Sachsische Zeitung (Lobau-Zittau)
Was hat Palla mit der Bahn vor?
Der Krisen-Staatskonzern bekommt erstmals eine Chefin – Der Job wird alles andere als einfach
Berlin. Eigentlich sollte Evelyn Palla noch ein paar Jahre aufgebaut werden, bevor sie den vielleicht undankbarsten Job Deutschlands übernimmt. Auch der 52-Jährigen mit drei Kindern und privatem Lebensmittelpunkt in Wien hätte es mutmaßlich später besser gepasst. Aber ein Interims-Chef für die Deutsche Bahn (DB) mit ihren weltweit 338.000 Mitarbeitern war trotz Headhunter-Einsatz nicht zu finden.
Und so hat sich die DB doch für eine interne Lösung entschieden. Am Montag wird Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) Palla als erste Bahnchefin vorstellen.
Die bisherige Chefin der Regionalverkehrssparte DB Regio startet mit viel Vertrauen und Vorschusslorbeeren von Politik und Verbänden. Zugleich steht sie vor einer fast unlösbaren Aufgabe.
Vorn bei der Pünktlichkeit
DB Regio steht im Konzernvergleich gut da: Im ersten Halbjahr 2024 verbuchte die Sparte einen operativen Gewinn von 103 Millionen Euro. Palla hat den Turnaround geschafft, im ersten Halbjahr 2024 war die Sparte noch tief in der Verlustzone. Und auch bei der Pünktlichkeit steht DB Regio weit vorn: Mit knapp 90 Prozent stellen Pallas’ Züge den Fernverkehr mit knapp 60 Prozent Pünktlichkeit weit in den Schatten. Doch diese Zahl sagt nicht viel aus, schließlich sind beide Bereiche kaum vergleichbar. Und Zugausfälle wie bei der notorisch störungsanfälligen S-Bahn Berlin gehen nicht in die Statistik ein.
Die Betriebswirtin Palla kam 2019 zur DB. Sie begann als Finanzvorständin bei DB Fernverkehr, seit Juli 2022 führt sie DB Regio. Zuvor war sie bei den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) tätig und dort ebenfalls für Finanzen und Personenverkehr verantwortlich.
Der Fahrgastverband Pro Bahn begrüßte die Entscheidung. „Frau Palla hat bei DB Regio gut saniert und gründlich aufgeräumt“, sagte der Bundesvorsitzende Detlef Neuß dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Sie ist auch im Konzern in der Lage, etwas zu bewegen. Vorausgesetzt natürlich, man lässt ihr auch Spielraum. Vor allem braucht sie Geld für die Sanierung der Bahn.“Neuß sagte dem RND weiter: „Aus ihrer Zeit bei der ÖBB weiß Frau Palla, dass viel Geld für die Bahn allein nicht reicht – es muss auch gezielt und vernünftig eingesetzt werden. Das erwarten wir in Zukunft auch bei der DB.“
Die Fahrgäste hätten hohe Erwartungen an die neue Bahnchefin, meinte Neuß: „Das Wichtigste ist die Sanierung der Infrastruktur. Das Zweite ist eine betriebswirtschaftlich sinnvolle Aufstockung des betrieblichen Personals. Früher ist kein Zug ausgefallen, weil mal ein Lokführer krank geworden ist, weil es Ersatz gab. Dass ein ganzes Stellwerk ausfällt und ein Bahnhof stillgelegt wird, wie es in Mainz geschehen ist, darf in Zukunft nicht mehr passieren.“
Für „mehr Pünktlichkeit und planbare Umstiege“müsse „auch der Deutschlandtakt umgesetzt werden“, fordert Neuß.
Zufriedenheit bei Verbänden
Auch die Privatbahn-Verbände Mofair und „Die Güterbahnen e.V.“zeigten sich zufrieden mit der Entscheidung. In einem gemeinsamen Statement, das dem RND vorliegt, teilen die Vorsitzenden Matthias Stoffregen und Peter Westenberger mit: „Evelyn Palla kennt den Sanierungsbedarf und die Imageprobleme der DB und weiß aus ihrer ÖBBTätigkeit auch, dass und wie eine konzernangehörige Infrastruktur ohne Beherrschungsvertrag und Gewinnanspruch funktionieren kann. Nun fehlen nur noch aussagekräftige und belastbare Eigentümerund Infrastrukturstrategien des Bundes.“
Am Montagmorgen kommen zunächst die Personalvertretungen der DB zusammen, danach wird Schnieder sie öffentlich in der Bundespressekonferenz vorstellen. Am Dienstag muss sie vom DB-Aufsichtsrat bestätigt werden.
Palla gilt im öffentlichen Auftritt als eher zurückhaltend, legt vor Presseterminen viel Wert auf eine lückenlose Vorbereitung. Angesichts der tiefen Krise des Staatskonzerns
Frau Palla hat bei DB Regio gut saniert und gründlich aufgeräumt.
Detlef Neuß, Bundesvorsitzender beim Fahrgastverband Pro Bahn
dürfte das eher von Vorteil sein. Mit ihr bekommt die DB keine Show-Bahnchefin, sondern eine Saniererin.
Das Vertrauen von Aufsichtsrat Werner Gatzer (SPD) hat sie bereits, das von Schnieder wird sie sich in den vergangenen Wochen erworben haben. Der Verkehrsminister wird am Montag nicht nur eine neue Chefin, sondern auch „Eckpunkte” zu einer Bahnreform vorstellen. Palla wird er darauf verpflichtet haben, seine Vorstellungen umzusetzen.
Grüne zurückhaltend
Die Grünen reagierten zurückhaltend auf die Personalie. „Am Ende ist es fast egal, wer den Bahnkonzern führt, wenn nicht der Bund als Eigentümer die richtige Strategie vorgibt, wichtige Reformen einleitet und konkrete Handlungsaufträge formuliert”, sagte der Bundestagsabgeordnete und Verkehrsausschuss-Vorsitzende Tarek al-Wazir. „Eine Vielzahl von Problemen bei der Deutschen Bahn sind strukturell bedingt und genau dafür braucht es jetzt eine langfristige Strategie.“
Forderungen an Schnieder hat auch das Bahn-Bündnis „Allianz pro Schiene“. Die bisherigen Widersprüche zwischen Gemeinwohlorientierung und Renditeerwartung müssten in der neuen Bahnstrategie aufgelöst werden, fordert Flege. „Der Bund muss die alte Börsenbahnlogik über Bord werfen.“