Der Krieg macht die Ukraine zum Testfeld für Hightechwaffen
„Was das Schlachtfeld überlebt, wird die Zukunft gestalten“: In Lwiw treffen sich 5000 Fachleute aus aller Welt zur Rüstungsmesse Defense Tech Valley
Der Ort der Rüstungsmesse in Lwiw wird aus Sicherheitsgründen bis zuletzt geheim gehalten. Erst am Tag vor der Veranstaltung geben die Organisatoren bekannt, dass sie im Stadion der westukrainischen Stadt stattfinden wird. Berichtet werden darf erst mit mehrtägiger Verzögerung, wenn alle Teilnehmer abgereist sind.
Im Stadion weisen rote Klebebänder am Boden den Weg zu den Schutzräumen, falls Russland aus der Luft angreifen sollte. Die zweitägige Defense Tech Valley ist laut Veranstalter der „weltweit größte Investment-Gipfel für Verteidigungstechnologie“– und ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie rasant sich moderne Waffentechnologien seit dem russischen Überfall auf die Ukraine entwickelt haben.
Dazu passt, dass nicht etwa der Verteidigungsminister, sondern Digitalminister Mykhailo Fedorov die Messe eröffnet, die trotz der ernsten Lage teilweise an eine Gamer-Convention erinnert: So können Besucher mit einer Cyberbrille virtuell russische Drohnen abschießen. Auf der Bühne trägt Fedorov Schirmmütze, Fleecejacke, Jeans und Turnschuhe. Der 34-Jährige, der bekannt ist für sein visionäres Denken, sagt mit Blick vor allem auf die immer stärker von Künstlicher Intelligenz geprägte Drohnentechnologie: „Sogar ich kann mit all diesen Innovationen nicht Schritt halten.“
5000 Besucher aus mehr als 50 Ländern haben sich für die Messe angemeldet, das Motto: „Was das
Schlachtfeld überlebt, wird die Zukunft gestalten.“Organisiert wird sie von Brave 1: einer staatlichen ukrainischen Innovationsplattform, die Start-ups, Unternehmen und Militär dabei unterstützt, neue Verteidigungstechnologien schnell vom Prototyp bis zum Einsatz an der Front zu entwickeln und zu testen. Fedorov erwartet bei der Messe Investitionsankündigungen im Umfang von 100 Millionen Dollar (rund 85 Millionen Euro).
Jetzt ist die Ukraine wirklich ein Arsenal der Demokratie.
Andrius Kubilius, EU-Verteidigungskommissar
Der Minister betont, wie wichtig der Krieg in der Ukraine als Testfeld für internationale Rüstungskonzerne ist. „Wenn Ihre Technologie in der Ukraine funktioniert, funktioniert sie überall“, sagt er an ihre Adresse. „Wenn Sie nicht in der Ukraine sind, sind Sie nicht auf dem Markt für Verteidigungstechnologie.“Indem sie ihre Produkte in der Ukraine testen, seien deutsche Unternehmen wie Quantum Systems oder Helsing zu globalen Vorreitern geworden.
Auch die ukrainische HightechRüstungsindustrie hat – gezwungen durch den russischen Einmarsch – einen Quantensprung hingelegt. Die Zahl der Hersteller von Flugdrohnen lag vor dem Krieg bei sieben, heute liegt sie bei mehr als 500. Im Bereich der elektronischen Kriegsführung – etwa zur Störung von Drohnen-Funksignalen – arbeiteten vor dem russischen Einmarsch zwei Unternehmen, inzwischen sind es mehr als 200. Bodendrohnen wie etwa ferngesteuerte Kampfroboter, deren Waffen dank KI automatisch Ziele erkennen, wurden früher gar nicht im Land produziert. Jetzt beschäftigen sich mehr als 100 Firmen damit. Auch die Zahl der Raketenhersteller ist von null auf mehr als 50 gestiegen.
EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius sagt: „Silicon Valley ist die Vergangenheit.“Die Zukunft sei Defense Tech Valley. „Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Vereinigten Staaten als Arsenal der Demokratie bezeichnet. Jetzt ist die Ukraine wirklich ein Arsenal der Demokratie.“Das Land zeige Europa, „wie man einen modernen Krieg führt und wie man moderne Waffen herstellt“. Als russische Drohnen kürzlich in den polnischen Luftraum eingedrungen seien, habe sich gezeigt: „Wir können uns in Europa nicht gegen Drohnen verteidigen, wie Sie es hier tun.“Deshalb müsse Europa von der Ukraine lernen.
Im Zentrum der Messe stehen unbemannte Waffensysteme aller Art – und Systeme für deren Abwehr. Riesige Quadrokopter sind ausgestellt, die mit handelsüblichen Drohnen aus dem Elektronikmarkt nichts mehr gemein haben und 150 Kilogramm schwere Sprengsätze tragen können. Abwehrsysteme mit KI-Unterstützung erkennen feindliche Drohnen eigenständig und schießen sie ohne menschliches Eingreifen ab. Bodendrohnen können Verwundete vom Schlachtfeld bergen und Soldaten an der Front mit Nachschub versorgen.
Was in dieser Darstellung der modernen Kriegsführung fehlt: Klassische Rüstungsgüter wie Panzer oder Artillerie. Die Defense Tech Valley lässt erahnen, wie sehr westliche Armeen wie die Bundeswehr den Entwicklungen bei HightechWaffen hinterherhinken.
Der deutsche Drohnenhersteller Quantum Systems ist seit Kriegsbeginn in der Ukraine aktiv und baut seine Präsenz dort immer weiter aus. „Wenn man nicht in der Ukraine ist, existiert man nicht“, sagte der Geschäftsführer von Quantum Systems Ukraine, Oleksandr Berezhnyi, mit Blick auf seine Branche. In der Ukraine sei man gezwungen, seine Systeme ständig anzupassen, weil die feindliche Seite Fortschritte bei der Bekämpfung mache. So bleibe das eigene Produkt auf dem neuesten Stand. Zwar gehe es auch um die Verteidigung der Ukraine. Der laut Friedensforschungsinstitut Sipri weltgrößte Waffenimporteur sei zugleich aber ein potenziell lukrativer Markt. „Wenn es nicht attraktiv wäre, würden Unternehmen hier nicht investieren.“