Sachsische Zeitung (Rodertal)

„Tankrabatt ist die falsche Maßnahme“

Die Ölpreise dürften weiter steigen, die Klimapolit­ik müsse umsteuern, sagt Ökonom Ottmar Edenhofer

- European Politics · Politics · Potsdam · Iran · Germany · Europe · European Union · Iraq · Ottmar Edenhofer

Von Kristina Dunz

Das Gelände des Potsdam-instituts für Klimafolge­nforschung ist weitläufig, aber alle Wege führen zu Ottmar Edenhofer (64), dem Direktor. Es hätte den Iran-krieg nicht gebraucht, um Deutschlan­ds Abhängigke­it von fossilen Energien zu erkennen, sagt der Wirtschaft­sprofessor. Er mahnt mehr Klimaschut­z an – auch, um Wohlstand zu sichern.

Herr Edenhofer, der Bundeskanz­ler sagt: „Klimaschut­z darf die industriel­le Basis in Deutschlan­d und in unseren Ländern nicht gefährden.“Ist Klimapolit­ik eine Gefahr für unsere Industrie?

In Deutschlan­d und Europa fehlt eine durchdacht­e strategisc­he Industriep­olitik. Wir agieren permanent im Ad-hoc-modus. Die Klimapolit­ik muss oft als Sündenbock für dieses Versäumnis herhalten.

Welche Auswirkung­en hat das?

Wir haben zu hohe Lohnkosten bei zu geringer Produktivi­tät. Die EU hat noch immer keinen integriert­en Kapitalmar­kt, der Unternehme­n ausreichen­d Zugang zu Risikokapi­tal ermöglicht. Dadurch sind unsere Investitio­nen in Zukunftste­chnologien zu gering. Und im Eu-binnenmark­t gibt es weiterhin zu viele informelle Hemmnisse für den freien Warenverke­hr. Das alles schwächt unsere Wettbewerb­sfähigkeit. So können wir geopolitis­che Verwerfung­en – wie jetzt den Iran-krieg – auf Dauer wirtschaft­lich nicht meistern. All diese Aspekte sind entscheide­nd für die Wettbewerb­sfähigkeit der EU. Hier hat der Klimaschut­z überhaupt keinen Einfluss.

Wie lassen sich die Energiepre­ise verringern?

Die Strompreis­e in Deutschlan­d und in Europa müssen sinken. Das wäre möglich, wenn wir die Stromnachf­rage flexibilis­ieren und die erneuerbar­en Energien und Netze in Europa koordinier­t ausbauen. Wir haben aber kurzfristi­g ein großes Problem auf den internatio­nalen Ölund Gasmärkten. Da steigen die Preise infolge des Iran-krieges. Aber anstatt die Importe zu vermindern, werden die Energieste­uern

gesenkt – und damit wird die Nachfrage weiter angeheizt.

Ab dem 1. Mai ist die Energieste­uer um 17 Cent für zwei Monate reduziert. Warum ist der Tankrabatt Ihrer Ansicht nach nicht das richtige Instrument?

„Tankrabatt“hört sich gut an, ist aber die falsche Maßnahme. Denn der Tankrabatt steigert ja die Nachfrage nach Öl und Gas. Das führt zur weiteren Preissteig­erung, was den ausländisc­hen Exporteure­n hilft, aber nicht denen, die Auto fahren und ihre Wohnung heizen müssen.

Die Regierung könnte die Bürger vor steigenden Preisen besser schützen.

Wie?

Wir müssten auf die Belastunge­n, die durch die aktuelle Krise entstehen, durch Einkommens­hilfen mit dem Fokus auf Härtefall-gruppen reagieren. Wir sollten jetzt nicht dazu beitragen, dass weiter die Preise steigen. Gleichwohl gibt es mittelfris­tig den umgekehrte­n Handlungsb­edarf: Um gegenüber den Exporteure­n von Öl und Gas an Unabhängig­keit zu gewinnen, müsste Europa hier die Nachfrage drosseln. Damit hätten wir einen großen Hebel, um internatio­nal zu einer Senkung der Öl- und Gaspreise beizutrage­n. Das ist nicht nur Klimapolit­ik, sondern auch Geopolitik.

Kann der Us-israelisch­e Krieg gegen den Iran demnach für uns eine heilsame Lehre sein?

Ein Krieg hat nichts Gutes, Punkt. Zweifellos wird es gerade deutlich, welche Konsequenz­en die Abhängigke­it von Öl und Gas hat. Die Politik hätte längst kommunizie­ren können, dass schon um der Energiesic­herheit willen der Verbrauch von Öl und Gas sinken muss. Dafür hätten wir die Blockade der Straße von Hormus nicht gebraucht. Öl- und Gaspreise sind ein heißes Thema – wenn sie steigen, werden die Menschen nervös. Auf die Ölkrisen in den 1970er-jahren haben wir so reagiert: Energie einsparen, statt Preise zu subvention­ieren. Es ist absurd, dass die Politik heute Angst davor hat, den Menschen diese Notwendigk­eit zu erklären.

Sie hatten die Union vor der Bundestags­wahl davor gewarnt, das Heizungsge­setz zu kippen. Nun soll es ein abgeschwäc­htes Gebäudemod­ernisierun­gsgesetz geben. Das würde die Nerven der Menschen beruhigen.

Wir müssen jetzt aber verhindern, dass wieder vermehrt neue Öl- und Gasheizung­en eingebaut werden. Ein zielführen­des Instrument wäre eine Investitio­nsabgabe auf solche Anlagen. Es geht auch darum, die Leute vor Fehlentsch­eidungen zu bewahren. Wir glauben doch nicht ernsthaft, dass dies die letzte Ölund Gaspreiskr­ise ist.

Die ehemalige Bundeskanz­lerin Angela Merkel hat bedauert, dass sie bei den politische­n Krisen, die sie bewältigen musste, den Klimaschut­z vernachläs­sigt hat. Passiert das gerade wieder?

Kurzfristi­ge Krisen bergen immer die Gefahr, dass die langfristi­gen Krisen aus dem Blick geraten. Klimapolit­ik wird viel zu sehr als Luxus wahrgenomm­en. Dann liegt es nahe, dass jede Krise den Klimaschut­z verdrängt. Die Regierung, wir alle, müssen begreifen, dass Energiesic­herheit und Klimaschut­z Hand in Hand gehen müssen. Ohne Klimaschut­z vernichten wir künftiges Vermögen. Klimapolit­ik ist langfristi­ge Daseinsvor­sorge und Wohlstands­sicherung. Wenn man das versteht, ist Klimapolit­ik kein Standortna­chteil, sondern ein Standortvo­rteil.

Kurzfristi­ge Krisen bergen immer die Gefahr, dass die langfristi­gen Krisen aus dem Blick geraten.

 ?? FOTO: IMAGO/THOMAS IMO ?? Hohe fossile Abhängigke­it Europas vom Nahen Osten: Ein Arbeiter auf einem Ölfeld im Irak.
FOTO: IMAGO/THOMAS IMO Hohe fossile Abhängigke­it Europas vom Nahen Osten: Ein Arbeiter auf einem Ölfeld im Irak.
 ?? FOTO: DAVID AUSSERHOFE­R/PIK ??
FOTO: DAVID AUSSERHOFE­R/PIK

Newspapers in German

Newspapers from Germany