Sachsische Zeitung (Weiswasser)
Der einstige Exportweltmeister koppelt sich vom Weltmarkt ab
Deutschlands Ausfuhrschwäche schlägt auf Industrie-jobs durch – Ökonomen sehen Bürokratie, hohe Personalkosten und teure Energie als Hauptgründe
In der deutschen Industrie gehen derzeit jeden Monat mehr als 10.000 Arbeitsplätze verloren. Ein maßgeblicher Faktor dabei sind die abnehmenden Exporte. Mehr noch: Die heimische Industrie kann immer weniger von der Entwicklung der weltweiten Nachfrage profitieren – wegen nachlassender Wettbewerbsfähigkeit. Dies zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die dem Redaktionsnetzwerk Deutschland vorliegt.
Wohlstand und Wachstum hängen in Deutschland stärker als in vielen anderen Ländern von den industriellen Produkten ab, die weltweit verkauft werden. Insbesondere sind das Fahrzeuge, Maschinen sowie Chemie- und Pharmaerzeugnisse.
Bis Ende der 2010er-jahre profitierten die hiesigen Unternehmen noch von der zunehmenden Globalisierung. Iw-experte Michael Grömling, der Autor der Studie, betont, dass sich die deutschen Exporte über vier Jahrzehnte „mehr oder weniger im Rhythmus der globalen Nachfrage“bewegten.
Doch für die vergangenen sechs Jahre passt dieses Muster nicht mehr. „Vielmehr scheint sich der deutsche Export vom Weltmarkt abgekoppelt zu haben – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Industrieproduktion“, erklärt der Ökonom.
Eine erste Bruchstelle war die Corona-pandemie.
Es folgten eine Energiekrise nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, wachsende Zollbarrieren und nun noch eine weitere Energiekrise infolge des Iran-kriegs. Für Grömling handelt es sich nicht um vorübergehende Phänomene, sondern um einen „anhaltenden Veränderungsprozess“.
Die deutschen Ausfuhren gehen zurück, während der Welthandel und die globale Wirtschaftsleistung weiter zulegen – auch wegen der wachsenden Weltbevölkerung. Generell gelte, dass das steigende Volumen der Warenfertigung weniger von europäischen Ländern bedient werde.
Der deutsche Anteil an der globalen Industrieproduktion liegt mit aktuell 5 Prozent nur noch halb so hoch wie in den 1990er-jahren. Im gleichen Zeitraum konnte China sein Stück vom Kuchen auf 30 Prozent vergrößern, was einer Verzehnfachung entspricht.
Als Gründe für die deutsche Misere führt Grömling einerseits ein hohes Maß an Regulierung und Bürokratie an. Er verweist zum anderen aber auch auf den Standort-index des IW: In der Kategorie für Steuern sowie Personal- und Energiekosten rangiere Deutschland unter 44 Ländern auf einem „besorgniserregenden vorletzten Platz“. All dies führe dazu, dass Belastungen im Handel mit entfernten und sich geopolitisch noch weiter entfernenden Ländern zunähmen, während der naheliegende europäische Markt dies nicht ausgleichen könne.