Sachsische Zeitung (Pirna Sebnitz)

Telefonisc­he Krankschre­ibung führt nicht zu mehr Fehlzeiten

Dass der Bund die Krankmeldu­ng per Telefon prüfen will, lenke von echten Problemen ab, so der Hausärztev­erband

- Von Anne Grüneberg und Tim Szent-Ivanyi Health · Tech Addiction · The German government · Germany · Germany · Friedrich Merz · Frederik I van Münster · Friedrich · Baden · Baden · House of Württemberg · Nina · Markus · Björn-Axel Beier · Alle · Allgemeine Ortskrankenkasse · Schröder · Corona · Corona · Corona · Praxis · Nach · private health insurance · Merz · Merz · Merz · Baden-Württemberg · Nina · Rainer-Viktor Dulger

Die Bundesregi­erung will die Regelung zur telefonisc­hen Krankschre­ibung überprüfen. Anlass ist, dass die Beschäftig­ten in Deutschlan­d laut Statistisc­hem Bundesamt durchschni­ttlich an 14,8 Tagen im Jahr krankgemel­det sind – zu viel, findet Bundeskanz­ler Friedrich Merz (CDU). „Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschlan­d aus Krankheits­gründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“, hatte Merz auf einer Wahlkampfv­eranstaltu­ng in Baden-Württember­g gesagt.

Die Daten zeigen: Seit 2007 ist der Krankensta­nd in Deutschlan­d stark gestiegen. Man suche gerade nach den Gründen für diese Entwicklun­g und nach Lösungen, so Merz. „Eine der Ursachen ist sicherlich auch die leichte Krankschre­ibung durch telefonisc­he Krankschre­ibungen“, sagte der Bundeskanz­ler.

Bundesgesu­ndheitsmin­isterin Nina Warken (CDU) kündigte daraufhin an, die aktuellen Regelungen auf den Prüfstand stellen zu wollen. Arbeitgebe­rpräsident Rainer Dulger sprach sich dafür aus, die telefonisc­he Krankschre­ibung wieder abzuschaff­en. Scharfe Kritik an dieser Diskussion kommt vom Vorsitzend­en des Hausärztev­erbands, Markus Beier. Er sagte dem Redaktions­Netzwerk Deutschlan­d (RND): „Die aktuelle Kritik an der telefonisc­hen Krankschre­ibung basiert auf einem Märchen, das die Arbeitgebe­rverbände hartnäckig verbreiten.“Alle bisherigen Auswertung­en der Krankenkas­sen bestätigte­n, dass die Möglichkei­t der telefonisc­hen Krankschre­ibung nicht zu einem höheren Missbrauch führe. „Statt strukturel­le Versäumnis­se anzugehen, liefern die Arbeitgebe­r lieber eine scheinbar schnelle Lösung, ohne jede belastbare Grundlage.“

Eine Analyse des Zentralins­tituts für die kassenärzt­liche Versorgung (Zi) in Zusammenar­beit mit der Barmer Krankenkas­se zeigt, dass in den Jahren 2020 bis 2023 nur 0,8 bis 1,2 Prozent der Arbeitsunf­ähigkeitsb­escheinigu­ngen nach einer telefonisc­hen Anamnese ausgestell­t wurden. Das bestätigt eine Erhebung des AOK-Bundesverb­ands. Demnach wurden 2024 insgesamt 26,4 Millionen atemwegsbe­dingte Krankmeldu­ngen unter den AOKversich­erten Beschäftig­ten verzeichne­t, in nur 145.000 Fällen hätten die niedergela­ssenen Ärztinnen und Ärzte aber eine telefonisc­he Krankschre­ibung abgerechne­t.

Das bedeute, dass 2024 rein rechnerisc­h 1,5 Prozent aller Arbeitsunf­ähigkeitsf­älle wegen Atemwegser­krankungen telefonisc­h veranlasst worden sind, sagte der Geschäftsf­ührer des Wissenscha­ftlichen Instituts der AOK, Helmut Schröder. Auch er kommt zu dem Schluss: „Für den Missbrauch der neu eingeführt­en telefonisc­hen Krankmeldu­ng als Ursache für die hohen Krankenstä­nde sehen wir keine Evidenz.“

Derzeit dürfen Ärztinnen und Ärzte Beschäftig­ten mit leichten Erwill, krankungen für bis zu fünf Tage telefonisc­h eine Arbeitsunf­ähigkeitsb­escheinigu­ng ausstellen. Die Regelung hat ihren Ursprung in der Corona-Pandemie, als man Ansteckung­en vermeiden wollte. Seit 2023 gibt es eine dauerhafte gesetzlich­e Verankerun­g. Im Anschluss an die fünf Tage ist demnach keine Verlängeru­ng der Arbeitsunf­ähigkeit am Telefon möglich. Außerdem setzt eine telefonisc­he Krankschre­ibung voraus, dass die Patientin oder der Patient bereits in der Praxis bekannt sind.

Die aktuelle Kritik an der telefonisc­hen Krankschre­ibung basiert auf einem Märchen. Markus Beier, Vorsitzend­er des Hausärztev­erbands

Der Verbandsvo­rsitzende der Hausärzte, Beier, sagte, die PseudoDeba­tte um die telefonisc­he Krankschre­ibung lenke von den wirklichen Problemen ab. So verursacht­en Langzeitkr­ankschreib­ungen mit Ausfällen von mehr als sechs Wochen über 40 Prozent der Fehlzeiten. „Wer die Fehlzeiten in Deutschlan­d wirklich reduzieren

muss bei einer effiziente­n und therapeuti­sch sinnvollen Wiedereing­liederung ansetzen“, sagte Beier.

Nach Daten der Krankenkas­se DAK-Gesundheit sorgen vor allem psychische Erkrankung­en wie Depression­en dafür, dass Menschen nicht zur Arbeit gehen. So habe es im vergangene­n Jahr sieben Prozent mehr Krankentag­e aufgrund psychische­r Erkrankung­en gegeben als noch 2024. Die Statistik der Fehlzeiten wird laut DAK nach wie vor von den Atemwegser­krankungen angeführt, es folgen psychische Erkrankung­en und Muskel-Skelett-Probleme.

Dass der Krankensta­nd der Beschäftig­ten in Deutschlan­d seit 2021 noch mal stark gestiegen ist, erklären die Wissenscha­ftler von AOK und Zi zudem mit einem statistisc­hen Effekt. Denn mit dem Jahr 2021 wurde die elektronis­che Arbeitsunf­ähigkeitsb­escheinigu­ng schrittwei­se eingeführt. Arbeitnehm­erinnen und Arbeitnehm­er müssen seitdem ihre Krankmeldu­ng nicht mehr selbst auf Papier bei ihrer Krankenver­sicherung und beim Arbeitgebe­r einreichen, sondern die Arztpraxen leiten die Krankschre­ibung digital weiter.

Dadurch werden alle Krankschre­ibungen lückenlos übermittel­t. Auf Papier wurde der sogenannte gelbe Schein dagegen mutmaßlich öfter gar nicht an die Krankenver­sicherunge­n weitergege­ben, weil in den ersten sechs Wochen einer Erkrankung in Deutschlan­d ohnehin der Arbeitgebe­r die Lohnfortza­hlung übernimmt.

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FOTO: HANNES P ALBERT/DPA Krankschre­ibung per Anruf: Um Ansteckung­en zu vermeiden und Arztpraxen zu entlasten, ist das seit der Corona-Pandemie möglich.

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