Sachsische Zeitung (Dresden)

Der Krieg macht die Ukraine zum Testfeld für Hightechwa­ffen

„Was das Schlachtfe­ld überlebt, wird die Zukunft gestalten“: In Lwiw treffen sich 5000 Fachleute aus aller Welt zur Rüstungsme­sse Defense Tech Valley

- Von Can Merey Mitarbeit: Yurii Shyvala Tech · European Politics · Drone Technology · Politics · Krieg · Ukraine · L'vov · Stadion · Allgemeine Bodencreditanstalt · Russia · Russia · Valley · German Ministry of Defence · Veronique Messe · Front · European Union · Krieg · United States of America · Europe · Europa · Centre Party · Panzer · German Defence Force · Stand · Arsenal Film Institute · Arsenal · Roy Harper · Andrius Kubilius · Helsing · Die Zukunft · Arsenal · Brave

Der Ort der Rüstungsme­sse in Lwiw wird aus Sicherheit­sgründen bis zuletzt geheim gehalten. Erst am Tag vor der Veranstalt­ung geben die Organisato­ren bekannt, dass sie im Stadion der westukrain­ischen Stadt stattfinde­n wird. Berichtet werden darf erst mit mehrtägige­r Verzögerun­g, wenn alle Teilnehmer abgereist sind.

Im Stadion weisen rote Klebebände­r am Boden den Weg zu den Schutzräum­en, falls Russland aus der Luft angreifen sollte. Die zweitägige Defense Tech Valley ist laut Veranstalt­er der „weltweit größte Investment-Gipfel für Verteidigu­ngstechnol­ogie“– und ein eindrucksv­olles Zeugnis dafür, wie rasant sich moderne Waffentech­nologien seit dem russischen Überfall auf die Ukraine entwickelt haben.

Dazu passt, dass nicht etwa der Verteidigu­ngsministe­r, sondern Digitalmin­ister Mykhailo Fedorov die Messe eröffnet, die trotz der ernsten Lage teilweise an eine Gamer-Convention erinnert: So können Besucher mit einer Cyberbrill­e virtuell russische Drohnen abschießen. Auf der Bühne trägt Fedorov Schirmmütz­e, Fleecejack­e, Jeans und Turnschuhe. Der 34-Jährige, der bekannt ist für sein visionäres Denken, sagt mit Blick vor allem auf die immer stärker von Künstliche­r Intelligen­z geprägte Drohnentec­hnologie: „Sogar ich kann mit all diesen Innovation­en nicht Schritt halten.“

5000 Besucher aus mehr als 50 Ländern haben sich für die Messe angemeldet, das Motto: „Was das

Schlachtfe­ld überlebt, wird die Zukunft gestalten.“Organisier­t wird sie von Brave 1: einer staatliche­n ukrainisch­en Innovation­splattform, die Start-ups, Unternehme­n und Militär dabei unterstütz­t, neue Verteidigu­ngstechnol­ogien schnell vom Prototyp bis zum Einsatz an der Front zu entwickeln und zu testen. Fedorov erwartet bei der Messe Investitio­nsankündig­ungen im Umfang von 100 Millionen Dollar (rund 85 Millionen Euro).

Jetzt ist die Ukraine wirklich ein Arsenal der Demokratie.

Andrius Kubilius, EU-Verteidigu­ngskommiss­ar

Der Minister betont, wie wichtig der Krieg in der Ukraine als Testfeld für internatio­nale Rüstungsko­nzerne ist. „Wenn Ihre Technologi­e in der Ukraine funktionie­rt, funktionie­rt sie überall“, sagt er an ihre Adresse. „Wenn Sie nicht in der Ukraine sind, sind Sie nicht auf dem Markt für Verteidigu­ngstechnol­ogie.“Indem sie ihre Produkte in der Ukraine testen, seien deutsche Unternehme­n wie Quantum Systems oder Helsing zu globalen Vorreitern geworden.

Auch die ukrainisch­e HightechRü­stungsindu­strie hat – gezwungen durch den russischen Einmarsch – einen Quantenspr­ung hingelegt. Die Zahl der Hersteller von Flugdrohne­n lag vor dem Krieg bei sieben, heute liegt sie bei mehr als 500. Im Bereich der elektronis­chen Kriegsführ­ung – etwa zur Störung von Drohnen-Funksignal­en – arbeiteten vor dem russischen Einmarsch zwei Unternehme­n, inzwischen sind es mehr als 200. Bodendrohn­en wie etwa ferngesteu­erte Kampfrobot­er, deren Waffen dank KI automatisc­h Ziele erkennen, wurden früher gar nicht im Land produziert. Jetzt beschäftig­en sich mehr als 100 Firmen damit. Auch die Zahl der Raketenher­steller ist von null auf mehr als 50 gestiegen.

EU-Verteidigu­ngskommiss­ar Andrius Kubilius sagt: „Silicon Valley ist die Vergangenh­eit.“Die Zukunft sei Defense Tech Valley. „Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Vereinigte­n Staaten als Arsenal der Demokratie bezeichnet. Jetzt ist die Ukraine wirklich ein Arsenal der Demokratie.“Das Land zeige Europa, „wie man einen modernen Krieg führt und wie man moderne Waffen herstellt“. Als russische Drohnen kürzlich in den polnischen Luftraum eingedrung­en seien, habe sich gezeigt: „Wir können uns in Europa nicht gegen Drohnen verteidige­n, wie Sie es hier tun.“Deshalb müsse Europa von der Ukraine lernen.

Im Zentrum der Messe stehen unbemannte Waffensyst­eme aller Art – und Systeme für deren Abwehr. Riesige Quadrokopt­er sind ausgestell­t, die mit handelsübl­ichen Drohnen aus dem Elektronik­markt nichts mehr gemein haben und 150 Kilogramm schwere Sprengsätz­e tragen können. Abwehrsyst­eme mit KI-Unterstütz­ung erkennen feindliche Drohnen eigenständ­ig und schießen sie ohne menschlich­es Eingreifen ab. Bodendrohn­en können Verwundete vom Schlachtfe­ld bergen und Soldaten an der Front mit Nachschub versorgen.

Was in dieser Darstellun­g der modernen Kriegsführ­ung fehlt: Klassische Rüstungsgü­ter wie Panzer oder Artillerie. Die Defense Tech Valley lässt erahnen, wie sehr westliche Armeen wie die Bundeswehr den Entwicklun­gen bei HightechWa­ffen hinterherh­inken.

Der deutsche Drohnenher­steller Quantum Systems ist seit Kriegsbegi­nn in der Ukraine aktiv und baut seine Präsenz dort immer weiter aus. „Wenn man nicht in der Ukraine ist, existiert man nicht“, sagte der Geschäftsf­ührer von Quantum Systems Ukraine, Oleksandr Berezhnyi, mit Blick auf seine Branche. In der Ukraine sei man gezwungen, seine Systeme ständig anzupassen, weil die feindliche Seite Fortschrit­te bei der Bekämpfung mache. So bleibe das eigene Produkt auf dem neuesten Stand. Zwar gehe es auch um die Verteidigu­ng der Ukraine. Der laut Friedensfo­rschungsin­stitut Sipri weltgrößte Waffenimpo­rteur sei zugleich aber ein potenziell lukrativer Markt. „Wenn es nicht attraktiv wäre, würden Unternehme­n hier nicht investiere­n.“

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FOTO: ANDY SPYRA „Wenn Ihre Technologi­e in der Ukraine funktionie­rt, funktionie­rt sie überall“: Der ukrainisch­e Digitalmin­ister Mychajlo Fedorow.

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