Sachsische Zeitung (Freital Dippoldiswalde & Osterzgebirge)
Märchenstunde mit Egon Krenz: Lob für Stalin, Tadel für Baerbock
Zum 75 Jahrestag der Staatsgründung zelebriert der ehemalige SED-Chef einen Abend, als gäbe es die DDR noch.
Die Heimorgel leiert etwas. Aber die variierte Melodie ist den Hunderten Gästen bestens vertraut. Hanns Eislers Komposition der DDR-Nationalhymne erklingt am Samstagabend im Kino Babylon in Berlin. „75 Jahre DDR“ist das Thema; die DDR war am 7. Oktober 1949 gegründet worden. An diesem Abend ist sie tatsächlich auferstanden aus Ruinen.
„Da kommt er! Da kommt er“, ruft ein mittelalter Mann in Lederjacke begeistert. Über den Seiteneingang betritt Egon Krenz, 87, den Saal. Spontaner Applaus. Die Orgel spielt den „Kleinen Trompeter“, ein „Kampflied der Arbeiterklasse“. Die Gäste in der ersten Reihe erheben sich, reichen Krenz die Hand. Krenz – weißes Hemd, Anzug, keine Krawatte – humpelt ein wenig, winkt ins Publikum, nimmt Platz.
Sogleich eilen etliche Gäste zu dem langjährigen SED-Multi-Funktionär, Honecker-Nachfolger und kurzzeitigen DDRStaatschef. Sie reichen ihm dessen Memoiren, bitten um Autogramme mit persönlicher Widmung. „Wir haben uns öfter mal E-Mails geschrieben“, sagt ein Herr zu ihm. „Was?“, fragt Egon Krenz, er hört nicht so gut. „Wir haben uns öfter mal E-Mails geschrieben, vor Jahren schon“, sagt der Fan: „Aber Sie bekommen ja von allen möglichen Leuten E-Mails.“„Ja, ja“, antwortet Krenz und bleckt seine Zähne. Noch immer donnert die Heimorgel, nun das sowjetische Pionierlied „Immer lebe die Sonne“.
Eingeladen hat die Junge Welt, eine linksradikale Zeitung, einst Zentralorgan des kommunistischen Jugendverbandes FDJ, dessen Vorsitzender wiederum Krenz war. So schließt sich ein Kreis, mitten im Zentrum Berlins, 34 Jahre nach dem Tod der DDR. Bevor es losgeht: Werbung, auf dem großen Bildschirm auf der Bühne. Das Buch „Der ukrainische Faschismus“, zu 73,90 Euro. Die Junge Welt sucht Unterstützer. In ihrer zwölfseitigen Sonderausgabe „75 Jahre DDR“, gratis im Foyer zu haben, loben Autoren den untergegangenen „Arbeiter-und-Bauern-Staat“.
„Seinen Überzeugungen ist er bis heute treu geblieben“– mit diesen Worten preist Daniel Bratanovic, Junge-Welt-Chefredakteur und Vorstandsmitglied der DKP Berlin, den Gast von der Ostseeküste. „Ja, wir wollen wissen, was von der DDR bleibt“, sagt Bratanovic, um sogleich eine Antwort zu geben: „Die DDR war ein Friedensstaat.“
Gäste aus Kuba und Russland
Zuvor aber begrüßt Bratanovic zwei internationale Gäste, den „zweiten Missionschef der Republik Kuba“– Beifall – und einen „Botschaftsrat der Russischen Föderation“. Abermals Beifall. DDR pur, ganz konsequent heute Abend: „Fragen aus dem Publikum sind nicht vorgesehen.“
Auftritt Krenz. Er betritt die Bühne, nimmt hinter einem Tisch Platz. Er grüßt „alle Freunde, Genossinnen und Genossen, alle Sympathisanten“, will an die „Gründung der Deutschen Demokratischen Republik“, so viel Zeit muss sein, erinnern. Ein SED-Forscher habe neulich zugegeben, „es sei bis heute nicht gelungen, die DDR aus den Herzen zu bekommen“. Stürmischer Beifall.
Krenz beklagt den Ausverkauf der DDR, lobt ihre Leistungen, ihre Werte („Respekt, Empathie, Fairness“) und beklagt, es werde „viel Unwahres über diesen Staat“verbreitet. „Es gibt viele Gründe, die DDR zu mögen“, sagt ihr früherer Anführer: „Die DDR hat niemals Krieg geführt. Sie war der deutsche Friedensstaat.“
Auf den Krieg der SED gegen ihr eigenes Volk, den 17. Juni 1953, die Bereitschaft, mit Panzern den Prager Frühling 1968 niederzuwalzen, den Schießbefehl und all die Mauertoten geht Egon Krenz dagegen nicht ein.
Krenz
ist ein mittelmäßig begabter
Märchenonkel, etwa wenn er ein „Staatstelegramm aus Moskau“zur Gründung der DDR 1949 erwähnt und zitiert („Die Gründung der deutschen friedliebenden demokratischen Republik ist ein Wendepunkt in der Geschichte Europas“). Unerwähnt lässt er den Absender des Telegramms: Es stammt von Josef Stalin, also jenem Massenmörder, mit dem die KPdSU 1956, drei Jahre nach dessen Tod, brach (und die DDR dann, natürlich, auch). Krenz zitiert noch etwas mehr Stalin, stets ohne Namensnennung. „Wie wahr! Wie klar! Wie aktuell!“
Wo Krenz schon Stalin lobt, muss er Joschka Fischer verdammen. Er wettert gegen die Nato-Luftangriffe 1999 gegen Serbien, spricht dabei von Bomben „auf das souveräne Jugoslawien“. Der damalige grüne Außenminister, Fischer also, habe das „verschleiert“begründet mit dem Anspruch, ein zweites Auschwitz verhindern zu wollen. Seine Nachfolgerin, also Annalena Baerbock (Grüne), setze jene „Lebenslüge einer angeblichen humanistischen Außenpolitik“fort. Krenz wettert gegen Waffenlieferungen an die Ukraine, fordert „Verhandlungen mit Russland“. Beifall.
„Heuchlerisch und einseitig“sei die Politik der Bundesregierung, sagt Krenz, mit Blick auf die Lage im Gazastreifen. Der Begriff Hamas fällt nicht, kein Wort zum 7. Oktober 2023. „Kriegspropaganda und Rassenhass“habe die DDR-Verfassung verboten, sagt Krenz und wendet sich indirekt einem weiteren heutigen Lieblingsfeind der DDR-affinen Betonköpfe zu: Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). „Es wäre in der DDR undenkbar gewesen, die Bevölkerung aufzurufen, sich kriegstüchtig zu entwickeln“, ruft Krenz, verurteilt wegen Totschlags in vier Fällen. Die DDR habe junge Menschen zum Frieden erzogen.
Wie war das noch mal mit dem Wehrkundeunterricht?
Nachsicht mit der AfD
Mit Nachsicht betrachtet Egon Krenz die Ergebnisse der jüngsten Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen im September, bei denen die AfD und das
Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) große Erfolge feierten. Die AfD rechtsextrem, „faschistisch“? Nicht für Krenz.
Jene „Wahlen bedeuten nicht, dass Ostdeutschland inzwischen braun geworden wäre. Vielmehr ist es ein Signal an alle etablierten Parteien: Hört uns endlich zu! Wir wollen keine neuen Waffenlieferungen an die Ukraine und an Israel! Wir brauchen keine neuen Raketen! Wir wollen Frieden!“Dem zu folgen, sei der einzige Weg, um der AfD das Wasser abzugreifen. Im Gespräch mit dem Berliner Tagesspiegel geht Krenz sogar noch weiter. Er zeigte sich erfreut über Wagenknechts Wahlerfolge und wünschte sich mehr davon.
Einen „Russenhass“erlebe Deutschland, wie zuletzt 1945, sagt Krenz, beklagt, „das alte Feindbild, an allem Bösen in der Welt sei der Russe schuld“. Eine „Mär vom gefährlichen Russland“lebe auf, „den Leuten wird Angst gemacht, als stünden Russlands Truppen bereits kurz vor der Oder“, sagt Krenz: „Deutschland wurde von Russland noch nie überfallen.“Die Namen der baltischen Länder Estland, Lettland, Litauen oder der von Polen fallen in Krenz‘ Vortrag nicht.
Verzerrtes Lob
Ehrengast Egon Krenz lobt die Entspannungspolitik von Willy Brandt, Herbert Wehner, Helmut Schmidt und Egon Bahr. Aber: Die DDR habe sie erst möglich gemacht. Wieder Beifall. Seinen Lieblingsgegner nennt Krenz dann doch auch namentlich. Es handelt sich um Altbundespräsident Joachim Gauck, einst Stasi-Unterlagen-Beauftragter. Für Krenz handelt es sich um „Pfarrer Gauck“, der die Nazi-Zeit mit „45 Nachkriegsjahren in Ostdeutschland“gleichsetze. Beifall und zustimmende Pfiffe im Babylon.
Am Ende seines Referates klingt es, als lebe Egon Krenz bis heute noch immer in der DDR, als gäbe es noch DDR-Bürger. Einmal bricht dieses Denken aus ihm heraus, wenn er sagt: „Zum Ende der DDR gab es 16 Millionen Einwohner, inzwischen sind wir weniger geworden.“(Tsp)