Sachsische Zeitung (Meissen Radebeul und das Elbland)

„Wir steuern auf einen Großkonfli­kt zu“

DGB-Chefin Yasmin Fahimi hält den Fokus der Bundesregi­erung auf das Bürgergeld für völlig falsch

- Von Christiane Jacke und Johanna Apel Business · Career · Berlin · Berlin · Berlin · German Confederation of Trade Unions · Heute · Mini · Mini · V. Mini · Mega · The German government · Fall · Schutz · Federal government of Brazil · Strom-Lichtspiele · Union · Signal · Lohn · Lohn · Ralf Hand · Yasmin Fahimi · Ministry of Labour

Berlin. Seit 2022 steht Yasmin Fahimi an der Spitze des Deutschen Gewerkscha­ftsbundes (DGB) – als erste Frau. Von 2014 bis 2015 war sie Generalsek­retärin der SPD und danach Staatssekr­etärin im Arbeitsmin­isterium. Heute schaut sie von außen auf die Arbeit der Regierung – und spart nicht mit Kritik.

Frau Fahimi, was stört Sie an der Bürgergeld­reform der Bundesregi­erung?

Ich habe nichts gegen Kontrolle, und natürlich muss man jede Form von Betrug unterbinde­n. Aber wir fokussiere­n uns auf ein Mini-Problem und pushen das zu einem Mega-Thema hoch, das weder volkswirts­chaftlich relevant ist noch in der Frage der Sozialkost­en. Es löst keines der Probleme, die wir

Viele Firmen haben Management­fehler gemacht. Aber anstatt die selbst auszubügel­n, stellen sie immer absurdere Forderunge­n an die Politik.

eigentlich in diesem Land haben. Die Bundesregi­erung setzt da einen völlig falschen Fokus. Wir sind mitten in einer der größten wirtschaft­lichen Stagnation­sphasen seit Dekaden, aber wir diskutiere­n vor allem über Bürgergeld und Kürzungen im Sozialsyst­em. Es wird so getan, als könnten von Kürzungen im Sozialstaa­t Wachstumsi­mpulse ausgehen. Das ist nicht der Fall. Die 0,6 Prozent Totalverwe­igerer im Bürgergeld­bezug sind nicht die relevante Frage.

Sondern?

Entscheide­nd ist: Welche Sicherheit haben Beschäftig­te im Krisenfall, wenn sie ihren Job verlieren? Jede Woche erreichen uns Nachrichte­n über dramatisch­en Stellenabb­au. Wir haben es hier mit Kündigunge­n zu tun von Beschäftig­ten, die teilweise über Jahrzehnte hinweg einen sicheren, guten Arbeitspla­tz hatten. Denen muss man Schutz und Sicherheit geben – anstatt sie durch neue Sozialkürz­ungsdebatt­en zu verunsiche­rn. Das Schlimmste ist aber: Wir kommen nicht dazu, über die wirklich wichtigen Fragen zu reden, weil sich alle ständig abarbeiten an sogenannte­n Sozialrefo­rmen, die angeblich nur dann gut sind, wenn sie möglichst schmerzhaf­t sind. Ich finde das Wahnsinn.

Man fährt bewusst in den Nebel, obwohl offensicht­lich ist, was eigentlich zu tun wäre.

Was ist denn mit Blick auf den Stellenabb­au zu tun?

Wir brauchen eine aktive Industriep­olitik, eine Wirtschaft­spolitik, die Arbeitsplä­tze sichert. Wir brauchen eine bessere Forschungs­förderung, mehr Investitio­nen in Infrastruk­tur, steuerlich­e Abschreibu­ngen

für jene Unternehme­n, die wirklich investiere­n – und nicht Steuergesc­henke für alle Unternehme­n, unabhängig davon, ob sie überhaupt die Standorte erhalten oder nicht. Wir brauchen den Ausbau

von Elektromob­ilität und von erneuerbar­er Energie. Wir brauchen aber auch Investitio­nen in eine ganze Reihe von anderen Zukunftsbr­anchen. Doch für diese Themen ist viel zu wenig Raum, weil es ständig ums Bürgergeld und Kürzungsde­batten geht. Das ist eine Politik, die an den Bedarfen der Menschen vollständi­g vorbeigeht – und ich kann die Bundesregi­erung nur davor warnen, diese Debatten weiterzufü­hren.

Warnen Sie vor allem die SPD, weil sie so weiter Wähler vergrätzen könnte?

Ich glaube, dass sich die Koalition insgesamt keinen Gefallen damit tut, dieses Thema so in den Mittelpunk­t zu stellen. Denn sie verliert so ihre eigene Wählerklie­ntel. Das gilt nicht nur für die SPD, sondern auch für die Union. Die Menschen erwarten, dass der Sozialstaa­t funktionie­rt – gerade in Krisenzeit­en. Und wenn man sich nicht darum kümmert, sondern immer nur über Missbrauch redet, dann ist das das falsche Signal an die eigene Wählerscha­ft. Aber auch die Arbeitgebe­r tragen dazu bei, dass der Frust bei den Menschen zunimmt.

Inwiefern?

Unternehme­n haben nicht ausreichen­d in Zukunftste­chnologien investiert. Sie haben sich zu sehr auf Kostenbetr­achtung fokussiert und darauf, wie man in den Lieferkett­en die billigsten Zulieferer beauftragt. Viele Firmen haben Management­fehler gemacht. Aber anstatt die selbst auszubügel­n, stellen sie immer absurdere Forderunge­n an die Politik. Und wenn die so nicht kommen, dann sollen die Beschäftig­ten dafür zahlen, indem sie auf Lohn verzichten oder Arbeitsplä­tze gestrichen werden. Wir steuern auf einen gesellscha­ftlichen Großkonfli­kt zu, wenn es so weitergeht. Wir haben es momentan mit einer neoliberal­en Marktpolit­ik zu tun, die die hart erarbeitet­en Sozialleis­tungen der Beschäftig­ten attackiert und gleichzeit­ig von ihnen erwartet, dass sie mehr arbeiten sollen und sich im Zweifelsfa­ll damit abfinden, dass sie ihren Job verlieren. Wenn wir so weitermach­en, dann bekommen wir gesellscha­ftliche Zerwürfnis­se, auf die wir als Gewerkscha­ften auch entspreche­nd antworten werden. Ich will das nicht, aber wenn die Arbeitgebe­r sich nicht bewegen, wird das nicht abzuwenden sein.

Drohen Sie damit mit massenhaft­en Streiks?

Wir müssen derzeit schon in zahlreiche Warnstreik­s gehen. Wir holen die Beschäftig­ten schon jetzt vor die Werkstore, um für Firmenstan­dorte zu kämpfen. Das passiert alles längst, aber das wird deutlich zunehmen, wenn die Arbeitgebe­r keine Einsicht zeigen. Wir sind jederzeit bereit dazu, uns mit den Arbeitgebe­rn an einen Tisch zu setzen, um gemeinsam über die Sicherung von Standorten und kluge Investitio­nen zu reden. Aber dazu müssen uns die Arbeitgebe­r die Hand reichen. Das tun sie derzeit nicht.

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FOTO: HANNES P ALBERT/DPA „Wir haben es momentan mit einer neoliberal­en Marktpolit­ik zu tun“: Yasmin Fahimi ist seit 2022 DGB-Vorsitzend­e.

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