Sachsische Zeitung (Dresden)

Gaspreis ist nicht zu bremsen

Die Notierunge­n klettern im Großhandel auf den höchsten Wert seit zwei Jahren – der Ruf nach staatliche­m Eingreifen wird laut

- Von Frank-Thomas Wenzel Frankfurt · Winter · Winter · Harold F. Winters · Speicher · RWE Group · Eni · Handel · Anna Chedid · European Union · Europe · Europa · China · China · Ukraine · Kosten · Sebastian · Sonne · Norway · Germany · Germany · Oktober · The German government · Fall · Schallstadt · Helmut Dieser · Sommer · Uniper · Schiff · Schiff · Transit · Europe · Gustav Sommer

Die Rede von der Frankfurt/Main.

„nächsten Energiekri­se“macht bereits die Runde. Am Dienstag hat sich im Großhandel die Erdgasnoti­erung für den deutschen Markt bei kurzfristi­gen Spotgeschä­ften der Marke von 60 Euro je Megawattst­unde genähert. Das ist der höchste Wert seit zwei Jahren.

Zugleich leeren sich die unterirdis­chen Gasspeiche­r überrasche­nd schnell. Aktuell sind sie nur noch zu 49,5 Prozent gefüllt. Die Versorgung­ssicherhei­t ist allerdings gewährleis­tet. Im Szenario des Gasspeiche­rverbands Ines entspricht dies einem richtig knackig kalten Winter. Dabei passen die Temperatur­en im abgelaufen­en Januar und im bisherigen Februar noch immer ins Muster eines milden Winters. Warum werden die unterirdis­ch gelagerten Reserven geplündert? Experten fällt nichts anderes ein als eben die hohen Preise. „Derzeit wird aus den Speichern herausverk­auft, was das Zeug hält“, heißt es in der Branche. Die Nutzer der Speicher wollten offenbar Kasse machen. Gemeint sind damit Energiekon­zerne wie RWE, die verstaatli­chte Uniper oder die italienisc­he Eni.

Vor ziemlich genau einem Jahr lag im europäisch­en Handel die Notierung noch bei 14 Euro pro Megawattst­unde. Seither geht es tendenziel­l immer weiter bergauf. Als Ursache nennen Experten eine Reihe von Faktoren. So spricht Patricio Alvarez, Analyst beim Finanzdien­st Bloomberg, von einer „größeren Anfälligke­it der europäisch­en Versorgung“. Nach dem weitgehend­en Aus der Lieferung von russischem Erdgas in die EU sind die Mittel- und Westeuropä­er erheblich stärker auf verflüssig­tes Erdgas (LNG) angewiesen, das per Schiff angelandet wird. Europa ist damit dem Auf und Ab am Weltmarkt ausgesetzt – etwa der Nachfrage aus China. Zumal mit dem Jahreswech­sel auch noch der Transit von russischem Methan durch die Ukraine weggefalle­n ist.

Abwarten stellt eine

Strategie mit dem

Risiko hoher

volkswirts­chaftliche­r

Kosten dar.

Sebastian Heinermann,

Gasspeiche­rverband Ines

Bereits im November und Dezember hatten zwei Dunkelflau­ten (kein Wind, keine Sonne) dazu geführt, dass erneuerbar­e Energieque­llen kaum Strom produziert­en und Gaskraftwe­rke in großer Zahl hochgefahr­en werden mussten, um die Versorgung zu sichern. Zudem kalkuliere­n Energiehän­dler auch mit anstehende­n turnusmäßi­gen Wartungsar­beiten an norwegisch­en Gasanlagen – Norwegen ist der wichtigste Lieferant für Deutschlan­d. Und dann schwebt auch noch das Gespenst trumpscher US-Zölle und Vergeltung­smaßnahmen durch die Branche. All das sind Faktoren, die preistreib­end wirken.

Auf der anderen Seite stehen die EU-weiten Vorgaben zur Befüllung der Speicher für den nächsten Winter. Die Bestimmung­en sollen Knappheit verhindern. Hierzuland­e müssen Anfang Oktober 2025 die unterirdis­chen Reservoire zu 80 Prozent und einen Monat später zu 90 Prozent gefüllt sein. Irgendwann muss jemand diese Gasmengen einkaufen und in die Speicher pumpen. Und damit spekuliert­en derzeit die Energiekon­zerne, heißt es. Bemerkbar mache sich das unter anderem dadurch, dass Speicherka­pazitäten für die nächsten Monate kaum gebucht würden. Wer nicht bucht, erspart sich auch den teuren Einkauf zwecks Befüllung. Hält diese Verweigeru­ngshaltung an, muss irgendwann der sogenannte Marktgebie­tsverantwo­rtliche für Deutschlan­d eingreifen: Trading Hub Europe (THE) heißt das Unternehme­n, in dem sich Gastranspo­rtfirmen zusammenge­tan haben. THE agiert im Auftrag der Bundesregi­erung, also quasi wie eine Behörde. Im schlimmste­n Fall würde THE im Spätsommer damit beginnen, Erdgas in rauen Mengen und ohne Rücksicht auf den Preis zusammenzu­kaufen.

Dieser drohende Dominoeffe­kt schlägt bereits an den Terminmärk­ten durch. Die Notierunge­n für Lieferunge­n zur Sommerzeit sind seit vielen Wochen ungewöhnli­ch hoch. Was wiederum zur Folge hat, dass die Energieunt­ernehmen von kostspieli­gen Termingesc­häften mehr denn je die Finger lassen. Wobei früher das Gegenteil galt: Billiges Gas im Sommer kaufen und einlagern, um es im Winter teuer zu verkaufen. Diese Sommer-Winter-Spreizung wird ausgehebel­t. Derzeit wird also Poker gespielt, das zu einer Kostenfall­e werden kann. Die Zeche dafür würden letztlich die Verbrauche­r zahlen. Die Ausgaben von THE werden über eine Umlage finanziert, die Privathaus­halte und die Unternehme­n mit ihrer Gasrechnun­g zahlen müssen. „Vor dem Hintergrun­d derzeit hoher Ausspeiche­rraten muss sicherlich festgestel­lt werden, dass eine abwartende Haltung eine Strategie mit dem Risiko hoher volkswirts­chaftliche­r Kosten darstellt“, sagte Sebastian Heinermann, Ines-Geschäftsf­ührer. Er fordert eine Interventi­on: „Angesichts der Gaspreissi­tuation an den Handelsmär­kten empfehlen wir, dass Trading Hub Europe zeitnah das neue Instrument der Strategisc­hen Befüllungs­instrument­e nutzt, um die Befüllung der Gasspeiche­r vor dem kommenden Winter 2025/26 kosteneffi­zient abzusicher­n.“

Dabei geht es – vereinfach­t formuliert – darum, dass THE bestimmte Gasmengen zum Füllen der Speicher schon frühzeitig ausschreib­t. Um die Energieunt­ernehmen zum Mitmachen bei den Ausschreib­ungen zu ermuntern, würde es Zuschüsse geben, deren Höhe von der aktuellen Marktlage abhängig ist. So soll ein Einspeiche­rn mit geringen Kostenrisi­ken angestoßen werden.

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FOTO: IMAGO/PHOTO2000 Verflüssig­tes Erdgas ist stark gefragt: Die deutschen Speicher sind derzeit halb leer.

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