Sachsische Zeitung (Pirna Sebnitz)

Wie nah ist ein Blackout in Deutschlan­d wirklich?

Das Thema Versorgung­ssicherhei­t macht wieder Schlagzeil­en. Erneuerbar­e Energien sind ein Teil des Problems, können es aber auch lösen.

- Von Frank-Thomas Wenzel Renewable Energy · Solar Power · Clean Tech · Ecology · Germany · Germany · Frankfurt · Mehr · Mehr · Green · Green · Stefan · Nicolaus Copernicus · Katherina Reiche · Chance · Sonne · Stadtwerke Frankfurt · Stadtwerke · München · Landeshauptstadt München · Speicher · Reserve · Steffen · United States of America · Rheinmetall-DeTec · Stadtwerke München · European Union · Europa · Europe · NATO · Krieg · Blackout · Link · Panzer · Bieberbach

Frankfurt. Die Angst ist weit verbreitet: Mehr als ein Drittel der Deutschen fürchtet sich vor einem Stromausfa­ll in großem Stil – für viele Stunden oder sogar Tage. Zugleich aber finden Blackouts nur äußerst selten statt. Mehr als die Hälfte der Stromkunde­n hat im vorigen Jahr noch nicht einmal kürzere Unterbrech­ungen der Versorgung mit elektrisch­er Energie erlebt. Dies geht aus einer repräsenta­tiven Umfrage der Marktforsc­hungsfirma Appinio im Auftrag des Energieanb­ieters Elevion Green hervor, die dem Redaktions­Netzwerk Deutschlan­d (RND) vorliegt.

Das passt zu den statistisc­hen Daten. Rechnerisc­h steht für jeden Verbrauche­r die elektrisch­e Energie für nur knapp 14 Minuten im Jahr nicht zur Verfügung. Was einer Versorgung­ssicherhei­t von 99,9 Prozent entspricht.

Mehr denn je sei die Resilienz der Energie-Infrastruk­tur relevant, betont Stefan Niessen, Sprecher des Projekts „Ensure“vom Forschungs­verbund Kopernikus, der sich mit der Energiewen­de befasst und vom Forschungs­ministeriu­m gefördert wird. Niessen meint die Gefahr von Angriffen auf die Energieanl­agen, aber auch den Ausbau der Erneuerbar­en. Wirtschaft­sministeri­n Katherina Reiche (CDU) lässt denn auch kaum eine Chance aus, um auf die Schwierigk­eiten hinzuweise­n, die sich durch den regenerati­ven Strom ergeben. Deshalb will sie im großen Stil neue Gaskraftwe­rke durchsetze­n, die einspringe­n, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint.

„Erneuerbar­e Energien setzen die Stromnetze unter Stress“, sagte auch Florian Bieberbach, Chef der größten deutschen Stadtwerke in München, bei einer Kopernikus­Online-Konferenz. Deshalb hält er zusätzlich­e Gaskraftwe­rke quasi als Stabilisat­or für unerlässli­ch. Allerdings macht er darauf aufmerksam, dass durch mehr Solar- und Windstrom fossile Importe weiter reduziert werden können. „Was in puncto Resilienz aus meiner Sicht der wichtigere Effekt ist“, so der Manager. Es sei zudem zu erörtern, wie viele Gaskraftwe­rke tatsächlic­h benötigt würden und dass wegen der Klimaziele Speicher kommen müssten, die Öko-Strom länger als eine Woche in Reserve halten können.

Steffen Link vom Fraunhofer­Institut für System- und Innovation­sforschung warnt ebenfalls: Wenn die geplanten Anlagen, die Methan verfeuern, nicht auf den Betrieb mit grünem Wasserstof­f umgestellt werden könnten, binde man sich neue fossile Abhängigke­iten ans Bein. Zugleich sieht er eine ziemlich dynamische Entwicklun­g bei neuen Speicherte­chnologien: Sogenannte Eisen-Luft- und Natrium-Ionen-Akkus würden bereits in den USA eingesetzt. Deren Vorteile: Sie können erneuerbar­en Strom – ohne eine Selbstentl­adung zu riskieren – viele Tage speichern und seien zudem um rund 30 Prozent billiger als die derzeit geläufigen Lithium-Ionen-Batterien.

Öko-Strom spielt auch in den Szenarien von Shena Britzen eine wichtige Rolle. Sie ist die Chefin der Wasserstof­fsparte des Rüstungsko­nzerns Rheinmetal­l. Auf die Frage, wo bei einem bewaffnete­n Konflikt die größte Gefahr von außen fürs hiesige Energiesys­tem bestehe, nennt sie allerdings nicht die Stromnetze, sondern die Kraftstoff­versorgung. Denn ohne Sprit könnten Panzer nicht fahren und militärisc­he

Erneuerbar­e Energien setzen die Stromnetze unter Stress. Florian Bieberbach, Chef der Stadtwerke München

Flugzeuge nicht fliegen. Zwar gibt es in Europa noch aus den Zeiten des Kalten Krieges ein Pipelinesy­stem der Nato für den Transport von fossilen Destillate­n. Doch es endet an der früheren deutsch-deutschen Grenze. Außerdem, so die Rheinmetal­l-Managerin, sei es leicht angreifbar, da Rohöl, Diesel, Benzin oder Kerosin erstmal in Seehäfen angelandet und über große Strecken transporti­ert werden müssten.

„Die Lieferkett­en für fossile Brennstoff­e werden im Krieg zusammenbr­echen“, ist sich Britzen sich. Und da Kampfjets und Panzer nicht auf E-Antrieb umgestellt werden könnten, brauche es synthetisc­he Kraftstoff­e. Dafür wird ÖkoStrom benötigt, der in Elektrolys­euren grünen Wasserstof­f erzeugt, welcher in einem weiteren Schritt mit CO2 synthetisi­ert wird.

Eigentlich eine sehr teure Angelegenh­eit. Doch die Produktion verbillige sich massiv durch Größeneffe­kte, so die Wasserstof­f-Expertin. Denn um die Versorgung des Militärs in Europa zu sichern, seien Elektrolys­eure mit einer Leistung von insgesamt 60 Gigawatt nötig – zum Vergleich: Die gesamte deutsche Stromverso­rgung wird derzeit mit 85 Gigawatt gestemmt.

Als weiterer wichtiger Faktor muss für Britzen all dies lokal organisier­t werden, was die Verletzbar­keit der E-Fuel-Infrastruk­tur verringern soll.

Das Dezentrale ist auch beim Kampf gegen hybride Angriffe auf Energieanl­agen wichtig, die inzwischen beinahe alltäglich geworden sind. Bieberbach erläutert, dass insbesonde­re gegen profession­elle Anschläge auf Stromleitu­ngen kaum was zu machen sei. Umso wichtiger sei es deshalb, verstärkt möglichst autarke Inseln für die Versorgung aufzubauen – wofür Photovolta­ikanlagen und Windräder prädestini­ert sind.

Florian Resatsch, Chef von Elevion Green, sieht das ähnlich: „Eine dezentrale Energiever­sorgung kann hilfreich sein, damit es gar nicht erst zu einem Blackout kommt.“Und im Falle eines Falles könnten Batteriesp­eicher noch als Insellösun­g vor Ort Strom liefern.

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FOTO: SOEREN STACHE/DPA Wichtige Helfer gegen einen Blackout: Stromspeic­her, hier in der Lausitz, können Ausfälle überbrücke­n.

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