Sachsische Zeitung (Riesa & Grossenhain)
Granaten werden zur Massenware
Rheinmetall eröffnet mit politischer Prominenz sein Werk in Unterlüß – Hunderttausende Geschosse sollen dort jährlich entstehen
Hannover. Still verrichtet der Roboter seine Arbeit hinter der Schutzwand. Knapp neun Kilogramm Sprengstoff füllt er in die 80 Zentimeter hohe Metallröhre und macht sie damit zur Artilleriegranate. Kaliber 155 Millimeter, Reichweite 30 bis 40 Kilometer, Nato-standardware im Verkaufswert von einigen Tausend Euro pro Stück. Rund fünf Minuten dauere die Prozedur pro Geschoss, erklärt der Mann vor der Anlage. „Das hat mich der Herr Papperger auch schon gefragt. Er hat gleich die Taktzeit ausgerechnet.“
Zeit ist plötzlich wichtig in der Munitionsfertigung. Und Armin Papperger, Chef des Rheinmetallkonzerns, schwärmt noch Wochen später: Nahezu ohne Menschen komme die neue Fabrik in Unterlüß aus, „unglaublich“. Wenn an diesem Mittwoch Vizekanzler, Verteidigungsminister und Nato-generalsekretär zur Eröffnung kommen, kann er ihnen mitteilen, dass noch in diesem Jahr rund 50.000 Geschosse das Werk verlassen werden. Ist alles fertig und eingefahren, sollen es gut 300.000 pro Jahr sein. Die ursprünglich geplanten 200.000 wurden noch während der Bauzeit aufgestockt.
Munition ist zur Fließbandware geworden und die 155-Millimetergranate zum Bestseller. Bevor Russland die Ukraine überfiel, konnte Rheinmetall rund 70.000 Geschosse pro Jahr fertigen. Mehr waren nicht gefragt. Die Nato-vorgabe, Munition für 30 Kriegstage vorzuhalten, stand nur auf dem Papier.
Kurz nach Kriegsbeginn dachte auch Papperger noch, der neue Bedarf werde sich mit bestehenden Fabriken decken lassen. Der mehr als 100 Jahre alte Standort Unterlüß genügte schließlich auch den Anforderungen des Kalten Kriegs. Nicht nur Munition entsteht hier, die 3200 Beschäftigten bauen auch Komponenten für Panzer, entwickeln Bewaffnung, produzieren Schutzkabinen für Lkw. Doch angesichts der Erfahrungen in der Ukraine überboten sich die Strategen bald mit ihren Bedarfsplanungen. Tausende Geschosse feuerte jede Seite täglich ab, und Papperger rechnete in einem „Handelsblatt“-interview vor: 5000 Nato-geschütze bräuchten im Ernstfall jeweils 300 Schuss täglich, in 30 Tagen demnach 45 Millionen Geschosse.
Schneller Ausbau war also angesagt. Im ersten Schritt kaufte Rheinmetall Ende 2022 den spanischen Munitionshersteller Expal, dann begannen die Planungen für das „Werk Niedersachsen“auf dem Gelände in Unterlüß, eine Investition von rund 300 Millionen Euro: Zwei Hallen, jede in der Größe von zwei Fußballfeldern, bevölkert aber von nur 300 Beschäftigten. In der einen werden die Stahlhüllen der Granaten geschmiedet, in der anderen werden sie mit Sprengstoff gefüllt und verpackt. Die Zünder kommen erst im Einsatz dazu.
„Zur Sicherung der strategischen Souveränität Deutschlands im Bereich der Munitionsherstellung schaffen wir eine nationale Produktionsstätte, die neue Maßstäbe setzt und vor allem die Versorgung der Bundeswehr sicherstellen wird“, sagte Papperger beim ersten Spatenstich Anfang 2024. Nur ein Jahr später begann der Probebetrieb, und bei Rheinmetall ist man voll des Lobes für die Unterstützung der Behörden und das „Deutschland-tempo“.
Wir schaffen eine nationale Produktionsstätte, die neue Maßstäbe setzt. Armin Papperger, Rheinmetall-chef
Das Muster zieht sich durch die Rheinmetall-welt: Erweitert werden Munitions- und Pulverfabriken in Spanien, Italien, Südafrika, Australien und Rumänien, neue Werke entstehen in Ungarn, Litauen und der Ukraine. Auch die Werke selbst baut der Konzern wie am Fließband, geplant von einem eigenen Team nach Standardvorgaben. So sollen schon in zwei Jahren aus den einst 70.000 Schuss Jahreskapazität konzernweit rund 1,7 Millionen werden. „Rheinmetall ist nun der größte Munitionsproduzent der westlichen Welt“, stand über einer Präsentation zur Bilanzpressekonferenz.
Doch der Engpass sind nicht die Anlagen. „Pulver ist der Flaschenhals“, sagte Papperger im Frühjahr. Genauer gesagt: Linters – kurze Baumwollfasern, aus denen Nitrocellulose hergestellt wird. Der Rohstoff wird für Treibladungen und Sprengstoffe gebraucht und kommt bisher zum größten Teil aus China.
Diese Quelle gilt nicht mehr als sicher, Rheinmetall braucht Alternativen. So hat der Konzern die kleine Hagedorn-nc Gmbh in Osnabrück gekauft, die seit über 100 Jahren Nitrocellulose für zivile Anwendungen herstellt. In Zukunft werden es Treibladungen sein. Ab dem dritten Produktionsjahr in Unterlüß verspricht Papperger „100 Prozent nationale Wertschöpfung“.
Während der 62-Jährige seinen Konzern zum Rüstungsmulti ausdehnt, liefert der Boom im hergebrachten Munitionsgeschäft eine sichere Grundlage. Die Vertragslaufzeiten sind lang, Umsatz und Gewinn gesichert. Der Umsatz im Geschäftsbereich „Waffensysteme und Munition“stieg im ersten Halbjahr um ein Viertel auf 1,3 Milliarden Euro, der operative Gewinn sogar um gut ein Drittel auf 280 Millionen Euro.
Der Auftragsbestand übersteigt 21 Milliarden Euro, allein mit der Bundeswehr gibt es einen Rahmenvertrag über 8,5 Milliarden Euro. Er garantiert die Auslastung des neuen Werks vom ersten Tag an. Den Verdacht, Rheinmetall habe die Preise für seine knappe Ware hochgetrieben, wies Papperger im „Handelsblatt“zurück. Im Gegenteil: „Je mehr bestellt wird, desto günstiger wird das einzelne Stück.“Es ist jetzt eben Massenproduktion.