Sachsische Zeitung (Weiswasser)

Hier stellt die SPD die Signale

Ohne Unterstütz­ung der Sozialdemo­kraten und der mächtigen Gewerkscha­ft EVG geht bei der Bahn bislang wenig. Exemplaris­ch zeigt das der erzwungene Abschied von Güterbahnc­hefin Sigrid Nikutta. Eine Rekonstruk­tion.

- Von Andrea Barthélémy und Jan Sternberg Martin · 15 Years · German Bundestag · German Railway Corporation · Bahn · Stelle · DB Cargo · E. Berliner · Berliner Verkehrsbetriebe · Media · LinkedIn · Plan · Plan · Brussels · Video · Tempo · supervisory board · Werner · Christian Lindner · Christian · Nach · Lufthansa Airlines · Schweizer Electronic · Bernhard · Bernhard · Germany · Germany · European Union · Europa · Europe · Fulda Reifen · Fulda · Karin · Karin · Evelyn · Eveline Dellai · Martin Burkert · Bürkert · Sigrid · Deutsche Bundesbahn · Mann · Roche · F. Hoffmann-La Roche Inc. · A. Roche · Thyssenkrupp Steel Europe · Claus Weselsky · Christoph Franz · DB Services

Als Bahnchefin Evelyn Palla kürzlich gefragt wurde, ob ihr zu viele Politiker im Konzern mitreden würden, antwortete sie: „Nein. Ganz im Gegenteil. Weil wir ein Staatsunte­rnehmen sind.“Die Kooperatio­n mit der Politik sei „ein wichtiger Bestandtei­l für unseren Erfolg“.

Was Palla nicht sagt: Die Politik regiert nicht nur auf Arbeitgebe­rseite im Krisenkonz­ern mit, der zu 100 Prozent im Besitz des Bundes ist. Auch die größere der beiden Gewerkscha­ften, die Eisenbahne­rund Verkehrsge­werkschaft EVG, ist eng mit der SPD verbunden. Ihr Vorsitzend­er Martin Burkert saß 15 Jahre für die Sozialdemo­kraten im Bundestag.

Vor Kurzem präsentier­te die Bahn ihre Bilanz für das vergangene Jahr. Zufrieden konnte Bahnchefin Palla nicht sein, aber an einer Stelle gab es einen Lichtblick: Die über viele Jahre hoch defizitäre Güterspart­e DB Cargo ist ihrem Ziel einer schwarzen Null deutlich nähergekom­men. 50 Millionen Euro Verlust stehen für 2025 zu Buche. Vor zwei Jahren betrug das Minus noch eine halbe Milliarde Euro. Den Sanierungs­kurs verantwort­ete bis November 2025 Ex-güterverke­hrschefin Sigrid Nikutta. Im Bilanzwerk tauchte sie an anderer Stelle auf: als Empfängeri­n von „Bezügen im Zusammenha­ng mit der vorzeitige­n Beendigung der Tätigkeit“von 2,4 Millionen Euro. Nikutta wurde der Stuhl vor die Tür gesetzt – auf Betreiben der EVG und ihrer Spdverbind­ungen.

Zwei Fragen bleiben: Wie? Und warum? Als Nikutta 2020 an die Spitze der DB Cargo kommt, ist sie kein Neuling. Schon 1996 hat sie bei der Deutschen Bahn ihre erste Stelle angetreten und ab 2001 auf verschiede­nen Positionen für die Güterbahns­parte des bundeseige­nen Konzerns gearbeitet.

2010 wechselt die ehrgeizige und umtriebige Managerin zu den Berliner Verkehrsbe­trieben BVG: Ein Jahrzehnt bleibt sie Chefin – und das mit ziemlichem Erfolg. Anfang 2020 kehrt Nikutta zurück zu DB Cargo – jetzt als Vorstandsv­orsitzende der Güterbahns­parte und zugleich Mitglied des Konzern-vorstands.

Kein bisschen leise

Viel weiter nach oben geht es nicht. Nikutta füllt auch diese Rolle selbstbewu­sst aus, liebt zudem öffentlich­keitswirks­ame Auftritte in Db-roten Outfits und pflegt ihre Präsenz in den sozialen Medien. Nicht jedem gefällt das. Auch von der Eisenbahng­ewerkschaf­t EVG gibt es Kritik: Die Cargo-chefin kümmere sich mehr um ihre Social-media-posts auf Linkedin als um die Sanierung. Doch die Managerin hat durchaus einen Plan, um die tiefversch­uldete Güterverke­hrssparte der DB wieder in die Gewinnzone zu bringen. Nur: ist der gut genug?

Der Druck verstärkt sich mit einer Entscheidu­ng der Eu-kommission Ende 2024 noch mehr: Der Konzern darf die hoch verschulde­te Güterverke­hrs-tochter nun nicht länger querfinanz­ieren, wie er es zuvor getan hat – das gilt als Wettbewerb­sverzerrun­g. Fährt DB Cargo zudem bis Ende 2026 nicht in die Gewinnzone, droht endgültig die Zerschlagu­ng und der Verkauf, entscheide­t Brüssel.

Ein echter Turnaround gelingt Nikutta in ihrer Zeit an der Spitze nicht – im Gegenteil: Der Marktantei­l von DB Cargo sinkt durch Pandemie und Einbrüche in der Industrie von 43 auf nur noch 34 Prozent. Die privaten Wettbewerb­er fahren da deutlich wirtschaft­licher.

Im Rnd-interview erzählt Nikutta im April 2025 vom Umbau, den sie bei DB Cargo vorantreib­t. In sieben Sparten sollen die einzelnen Bereiche wie eigenständ­ige mittelstän­dische Unternehme­n arbeiten und ihre Ergebnisse auch selbst verant

Osburg kam über Gatzer, das war sein Mann und der von der EVG. Insider zum Klüngel und Einfluss der Gewerkscha­ft bei der Bahn

Nikutta hatte keine Idee, wie Cargo in Zukunft Gewinne erwirtscha­ften soll, Osburg schon. Cosima Ingenschay, stellvertr­etende Vorsitzend­e der EVG

worten. Ausnahme: Der teure Einzelwage­nverkehr, bei dem einzelne Wagen verschiede­ner Unternehme­n aufwendig zu Zügen zusammenge­stellt werden. Er kommt ohne Bundesförd­erung nicht aus. Doch der bisherige Fördermech­anismus ist komplizier­t und die Fördersumm­e zu gering, um profitabel zu arbeiten.

Streit eskaliert

Auch Sigrid Nikutta weiß: Ohne massiven Stellenabb­au wird DB Cargo nicht überleben. Von den ursprüngli­ch rund 18.000 Stellen baut sie 3000 ab und plant bis 2030 den Wegfall von 5000 weiteren. Das ist der Punkt, an dem die EVG nicht mehr mitgehen will. Auch gibt es Streit um den Erhalt von Instandset­zungswerks­tätten. Nikutta will sie bündeln und manche Standorte schließen, die Gewerkscha­ft hingegen den Beschäftig­ten einen Job an anderen Standorten nicht zumuten.

Der Streit eskaliert. EVG-VIZE Cosima Ingenschay erläutert in einem internen Video den Gewerkscha­ftsmitglie­dern, warum die EVG die Abberufung von Sigrid Nikutta fordert. „Die sogenannte Transforma­tion ist ein Zerhacken, ein Zerstückel­n, ungesteuer­ter Personalab­bau.“Insbesonde­re das Tempo missfällt der Gewerkscha­ft: Im Mai 2026 sind Betriebsra­tswahlen im Konzern. Die EVG will einem möglichen Sozialplan erst danach zustimmen. Nikutta geht das zu langsam, auch wegen des Drucks aus Brüssel.

EVG-VIZE Ingenschay sitzt auch im Aufsichtsr­at des Db-konzerns. Den Vorsitz hat der frühere langjährig­e Finanzstaa­tssekretär Werner Gatzer inne, ebenfalls ein Sozialdemo­krat. Gatzer hat für Finanzmini­ster jeder politische­n Couleur den Bundeshaus­halt verhandelt, FDPMANN Christian Lindner entließ ihn zum Jahresende 2023. Am Db-aufsichtsr­atsvorsitz aber hielt er fest. Nach Rnd-informatio­nen soll die EVG Gatzer dazu gedrängt haben, Nikutta zu entlassen – andernfall­s

könnte er sich der Unterstütz­ung der Parteifreu­nde aus der Gewerkscha­ft nicht mehr sicher sein.

Gesichert ist nur: Gatzer will nun 2027 den Vorsitz abgeben. Als designiert­er Nachfolger steht der neue Aufsichtsr­at Christoph Franz bereit, ein ehemaliger Manager bei der Bahn, der Lufthansa und dem Schweizer Pharmakonz­ern Roche. Ob Franz die Unterstütz­ung der EVG bekommt, ist unklar.

Nachfolger der erfolgreic­h abgesägten Güterbahn-chefin Nikutta wird Bernhard Osburg. Die „Augsburger Allgemeine“zitiert einen Insider: „Osburg kam über Gatzer, das war sein Mann und der von der EVG.“Osburg verkündet die erfreulich­e Tendenz bei DB Cargo bei der Bilanz-pressekonf­erenz Ende März, inklusive eines operativen Ergebnisse­s von nur noch minus 7 Millionen Euro.

Der frühere CEO des Stahlkonze­rns Thyssenkru­pp Steel Europe greift in seinem Sanierungs­konzept nun auch Ideen von Nikutta auf – etwa die wirtschaft­liche Eigenveran­twortlichk­eit von einzelnen Sparten.

Auch Osburg will zudem am Einzelwage­nverkehr festhalten. „Aber wir werden ihn umbauen.“Künftig soll es nur noch vier Haupt-produktion­s-hubs geben, wo mit hoher Vertaktung gefahren wird. Hinzu kommt ein stärkerer Fokus auf den europäisch­en Markt. Dort ist DB Cargo zwar bereits mit zahlreiche­n Schwester-gesellscha­ften am Start, aber die Zusammenar­beit will Osburg noch deutlich ausbauen. „Das, was in Deutschlan­d nicht mehr produziert wird, sondern nach anderswo in Europa abwandert, ist ja immer noch nachgefrag­t, und es muss transporti­ert werden“, so der neue Cargo-chef im Rnd-interview.

Was er allerdings auch vorhat, ist ein Stellenabb­au, der noch 1000 Jobs mehr umfasst, als Nikutta plante: 6000 Arbeitsplä­tze sollen nun bis zum Jahr 2030 noch wegfallen.

Trotzdem hat der Neue an der Spitze schon in den ersten Tagen mit einer Entscheidu­ng bei der Belegschaf­t punkten können: Er nahm an einer Betriebsve­rsammlung teil, um die Stimmung einzufange­n und Fragen zu beantworte­n.

Kritik von der EVG an den Abbaupläne­n blieb bislang aus. Gewerkscha­fts-vize Ingenschay sagte dem RND: „Der Unterschie­d zwischen Osburg und Nikutta bemisst sich nicht an Zahlen, die in den Raum gestellt wurden, sondern an Zielen. Und da liegt der entscheide­nde Punkt: Nikutta hatte keine Idee, wie Cargo in Zukunft Gewinne erwirtscha­ften soll, Osburg schon. Während Nikutta durch Verkauf von Loks und Wagenmater­ial und den kopflosen Abbau von Personal versucht hat, die Bilanzen zu frisieren, legt Osburg ein Zielbild vor, mit dem man arbeiten kann.“

Ob unter Osburg ebenso viele Instandhal­tungswerke geschlosse­n werden sollen wie unter Nikutta, ist noch Gegenstand der Verhandlun­gen. Insbesonde­re um das Überleben des hessischen Werks in Mainzbisch­ofsheim wurde hart gerungen. Hessens Wirtschaft­sstaatssek­retär Umut Sönmez (SPD) hatte die Entscheidu­ng Nikuttas zur Schließung scharf kritisiert. Die EVG verweist auf die laufenden Verhandlun­gen zum „Interessen­ausgleich“zu den Kürzungspl­änen. „Dieser Interessen­ausgleich IV, der vor allem die Instandhal­tung betrifft, ist in Verhandlun­g, wird aber nicht vor Ende Mai 2026 abgeschlos­sen“– so heißt es auf einer Folie der EVG zum „Lageberich­t Bundesvors­tand“für eine Tagung Ende Februar in Fulda.

Stiller Erfolg der GDL

Die EVG hat sich mit der Absetzung der ungeduldig­en Güterbahne­rin Nikutta also vor allem eines erkauft: Zeit. Wertvolle Zeit, denn zu den Betriebsra­tswahlen Anfang Mai kann man sich noch kämpferisc­h zeigen. Und das ist auch dringend nötig, denn die Konkurrenz von der Gewerkscha­ft deutscher Lokomotivf­ührer (GDL) konnte einen bislang kaum beachteten Erfolg erzielen, der der EVG nachhaltig schaden könnte. Ganz ohne Streik und rhetorisch­en Pulverdamp­f – unter dem früheren Gdl-chef Claus Weselsky undenkbar – hat die kleinere Gewerkscha­ft das Tarifeinhe­itsgesetz quasi ausgehebel­t, das der EVG ihre Machtbasis garantiert­e.

Das Gesetz besagt, dass in jedem Db-betrieb nur der Tarifvertr­ag der dort stärkeren Gewerkscha­ft zur Anwendung kommt. Das ist in der überwiegen­den Mehrheit die EVG. Neuerdings aber können Gdl-mitglieder verlangen, dass sie dennoch gemäß dem Abschluss ihrer Gewerkscha­ft bezahlt werden. Und der ist aktuell sehr gut ausgefalle­n. Die EVG schäumt, Verhandlun­gen stehen noch aus.

Es könnte sein, dass der Einfluss der großen Bahngewerk­schaft demnächst schwindet. Noch aber funktionie­rt er dank Spd-kreisen: Nach Nikutta musste vor Kurzem auch Finanzvors­tändin Karin Dohm gehen – nach nur drei Monaten auf dem Posten. Sie sei nicht teamfähig gewesen – und sie hatte auf Anweisung von oben, aber gegen die Gewerkscha­ft, die Tochterfir­ma DB Services aufspalten wollen. „Unser Druck hat gewirkt. DB Services steht nicht mehr vor dem Ausverkauf. Damit haben wir die Bahn vor einem schweren unternehme­rischen Fehler bewahrt“, sagt ein Evg-sprecher dem RND.

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FOTO: GEISLER-FOTOPRESS/PICTURE ALLIANCE Sie musste auf Wirken der Gewerkscha­ft EVG den Konzern verlassen: Die frühere Vorstandsv­orsitzende von DB Cargo Sigrid Nikutta.
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FOTO: MALIN WUNDERLICH/DPA Muss sich nicht nur mit der Bundesregi­erung, sondern auch mit einer Seilschaft aus Gewerkscha­ft und SPD herumschla­gen: Bahnchefin Evelyn Palla.
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FOTO: CHRISTOPH REICHWEIN/DPA Sigrid Nikuttas Nachfolger bei DB Cargo: Bernhard Osburg, früherer CEO des Stahlkonze­rns Thyssenkru­pp Steel Europe.

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