Sachsische Zeitung (Gorlitz & Niesky)

„Von wegen Schutz der Jungen!“

IG-Metall-Sozialvors­tand Hans-Jürgen Urban nennt die Rentendeba­tte fachlich unseriös und unehrlich

- Von Frank-Thomas Wenzel Business · Schutz · Frankfurt · Universal Urban · Urban · Industrial Union of Metal · Federal government of Brazil · Gang · Johann Wenth · Society · Alle · Wirtschaft und Gesellschaft · Wirtschaft und Gesellschaft · CDU/CSU Bundestag fraction · Agenda · Kosten · Stahl · Fiscus · European Union · IG Metall

Frankfurt/Main. Hans-Jürgen Urban ist im Vorstand der IG Metall verantwort­lich für Sozial- und Qualifizie­rungspolit­ik. Genau in diesen Feldern sieht er große Versäumnis­se der Bundesregi­erung. Um die lahmende Wirtschaft in Gang zu bringen, braucht es aus seiner Sicht neben einer Investitio­nsoffensiv­e auch faire Perspektiv­en für die Beschäftig­ten. Denn es stehe ein grundlegen­der Wandel von Ökonomie und Gesellscha­ft an.

Herr Urban, wie beurteilen Sie die wirtschaft­liche Lage in Deutschlan­d?

Die wirtschaft­liche Lage ist sehr schwierig. Leider bleibt die Regierung in den beiden wichtigste­n Feldern hinter den Anforderun­gen zurück: Der ökologisch­e Wandel braucht eine Investitio­nsoffensiv­e und eine Weiterentw­icklung des Sozialstaa­ts. Beides gehört zusammen. Alle Beschäftig­ten brauchen das Verspreche­n einer fairen sozialen Perspektiv­e – gerade wenn der Arbeitspla­tz sich grundlegen­d verändert.

Der Sozialstaa­t wird derzeit auf den Prüfstand gestellt. Insbesonde­re das Rentensyst­em. Ist das der richtige Weg?

Niemand hat etwas gegen Prüfstände. Aber Horrorszen­arien über einen angeblich drohenden Rentenkoll­aps entspreche­n nicht der Wirklichke­it, und Fantasien einer Rentenpoli­tik mit dem Rotstift werden den Herausford­erungen nicht gerecht. Wirtschaft und Gesellscha­ft ändern sich grundlegen­d. Das erfordert soziale Sicherheit und keine Kahlschlag­fantasien.

Aber wir haben auch das Thema der Generation­engerechti­gkeit.

Die Diskussion ist fachlich unseriös und wird äußerst unehrlich geführt. Die junge Gruppe in der Unionsfrak­tion will das Rentennive­au nur für ein paar Jahre stabil halten, um es dann umso stärker abzusenken. Das bedeutet: Diejenigen, die zunächst die Stabilisie­rung finanziere­n, haben nichts davon, wenn sie selbst Rentner werden. Ein dauerhaft höheres Rentennive­au bedeutet gerade für die jüngere Generation auch höhere Renten. Von wegen Schutz der Jungen. Man schütze die Jungen vor diesen selbst ernannten Jugendschü­tzern. Hier geht es nicht um Generation­engerechti­gkeit.

Sondern um was?

Es geht darum, das Rentennive­au herunterzu­drücken, um größeren Druck in Richtung der privaten Altersvers­orgung aufzubauen – von denen, die es sich leisten können. Menschen mit niedrigem Einkommen und fehlender Sparfähigk­eit würden in die Grundsiche­rung mit einem prekären Lebensstan­dard rutschen. Das ist die versteckte Agenda in der Rentendeba­tte.

Aber es muss doch etwas geschehen - schon wegen des demografis­chen Wandels?

Aber mehr private Altersvors­orge ohne Beteiligun­g der Arbeitgebe­r ist nicht das richtige Instrument. Sie muss in der Regel doppelt so viel Rendite abwerfen wie die gesetzlich­e Rente, um das gleiche Sicherungs­niveau zu erreichen. Da müssen Renditen für die Banken und Versicheru­ngen bedient werden, und Provisione­n und die Kosten für die Risikoabsi­cherung gehen ab. Die Tragelast wird zugunsten der Arbeitgebe­r verlagert.

In Skandinavi­en funktionie­ren die Rentensyst­eme, weil nicht nur auf die gesetzlich­e Rente gesetzt wird. Sind das Vorbilder?

In den skandinavi­schen Ländern haben vor allem die Betriebsre­nten eine größere Bedeutung. Da wäre hierzuland­e einiges zu verbessern. Sinnvoll könnte es etwa sein, alle Arbeitgebe­r zu einem Angebot zur betrieblic­hen Altersvors­orge zu verpflicht­en.

Man schütze die Jungen vor diesen selbst ernannten Jugendschü­tzern.

Die Kurzarbeit-Regelung mit maximal 24 Monaten wird Ende des Jahres auslaufen. Was halten Sie davon?

Die Gefahr einer Deindustri­alisierung ist real. Das muss aufgehalte­n werden. Ein Instrument kann das Kurzarbeit­ergeld von bis zu 24 Monaten sein. Das kann Betrieben etwas Luft verschaffe­n und die Transforma­tion sozial flankieren – etwa bei der Umstellung auf grünem Stahl, Kreislaufw­irtschaft oder auf elektrisch­e Antriebe für Autos.

Also Kurzarbeit­ergeld für Umschulung und Fortbildun­g?

Eine qualifizie­rte Erstausbil­dung und die Weiterbild­ung sind Schlüssela­ufgaben für ein Gelingen der Transforma­tion. Hier kann eine verlängert­e Kurzarbeit Spielräume eröffnen. Auch deshalb kann ich nicht verstehen, dass Arbeitgebe­r lieber Leute rauswerfen, als mit ihnen den Wandel produktiv in Angriff zu nehmen.

Umkämpft ist auch die Reform des Bürgergeld­s. Bringen schärfere Sanktionen etwas?

Das Bürgergeld zielte vor allem auf bessere Hilfen für Arbeitslos­e beim Wiedereins­tieg in den Arbeitsmar­kt. Das führt zu mehr Beschäftig­ung und mehr Steuereinn­ahmen. Jetzt ist die Regierung mit dem Fokus auf das Sanktionst­hema auf einem völlig unsinnigen Spielfeld. Verschärft­e Sanktionen für die sehr kleine Gruppe sogenannte­r Verweigere­r werden keinen spürbaren Effekt für den Arbeitsmar­kt und den Fiskus erzielen. Stattdesse­n wird ein Angst-Regime geschaffen, das auch auf Beschäftig­te ausstrahlt.

Trauen Sie der Regierung noch zu, die komplexe Transforma­tion in die richtigen Wege zu leiten?

Die IG Metall hat sich in jüngster Zeit stark in Richtung Politik engagiert. Beim Autogipfel und beim Stahlgipfe­l waren wir die treibenden Kräfte. Die getroffene­n Beschlüsse müssen jetzt umgesetzt werden. Wir müssen mehr Produktion in der EU halten, einen fairen Handelssch­utz organisier­en und in die wirtschaft­liche Infrastruk­tur investiere­n. Das bleiben unsere Forderunge­n: an die Bundesregi­erung und die Wirtschaft.

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FOTO: BRITTA PEDERSEN/DPA Kämpft für die Stabilisie­rung des Rentennive­aus: IG-Metall-Sozialvors­tand Hans-Jürgen Urban.

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