Sachsische Zeitung (Pirna Sebnitz)
Telefonische Krankschreibung führt nicht zu mehr Fehlzeiten
Dass der Bund die Krankmeldung per Telefon prüfen will, lenke von echten Problemen ab, so der Hausärzteverband
Die Bundesregierung will die Regelung zur telefonischen Krankschreibung überprüfen. Anlass ist, dass die Beschäftigten in Deutschland laut Statistischem Bundesamt durchschnittlich an 14,8 Tagen im Jahr krankgemeldet sind – zu viel, findet Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). „Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“, hatte Merz auf einer Wahlkampfveranstaltung in Baden-Württemberg gesagt.
Die Daten zeigen: Seit 2007 ist der Krankenstand in Deutschland stark gestiegen. Man suche gerade nach den Gründen für diese Entwicklung und nach Lösungen, so Merz. „Eine der Ursachen ist sicherlich auch die leichte Krankschreibung durch telefonische Krankschreibungen“, sagte der Bundeskanzler.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte daraufhin an, die aktuellen Regelungen auf den Prüfstand stellen zu wollen. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger sprach sich dafür aus, die telefonische Krankschreibung wieder abzuschaffen. Scharfe Kritik an dieser Diskussion kommt vom Vorsitzenden des Hausärzteverbands, Markus Beier. Er sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Die aktuelle Kritik an der telefonischen Krankschreibung basiert auf einem Märchen, das die Arbeitgeberverbände hartnäckig verbreiten.“Alle bisherigen Auswertungen der Krankenkassen bestätigten, dass die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung nicht zu einem höheren Missbrauch führe. „Statt strukturelle Versäumnisse anzugehen, liefern die Arbeitgeber lieber eine scheinbar schnelle Lösung, ohne jede belastbare Grundlage.“
Eine Analyse des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) in Zusammenarbeit mit der Barmer Krankenkasse zeigt, dass in den Jahren 2020 bis 2023 nur 0,8 bis 1,2 Prozent der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen nach einer telefonischen Anamnese ausgestellt wurden. Das bestätigt eine Erhebung des AOK-Bundesverbands. Demnach wurden 2024 insgesamt 26,4 Millionen atemwegsbedingte Krankmeldungen unter den AOKversicherten Beschäftigten verzeichnet, in nur 145.000 Fällen hätten die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte aber eine telefonische Krankschreibung abgerechnet.
Das bedeute, dass 2024 rein rechnerisch 1,5 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsfälle wegen Atemwegserkrankungen telefonisch veranlasst worden sind, sagte der Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, Helmut Schröder. Auch er kommt zu dem Schluss: „Für den Missbrauch der neu eingeführten telefonischen Krankmeldung als Ursache für die hohen Krankenstände sehen wir keine Evidenz.“
Derzeit dürfen Ärztinnen und Ärzte Beschäftigten mit leichten Erwill, krankungen für bis zu fünf Tage telefonisch eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen. Die Regelung hat ihren Ursprung in der Corona-Pandemie, als man Ansteckungen vermeiden wollte. Seit 2023 gibt es eine dauerhafte gesetzliche Verankerung. Im Anschluss an die fünf Tage ist demnach keine Verlängerung der Arbeitsunfähigkeit am Telefon möglich. Außerdem setzt eine telefonische Krankschreibung voraus, dass die Patientin oder der Patient bereits in der Praxis bekannt sind.
Die aktuelle Kritik an der telefonischen Krankschreibung basiert auf einem Märchen. Markus Beier, Vorsitzender des Hausärzteverbands
Der Verbandsvorsitzende der Hausärzte, Beier, sagte, die PseudoDebatte um die telefonische Krankschreibung lenke von den wirklichen Problemen ab. So verursachten Langzeitkrankschreibungen mit Ausfällen von mehr als sechs Wochen über 40 Prozent der Fehlzeiten. „Wer die Fehlzeiten in Deutschland wirklich reduzieren
muss bei einer effizienten und therapeutisch sinnvollen Wiedereingliederung ansetzen“, sagte Beier.
Nach Daten der Krankenkasse DAK-Gesundheit sorgen vor allem psychische Erkrankungen wie Depressionen dafür, dass Menschen nicht zur Arbeit gehen. So habe es im vergangenen Jahr sieben Prozent mehr Krankentage aufgrund psychischer Erkrankungen gegeben als noch 2024. Die Statistik der Fehlzeiten wird laut DAK nach wie vor von den Atemwegserkrankungen angeführt, es folgen psychische Erkrankungen und Muskel-Skelett-Probleme.
Dass der Krankenstand der Beschäftigten in Deutschland seit 2021 noch mal stark gestiegen ist, erklären die Wissenschaftler von AOK und Zi zudem mit einem statistischen Effekt. Denn mit dem Jahr 2021 wurde die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung schrittweise eingeführt. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen seitdem ihre Krankmeldung nicht mehr selbst auf Papier bei ihrer Krankenversicherung und beim Arbeitgeber einreichen, sondern die Arztpraxen leiten die Krankschreibung digital weiter.
Dadurch werden alle Krankschreibungen lückenlos übermittelt. Auf Papier wurde der sogenannte gelbe Schein dagegen mutmaßlich öfter gar nicht an die Krankenversicherungen weitergegeben, weil in den ersten sechs Wochen einer Erkrankung in Deutschland ohnehin der Arbeitgeber die Lohnfortzahlung übernimmt.