Sachsische Zeitung (Weiswasser)
Hier stellt die SPD die Signale
Ohne Unterstützung der Sozialdemokraten und der mächtigen Gewerkschaft EVG geht bei der Bahn bislang wenig. Exemplarisch zeigt das der erzwungene Abschied von Güterbahnchefin Sigrid Nikutta. Eine Rekonstruktion.
Als Bahnchefin Evelyn Palla kürzlich gefragt wurde, ob ihr zu viele Politiker im Konzern mitreden würden, antwortete sie: „Nein. Ganz im Gegenteil. Weil wir ein Staatsunternehmen sind.“Die Kooperation mit der Politik sei „ein wichtiger Bestandteil für unseren Erfolg“.
Was Palla nicht sagt: Die Politik regiert nicht nur auf Arbeitgeberseite im Krisenkonzern mit, der zu 100 Prozent im Besitz des Bundes ist. Auch die größere der beiden Gewerkschaften, die Eisenbahnerund Verkehrsgewerkschaft EVG, ist eng mit der SPD verbunden. Ihr Vorsitzender Martin Burkert saß 15 Jahre für die Sozialdemokraten im Bundestag.
Vor Kurzem präsentierte die Bahn ihre Bilanz für das vergangene Jahr. Zufrieden konnte Bahnchefin Palla nicht sein, aber an einer Stelle gab es einen Lichtblick: Die über viele Jahre hoch defizitäre Gütersparte DB Cargo ist ihrem Ziel einer schwarzen Null deutlich nähergekommen. 50 Millionen Euro Verlust stehen für 2025 zu Buche. Vor zwei Jahren betrug das Minus noch eine halbe Milliarde Euro. Den Sanierungskurs verantwortete bis November 2025 Ex-güterverkehrschefin Sigrid Nikutta. Im Bilanzwerk tauchte sie an anderer Stelle auf: als Empfängerin von „Bezügen im Zusammenhang mit der vorzeitigen Beendigung der Tätigkeit“von 2,4 Millionen Euro. Nikutta wurde der Stuhl vor die Tür gesetzt – auf Betreiben der EVG und ihrer Spdverbindungen.
Zwei Fragen bleiben: Wie? Und warum? Als Nikutta 2020 an die Spitze der DB Cargo kommt, ist sie kein Neuling. Schon 1996 hat sie bei der Deutschen Bahn ihre erste Stelle angetreten und ab 2001 auf verschiedenen Positionen für die Güterbahnsparte des bundeseigenen Konzerns gearbeitet.
2010 wechselt die ehrgeizige und umtriebige Managerin zu den Berliner Verkehrsbetrieben BVG: Ein Jahrzehnt bleibt sie Chefin – und das mit ziemlichem Erfolg. Anfang 2020 kehrt Nikutta zurück zu DB Cargo – jetzt als Vorstandsvorsitzende der Güterbahnsparte und zugleich Mitglied des Konzern-vorstands.
Kein bisschen leise
Viel weiter nach oben geht es nicht. Nikutta füllt auch diese Rolle selbstbewusst aus, liebt zudem öffentlichkeitswirksame Auftritte in Db-roten Outfits und pflegt ihre Präsenz in den sozialen Medien. Nicht jedem gefällt das. Auch von der Eisenbahngewerkschaft EVG gibt es Kritik: Die Cargo-chefin kümmere sich mehr um ihre Social-media-posts auf Linkedin als um die Sanierung. Doch die Managerin hat durchaus einen Plan, um die tiefverschuldete Güterverkehrssparte der DB wieder in die Gewinnzone zu bringen. Nur: ist der gut genug?
Der Druck verstärkt sich mit einer Entscheidung der Eu-kommission Ende 2024 noch mehr: Der Konzern darf die hoch verschuldete Güterverkehrs-tochter nun nicht länger querfinanzieren, wie er es zuvor getan hat – das gilt als Wettbewerbsverzerrung. Fährt DB Cargo zudem bis Ende 2026 nicht in die Gewinnzone, droht endgültig die Zerschlagung und der Verkauf, entscheidet Brüssel.
Ein echter Turnaround gelingt Nikutta in ihrer Zeit an der Spitze nicht – im Gegenteil: Der Marktanteil von DB Cargo sinkt durch Pandemie und Einbrüche in der Industrie von 43 auf nur noch 34 Prozent. Die privaten Wettbewerber fahren da deutlich wirtschaftlicher.
Im Rnd-interview erzählt Nikutta im April 2025 vom Umbau, den sie bei DB Cargo vorantreibt. In sieben Sparten sollen die einzelnen Bereiche wie eigenständige mittelständische Unternehmen arbeiten und ihre Ergebnisse auch selbst verant
Osburg kam über Gatzer, das war sein Mann und der von der EVG. Insider zum Klüngel und Einfluss der Gewerkschaft bei der Bahn
Nikutta hatte keine Idee, wie Cargo in Zukunft Gewinne erwirtschaften soll, Osburg schon. Cosima Ingenschay, stellvertretende Vorsitzende der EVG
worten. Ausnahme: Der teure Einzelwagenverkehr, bei dem einzelne Wagen verschiedener Unternehmen aufwendig zu Zügen zusammengestellt werden. Er kommt ohne Bundesförderung nicht aus. Doch der bisherige Fördermechanismus ist kompliziert und die Fördersumme zu gering, um profitabel zu arbeiten.
Streit eskaliert
Auch Sigrid Nikutta weiß: Ohne massiven Stellenabbau wird DB Cargo nicht überleben. Von den ursprünglich rund 18.000 Stellen baut sie 3000 ab und plant bis 2030 den Wegfall von 5000 weiteren. Das ist der Punkt, an dem die EVG nicht mehr mitgehen will. Auch gibt es Streit um den Erhalt von Instandsetzungswerkstätten. Nikutta will sie bündeln und manche Standorte schließen, die Gewerkschaft hingegen den Beschäftigten einen Job an anderen Standorten nicht zumuten.
Der Streit eskaliert. EVG-VIZE Cosima Ingenschay erläutert in einem internen Video den Gewerkschaftsmitgliedern, warum die EVG die Abberufung von Sigrid Nikutta fordert. „Die sogenannte Transformation ist ein Zerhacken, ein Zerstückeln, ungesteuerter Personalabbau.“Insbesondere das Tempo missfällt der Gewerkschaft: Im Mai 2026 sind Betriebsratswahlen im Konzern. Die EVG will einem möglichen Sozialplan erst danach zustimmen. Nikutta geht das zu langsam, auch wegen des Drucks aus Brüssel.
EVG-VIZE Ingenschay sitzt auch im Aufsichtsrat des Db-konzerns. Den Vorsitz hat der frühere langjährige Finanzstaatssekretär Werner Gatzer inne, ebenfalls ein Sozialdemokrat. Gatzer hat für Finanzminister jeder politischen Couleur den Bundeshaushalt verhandelt, FDPMANN Christian Lindner entließ ihn zum Jahresende 2023. Am Db-aufsichtsratsvorsitz aber hielt er fest. Nach Rnd-informationen soll die EVG Gatzer dazu gedrängt haben, Nikutta zu entlassen – andernfalls
könnte er sich der Unterstützung der Parteifreunde aus der Gewerkschaft nicht mehr sicher sein.
Gesichert ist nur: Gatzer will nun 2027 den Vorsitz abgeben. Als designierter Nachfolger steht der neue Aufsichtsrat Christoph Franz bereit, ein ehemaliger Manager bei der Bahn, der Lufthansa und dem Schweizer Pharmakonzern Roche. Ob Franz die Unterstützung der EVG bekommt, ist unklar.
Nachfolger der erfolgreich abgesägten Güterbahn-chefin Nikutta wird Bernhard Osburg. Die „Augsburger Allgemeine“zitiert einen Insider: „Osburg kam über Gatzer, das war sein Mann und der von der EVG.“Osburg verkündet die erfreuliche Tendenz bei DB Cargo bei der Bilanz-pressekonferenz Ende März, inklusive eines operativen Ergebnisses von nur noch minus 7 Millionen Euro.
Der frühere CEO des Stahlkonzerns Thyssenkrupp Steel Europe greift in seinem Sanierungskonzept nun auch Ideen von Nikutta auf – etwa die wirtschaftliche Eigenverantwortlichkeit von einzelnen Sparten.
Auch Osburg will zudem am Einzelwagenverkehr festhalten. „Aber wir werden ihn umbauen.“Künftig soll es nur noch vier Haupt-produktions-hubs geben, wo mit hoher Vertaktung gefahren wird. Hinzu kommt ein stärkerer Fokus auf den europäischen Markt. Dort ist DB Cargo zwar bereits mit zahlreichen Schwester-gesellschaften am Start, aber die Zusammenarbeit will Osburg noch deutlich ausbauen. „Das, was in Deutschland nicht mehr produziert wird, sondern nach anderswo in Europa abwandert, ist ja immer noch nachgefragt, und es muss transportiert werden“, so der neue Cargo-chef im Rnd-interview.
Was er allerdings auch vorhat, ist ein Stellenabbau, der noch 1000 Jobs mehr umfasst, als Nikutta plante: 6000 Arbeitsplätze sollen nun bis zum Jahr 2030 noch wegfallen.
Trotzdem hat der Neue an der Spitze schon in den ersten Tagen mit einer Entscheidung bei der Belegschaft punkten können: Er nahm an einer Betriebsversammlung teil, um die Stimmung einzufangen und Fragen zu beantworten.
Kritik von der EVG an den Abbauplänen blieb bislang aus. Gewerkschafts-vize Ingenschay sagte dem RND: „Der Unterschied zwischen Osburg und Nikutta bemisst sich nicht an Zahlen, die in den Raum gestellt wurden, sondern an Zielen. Und da liegt der entscheidende Punkt: Nikutta hatte keine Idee, wie Cargo in Zukunft Gewinne erwirtschaften soll, Osburg schon. Während Nikutta durch Verkauf von Loks und Wagenmaterial und den kopflosen Abbau von Personal versucht hat, die Bilanzen zu frisieren, legt Osburg ein Zielbild vor, mit dem man arbeiten kann.“
Ob unter Osburg ebenso viele Instandhaltungswerke geschlossen werden sollen wie unter Nikutta, ist noch Gegenstand der Verhandlungen. Insbesondere um das Überleben des hessischen Werks in Mainzbischofsheim wurde hart gerungen. Hessens Wirtschaftsstaatssekretär Umut Sönmez (SPD) hatte die Entscheidung Nikuttas zur Schließung scharf kritisiert. Die EVG verweist auf die laufenden Verhandlungen zum „Interessenausgleich“zu den Kürzungsplänen. „Dieser Interessenausgleich IV, der vor allem die Instandhaltung betrifft, ist in Verhandlung, wird aber nicht vor Ende Mai 2026 abgeschlossen“– so heißt es auf einer Folie der EVG zum „Lagebericht Bundesvorstand“für eine Tagung Ende Februar in Fulda.
Stiller Erfolg der GDL
Die EVG hat sich mit der Absetzung der ungeduldigen Güterbahnerin Nikutta also vor allem eines erkauft: Zeit. Wertvolle Zeit, denn zu den Betriebsratswahlen Anfang Mai kann man sich noch kämpferisch zeigen. Und das ist auch dringend nötig, denn die Konkurrenz von der Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer (GDL) konnte einen bislang kaum beachteten Erfolg erzielen, der der EVG nachhaltig schaden könnte. Ganz ohne Streik und rhetorischen Pulverdampf – unter dem früheren Gdl-chef Claus Weselsky undenkbar – hat die kleinere Gewerkschaft das Tarifeinheitsgesetz quasi ausgehebelt, das der EVG ihre Machtbasis garantierte.
Das Gesetz besagt, dass in jedem Db-betrieb nur der Tarifvertrag der dort stärkeren Gewerkschaft zur Anwendung kommt. Das ist in der überwiegenden Mehrheit die EVG. Neuerdings aber können Gdl-mitglieder verlangen, dass sie dennoch gemäß dem Abschluss ihrer Gewerkschaft bezahlt werden. Und der ist aktuell sehr gut ausgefallen. Die EVG schäumt, Verhandlungen stehen noch aus.
Es könnte sein, dass der Einfluss der großen Bahngewerkschaft demnächst schwindet. Noch aber funktioniert er dank Spd-kreisen: Nach Nikutta musste vor Kurzem auch Finanzvorständin Karin Dohm gehen – nach nur drei Monaten auf dem Posten. Sie sei nicht teamfähig gewesen – und sie hatte auf Anweisung von oben, aber gegen die Gewerkschaft, die Tochterfirma DB Services aufspalten wollen. „Unser Druck hat gewirkt. DB Services steht nicht mehr vor dem Ausverkauf. Damit haben wir die Bahn vor einem schweren unternehmerischen Fehler bewahrt“, sagt ein Evg-sprecher dem RND.