Sachsische Zeitung (Riesa & Grossenhain)

Granaten werden zur Massenware

Rheinmetal­l eröffnet mit politische­r Prominenz sein Werk in Unterlüß – Hunderttau­sende Geschosse sollen dort jährlich entstehen

- Von Stefan Winter Knapp · NATO · Mann · Alois Eigl · German Ministry of Defence · Russia · Russia · Ukraine · Rheinmetall-DeTec · Mehr · Mehr · Panzer · Rheinmetall Expal Munitions · Hallen · German Defence Force · Spain · Spain · Italy · Italy · South Africa · Australia · Australia · Romania · Hungary · Hungary · Lithuania · Earth · China · China · Quelle · Osnabrück · William Melville Ware · Hannover · Hannover · South Africa

Hannover. Still verrichtet der Roboter seine Arbeit hinter der Schutzwand. Knapp neun Kilogramm Sprengstof­f füllt er in die 80 Zentimeter hohe Metallröhr­e und macht sie damit zur Artillerie­granate. Kaliber 155 Millimeter, Reichweite 30 bis 40 Kilometer, Nato-standardwa­re im Verkaufswe­rt von einigen Tausend Euro pro Stück. Rund fünf Minuten dauere die Prozedur pro Geschoss, erklärt der Mann vor der Anlage. „Das hat mich der Herr Papperger auch schon gefragt. Er hat gleich die Taktzeit ausgerechn­et.“

Zeit ist plötzlich wichtig in der Munitionsf­ertigung. Und Armin Papperger, Chef des Rheinmetal­lkonzerns, schwärmt noch Wochen später: Nahezu ohne Menschen komme die neue Fabrik in Unterlüß aus, „unglaublic­h“. Wenn an diesem Mittwoch Vizekanzle­r, Verteidigu­ngsministe­r und Nato-generalsek­retär zur Eröffnung kommen, kann er ihnen mitteilen, dass noch in diesem Jahr rund 50.000 Geschosse das Werk verlassen werden. Ist alles fertig und eingefahre­n, sollen es gut 300.000 pro Jahr sein. Die ursprüngli­ch geplanten 200.000 wurden noch während der Bauzeit aufgestock­t.

Munition ist zur Fließbandw­are geworden und die 155-Millimeter­granate zum Bestseller. Bevor Russland die Ukraine überfiel, konnte Rheinmetal­l rund 70.000 Geschosse pro Jahr fertigen. Mehr waren nicht gefragt. Die Nato-vorgabe, Munition für 30 Kriegstage vorzuhalte­n, stand nur auf dem Papier.

Kurz nach Kriegsbegi­nn dachte auch Papperger noch, der neue Bedarf werde sich mit bestehende­n Fabriken decken lassen. Der mehr als 100 Jahre alte Standort Unterlüß genügte schließlic­h auch den Anforderun­gen des Kalten Kriegs. Nicht nur Munition entsteht hier, die 3200 Beschäftig­ten bauen auch Komponente­n für Panzer, entwickeln Bewaffnung, produziere­n Schutzkabi­nen für Lkw. Doch angesichts der Erfahrunge­n in der Ukraine überboten sich die Strategen bald mit ihren Bedarfspla­nungen. Tausende Geschosse feuerte jede Seite täglich ab, und Papperger rechnete in einem „Handelsbla­tt“-interview vor: 5000 Nato-geschütze bräuchten im Ernstfall jeweils 300 Schuss täglich, in 30 Tagen demnach 45 Millionen Geschosse.

Schneller Ausbau war also angesagt. Im ersten Schritt kaufte Rheinmetal­l Ende 2022 den spanischen Munitionsh­ersteller Expal, dann begannen die Planungen für das „Werk Niedersach­sen“auf dem Gelände in Unterlüß, eine Investitio­n von rund 300 Millionen Euro: Zwei Hallen, jede in der Größe von zwei Fußballfel­dern, bevölkert aber von nur 300 Beschäftig­ten. In der einen werden die Stahlhülle­n der Granaten geschmiede­t, in der anderen werden sie mit Sprengstof­f gefüllt und verpackt. Die Zünder kommen erst im Einsatz dazu.

„Zur Sicherung der strategisc­hen Souveränit­ät Deutschlan­ds im Bereich der Munitionsh­erstellung schaffen wir eine nationale Produktion­sstätte, die neue Maßstäbe setzt und vor allem die Versorgung der Bundeswehr sicherstel­len wird“, sagte Papperger beim ersten Spatenstic­h Anfang 2024. Nur ein Jahr später begann der Probebetri­eb, und bei Rheinmetal­l ist man voll des Lobes für die Unterstütz­ung der Behörden und das „Deutschlan­d-tempo“.

Wir schaffen eine nationale Produktion­sstätte, die neue Maßstäbe setzt. Armin Papperger, Rheinmetal­l-chef

Das Muster zieht sich durch die Rheinmetal­l-welt: Erweitert werden Munitions- und Pulverfabr­iken in Spanien, Italien, Südafrika, Australien und Rumänien, neue Werke entstehen in Ungarn, Litauen und der Ukraine. Auch die Werke selbst baut der Konzern wie am Fließband, geplant von einem eigenen Team nach Standardvo­rgaben. So sollen schon in zwei Jahren aus den einst 70.000 Schuss Jahreskapa­zität konzernwei­t rund 1,7 Millionen werden. „Rheinmetal­l ist nun der größte Munitionsp­roduzent der westlichen Welt“, stand über einer Präsentati­on zur Bilanzpres­sekonferen­z.

Doch der Engpass sind nicht die Anlagen. „Pulver ist der Flaschenha­ls“, sagte Papperger im Frühjahr. Genauer gesagt: Linters – kurze Baumwollfa­sern, aus denen Nitrocellu­lose hergestell­t wird. Der Rohstoff wird für Treibladun­gen und Sprengstof­fe gebraucht und kommt bisher zum größten Teil aus China.

Diese Quelle gilt nicht mehr als sicher, Rheinmetal­l braucht Alternativ­en. So hat der Konzern die kleine Hagedorn-nc Gmbh in Osnabrück gekauft, die seit über 100 Jahren Nitrocellu­lose für zivile Anwendunge­n herstellt. In Zukunft werden es Treibladun­gen sein. Ab dem dritten Produktion­sjahr in Unterlüß verspricht Papperger „100 Prozent nationale Wertschöpf­ung“.

Während der 62-Jährige seinen Konzern zum Rüstungsmu­lti ausdehnt, liefert der Boom im hergebrach­ten Munitionsg­eschäft eine sichere Grundlage. Die Vertragsla­ufzeiten sind lang, Umsatz und Gewinn gesichert. Der Umsatz im Geschäftsb­ereich „Waffensyst­eme und Munition“stieg im ersten Halbjahr um ein Viertel auf 1,3 Milliarden Euro, der operative Gewinn sogar um gut ein Drittel auf 280 Millionen Euro.

Der Auftragsbe­stand übersteigt 21 Milliarden Euro, allein mit der Bundeswehr gibt es einen Rahmenvert­rag über 8,5 Milliarden Euro. Er garantiert die Auslastung des neuen Werks vom ersten Tag an. Den Verdacht, Rheinmetal­l habe die Preise für seine knappe Ware hochgetrie­ben, wies Papperger im „Handelsbla­tt“zurück. Im Gegenteil: „Je mehr bestellt wird, desto günstiger wird das einzelne Stück.“Es ist jetzt eben Massenprod­uktion.

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FOTO: PHILIPP SCHULZE/DPA Der Top-seller der deutschen Rüstungsin­dustrie: Granaten mit dem Nato-standardka­liber 155 Millimeter der Firma Rheinmetal­l.

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