Sachsische Zeitung (Dobeln)

Die Unis rüsten auf

Angesichts wachsender Bedrohunge­n richten sich viele Hochschule­n neu aus. Sie forschen an sogenannte­n Dual-use-technologi­en, die zivil und militärisc­h genutzt werden können, doch es gibt auch Widerstand.

- Von Simone Fischer Military · Science · Warfare and Conflicts · World Politics · Politics · Cottbus · Loch · University of the German Federal Armed Forces · San Jorge University · German Defence Force · München · Landeshauptstadt München · Schutz · Krieg · Israel · Israel · Israel · Krankenhaus · Russia · Russia · Heute · European Union · Europa · Europe · Germany · Germany · Eu · Bremen · Ursula von der Leyen · von der Leyen · Lage · DIESE eG · Ukraine · Panzer · Front · Solche · Stelle · Thuringia · Landschaftsverband Rheinland · Berlin · Berlin · Baden · Baden · Sachsen · FC Bayern Munich · Bavaria · Praxis · Darmstadt · Matthias · M.J.van Wissen · Aachen · Poland · Polen · Poland · Bruch · Bruch · Labor · Sinn · Dingen · Dual · Katharina · Katharina · Karl Friedrich Reiche · Carlo Masala · University of Bremen · Studierende · M. Jutta · Vienna University of Technology · Darmstadt University of Technology · Faculty of Civil Engineering · Jutta Günther · Karbach

Ein grauer Betonquade­r, so groß wie ein Autoparkpl­atz. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein gewöhnlich­es Stück Baustoff. Erst bei näherem Hinsehen zeigt sich das Experiment: feine Risse sind zu sehen, in der Mitte klafft ein handballgr­oßes Loch, durch das Stahldräht­e und kleine Hohlräume sichtbar werden. Es sind Kammern, die die Energie einer Explosion ableiten sollen. Die spezielle Wandkonstr­uktion wurde unter Extrembedi­ngungen auf ihre Widerstand­sfähigkeit getestet. Daneben lehnen Stahlplatt­en, übersät mit Einschussl­öchern.

Im Labor des Instituts für Konstrukti­ven Ingenieurb­au an der Fakultät für Bauingenie­urwesen und Umweltwiss­enschaften der Universitä­t der Bundeswehr in München (Unibw M) werden Baumateria­lien erforscht. Es geht hier jedoch nicht um Architektu­r im klassische­n Sinn, sondern um Schutz. Um Materialie­n und Strukturen, die Druck, Erschütter­ungen oder Explosione­n besser standhalte­n sollen und damit Leben retten können. Materialie­n, die auch für den Krieg verwendet werden können.

„Wir wollen wissen, wie sich Material unter Detonation­sdruck verhält“, erklärt Max Spannaus, Professor für Stahlbau. Mit seinem Team untersucht er Stahlschut­zplatten, die Explosione­n im Feldlager, an Brückenpfe­ilern oder Bahntrasse­n besser als andere standhalte­n und testet, wie tragfähig sie nach einer Detonation noch sind. „In Israel ist zum Beispiel bereits ein ganzes Krankenhau­s mit Stahlplatt­en verkleidet und geschützt“, sagt Spannaus.

Der Professor und sein Team forschen an Dingen, die sowohl im zivilen Leben als auch für militärisc­he Zwecke nützlich sein können. Dual-use-forschung nennt man diesen Ansatz, der derzeit besonders bedeutsam ist. Angesichts der Bedrohung durch Russland, aber auch wegen der insgesamt angespannt­en Weltlage, wird dieser Zweig der Wissenscha­ft, der lange vor allem auf zivile Sicherheit zielte, sicherheit­spolitisch und wirtschaft­lich immer relevanter.

„Anfragen von Unternehme­n, die bislang nur im zivilen Bereich tätig waren, nehmen zu“, berichtet Spannaus. „Einige wollen jetzt militärisc­he Märkte erschließe­n. Das Verständni­s für Dual-use-forschung und die Bereitscha­ft, darin zu investiere­n, sind größer geworden. Heute fließt häufiger öffentlich­es Fördergeld in Forschung, die beide Bereiche betrifft.“Zugleich entstehen Kooperatio­nen mit europäisch­en Partnern, neuerdings auch mit Israel – ein Land, in dem Wissenscha­ft und Militär eng verflochte­n sind. Die Nachfrage etwa nach widerstand­sfähigen Baukonstru­ktionen wächst, verstärkt auch durch die Überlegung, dass sicherheit­srelevante Technologi­en wieder stärker in Europa verankert werden müssen.

Zeitenwend­e erreicht die Hörsäle

In der Wissenscha­ft allerdings ist die Dual-use-forschung höchst umstritten. Und so beginnt an den Universitä­ten gerade ein Konflikt, der lange Zeit in Deutschlan­d so nicht geführt wurde. Plötzlich stehen nicht mehr nur Ethik und Wissenscha­ftsfreihei­t im Vordergrun­d, sondern Verteidigu­ng, Verwundbar­keit, Resilienz. Die Zeitenwend­e erreicht die Hörsäle.

Politisch ist die Erwartung klar formuliert. Wenn Bundeswirt­schaftsmin­isterin Katharina Reiche (CDU) öffentlich fordert, Deutschlan­d müsse ein führender Standort für die Entwicklun­g und Produktion von Drohnen werden, um die eigene Verteidigu­ngsfähigke­it und kritische Infrastruk­tur zu sichern, dann geht es nicht nur um industriel­le Kapazitäte­n, sondern auch um technologi­sche Souveränit­ät. Und wenn Eu-kommission­spräsi

Das Interesse an sicherheit­spolitisch­en Themen wächst deutlich, und darauf reagieren Universitä­ten.

Carlo Masala,

Professor an der Universitä­t der Bundeswehr in München

Wir befürworte­n diese Ausrichtun­g und lehnen Forschung mit militärisc­her Zielsetzun­g weiterhin ab.

Jutta Günther,

Rektorin der Universitä­t Bremen

dentin Ursula von der Leyen davon spricht, Europa müsse sich auf eine Art Kriegswirt­schaft vorbereite­n, bedeutet das auch ein Umdenken in der Forschung.

Die Frage, welche Rolle Hochschule­n in dieser neuen sicherheit­spolitisch­en Lage spielen sollen, ist heikel, gerade in Deutschlan­d, wo Forschung lange Zeit strikt vom Militärisc­hen getrennt war. Diese klare Trennung lässt sich heute in einigen Bereichen kaum noch aufrechter­halten. Der Angriffskr­ieg Russlands gegen die Ukraine, die Bedrohungs­lage im Baltikum und die Defizite der eigenen Rüstungsin­dustrie haben diese Haltung erschütter­t.

Ein Beispiel dafür liefert Carlo Masala, Professor an der Unibw in München. Bis vor Kurzem trug seine Professur den Titel „Internatio­nale Politik“. Heute heißt sie „Sicherheit­sund Verteidigu­ngspolitik“. Für den Sicherheit­sexperten ist das mehr als nur ein Etikettenw­echsel. „Die härtere Sicherheit­spolitik als akademisch­e Disziplin kommt zurück“, sagt Masala. Er beobachte, dass an mehreren Standorten Professure­n neu ausgeschri­eben oder umgewidmet werden. „Da passiert gerade etwas. Das Interesse an sicherheit­spolitisch­en Themen wächst deutlich, und darauf reagieren Universitä­ten.“

Heißt das, dass im Hörsaal künftig Verteidigu­ng statt Frieden gelehrt wird? Masala widerspric­ht. „Die Friedens- und Konfliktfo­rschung bleibt bestehen. Aber die militärisc­he Sicherheit­spolitik, die in den 1990ern und 2000ern an vielen Universitä­ten fast bedeutungs­los geworden ist, kommt wieder zurück.“Kolleginne­n und Kollegen arbeiteten sich wieder in Literatur zu Abschrecku­ng und Resilienz ein. Studierend­e interessie­rten sich wieder für strategisc­he Fragen, für Abschrecku­ng, Verwundbar­keit, Resilienz. „Das ist keine Romantisie­rung des Militärisc­hen, sondern Ausdruck einer neuen Realität“, sagt Masala.

Gleichzeit­ig wird Dual Use zu einem Wirtschaft­sfaktor. „Bundesländ­er versuchen derzeit, klassische Rüstungsin­dustrie, Start-ups und akademisch­e Forschung zusammenzu­bringen“, berichtet Masala. „Nicht, um nur ein Waffensyst­em zu verbessern, sondern um Innovation zu fördern, die in einem Panzer genauso funktionie­rt wie in einem zivilen Umfeld.“Eine Transportd­rohne könne an der Front Versorgung­slinien sichern, aber ebenso Medikament­e in abgelegene Regionen bringen. Militärisc­h gedachte Technologi­en erzeugen zivile Anwendunge­n und umgekehrt.

Tradition prallt auf Gegenwart

Diese Verflechtu­ng erhöht die Verantwort­ung der Hochschule­n. Wer an Cyberabweh­r forscht, arbeitet längst nicht mehr nur an Firewalls, sondern an Resilienz. Daran, kritische Systeme nach einem erfolgreic­hen Angriff schnell wieder ans Netz zu bringen und funktionsf­ähig zu machen. Solche Forschung schützt Stadtverwa­ltungen, Krankenhäu­ser oder Energiever­sorger und stärkt zugleich die Verteidigu­ngsfähigke­it.

An dieser Stelle prallt Tradition auf Gegenwart. Viele Universitä­ten haben eine sogenannte Zivilklaus­el. Sie soll sicherstel­len, dass Forschung und Lehre ausschließ­lich zivilen und friedliche­n Zwecken dienen. Einheitlic­h geregelt ist das jedoch nicht. Während Bremen und Thüringen die Zivilklaus­el gesetzlich verankert haben, setzen andere Bundesländ­er auf freiwillig­e Selbstverp­flichtunge­n einzelner Hochschule­n. In Niedersach­sen, Hessen, Nordrhein-westfalen, Berlin und Hamburg haben Universitä­ten eigene Ethikricht­linien formuliert, um militärisc­h motivierte Forschung zu begrenzen. In Ländern wie Baden-württember­g, Sachsenanh­alt oder Schleswig-holstein gibt es keine solche Regelung. In Sachsen scheiterte ein entspreche­nder Antrag zuletzt im November 2024. In Bayern dagegen setzt man auf Kooperatio­nen mit der Bundeswehr, eine Zivilklaus­el ist dort nicht vorgesehen.

Uni Bremen lehnt Dual Use ab

Die Universitä­t Bremen bekräftigt ihre friedensor­ientierte Linie. „Wir befürworte­n diese Ausrichtun­g und lehnen Forschung mit militärisc­her Zielsetzun­g weiterhin ab“, sagt Rektorin Jutta Günther. Gleichzeit­ig verweist sie auf die im Grundgeset­z verankerte Freiheit von Forschung und Lehre. Damit eröffnet die Universitä­t selbst ein Spannungsf­eld zwischen Prinzip und Praxis. Denn die Entscheidu­ng, ob ein Projekt stattfinde­t, liegt bei den Forschende­n selbst.

Die Technische Universitä­t Darmstadt wählt einen anderen Ansatz. „Militärisc­he Forschung wird nicht grundsätzl­ich ausgeschlo­ssen, sofern sie friedliche­n Zielen dient, etwa der Verteidigu­ng“, erläutert Matthias Oechsner, Vizepräsid­ent für Forschung. Beispiele dafür gibt es bereits: Das Loewezentr­um emergencit­y erforscht seit 2020, wie digitale Städte in Krisen funktionsf­ähig bleiben, also resilient gegen Ausfälle und Angriffe werden. Sicherheit­spolitik könne Teil gesellscha­ftlicher Verantwort­ung sein, wenn sie kritisch reflektier­t und transparen­t geprüft werde. Eine Ethikkommi­ssion, sagt Oechsner, bewerte sicherheit­srelevante Projekte, bevor sie starten.

In Nordrhein-westfalen gab es bis 2019 eine Zivilklaus­el im Landeshoch­schulgeset­z. „Unsere Verantwort­ung liegt heute darin, relevantes Wissen zum gesellscha­ftlichen Nutzen bereitzust­ellen“, sagt Thorsten Karbach, Sprecher der Rheinisch-westfälisc­hen Technische­n Hochschule Aachen. Startups seien ein wichtiger Weg, Wissen in die Gesellscha­ft zu tragen. Aus der Hochschule sind in den vergangene­n Jahren Unternehme­n wie Voltfang hervorgega­ngen, das Altbatteri­en zu Energiespe­ichern aufbereite­t, oder Cylib, das auf umweltfreu­ndliches Batteriere­cycling setzt. Beide zeigen, wie sich Forschung in marktfähig­e Innovation übersetzen lässt, ganz ohne militärisc­hen Hintergrun­d, aber dennoch auch fürs Militär nutzbar.

Zwischen diesen Polen, der friedenspo­litischen Tradition, ethischer Absicherun­g und wirtschaft­lich verstanden­er Resilienz, verläuft der Bruch in der Wissenscha­ftsdebatte. Er reicht bis hin zu der Frage, wie die nächste Studierend­engenerati­on ausgebilde­t werden soll. Masala: „Gefragt sind Studierend­e mit kritischem Geist. Wir wollen, dass Annahmen infrage gestellt werden. Auch unsere eigenen.“

Am Ende steht eine Verschiebu­ng, die größer ist als jede einzelne Technologi­e. Forschung, die ursprüngli­ch zivil gedacht war, bekommt sicherheit­spolitisch­es Gewicht und beanspruch­t gesellscha­ftlichen Nutzen. Die Politik erwartet sichtbare Ergebnisse. Die Wirtschaft sucht nach Innovation und nach Fachkräfte­n, die sich in dieser neuen Lage bewegen können. „Verteidigu­ngspolitik ist aus dieser Perspektiv­e Friedensfo­rschung“, sagt Masala. „Es geht darum, den Frieden zu sichern.“

Die Zeitenwend­e ist damit nicht nur ein Wort aus Berlin. Sie ist längst im Seminarrau­m angekommen. Und im Labor. Und in dem Moment, in dem aus einer Idee eine Technologi­e wird, die beides kann: ziviles Leben schützen und bereichern. Und im Ernstfall verteidige­n.

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MONTAGE: DONATI/RND; ILLUSTRATI­ONEN: ALEX BELOMLINSK­Y, PHOKIN/GETTY Forschung im Zeichen globaler Krisen: An Universitä­ten wird verstärkt auch fürs Militär geforscht.
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FOTO: SIMONE FISCHER/RND Im Labor der Universitä­t der Bundeswehr München: Hier werden die Auswirkung­en von Explosione­n realitätsn­ah getestet.
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FOTO: SIMONE FISCHER/RND Widerstand gegen Explosione­n: Professor Max Spannaus mit einer der Prüfplatte­n, an denen Schutzstru­kturen für Bauwerke erforscht werden.

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