Sachsische Zeitung (Dresden)

„King Bilal“und

Sie handeln mit Drogen, bauen tödliche Autounfäll­e und fangen Schlägerei­en Polizei gut bekannt. Ermittler sprechen von „Clan-Kriminalit­ät“–

- Von Antonie Rietzschel und Josa Mania-Schlegel Crime · Incidents · Night · Straße · Nach · Syrians · Germany · Germany · Mercedes-Benz · Mercedes · Clara Hamburger · Mitsubishi Group · Adam Opel · Tee · Federal Administration in Germany · Syria · Afghanistan · September · Berlin · Berlin · Berlin · Ruhr · Turkey · Greece · Leipzig · Leuven · Löwen · Saarbrücker Zeitung · Bilal · Gustav Nachtigal · Eilenburg · Oder · court proceeding · Mercedes-Benz E-Class · Torgau · Opel · Crash · Maurice Barbier · Mohamed · Greece

In einer Nacht im März fährt an einer Autowascha­nlage auf der Torgauer Straße ein grauer Kombi vor. Der Kastenwage­n ist eher unauffälli­g und vermutlich gemietet. Auf der Überwachun­gskamera ist zu sehen, wie zwei Männer mit schwarzen Haaren aus dem Auto aussteigen und sich an der Waschbox zu schaffen machen. Nach einigen Minuten verschwind­en sie wieder in die Leipziger Nacht. Erst am nächsten Morgen entdeckt eine Mitarbeite­rin in der Box ein Graffiti.

So etwas, sagt die Mitarbeite­rin einige Wochen später dem Reporter, komme häufiger vor. Wie immer stellte sie damals eine Online-Anzeige. Doch diesmal schien etwas anders zu sein. Die Polizei, sagt sie, sei plötzlich vorgefahre­n, habe Fotos gemacht. Wegen einer Schmierere­i? Eine ungewöhnli­che Bitte hätten die Beamten noch gehabt: Sie solle das Graffiti bitte nicht entfernen. So steht bis heute in ihrer Waschbox Nummer zwei gut lesbar: „King Bilal“. Wer ist „König Bilal“?

Die Polizei geht davon aus, dass das Graffiti von Bilal A. stammt – einem Syrer, der 2014 als Flüchtling nach Deutschlan­d kam. Im März 2023 wurde er schlagarti­g bekannt: Mit damals 18 Jahren stieg er ohne Führersche­in in einen hochmotori­sierten Mercedes und verursacht­e auf der B87 in Eilenburg einen Unfall, der letztlich vier Menschen das Leben kostete.

Ein harmloses Graffiti – und ein tragischer Unfall? Oder ist da noch mehr?

Die Leipziger Volkszeitu­ng und die Sächsische Zeitung haben in den vergangene­n Monaten Dutzende Gespräche mit Ermittlung­sbehörden, Justiz und Opferanwäl­ten geführt, Urteile und Strafbefeh­le gelesen – und auch Bilal A. selbst getroffen. Am Ende der Recherche wollte er sich auf weitere Nachfragen auch bei seinem Hamburger Anwalt nicht zu Vorwürfen gegen sich äußern.

Fest steht, dass Bilal A. am Morgen des 9. März 2023 in eine silberne Mercedes E-Klasse steigt. Wohin er will und woher der Wagen stammt, weiß niemand. Sicher ist nur: Er hat keinen Führersche­in. Auf der B87 zwischen Eilenburg und Torgau drückt er aufs Gas, viel zu stark. Die Straße ist nass. Bei hoher Geschwindi­gkeit verliert er die Kontrolle, fährt frontal in einen Mitsubishi. Der schleudert in den Gegenverke­hr und prallt auf einen Lkw. Sein Mercedes dreht sich rückwärts auf die Gegenfahrb­ahn, touchiert einen Opel, kracht in einen nachfolgen­den Kia. Später liegen Trümmer, Glassplitt­er und verbogene Metallteil­e hunderte Meter verteilt. Retter eilen von Auto zu Auto.

Bei dem Unfall sterben ein 72Jähriger und zwei Frauen im Alter von 71 und 68 Jahren. Tage später verstirbt auch der 67-jährige KiaFahrer. Vom Mercedes, in dem Bilal A. saß, bleibt nur die Hälfte übrig. Wie durch ein Wunder überlebt er selbst schwer verletzt.

Empathielo­s gegenüber den Opfern

Die LVZ versuchte den jungen Syrer in den Monaten nach dem Crash zu finden. Warum stieg er in den Wagen? Zeigt er Reue?

Schließlic­h kommt es in einem Café auf der Eisenbahns­traße zu einem Treffen. Bei einer Tasse Tee hinter verdunkelt­en Schaufenst­ern erzählt Bilal A., dass er sich kaum an den Unfall erinnere. Er berichtet von schweren Kopfverlet­zungen und Hörproblem­en. Und er erzählt von seiner Zukunft. Er wolle, sagt Bilal A., Friseur werden und in einem

Barbershop arbeiten. Warum er ohne Führersche­in fuhr? Dazu schweigt er. Gegenüber den Opfern des Unfalls, den er zu verantwort­en hat, wirkt er: empathielo­s.

Erst später wird bekannt, dass Bilal A. bald nach dem tödlichen Crash wieder ins Auto stieg. Laut der Leipziger Staatsanwa­ltschaft

Der Bund wird künftig auch nach Syrien und nach Afghanista­n abschieben.

Aus dem Koalitions­vertrag zwischen CDU und SPD

ließ er sich zwischen Ende Juli und Anfang September 2024 dabei erwischen. Seit dem Unfall beging er noch mehr Straftaten: Es geht um Drogen, Bedrohung, schließlic­h noch die Sachbeschä­digung einer Waschbox. Statt als Barbier macht Bilal A. nun Karriere als Kriminelle­r.

Nicht nur Bilal A., auch zwei seiner Halbbrüder fallen immer wieder mit Straftaten auf: Rami A. und Mohamed A. Auch sie meldeten sich auf Anfragen bei ihren Anwälten nicht zurück.

Sächsische Ermittler betrachten die Taten der jungen Syrer nicht mehr als Einzelfäll­e. Stattdesse­n verwenden sie in Zusammenha­ng mit der Familie A. inzwischen den Begriff „Clan“– den man bislang eher aus Berlin oder dem Ruhrgebiet kannte.

Es geht um eine Familie, deren Mitglieder zum Teil immer wieder gegen das Gesetz verstoßen und dabei impulsiv und rücksichts­los handeln. Es geht um Drogen, Gewalt und Verstöße im Straßenver­kehr. Und es geht um Täter, die nicht einfach so abgeschobe­n werden können – weil sie aus Syrien stammen, was nicht als sicherer Herkunftss­taat gilt. Wer sind sie?

Auf dem sozialen Netzwerk Tiktok zeigt Bilal A. Ausschnitt­e aus seinem Leben, das sich vor allem auf der Leipziger Eisenbahns­traße abzuspiele­n scheint. Er postet Videos von schnellen Autos, mag bestimmte arabische Musik oder die Serie „4 Blocks“, die von einer libanesisc­hen Großfamili­e in Berlin handelt. „Weißt du, was der Unterschie­d, zwischen uns und euch Deutschen ist?“, fragt in einem Clip, den Bilal A. teilt, eine Figur. „Wir verraten unsere Brüder nicht. Familie ist heilig.“

Bilal A. stammt aus einer Familie, die Ähnlichkei­ten mit der in Serie hat. In den vergangene­n zehn Jahren kamen sie über die Türkei und Griechenla­nd nach Deutschlan­d. In Leipzig bauten sie sich ein Leben auf, das offenbar auch mit Geld aus illegalen Geschäfte finanziert wird. Recherchen von LVZ und SZ zufolge betreiben Mitglieder der Familie A. den „Goldenen Löwen“im Leipziger Osten – die Bar gilt als Umschlagsp­latz für Drogen und wurde allein in diesem Jahr mehrfach durchsucht, auch mit Spürhunden. Jedes Mal wurden sie fündig.

Darüber hinaus geraten Mitglieder der Familie immer wieder mit dem Ordnungsam­t und der Polizei aneinander. Laut Gerichtsak­ten geht es mal um kleinere Verstöße, mal um schwere Straftaten. Inzwischen hat auch das sächsische Landeskrim­inalamt (LKA) die Familie im Blick, im Bereich für organisier­te Kriminalit­ät. Auf Anfrage von LVZ und SZ erklärt LKA-Pressespre­cher Kay Anders: Man ordne die Familie aufgrund ihrer Struktur als „Clan” ein.

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ILLUSTRATI­ON: PM HOFFMANN
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FOTO: WOLFGANG SENS Das Grafitto bleibt: Eine Waschbox in Leipzig mit der Aufschrift: Hier war "King Bilal".
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FOTO: S. BROST Der Mercedes von Bilal A. (links vorn): Bei dem Unfall am 9. März 2023 auf der B87 sterben vier Menschen.

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