„King Bilal“und
Sie handeln mit Drogen, bauen tödliche Autounfälle und fangen Schlägereien Polizei gut bekannt. Ermittler sprechen von „Clan-Kriminalität“–
In einer Nacht im März fährt an einer Autowaschanlage auf der Torgauer Straße ein grauer Kombi vor. Der Kastenwagen ist eher unauffällig und vermutlich gemietet. Auf der Überwachungskamera ist zu sehen, wie zwei Männer mit schwarzen Haaren aus dem Auto aussteigen und sich an der Waschbox zu schaffen machen. Nach einigen Minuten verschwinden sie wieder in die Leipziger Nacht. Erst am nächsten Morgen entdeckt eine Mitarbeiterin in der Box ein Graffiti.
So etwas, sagt die Mitarbeiterin einige Wochen später dem Reporter, komme häufiger vor. Wie immer stellte sie damals eine Online-Anzeige. Doch diesmal schien etwas anders zu sein. Die Polizei, sagt sie, sei plötzlich vorgefahren, habe Fotos gemacht. Wegen einer Schmiererei? Eine ungewöhnliche Bitte hätten die Beamten noch gehabt: Sie solle das Graffiti bitte nicht entfernen. So steht bis heute in ihrer Waschbox Nummer zwei gut lesbar: „King Bilal“. Wer ist „König Bilal“?
Die Polizei geht davon aus, dass das Graffiti von Bilal A. stammt – einem Syrer, der 2014 als Flüchtling nach Deutschland kam. Im März 2023 wurde er schlagartig bekannt: Mit damals 18 Jahren stieg er ohne Führerschein in einen hochmotorisierten Mercedes und verursachte auf der B87 in Eilenburg einen Unfall, der letztlich vier Menschen das Leben kostete.
Ein harmloses Graffiti – und ein tragischer Unfall? Oder ist da noch mehr?
Die Leipziger Volkszeitung und die Sächsische Zeitung haben in den vergangenen Monaten Dutzende Gespräche mit Ermittlungsbehörden, Justiz und Opferanwälten geführt, Urteile und Strafbefehle gelesen – und auch Bilal A. selbst getroffen. Am Ende der Recherche wollte er sich auf weitere Nachfragen auch bei seinem Hamburger Anwalt nicht zu Vorwürfen gegen sich äußern.
Fest steht, dass Bilal A. am Morgen des 9. März 2023 in eine silberne Mercedes E-Klasse steigt. Wohin er will und woher der Wagen stammt, weiß niemand. Sicher ist nur: Er hat keinen Führerschein. Auf der B87 zwischen Eilenburg und Torgau drückt er aufs Gas, viel zu stark. Die Straße ist nass. Bei hoher Geschwindigkeit verliert er die Kontrolle, fährt frontal in einen Mitsubishi. Der schleudert in den Gegenverkehr und prallt auf einen Lkw. Sein Mercedes dreht sich rückwärts auf die Gegenfahrbahn, touchiert einen Opel, kracht in einen nachfolgenden Kia. Später liegen Trümmer, Glassplitter und verbogene Metallteile hunderte Meter verteilt. Retter eilen von Auto zu Auto.
Bei dem Unfall sterben ein 72Jähriger und zwei Frauen im Alter von 71 und 68 Jahren. Tage später verstirbt auch der 67-jährige KiaFahrer. Vom Mercedes, in dem Bilal A. saß, bleibt nur die Hälfte übrig. Wie durch ein Wunder überlebt er selbst schwer verletzt.
Empathielos gegenüber den Opfern
Die LVZ versuchte den jungen Syrer in den Monaten nach dem Crash zu finden. Warum stieg er in den Wagen? Zeigt er Reue?
Schließlich kommt es in einem Café auf der Eisenbahnstraße zu einem Treffen. Bei einer Tasse Tee hinter verdunkelten Schaufenstern erzählt Bilal A., dass er sich kaum an den Unfall erinnere. Er berichtet von schweren Kopfverletzungen und Hörproblemen. Und er erzählt von seiner Zukunft. Er wolle, sagt Bilal A., Friseur werden und in einem
Barbershop arbeiten. Warum er ohne Führerschein fuhr? Dazu schweigt er. Gegenüber den Opfern des Unfalls, den er zu verantworten hat, wirkt er: empathielos.
Erst später wird bekannt, dass Bilal A. bald nach dem tödlichen Crash wieder ins Auto stieg. Laut der Leipziger Staatsanwaltschaft
Der Bund wird künftig auch nach Syrien und nach Afghanistan abschieben.
Aus dem Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD
ließ er sich zwischen Ende Juli und Anfang September 2024 dabei erwischen. Seit dem Unfall beging er noch mehr Straftaten: Es geht um Drogen, Bedrohung, schließlich noch die Sachbeschädigung einer Waschbox. Statt als Barbier macht Bilal A. nun Karriere als Krimineller.
Nicht nur Bilal A., auch zwei seiner Halbbrüder fallen immer wieder mit Straftaten auf: Rami A. und Mohamed A. Auch sie meldeten sich auf Anfragen bei ihren Anwälten nicht zurück.
Sächsische Ermittler betrachten die Taten der jungen Syrer nicht mehr als Einzelfälle. Stattdessen verwenden sie in Zusammenhang mit der Familie A. inzwischen den Begriff „Clan“– den man bislang eher aus Berlin oder dem Ruhrgebiet kannte.
Es geht um eine Familie, deren Mitglieder zum Teil immer wieder gegen das Gesetz verstoßen und dabei impulsiv und rücksichtslos handeln. Es geht um Drogen, Gewalt und Verstöße im Straßenverkehr. Und es geht um Täter, die nicht einfach so abgeschoben werden können – weil sie aus Syrien stammen, was nicht als sicherer Herkunftsstaat gilt. Wer sind sie?
Auf dem sozialen Netzwerk Tiktok zeigt Bilal A. Ausschnitte aus seinem Leben, das sich vor allem auf der Leipziger Eisenbahnstraße abzuspielen scheint. Er postet Videos von schnellen Autos, mag bestimmte arabische Musik oder die Serie „4 Blocks“, die von einer libanesischen Großfamilie in Berlin handelt. „Weißt du, was der Unterschied, zwischen uns und euch Deutschen ist?“, fragt in einem Clip, den Bilal A. teilt, eine Figur. „Wir verraten unsere Brüder nicht. Familie ist heilig.“
Bilal A. stammt aus einer Familie, die Ähnlichkeiten mit der in Serie hat. In den vergangenen zehn Jahren kamen sie über die Türkei und Griechenland nach Deutschland. In Leipzig bauten sie sich ein Leben auf, das offenbar auch mit Geld aus illegalen Geschäfte finanziert wird. Recherchen von LVZ und SZ zufolge betreiben Mitglieder der Familie A. den „Goldenen Löwen“im Leipziger Osten – die Bar gilt als Umschlagsplatz für Drogen und wurde allein in diesem Jahr mehrfach durchsucht, auch mit Spürhunden. Jedes Mal wurden sie fündig.
Darüber hinaus geraten Mitglieder der Familie immer wieder mit dem Ordnungsamt und der Polizei aneinander. Laut Gerichtsakten geht es mal um kleinere Verstöße, mal um schwere Straftaten. Inzwischen hat auch das sächsische Landeskriminalamt (LKA) die Familie im Blick, im Bereich für organisierte Kriminalität. Auf Anfrage von LVZ und SZ erklärt LKA-Pressesprecher Kay Anders: Man ordne die Familie aufgrund ihrer Struktur als „Clan” ein.