Sachsische Zeitung (Pirna Sebnitz)
Wie nah ist ein Blackout in Deutschland wirklich?
Das Thema Versorgungssicherheit macht wieder Schlagzeilen. Erneuerbare Energien sind ein Teil des Problems, können es aber auch lösen.
Frankfurt. Die Angst ist weit verbreitet: Mehr als ein Drittel der Deutschen fürchtet sich vor einem Stromausfall in großem Stil – für viele Stunden oder sogar Tage. Zugleich aber finden Blackouts nur äußerst selten statt. Mehr als die Hälfte der Stromkunden hat im vorigen Jahr noch nicht einmal kürzere Unterbrechungen der Versorgung mit elektrischer Energie erlebt. Dies geht aus einer repräsentativen Umfrage der Marktforschungsfirma Appinio im Auftrag des Energieanbieters Elevion Green hervor, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegt.
Das passt zu den statistischen Daten. Rechnerisch steht für jeden Verbraucher die elektrische Energie für nur knapp 14 Minuten im Jahr nicht zur Verfügung. Was einer Versorgungssicherheit von 99,9 Prozent entspricht.
Mehr denn je sei die Resilienz der Energie-Infrastruktur relevant, betont Stefan Niessen, Sprecher des Projekts „Ensure“vom Forschungsverbund Kopernikus, der sich mit der Energiewende befasst und vom Forschungsministerium gefördert wird. Niessen meint die Gefahr von Angriffen auf die Energieanlagen, aber auch den Ausbau der Erneuerbaren. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) lässt denn auch kaum eine Chance aus, um auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, die sich durch den regenerativen Strom ergeben. Deshalb will sie im großen Stil neue Gaskraftwerke durchsetzen, die einspringen, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint.
„Erneuerbare Energien setzen die Stromnetze unter Stress“, sagte auch Florian Bieberbach, Chef der größten deutschen Stadtwerke in München, bei einer KopernikusOnline-Konferenz. Deshalb hält er zusätzliche Gaskraftwerke quasi als Stabilisator für unerlässlich. Allerdings macht er darauf aufmerksam, dass durch mehr Solar- und Windstrom fossile Importe weiter reduziert werden können. „Was in puncto Resilienz aus meiner Sicht der wichtigere Effekt ist“, so der Manager. Es sei zudem zu erörtern, wie viele Gaskraftwerke tatsächlich benötigt würden und dass wegen der Klimaziele Speicher kommen müssten, die Öko-Strom länger als eine Woche in Reserve halten können.
Steffen Link vom FraunhoferInstitut für System- und Innovationsforschung warnt ebenfalls: Wenn die geplanten Anlagen, die Methan verfeuern, nicht auf den Betrieb mit grünem Wasserstoff umgestellt werden könnten, binde man sich neue fossile Abhängigkeiten ans Bein. Zugleich sieht er eine ziemlich dynamische Entwicklung bei neuen Speichertechnologien: Sogenannte Eisen-Luft- und Natrium-Ionen-Akkus würden bereits in den USA eingesetzt. Deren Vorteile: Sie können erneuerbaren Strom – ohne eine Selbstentladung zu riskieren – viele Tage speichern und seien zudem um rund 30 Prozent billiger als die derzeit geläufigen Lithium-Ionen-Batterien.
Öko-Strom spielt auch in den Szenarien von Shena Britzen eine wichtige Rolle. Sie ist die Chefin der Wasserstoffsparte des Rüstungskonzerns Rheinmetall. Auf die Frage, wo bei einem bewaffneten Konflikt die größte Gefahr von außen fürs hiesige Energiesystem bestehe, nennt sie allerdings nicht die Stromnetze, sondern die Kraftstoffversorgung. Denn ohne Sprit könnten Panzer nicht fahren und militärische
Erneuerbare Energien setzen die Stromnetze unter Stress. Florian Bieberbach, Chef der Stadtwerke München
Flugzeuge nicht fliegen. Zwar gibt es in Europa noch aus den Zeiten des Kalten Krieges ein Pipelinesystem der Nato für den Transport von fossilen Destillaten. Doch es endet an der früheren deutsch-deutschen Grenze. Außerdem, so die Rheinmetall-Managerin, sei es leicht angreifbar, da Rohöl, Diesel, Benzin oder Kerosin erstmal in Seehäfen angelandet und über große Strecken transportiert werden müssten.
„Die Lieferketten für fossile Brennstoffe werden im Krieg zusammenbrechen“, ist sich Britzen sich. Und da Kampfjets und Panzer nicht auf E-Antrieb umgestellt werden könnten, brauche es synthetische Kraftstoffe. Dafür wird ÖkoStrom benötigt, der in Elektrolyseuren grünen Wasserstoff erzeugt, welcher in einem weiteren Schritt mit CO2 synthetisiert wird.
Eigentlich eine sehr teure Angelegenheit. Doch die Produktion verbillige sich massiv durch Größeneffekte, so die Wasserstoff-Expertin. Denn um die Versorgung des Militärs in Europa zu sichern, seien Elektrolyseure mit einer Leistung von insgesamt 60 Gigawatt nötig – zum Vergleich: Die gesamte deutsche Stromversorgung wird derzeit mit 85 Gigawatt gestemmt.
Als weiterer wichtiger Faktor muss für Britzen all dies lokal organisiert werden, was die Verletzbarkeit der E-Fuel-Infrastruktur verringern soll.
Das Dezentrale ist auch beim Kampf gegen hybride Angriffe auf Energieanlagen wichtig, die inzwischen beinahe alltäglich geworden sind. Bieberbach erläutert, dass insbesondere gegen professionelle Anschläge auf Stromleitungen kaum was zu machen sei. Umso wichtiger sei es deshalb, verstärkt möglichst autarke Inseln für die Versorgung aufzubauen – wofür Photovoltaikanlagen und Windräder prädestiniert sind.
Florian Resatsch, Chef von Elevion Green, sieht das ähnlich: „Eine dezentrale Energieversorgung kann hilfreich sein, damit es gar nicht erst zu einem Blackout kommt.“Und im Falle eines Falles könnten Batteriespeicher noch als Insellösung vor Ort Strom liefern.