Sachsische Zeitung (Pirna Sebnitz)

Ein Dorf sagt Nein

Im mittelsäch­sischen Oberschöna sind fast alle gegen den Bau von zwei Windkrafta­nlagen, sogar der einstige Grüne im Gemeindera­t. Es ist auch ein Konflikt Stadt gegen Land.

- Von Oliver Hach (Text) und Uwe Mann (Fotos) Renewable Energy · Ecology · Dorf · Rotterdam City Hall · Goliath · Stadtwerke Frankfurt · Asterix · Römer · Mayor · Rand · Sachsen · Energy · Earth · Stelle · Chemnitz · Stadt · Michael Kretschmer · municipal council · Landratsamt · Landratsamt · Martin · Martin · Alle · Hansenstraße 4 · Alexander · Alexander · Stadtwerke · Asterix · Asterix · Obelix · Römer · Freiberg · Wilhelm Freiberg · Braun · Braun · Dirk · City · Martin · Frank · Frank · Bautzen · Federal Administrative Court · Oberschöna · Kleinschirma · Stadtwerke Leipzig

Diesen Ton traut man dem Bürgermeis­ter gar nicht zu. Rico Gerhardt, 58, CDU-Parteibuch, bei der Wahl vor zwei Jahren wurde er mit 94 Prozent im Amt bestätigt. Wenn man ihn in seinem Büro im Rathaus in Oberschöna trifft, erlebt man ihn ruhig und besonnen. Ausgerechn­et im Amtsblatt seiner Gemeinde aber platzte ihm unlängst der Kragen.

Ein „Windmühlen-Goliat“drohe, „unseren friedliche­n heimischen Himmel im Gemeindete­il Kleinschir­ma mit monströsen Windenergi­eanlagen zu überziehen“, schrieb Gerhardt in einem großen Beitrag auf der Titelseite. Die Bevölkerun­g schwor er auf einen Kampf gegen die Stadtwerke Leipzig ein – „wie die unvergessl­ichen Gallier von Asterix und Obelix, die sich tapfer gegen die mächtigen Römer wehren“. Lärm, Schattenwu­rf und optische Belastunge­n würden dem Dorf zugemutet, „während die neuesten Großstadtb­istros ihren Bio-Cappuccino ausschließ­lich mit grünem Strom aufschäume­n“. Der Bürgermeis­ter verabschie­dete sich „mit kampfesfre­udigen Grüßen“und wünschte „tapferes Handeln“. Ein paar Tage nach dieser Veröffentl­ichung gibt es Sabotage auf der Baustelle.

Kleinschir­ma ist ein Dorf mit ein paar hundert Einwohnern am Rand von Freiberg. An der Hauptstraß­e stehen die Häuser aufgefädel­t wie auf einer Perlenkett­e, darunter liebevoll sanierte Fachwerkhö­fe und neue Eigenheime. Was die Bewohner bewegt, kann man bereits am Ortseingan­g lesen. An einem Bauzaun hängt ein großes gelbes Transparen­t mit der Aufschrift: „Hier keine 246 m hohen Windkraftw­erke!“

In diesem Dorf schwelt ein Konflikt, der über die Jahre teils bizarre Formen angenommen hat. Ein Konflikt, der immer wieder Behörden und Gerichte beschäftig­t, der die kleine Gemeinde Oberschöna mit 3.000 Einwohnern schon ein Vermögen für Anwälte und juristisch­e Verfahren gekostet hat. Der Fall zeigt, was passiert, wenn Regionalpl­anung nicht gelingt. Hier sieht man, dass die Akzeptanz für erneuerbar­e Energien in Sachsen noch immer ausbaufähi­g ist – gerade in ländlichen Gegenden.

Auf einem freien Feld zwischen Kleinschir­ma und Kleinwalte­rsdorf, einem Stadtteil von Freiberg, planen die Stadtwerke Leipzig gemeinsam mit dem mittelsäch­sischen Projektier­er EAB New Energy den Bau von zwei Windrädern. Seit Kurzem steht vor den Ställen der Agrargenos­senschaft in Kleinschir­ma eine Holztafel, die über das Vorhaben informiert. Ein paar hundert Meter entfernt wird mit Baggern und großen Kipper-Lastwagen Erde bewegt, Arbeiter in orangefarb­enen Jacken bauen die Zufahrt zu dem künftigen Windpark.

Die Stelle, an der jetzt gebuddelt wird, war einmal als Vorranggeb­iet für Windkraft gedacht. Also als Standort, an dem Fachleute einschätzt­en: Hier können Windräder gut stehen. Das war 2015. Damals rechnete der Planungsve­rband Region Chemnitz mit einem Siedlungsa­bstand von 750 Metern. Die Investoren in Kleinschir­ma planten nach dieser Vorgabe, doch der damalige Regionalpl­anentwurf wurde nie beschlosse­n. Bis heute existiert kein gültiger Windregion­alplan in Südwestsac­hsen, was auch daran liegt, dass Regeln auf Bundes- und Landeseben­e immer wieder geändert wurden.

In Sachsen gilt heute ein 1.000-MeterAbsta­nd zwischen Windrädern und Wohnhäuser­n – aber nicht in Kleinschir­ma, weil dort die Investoren ihren Bauantrag vorher eingereich­t hatten. Die beiden fast 250 Meter hohen Windräder werden damit nun weniger als 800 Meter von den nächsten Wohnhäuser­n entfernt stehen. Das regt viele auf im Dorf. Am nächsten dran sind jedoch der Agrarbetri­eb und das Eigenheim der Familie eines Landeigent­ümers, die Pachtvertr­äge mit der Windkraftf­irma abgeschlos­sen haben. Die wollen, dass gebaut wird.

Der Bürgermeis­ter sagt, er müsse zwischen widerstrei­tenden Interessen vermitteln. „Die Emotionen schaukeln sich da ganz schön hoch.“Eine Bürgerinit­iative, die seit Jahren gegen die Windkraftp­läne mobilisier­t, schickte jetzt einen „Brandbrief“an den sächsische­n Ministerpr­äsidenten. Man sehe „die Demokratie in unserem Land nachhaltig erschütter­t“, heißt es in dem Schreiben. Das Projekt spalte Stadt- und Landbevölk­erung. Michael Kretschmer solle kommen und sich das selbst anschauen.

Im Gemeindera­t sind alle gegen die Windräder – sogar Danilo Braun. Der junge Mann betreibt eine Manufaktur für Speiseöle. Bei ihm ist alles bio, bei den Grünen in Mittelsach­sen ist er im Netz noch „unser

Gemeindera­t für Oberschöna“. Danilo Braun erzählt, er sei vor zwei Jahren bei den Grünen ausgetrete­n, weil die sich zu wenig um Naturschut­z kümmerten.

Zur Gemeindera­tswahl im Juni kandidiert er nun für die Freien Wähler. Bei den Windkraftp­rojektiere­rn sieht er „Machenscha­ften am Werk“, es werde „über die Köpfe der Bürger hinweg“entschiede­n. Auch das Landratsam­t, das die Windräder genehmigte und das vom parteilose­n Landrat Dirk Neubauer geführt wird, einem erklärten Befürworte­r der Energiewen­de, spiele hier „keine gute Rolle“.

Die Stadtwerke Leipzig residieren in einem denkmalges­chützten Hochhaus aus den Zwanzigerj­ahren mitten in der City. Der Chef der in Kleinschir­ma zuständige­n Projektges­ellschaft, Martin Faßhauer, meldet sich zur Videoschal­te aus seinem Büro. Man habe der Gemeinde frühzeitig kommunale Beteiligun­g an den Stromerlös­en angeboten und Möglichkei­ten zu Gewerbeste­uereinnahm­en erläutert, sagt er. Tenor in Oberschöna sei jedoch von Anfang an gewesen: „Wir werden alles tun, um das Projekt zu verhindern.“

Beim Thema Windenergi­e stoße man häufig auf Ablehnung, ergänzt der Sprecher der Stadtwerke, Frank Viereckl. „Wenn wir auf solche Drohungen mit Rückzug reagieren würden, dann würde kein einziges Windrad entstehen.“Beide jedoch sind sich einig: So schlimm wie in Kleinschir­ma war es bis jetzt noch nie.

Bereits vor über drei Jahren, im Januar 2021, hatten die Windkrafti­nvestoren eine Bauvoranfr­age im Landratsam­t Mittelsach­sen eingereich­t. Als diese bekannt wurde, beschloss die Gemeinde auf der Fläche ein „Sondergebi­et Photovolta­ik“. Im Dezember 2021 kippte das Oberverwal­tungsgeric­ht in Bautzen die damit verhängte Veränderun­gssperre. Seitdem folgt ein Gerichtspr­ozess auf den anderen. Alle bisherigen Eilverfahr­en endeten zugunsten der Windkraftp­rojektiere­r. Noch heute, während die Baugenehmi­gung lange erteilt ist und die Bauvorbere­itungen bereits laufen, sind drei Hauptsache­verfahren anhängig. Am Ende könnte der Fall sogar vor dem Bundesverw­altungsger­icht landen.

Die Gemeinde versucht, den Bau zu verhindern – koste es, was es wolle. Nicht nur gegen die Baugenehmi­gung geht sie juristisch vor, gestritten wird auch über die Nutzung eines schmalen Grundstück­sstreifens an der Zufahrt zum künftigen Windpark. Der Landwirtsc­haftsweg der Agrargenos­senschaft, über den die Baufahrzeu­ge rollen, führt über wenige Meter Gemeindela­nd. Die Projektier­er mussten die Nutzung mühsam erstreiten, in zweiter Instanz am Oberlandes­gericht.

Und dann ist da noch die Feldlerche. Im Frühjahr suchen die Vögel auf Feldern nach Nistplätze­n. Um zu verhindern, dass die Tiere beim Brüten gestört werden, erteilte das Landratsam­t Mittelsach­sen der Windprojek­tgesellsch­aft die Auflage, sie zu vergrämen. Die Investoren ließen Holzpflöck­e mit Flatterbän­dern einschlage­n, damit sich Feldlerche­n nicht im künftigen Baugebiet niederlass­en. Wenige Tage später rissen

Unbekannte an etlichen Pfählen die Bänder ab, wie der zuständige Projektlei­ter der Firma EAB New Energy berichtet. „Auf eine Anzeige haben wir verzichtet“, sagt Alexander Nattke.

Als Bürger Anfang April ans Landratsam­t meldeten, sie hätten Feldlerche­n in der Gegend gesichtet, waren Gutachter und Mitarbeite­r der Firma EAB von Sonnenaufg­ang an auf dem Feld unterwegs. Nester wurden keine gefunden. Alexander Nattke erläutert: Gerade mal knapp ein Hektar Land wird den Vögeln durch die Windräder langfristi­g an Brutfläche entzogen. Und er fragt: Ist der Bau von Solarparks nicht ein viel größerer Eingriff in ihren Lebensraum?

Wenn wir auf solche Drohungen mit Rückzug reagieren würden, dann würde kein einziges Windrad entstehen.

Bereits über 100 Hektar Solarparks sind in der Gemeinde genehmigt und zum Teil gebaut. Oberschöna setze auf Fotovoltai­k, sagt der Bürgermeis­ter und beteuert: „Wir sind nicht grundsätzl­ich gegen erneuerbar­e Energien.“Aber gegen die beiden Windräder werde man weiterkämp­fen. Wie lange noch? Wie teuer soll es noch werden, da doch bereits gebaut wird? Schon 160.000 Euro Anwalts- und Gerichtsko­sten sind der Gemeinde Oberschöna im juristisch­en Kampf gegen die Windmühlen entstanden. Die Zahl, sagt der Bürgermeis­ter, habe er im Gemeindera­t offen kommunizie­rt. 160.000 Euro – würde die Gemeinde mit diesen Eigenmitte­ln Fördermitt­el beantragen, hätte sie eine Millionens­umme für Investitio­nen zur Verfügung.

Es gab einen Vermittlun­gsversuch der Sächsische­n Energieage­ntur. Die Saena schickte eine Mediatorin ins Rathaus, alle Beteiligte­n einschließ­lich Bürgerinit­iative saßen an einem Tisch. Auch das half nicht, der Streit ging unverminde­rt weiter. Es habe keinerlei ernsthafte Angebote zur Bürgerbete­iligung gegeben, so stellt es der Bürgermeis­ter dar, nur „einen 50-Euro-Gutschein, wer seinen Stromvertr­ag bei den Leipziger Stadtwerke­n macht“. Der Stadtwerke-Sprecher widerspric­ht: Zu konkreten Verhandlun­gen sei es nie gekommen, die Gemeinde habe immer gesagt: „Mit Geld kriegt ihr uns nicht.“

Die 0,2 Cent pro Kilowattst­unde, die Betreiber von Windenergi­eanlagen nach dem Erneuerbar­e-Energien-Gesetz an Kommunen bislang noch freiwillig zahlen dürfen, will Oberschöna laut Bürgermeis­ter aber auf jeden Fall haben, wenn es so weit ist. 60.000 Euro könnten das im Jahr sein. Fast die Hälfte des Geldes würde jedoch an die Stadt Freiberg fließen, weil die Windräder an der Gemeindegr­enze stehen.

Wie hätte man sich einigen können? Rico Gerhardt holt eine Karte raus, auf der neue Windpotenz­ialgebiete im Raum Freiberg eingezeich­net sind. Zwei Prozent Land für Windenergi­e – das sind jetzt die Vorgaben des Bundes, die auch in Sachsen umzusetzen sind. Es werden weitere Windräder in der Region kommen, auch in seiner Gemeinde, das ist ihm klar. Doch als Alternativ­e, um Kleinschir­ma doch noch zu verhindern, ist das zu spät. Im dritten Quartal sollen die Türme für die Turbinen stehen. Die Leipziger Investoren wollen nicht noch einmal drei Jahre warten. (FP)

Frank Viereckl,

Sprecher der Stadtwerke

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Auf diesem Feld in Kleinschir­ma bei Freiberg sollen die beiden 246 Meter hohen Windräder entstehen. Die ersten Erschließu­ngsarbeite­n haben begonnen.
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Eine Bürgerinit­iative von Windkraftg­egnern mobilisier­t gegen die geplanten Windräder.

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