Und auch die CDU muss zu ihrem Wort stehen. Wir können jetzt nicht alles, was im Koalitions­vertrag vereinbart wurde, wieder infrage stellen. Wenn immer die Gruppe, die einen Punkt anders sieht, die bestimmend­e wäre, würde es ja nie zur Entscheidu­ng kommen. So funktionie­rt Demokratie nicht. Demokratie funktionie­rt über den Konsens der Mehrheit.

In der SPD wird die Reform des Bürgergeld­s als unsozial infrage gestellt.

Eine Basisgrupp­e hat eine Mitglieder­abstimmung darüber angestoßen. Kann die SPD das ignorieren?

Ich bin schon erstaunt über diese Gruppe. Es gibt auch offenkundi­g Handlungsb­edarf. Dass die, die arbeiten können, arbeiten gehen, entspricht dem breiten Gerechtigk­eitsgefühl in unserer Gesellscha­ft. Das ist Konsens. Und Arbeit ist eine

Chance auf Teilhabe an der Gesellscha­ft, auf eine eigene Perspektiv­e. Es mag schwer sein, diesen Schritt zu tun, wenn man lange nicht gearbeitet hat. Manchmal ist da deshalb etwas Nachdruck nötig. Das gebietet auch der Respekt vor denen, die arbeiten gehen. Das empfinde ich nicht als unsozial – im Gegenteil. Die verfassung­sgerichtmo­bilität

Beide haben ein Stück weit recht. Im Koalitions­vertrag steht, dass wir diejenigen unterstütz­en, die aufgrund ihrer finanziell­en Situation diese Unterstütz­ung brauchen – und die anderen nicht. Ich warne aber vor einer neuen Debatte. Die Wärmepumpe ist Hightech made in Germany. Wenn wir jetzt wieder in die Schlechtre­derei einsteigen, verlieren wir hier die Jobs und kaufen Wärmepumpe­n am Ende aus Asien, da es die Technik der Zukunft ist. Das haben wir leider so bei der Photovolta­ik geschafft, bei der Edrohte zwischenze­itlich Ähnliches – lasst uns das bitte nicht bei der Wärmepumpe tun. Eine neue Grundsatzd­ebatte würde unseren Hersteller­n schaden und Arbeitsplä­tze vernichten.

Haben Sie schon eine Antwort der Bundesregi­erung bekommen auf die Länderford­erung, das Verbrenner­aus zu modifizier­en?

Ich habe den Eindruck, dass die Bundesregi­erung sich festgelegt hat. Sie setzt den Fokus auf E-mobilität, erkennt aber an, dass es 2035 nicht nur E-autos geben wird, sondern auch technologi­sche Optionen wie Range Extender und Mild-hybrid-fahrzeuge. Diese gemeinsame Lösung muss nun nach außen vermittelt werden. Wichtig ist, dass nicht mehr vom Aus des Verbrenner­s gesprochen wird. Dieser Drang nach Trophäen – Verbrenner-aus weg, Heizungsge­setz weg – ist ohnehin wenig hilfreich. Was sollen die Leute damit anfangen, dass etwas gekippt wird? Die wollen wissen, wo es hingeht. Zurück in die Vergangenh­eit ist keine Option. Batteriete­chnologie und Klimaneutr­alität müssen vorangetri­eben werden.

Widerstand gegen die Rentenplän­e: Pascal Reddig (CDU) bei einer Debatte im Bundestag.

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FOTO: JULIAN STRATENSCH­ULTE/DPA Auch die Debatte um das Heizungsge­setz, das die Ampelkoali­tion entzweit hat, ist wieder hochgekoch­t. Bundesumwe­ltminister Carsten Schneider (SPD) will Wärmepumpe­n weiter fördern, Wirtschaft­sministeri­n Katherina Reiche (CDU) lehnt das mit dem Hinweis auf Subvention­sabbau ab. Beide berufen sich auf den Koalitions­vertrag.
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FOTO: BERND VON JUTRCZENKA/DPA
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