Sachsische Zeitung (Meissen Radebeul und das Elbland)
„Ein ganz neuer Krieg“
Russlands Truppen drängen nach Westen, erstmals auch in die Oblast Dnipropetrowsk. Während Zivilisten fliehen, liefern sich ukrainische Drohneneinheiten mit den Angreifern einen erbarmungslosen Kampf.
Der russische Soldat versucht noch, Schutz im Gestrüpp zu suchen, als er das Surren der ukrainischen Drohne hört – doch es ist zu spät. Nach den ersten zwei Drohnenangriffen zeigen ihn die Bildschirme im Kommandozentrum der ukrainischen Drohneneinheit blutüberströmt auf dem Boden, er bewegt sich noch. Nach zwei weiteren Attacken ist sein Tod bestätigt. Kurz darauf erfasst eine Drohnenkamera einen weiteren Russen, der sich unter seinem Poncho zu verstecken versucht. Auch er hat keine Chance. Zwei Drohnen werfen ihre Bomben auf ihn ab.
Seine sechs Drohnentrupps töten im Schnitt zwei bis drei russische Soldaten pro Tag, sagt Zugführer Dmytro (29), der wie alle Soldaten nur mit seinem Vornamen zitiert werden darf.
An diesem Tag sind es bereits am Mittag zwei Tote, und das innerhalb von nur einer Stunde. Die Männer an den Monitoren wissen noch vor den Betroffenen, dass sie todgeweiht sind, und können ihr Sterben unmittelbar mitverfolgen. Die Soldaten zeigen keine Regung. Für sie zählt nur ihre Mission: „Wir müssen verhindern, dass die Russen Pokrowsk einkesseln und die Hauptstraße von dort in die Region Dnipropetrowsk unter ihre Kontrolle bringen.“
Seit Monaten versuchen die Angreifer, einen Ring um Pokrowsk zu schließen und den Nachschub in die strategisch wichtige Stadt in der Region Donezk zu unterbinden. Nirgendwo an der mehr als 1000 Kilometer langen Front toben heftigere Gefechte. Die Russen stoßen aus Donezk zudem langsam, aber stetig nach Westen vor. Sollte es ihnen gelingen, die Hauptstraße Richtung Dnipro – der Regionalhauptstadt von Dnipropetrowsk und viertgrößten Stadt des Landes – zu erobern, „dann könnten sie ihren Vormarsch nach Westen deutlich beschleunigen“, sagt Dmytro.
Vorstoß gelungen
Inzwischen ist den Besatzungstruppen der Vorstoß in die angrenzende Oblast (Verwaltungsbezirk) Dnipropetrowsk gelungen. „Informationen über die Liste der Ortschaften in der Oblast Dnipropetrowsk, in die russische Truppen eingedrungen sind, werden derzeit nicht veröffentlicht – sowohl aus Gründen der operativen Sicherheit als auch, weil die Lage sehr dynamisch ist“, sagt Victor Trehubov, ein Sprecher der Streitkräfte in Dnipro. „Wir können die Präsenz ihrer Truppen auf jeden Fall bestätigen – sie drängen immer weiter über die Verwaltungsgrenze –, aber im Moment sprechen wir noch nirgendwo von fester Kontrolle.“
Während Kremlchef Wladimir Putin neben Donezk drei weitere Oblaste und die Halbinsel Krim für Russland beansprucht, galt das für Dnipropetrowsk bislang nicht. Sollte es jemals tatsächlich zu Gesprächen über eine Waffenruhe kommen, könnten dem russischen Aggressor besetzte Gebiete dort als Verhandlungsmasse dienen. Schon jetzt zwingt der Vormarsch der Russen in Dnipropetrowsk eine wachsende Zahl von Zivilisten zur Flucht. Besonders ins Visier der Russen ist die Gegend um den Ort Pokrowske in Dnipropetrowsk geraten – nicht zu verwechseln mit der fast identisch klingenden, viel größeren Stadt Pokrowsk in Donezk.
Maksym Kovalev arbeitet für die Hilfsorganisation Proliska, die Menschen aus der Region Pokrowske in Sicherheit bringt.
Der 48-Jährige war früher Polizist und musste seit Kriegsbeginn selbst mehrfach vor den vorrückenden russischen Truppen zurückweichen. Dennoch hätte er nicht erwartet, dass die Besatzer nach Dnipropetrowsk vorrücken würden. „Das war schwierig vorherzusehen“, sagt er. Der Vorstoß nach Westen sei besorgniserregend.
Am belastendsten ist, dass man nicht weiß, wann dieser Krieg zu Ende sein wird.
Dmytro,
Soldat und Drohnenpilot
Wir dachten, das würde niemals geschehen.
Ludmilla Hurtova,
Bewohnerin der Region Pokrowske über den Vorstoß der Russen
Rund zwei Dutzend Menschen hat Proliska an diesem Tag evakuiert. Darunter ist Ludmilla Hurtova (75). „Wir haben nie geglaubt, dass die Russen so nah an unser Dorf heranrücken würden“, sagt sie. „Wir dachten, das würde niemals geschehen.“
In einer Sporthalle einer Schule außerhalb der Stadt Dnipro werden die Flüchtlinge registriert. Sie erhalten eine Tasche mit Brot, Konserven, einem T-Shirt und Hygieneartikeln. Dort wird auch eine Weiterfahrt zu Verwandten oder eine Notunterkunft organisiert. Eine alte Frau hat ihren kleinen Hund mitgebracht, der friedlich eben ihr auf dem Boden der Turnhalle ausharrt. Junge Eltern versuchen, ihr weinendes Baby zu beruhigen.
Für Pokrowske und die umliegenden Dörfer haben die Behörden bereits die Evakuierung von Eltern mit Kindern angeordnet. Kovalev sagt, trotz der wachsenden Gefahr gebe es immer Menschen, die sich gegen eine Flucht entschieden. „Aber ihre Überlebenschancen in diesen Dörfern sind sehr gering“, sagt der Helfer. „Sie bekommen keine Nahrung mehr und können den Keller nicht verlassen. Sie können nur noch beten, dass sie am Leben bleiben.“
Die zweite Flucht
Dasha Bandar ist innerhalb von acht Monaten schon zum zweiten Mal vor den vorrückenden russischen Truppen geflohen. Die 28-Jährige ist mit Leoparden-Leggings und einem braunen Hoodie gekleidet, Fellschlappen dienen als Schuhe. Sie besitze nur, was sie am Leib trägt, sagt sie. Fotografieren will sie sich nicht lassen.
Bandar stammt aus dem Dorf Havrylivka, wo sie als Kassiererin in einem Supermarkt gearbeitet hat. „Dort konnte man nicht mehr bleiben“, sagt die junge Frau. „Die Angriffe wurden zu heftig.“
Sie sei dann rund 25 Kilometer weiter westlich nach Pokrowske geflohen – in eine vermeintliche Sicherheit. „Jetzt wird auch Pokrowske angegriffen.“Immer wieder auf der Flucht zu sein sei hart, sagt Bandar, dann bricht sie in Tränen aus. Ob sie darauf hofft, irgendwann nach Havrylivka zurückkehren zu können? „Es gibt dort nichts, wohin
ich zurückkehren könnte“, sagt sie. „Alles ist zerstört.“Bandar ist ganz allein. Sie hat keine Ahnung, wie es für sie weitergeht und wohin sie nun gehen soll. Eines aber weiß sie sicher: „Ich will so weit weg wie möglich.“
Nadya Podhula (70) ist ebenfalls geflohen, kann aber bei ihren Kindern in Dnipro unterkommen. „Vor drei Monaten hat es angefangen, dass die Situation immer schlechter geworden ist“, sagt Podhula. „Wir haben unsere Häuser mit den eigenen Händen gebaut und unsere Kinder dort zur Welt gebracht. In unseren Gärten wuchsen Kürbisse und Wassermelonen und alles, was wir brauchten. Dann wurden wir immer öfter mit Gleitbomben und Drohnen angegriffen. Unser Dorf wird von den Russen zerstört.“
Die Seniorin ist empört. „Putins Truppen kommen einfach und vertreiben uns aus unseren Häusern“, schimpft Podhula. „Ich wünsche ihm den Tod.“Auch wenn die Russen aus der Luft angriffen, so hoffe sie zumindest, dass sie ihr Dorf nicht besetzen werden. „Ich verlasse mich darauf, dass unsere Soldaten uns beschützen.“
Die Kommandozentrale von Dmytros Zug liegt ebenfalls in Dnipropetrowsk. Untergebracht ist sie in einer Ansammlung von Häusern, aus der Ferne sind Explosionen zu hören. Umgeben ist die Siedlung von Bäumen, deren Blätter einen Sichtschutz gegen russische Drohnen bieten. Einerseits wird hier Krieg geführt, andererseits geht das Leben weiter: In der Nähe arbeitet ein Bauer mit einem Traktor auf einem Feld.
Auf den Monitoren in der Kommandozentrale laufen die Videosignale der Drohnentrupps von der Front in Pokrowsk ein. Auch die Signale der russischen Kamikazedrohnen können die Ukrainer abgreifen, so sehen sie, was der Feind sieht – und wo er womöglich gleich angreift. Andersherum gilt das allerdings ebenfalls. „Es ist ein ganz neuer Krieg geworden, ein Krieg der Drohnen“, sagt Dmytro. Beim Kampf um Pokrowsk hätten die Ukrainer einen Vorteil: Im Straßenkampf könnten die Russen die Stadt nicht erobern. Beim Versuch, sie einzukesseln, müssten die Soldaten aber immer wieder offene Flächen überqueren – wo sie ein leichtes Ziel für die Drohnen seien.
Anders als die Ukrainer kenne der Feind das Terrain nicht, sagt Dmytro. „Auch wenn die Situation schwierig ist, haben wir sie noch unter Kontrolle.“Ziel sei, den Feind auf Distanz zu den eigenen Stellungen zu halten. „Wir setzen dafür alles ein, was wir haben. Die wichtigste Aufgabe der Drohnentrupps ist es, Russen zu töten. Die wichtigste Aufgabe für uns in der Kommandozentrale ist es, ihnen das zu beschaffen, was sie dafür brauchen.“
In Dnipropetrowsk bereiten sich die Streitkräfte auf einen möglichen russischen Vorstoß vor. Neben der Straße von Pokrowsk nach Dnipro sind inmitten der schier endlosen Sonnenblumenfelder frische Schützengräben ausgehoben und Erdwälle aufgeschüttet worden. Stacheldrahtrollen glitzern in der Sonne, sie sollen feindliche Infanterie bremsen. Von der Ladefläche eines Lastwagens hebt ein Kran Panzersperren aus Beton, die auf den Feldern verteilt werden.
Netze gegen die Drohnen
Über Checkpoints an der Straße wurden in mehreren Metern Höhe Netze gespannt, um russische Drohnen zu stoppen. Aus demselben Grund sind die Karosserien von Militärfahrzeugen von Aufbauten umgeben, die wie Metallkäfige wirken und an die dystopischen „Mad Max“-Filme erinnern. Am Horizont steigt schwarzer Rauch über Pokrowsk auf.
Dmytros Zug gehört zur 152. Brigade, seine 20 bis 25 Soldaten rotieren von der Front bei Pokrowsk in die Kommandozentrale in Dnipropetrowsk und zurück. Vor einem der Monitore in der Zentrale sitzt Maksym, der Drohnenpilot war noch zwei Tage zuvor im Kampfgebiet. „Dort ist es immer furchterregend“, sagt der 37-Jährige. „Aber irgendwie gewöhnt man sich daran.“
Dmytro sagt: „Am gefährlichsten ist es, wenn man in die Stellung reinoder aus ihr herauswechselt, das setzt die Soldaten psychologisch am stärksten unter Druck.“Sie alle folgten einer goldenen Überlebensregel: „Fühle dich immer vom Feind beobachtet. Wenn du eine Drohne hörst, überlege nicht, ob sie vom Freund oder vom Feind ist. Halte sie immer für feindlich.“
Bevor er zum Zugführer aufgestiegen ist, war Dmytro selbst Drohnenpilot an der Front. 300 Ziele habe er dort bombardiert und getroffen, sagt er. Als er die Granaten vorzeigt, die zu Drohnenbomben umfunktioniert wurden, zittert seine Hand. „Am belastendsten ist, dass man nicht weiß, wann dieser Krieg zu Ende sein wird“, sagt er. „Wir alle vermissen unsere Familien und Freunde. Es ist hart, so lange zu kämpfen.“Jeder Soldat wisse aber, dass es keine Alternative gebe. „Wir können uns ja nicht einfach verkriechen. Wir müssen uns verteidigen.“