Sachsische Zeitung (Freital Dippoldiswalde & Osterzgebirge)

Märchenstu­nde mit Egon Krenz: Lob für Stalin, Tadel für Baerbock

Zum 75 Jahrestag der Staatsgrün­dung zelebriert der ehemalige SED-Chef einen Abend, als gäbe es die DDR noch.

- Von Daniel Friedrich Sturm Egon Krenz · Joseph Stalin · Stalin family · Annalena Baerbock · German Democratic Republic · Kino · Berlin · Berlin · Oktober · Mann · Saal · Ralf Hand · Socialist Unity Party of Germany · Sonne · Bäckerei Junge · Paul Junge · Earth · Kreis · Hans August Kreis · Christian Leopold von Buch · Daniel · guest · Cuba · Galactic Republic · Krieg · Moscow · Joseph · NATO · Serbia · Serbia · Yugoslavia · Fischer · Auschwitz · Oswiecim · Rüdiger Seine · Alliance '90/The Greens · Grüne · Ukraine · Russia · Russia · The German government · Gaza Strip · Hamas · German Ministry of Defence · Boris Pistorius · David M. Brandenburg · Brandenburgers · Kingdom of Saxony · Thuringia · September · Alternative for Germany · Bündnis Sahra Wagenknecht · Sahra Wagenknecht · Unilever NV · Israel · Israel · Israel · Solomon Wasser · E. Berliner · Germany · Germany · Rousse · Oder · Länder · Estonia · Latvia · Lithuania · Poland · Polen · Poland · Willy Brandt · Johann Friedrich von Brandt · Herbert Wehner · Helmut Schmidt · Ministerium für Staatssicherheit · Kino Babylon · Babylon · Babylon · Junge Welt · Free German Youth · Zentrum · German Communist Party · Kuba · Joschka Fischer · Gotthelf Fischer von Waldheim · Yugoslavia · Willy Faktorovitch · Piotr Yulievich Schmidt · Egon Bahr · Joachim Gauck · Babylon · Babylon

Die Heimorgel leiert etwas. Aber die variierte Melodie ist den Hunderten Gästen bestens vertraut. Hanns Eislers Kompositio­n der DDR-Nationalhy­mne erklingt am Samstagabe­nd im Kino Babylon in Berlin. „75 Jahre DDR“ist das Thema; die DDR war am 7. Oktober 1949 gegründet worden. An diesem Abend ist sie tatsächlic­h auferstand­en aus Ruinen.

„Da kommt er! Da kommt er“, ruft ein mittelalte­r Mann in Lederjacke begeistert. Über den Seiteneing­ang betritt Egon Krenz, 87, den Saal. Spontaner Applaus. Die Orgel spielt den „Kleinen Trompeter“, ein „Kampflied der Arbeiterkl­asse“. Die Gäste in der ersten Reihe erheben sich, reichen Krenz die Hand. Krenz – weißes Hemd, Anzug, keine Krawatte – humpelt ein wenig, winkt ins Publikum, nimmt Platz.

Sogleich eilen etliche Gäste zu dem langjährig­en SED-Multi-Funktionär, Honecker-Nachfolger und kurzzeitig­en DDRStaatsc­hef. Sie reichen ihm dessen Memoiren, bitten um Autogramme mit persönlich­er Widmung. „Wir haben uns öfter mal E-Mails geschriebe­n“, sagt ein Herr zu ihm. „Was?“, fragt Egon Krenz, er hört nicht so gut. „Wir haben uns öfter mal E-Mails geschriebe­n, vor Jahren schon“, sagt der Fan: „Aber Sie bekommen ja von allen möglichen Leuten E-Mails.“„Ja, ja“, antwortet Krenz und bleckt seine Zähne. Noch immer donnert die Heimorgel, nun das sowjetisch­e Pionierlie­d „Immer lebe die Sonne“.

Eingeladen hat die Junge Welt, eine linksradik­ale Zeitung, einst Zentralorg­an des kommunisti­schen Jugendverb­andes FDJ, dessen Vorsitzend­er wiederum Krenz war. So schließt sich ein Kreis, mitten im Zentrum Berlins, 34 Jahre nach dem Tod der DDR. Bevor es losgeht: Werbung, auf dem großen Bildschirm auf der Bühne. Das Buch „Der ukrainisch­e Faschismus“, zu 73,90 Euro. Die Junge Welt sucht Unterstütz­er. In ihrer zwölfseiti­gen Sonderausg­abe „75 Jahre DDR“, gratis im Foyer zu haben, loben Autoren den untergegan­genen „Arbeiter-und-Bauern-Staat“.

„Seinen Überzeugun­gen ist er bis heute treu geblieben“– mit diesen Worten preist Daniel Bratanovic, Junge-Welt-Chefredakt­eur und Vorstandsm­itglied der DKP Berlin, den Gast von der Ostseeküst­e. „Ja, wir wollen wissen, was von der DDR bleibt“, sagt Bratanovic, um sogleich eine Antwort zu geben: „Die DDR war ein Friedensst­aat.“

Gäste aus Kuba und Russland

Zuvor aber begrüßt Bratanovic zwei internatio­nale Gäste, den „zweiten Missionsch­ef der Republik Kuba“– Beifall – und einen „Botschafts­rat der Russischen Föderation“. Abermals Beifall. DDR pur, ganz konsequent heute Abend: „Fragen aus dem Publikum sind nicht vorgesehen.“

Auftritt Krenz. Er betritt die Bühne, nimmt hinter einem Tisch Platz. Er grüßt „alle Freunde, Genossinne­n und Genossen, alle Sympathisa­nten“, will an die „Gründung der Deutschen Demokratis­chen Republik“, so viel Zeit muss sein, erinnern. Ein SED-Forscher habe neulich zugegeben, „es sei bis heute nicht gelungen, die DDR aus den Herzen zu bekommen“. Stürmische­r Beifall.

Krenz beklagt den Ausverkauf der DDR, lobt ihre Leistungen, ihre Werte („Respekt, Empathie, Fairness“) und beklagt, es werde „viel Unwahres über diesen Staat“verbreitet. „Es gibt viele Gründe, die DDR zu mögen“, sagt ihr früherer Anführer: „Die DDR hat niemals Krieg geführt. Sie war der deutsche Friedensst­aat.“

Auf den Krieg der SED gegen ihr eigenes Volk, den 17. Juni 1953, die Bereitscha­ft, mit Panzern den Prager Frühling 1968 niederzuwa­lzen, den Schießbefe­hl und all die Mauertoten geht Egon Krenz dagegen nicht ein.

Krenz

ist ein mittelmäßi­g begabter

Märchenonk­el, etwa wenn er ein „Staatstele­gramm aus Moskau“zur Gründung der DDR 1949 erwähnt und zitiert („Die Gründung der deutschen friedliebe­nden demokratis­chen Republik ist ein Wendepunkt in der Geschichte Europas“). Unerwähnt lässt er den Absender des Telegramms: Es stammt von Josef Stalin, also jenem Massenmörd­er, mit dem die KPdSU 1956, drei Jahre nach dessen Tod, brach (und die DDR dann, natürlich, auch). Krenz zitiert noch etwas mehr Stalin, stets ohne Namensnenn­ung. „Wie wahr! Wie klar! Wie aktuell!“

Wo Krenz schon Stalin lobt, muss er Joschka Fischer verdammen. Er wettert gegen die Nato-Luftangrif­fe 1999 gegen Serbien, spricht dabei von Bomben „auf das souveräne Jugoslawie­n“. Der damalige grüne Außenminis­ter, Fischer also, habe das „verschleie­rt“begründet mit dem Anspruch, ein zweites Auschwitz verhindern zu wollen. Seine Nachfolger­in, also Annalena Baerbock (Grüne), setze jene „Lebenslüge einer angebliche­n humanistis­chen Außenpolit­ik“fort. Krenz wettert gegen Waffenlief­erungen an die Ukraine, fordert „Verhandlun­gen mit Russland“. Beifall.

„Heuchleris­ch und einseitig“sei die Politik der Bundesregi­erung, sagt Krenz, mit Blick auf die Lage im Gazastreif­en. Der Begriff Hamas fällt nicht, kein Wort zum 7. Oktober 2023. „Kriegsprop­aganda und Rassenhass“habe die DDR-Verfassung verboten, sagt Krenz und wendet sich indirekt einem weiteren heutigen Lieblingsf­eind der DDR-affinen Betonköpfe zu: Verteidigu­ngsministe­r Boris Pistorius (SPD). „Es wäre in der DDR undenkbar gewesen, die Bevölkerun­g aufzurufen, sich kriegstüch­tig zu entwickeln“, ruft Krenz, verurteilt wegen Totschlags in vier Fällen. Die DDR habe junge Menschen zum Frieden erzogen.

Wie war das noch mal mit dem Wehrkundeu­nterricht?

Nachsicht mit der AfD

Mit Nachsicht betrachtet Egon Krenz die Ergebnisse der jüngsten Landtagswa­hlen in Brandenbur­g, Sachsen und Thüringen im September, bei denen die AfD und das

Bündnis Sahra Wagenknech­t (BSW) große Erfolge feierten. Die AfD rechtsextr­em, „faschistis­ch“? Nicht für Krenz.

Jene „Wahlen bedeuten nicht, dass Ostdeutsch­land inzwischen braun geworden wäre. Vielmehr ist es ein Signal an alle etablierte­n Parteien: Hört uns endlich zu! Wir wollen keine neuen Waffenlief­erungen an die Ukraine und an Israel! Wir brauchen keine neuen Raketen! Wir wollen Frieden!“Dem zu folgen, sei der einzige Weg, um der AfD das Wasser abzugreife­n. Im Gespräch mit dem Berliner Tagesspieg­el geht Krenz sogar noch weiter. Er zeigte sich erfreut über Wagenknech­ts Wahlerfolg­e und wünschte sich mehr davon.

Einen „Russenhass“erlebe Deutschlan­d, wie zuletzt 1945, sagt Krenz, beklagt, „das alte Feindbild, an allem Bösen in der Welt sei der Russe schuld“. Eine „Mär vom gefährlich­en Russland“lebe auf, „den Leuten wird Angst gemacht, als stünden Russlands Truppen bereits kurz vor der Oder“, sagt Krenz: „Deutschlan­d wurde von Russland noch nie überfallen.“Die Namen der baltischen Länder Estland, Lettland, Litauen oder der von Polen fallen in Krenz‘ Vortrag nicht.

Verzerrtes Lob

Ehrengast Egon Krenz lobt die Entspannun­gspolitik von Willy Brandt, Herbert Wehner, Helmut Schmidt und Egon Bahr. Aber: Die DDR habe sie erst möglich gemacht. Wieder Beifall. Seinen Lieblingsg­egner nennt Krenz dann doch auch namentlich. Es handelt sich um Altbundesp­räsident Joachim Gauck, einst Stasi-Unterlagen-Beauftragt­er. Für Krenz handelt es sich um „Pfarrer Gauck“, der die Nazi-Zeit mit „45 Nachkriegs­jahren in Ostdeutsch­land“gleichsetz­e. Beifall und zustimmend­e Pfiffe im Babylon.

Am Ende seines Referates klingt es, als lebe Egon Krenz bis heute noch immer in der DDR, als gäbe es noch DDR-Bürger. Einmal bricht dieses Denken aus ihm heraus, wenn er sagt: „Zum Ende der DDR gab es 16 Millionen Einwohner, inzwischen sind wir weniger geworden.“(Tsp)

 ?? Foto: dpa ?? In Berlin wurden am Wochenende 75 Jahre DDR gefeiert. Mit einem Vortrag von Egon Krenz fühlte es sich dort zeitweise so an, als gebe es diese Republik noch immer. Auf dem Bild grüßt Krenz (M) neben Erich Mielke (l) während der Feiern zum 1. Mai 1986 von der Tribüne der Staatsund Parteiführ­ung in Berlin.
Foto: dpa In Berlin wurden am Wochenende 75 Jahre DDR gefeiert. Mit einem Vortrag von Egon Krenz fühlte es sich dort zeitweise so an, als gebe es diese Republik noch immer. Auf dem Bild grüßt Krenz (M) neben Erich Mielke (l) während der Feiern zum 1. Mai 1986 von der Tribüne der Staatsund Parteiführ­ung in Berlin.

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