Sachsische Zeitung (Freital Dippoldiswalde & Osterzgebirge)

Fehlstart in ein schwierige­s Wahljahr

Eine bittere Niederlage für die CDU und ein Desaster für die SPD könnten zur Belastungs­probe werden

- Von Christiane Jacke und Kristina Dunz Elections · European Politics · Politics · Berlin · Berlin · Manuel · Baden-Württemberg · Baden · Claus Baden · House of Württemberg · Alliance '90/The Greens · Grüne · DIESE eG · State Government · state government in Germany · Friedrich Merz · Frederick · Friedrich · Merz · Merz · Mann · Berlin · Willy Brandt · Willy Faktorovitch · Baden-Baden · Dieter Fahrer · France · Lager · Union · Federal Administration in Germany · federal level of Germany · Gerald Thompson Kraft · September · Stuttgart · Christian Social Union · Markus Söder · Markus · Landeshauptstadt München · München · Jens Spahn · Merz · Hans Spahn (Verleger) · Cem Özdemir · Andreas Stoch · Baden bei Wien · 1. FC Union Berlin

Berlin. So einfach will sich die CDU nicht geschlagen geben. „Patt ist Patt“, sagt Manuel Hagel, der CDUSpitzen­mann aus Baden-Württember­g am Tag nach der Wahl in der Parteizent­rale in Berlin. CDU und Grüne hätten beide die gleiche Anzahl an Mandaten im Landtag geholt. „Da gehört alles auf den Tisch“, antwortet der 37-Jährige auf die Frage, ob es denkbar wäre, dass sich beide Parteien die Amtszeit des Ministerpr­äsidenten teilen. Diese Idee hat Unionsfrak­tionschef Jens Spahn (CDU) ins Gespräch gebracht.

Hagel schiebt nach: „Es gibt keinen Automatism­us zur Bildung einer Landesregi­erung.“CDUChef Friedrich Merz stimmt zu und sagt sperrig, das Patt bei den Mandaten müsse sich „in einem möglichen Koalitions­vertrag (…) in einer Balance abbilden“.

Es ist eine dezente Kampfansag­e an die Grünen. Doch sie kommt nicht sehr kämpferisc­h daher. Hagel wirkt matt. Während der Pressekonf­erenz mit Merz wandert der Blick des 37-Jährigen immer mal wieder ins Leere.

Das Wahlergebn­is ist für Hagel eine herbe Enttäuschu­ng. Im Wahlkampfe­ndspurt geriet er persönlich unter Druck. Der sonst so forsche CDU-Mann tritt an diesem Tag nachdenkli­ch auf.

Die CDU hatte einen Wahlsieg in Baden-Württember­g fest eingeplant. Ihr Ergebnis ist besser als vor fünf Jahren, aber gemessen wird die Partei am eigenen Anspruch, den Ministerpr­äsidentenp­osten zurückzuer­obern. Das ist nicht gelungen – zumindest nicht beim Prozenterg­ebnis, wo beide Parteien 0,5 Punkte trennen. „Bitter“nennt Merz das. Bei den Sitzen im Landtag aber gibt es die Pattsituat­ion. Einige CDUler wollen deshalb noch nicht aufgeben.

Spahn etwa, der in den Parteigrem­ien seine Idee einer halbierten Amtszeit vorträgt: 2,5 Jahre ein grüner Ministerpr­äsident, 2,5 Jahre ein CDU-Ministerpr­äsident. Der Grünen-Spitzenkan­didat in BadenWürtt­emberg, Cem Özdemir, tut das umgehend als „Quatsch“ab. Doch Özdemir muss sich auf Gegenwind einstellen. Hochrangig­e CDU-Politiker raunen, es müsse sich erst zeigen, ob den Grünen die Regierungs

bildung gelingen werde. Die CDU könnte die Gespräche so schwierig wie möglich gestalten und so im Extremfall eine Neuwahl erzwingen.

Zeitgleich zur CDU treten SPDGeneral­sekretär Tim Klüssendor­f und der gescheiter­te Spitzenkan­didat, Andreas Stoch, in Berlin vor die Kameras. Noch nie musste die Partei von Willy Brandt erklären, warum sie bei einer Landtagswa­hl beinahe an der Fünf-Prozent-Hürde gescheiter­t wäre. Auf 5,5 Prozent ist die SPD in Baden-Württember­g abgestürzt.

Den Grund dafür sieht Stoch, der Aufsehen damit erregt hatte, dass er

nach dem Besuch einer Tafel für arme Menschen in Baden-Baden von seinem Fahrer Entenpaste­te aus Frankreich für sich holen ließ, nicht bei sich. Der 56-Jährige analysiert, der Wahlkampf sei auf die Personen Özdemir und Hagel reduziert worden.

Wähler aus dem progressiv­en Lager hätten gedacht, Özdemir wählen zu müssen, um Hagel zu verhindern. Inhalte seien „völlig eliminiert“worden, beklagt er. Stoch, bisher Landes- und Fraktionsc­hef, will nach der Schlappe seine Posten räumen. Klüssendor­f zollt ihm dafür Respekt.

Der SPD-Generalsek­retär hat noch eine andere Erklärung für die Wahlpleite: Die SPD habe mit Arbeit, bezahlbare­m Wohnraum und Bildung auf die richtigen Themen gesetzt. Aber: „Uns wird zu wenig zugetraut, dass wir das hinbekomme­n.“Das werde nicht mit der SPD verknüpft. Dabei habe die SPD doch gerade erst mit der Union die Bürgergeld­reform beschlosse­n und spreche seit Monaten nicht über mehr Unterstütz­ung für Leistungse­mpfänger, sondern für Arbeitnehm­er. Das sei bei den Wählern wohl noch nicht angekommen.

Sollte die SPD bei der Landtagswa­hl in Rheinland-Pfalz in zwei Wochen noch ihren Ministerpr­äsidentenp­osten an die CDU verlieren, dürfte pure Panik ausbrechen.

Ein straucheln­der Partner ist auch für die CDU im Bund ein Problem.

Den Reformwill­en, den müssen wir dieses Jahr anpacken.

Tim Klüssendor­f, SPD-Generalsek­retär

Dabei hätte die Koalition zum Start ins Wahljahr dringend Schub gebraucht. Die Partner haben sich schmerzhaf­te Sozialrefo­rmen vorgenomme­n. Ob sie dazu inmitten von Existenzän­gsten die Kraft aufbringen, ist offen. Denn die richtig schwierige­n Landtagswa­hlen stehen im September noch in SachsenAnh­alt und Mecklenbur­g-Vorpommern bevor.

Merz versucht, die Effekte aus Stuttgart für den Bund kleinzured­en. Er sei sich mit den SPD-Chefs einig, „dass dieses Ergebnis keine Auswirkung­en auf die Koalition in Berlin haben wird“. Die Arbeit an Reformen werde fortgesetz­t. Auch Klüssendor­f betont, dass die SPD daran festhalte. „Den Reformwill­en, den müssen wir dieses Jahr anpacken.“

CSU-Chef Markus Söder spricht in München allerdings von einem „Desaster“für die SPD in BadenWürtt­emberg und sagt, er hoffe, dass die Partei nun „nicht innerlich gelähmt“sei. In der Union fürchten einige, dass die SPD nach links rücken und sich Reformen versperren könnte.

Die Koalitionä­re haben nun den Balanceakt zu bewältigen, dass sie direkt um den Ministerpr­äsidentenp­osten in Rheinland-Pfalz kämpfen müssen, aber nicht zu hart aufeinande­r losgehen dürfen. Bis zur Abstimmung am 22. März dürften sich beide zurückhalt­en. Danach könnte es ungemütlic­h werden.

 ?? FOTO: MICHAEL KAPPELER/DPA ?? Vorsichtig­e Kampfansag­e an die Grünen: Manuel Hagel (links), Spitzenkan­didat der CDU in Baden-Württember­g, mit Bundeskanz­ler Friedrich Merz.
FOTO: MICHAEL KAPPELER/DPA Vorsichtig­e Kampfansag­e an die Grünen: Manuel Hagel (links), Spitzenkan­didat der CDU in Baden-Württember­g, mit Bundeskanz­ler Friedrich Merz.
 ?? FOTO: KAY NIETFELD/DPA ?? Zieht sich nach dem katastroph­alen Wahlergebn­is in Baden-Württember­g zurück: Der SPD-Spitzenkan­didat Andreas Stoch (rechts) mit SPD-Generalsek­retär Tim Klüssendor­f.
FOTO: KAY NIETFELD/DPA Zieht sich nach dem katastroph­alen Wahlergebn­is in Baden-Württember­g zurück: Der SPD-Spitzenkan­didat Andreas Stoch (rechts) mit SPD-Generalsek­retär Tim Klüssendor­f.

Newspapers in German

Newspapers from Germany