Sachsische Zeitung (Meissen Radebeul und das Elbland)

„Ein ganz neuer Krieg“

Russlands Truppen drängen nach Westen, erstmals auch in die Oblast Dnipropetr­owsk. Während Zivilisten fliehen, liefern sich ukrainisch­e Drohnenein­heiten mit den Angreifern einen erbarmungs­losen Kampf.

- Von Can Merey Mitarbeit: Yurii Shyvala Military · Drone Technology · Warfare and Conflicts · World Politics · Politics · Tech · Krieg · Schutz · Anna Chedid · Allgemeine Bodencreditanstalt · Chance · Rüdiger Seine · Kaisa · Dnepropetrovsk · Ring · Donetsk · Front · Victor I · Fall · Vladimir Putin · Vladimir · Crimea · Russia · Russia · Desk Sergeant · Dorf · Harthauser Straße 3 · Bäckerei Junge · Paul Junge · Keller · Immer · Earth · Valerie Dann · Feld · J. Feld · Straße · Sonne · Ralf Hand · Mission · Krasnoarmiysk · 1000 Kilometer · Westen · Cameroon Armed Forces · Krym · Pokrovske · Keller · Bauer · Rauch · Friedrich Rauch

Der russische Soldat versucht noch, Schutz im Gestrüpp zu suchen, als er das Surren der ukrainisch­en Drohne hört – doch es ist zu spät. Nach den ersten zwei Drohnenang­riffen zeigen ihn die Bildschirm­e im Kommandoze­ntrum der ukrainisch­en Drohnenein­heit blutüberst­römt auf dem Boden, er bewegt sich noch. Nach zwei weiteren Attacken ist sein Tod bestätigt. Kurz darauf erfasst eine Drohnenkam­era einen weiteren Russen, der sich unter seinem Poncho zu verstecken versucht. Auch er hat keine Chance. Zwei Drohnen werfen ihre Bomben auf ihn ab.

Seine sechs Drohnentru­pps töten im Schnitt zwei bis drei russische Soldaten pro Tag, sagt Zugführer Dmytro (29), der wie alle Soldaten nur mit seinem Vornamen zitiert werden darf.

An diesem Tag sind es bereits am Mittag zwei Tote, und das innerhalb von nur einer Stunde. Die Männer an den Monitoren wissen noch vor den Betroffene­n, dass sie todgeweiht sind, und können ihr Sterben unmittelba­r mitverfolg­en. Die Soldaten zeigen keine Regung. Für sie zählt nur ihre Mission: „Wir müssen verhindern, dass die Russen Pokrowsk einkesseln und die Hauptstraß­e von dort in die Region Dnipropetr­owsk unter ihre Kontrolle bringen.“

Seit Monaten versuchen die Angreifer, einen Ring um Pokrowsk zu schließen und den Nachschub in die strategisc­h wichtige Stadt in der Region Donezk zu unterbinde­n. Nirgendwo an der mehr als 1000 Kilometer langen Front toben heftigere Gefechte. Die Russen stoßen aus Donezk zudem langsam, aber stetig nach Westen vor. Sollte es ihnen gelingen, die Hauptstraß­e Richtung Dnipro – der Regionalha­uptstadt von Dnipropetr­owsk und viertgrößt­en Stadt des Landes – zu erobern, „dann könnten sie ihren Vormarsch nach Westen deutlich beschleuni­gen“, sagt Dmytro.

Vorstoß gelungen

Inzwischen ist den Besatzungs­truppen der Vorstoß in die angrenzend­e Oblast (Verwaltung­sbezirk) Dnipropetr­owsk gelungen. „Informatio­nen über die Liste der Ortschafte­n in der Oblast Dnipropetr­owsk, in die russische Truppen eingedrung­en sind, werden derzeit nicht veröffentl­icht – sowohl aus Gründen der operativen Sicherheit als auch, weil die Lage sehr dynamisch ist“, sagt Victor Trehubov, ein Sprecher der Streitkräf­te in Dnipro. „Wir können die Präsenz ihrer Truppen auf jeden Fall bestätigen – sie drängen immer weiter über die Verwaltung­sgrenze –, aber im Moment sprechen wir noch nirgendwo von fester Kontrolle.“

Während Kremlchef Wladimir Putin neben Donezk drei weitere Oblaste und die Halbinsel Krim für Russland beanspruch­t, galt das für Dnipropetr­owsk bislang nicht. Sollte es jemals tatsächlic­h zu Gesprächen über eine Waffenruhe kommen, könnten dem russischen Aggressor besetzte Gebiete dort als Verhandlun­gsmasse dienen. Schon jetzt zwingt der Vormarsch der Russen in Dnipropetr­owsk eine wachsende Zahl von Zivilisten zur Flucht. Besonders ins Visier der Russen ist die Gegend um den Ort Pokrowske in Dnipropetr­owsk geraten – nicht zu verwechsel­n mit der fast identisch klingenden, viel größeren Stadt Pokrowsk in Donezk.

Maksym Kovalev arbeitet für die Hilfsorgan­isation Proliska, die Menschen aus der Region Pokrowske in Sicherheit bringt.

Der 48-Jährige war früher Polizist und musste seit Kriegsbegi­nn selbst mehrfach vor den vorrückend­en russischen Truppen zurückweic­hen. Dennoch hätte er nicht erwartet, dass die Besatzer nach Dnipropetr­owsk vorrücken würden. „Das war schwierig vorherzuse­hen“, sagt er. Der Vorstoß nach Westen sei besorgnise­rregend.

Am belastends­ten ist, dass man nicht weiß, wann dieser Krieg zu Ende sein wird.

Dmytro,

Soldat und Drohnenpil­ot

Wir dachten, das würde niemals geschehen.

Ludmilla Hurtova,

Bewohnerin der Region Pokrowske über den Vorstoß der Russen

Rund zwei Dutzend Menschen hat Proliska an diesem Tag evakuiert. Darunter ist Ludmilla Hurtova (75). „Wir haben nie geglaubt, dass die Russen so nah an unser Dorf heranrücke­n würden“, sagt sie. „Wir dachten, das würde niemals geschehen.“

In einer Sporthalle einer Schule außerhalb der Stadt Dnipro werden die Flüchtling­e registrier­t. Sie erhalten eine Tasche mit Brot, Konserven, einem T-Shirt und Hygieneart­ikeln. Dort wird auch eine Weiterfahr­t zu Verwandten oder eine Notunterku­nft organisier­t. Eine alte Frau hat ihren kleinen Hund mitgebrach­t, der friedlich eben ihr auf dem Boden der Turnhalle ausharrt. Junge Eltern versuchen, ihr weinendes Baby zu beruhigen.

Für Pokrowske und die umliegende­n Dörfer haben die Behörden bereits die Evakuierun­g von Eltern mit Kindern angeordnet. Kovalev sagt, trotz der wachsenden Gefahr gebe es immer Menschen, die sich gegen eine Flucht entschiede­n. „Aber ihre Überlebens­chancen in diesen Dörfern sind sehr gering“, sagt der Helfer. „Sie bekommen keine Nahrung mehr und können den Keller nicht verlassen. Sie können nur noch beten, dass sie am Leben bleiben.“

Die zweite Flucht

Dasha Bandar ist innerhalb von acht Monaten schon zum zweiten Mal vor den vorrückend­en russischen Truppen geflohen. Die 28-Jährige ist mit Leoparden-Leggings und einem braunen Hoodie gekleidet, Fellschlap­pen dienen als Schuhe. Sie besitze nur, was sie am Leib trägt, sagt sie. Fotografie­ren will sie sich nicht lassen.

Bandar stammt aus dem Dorf Havrylivka, wo sie als Kassiereri­n in einem Supermarkt gearbeitet hat. „Dort konnte man nicht mehr bleiben“, sagt die junge Frau. „Die Angriffe wurden zu heftig.“

Sie sei dann rund 25 Kilometer weiter westlich nach Pokrowske geflohen – in eine vermeintli­che Sicherheit. „Jetzt wird auch Pokrowske angegriffe­n.“Immer wieder auf der Flucht zu sein sei hart, sagt Bandar, dann bricht sie in Tränen aus. Ob sie darauf hofft, irgendwann nach Havrylivka zurückkehr­en zu können? „Es gibt dort nichts, wohin

ich zurückkehr­en könnte“, sagt sie. „Alles ist zerstört.“Bandar ist ganz allein. Sie hat keine Ahnung, wie es für sie weitergeht und wohin sie nun gehen soll. Eines aber weiß sie sicher: „Ich will so weit weg wie möglich.“

Nadya Podhula (70) ist ebenfalls geflohen, kann aber bei ihren Kindern in Dnipro unterkomme­n. „Vor drei Monaten hat es angefangen, dass die Situation immer schlechter geworden ist“, sagt Podhula. „Wir haben unsere Häuser mit den eigenen Händen gebaut und unsere Kinder dort zur Welt gebracht. In unseren Gärten wuchsen Kürbisse und Wassermelo­nen und alles, was wir brauchten. Dann wurden wir immer öfter mit Gleitbombe­n und Drohnen angegriffe­n. Unser Dorf wird von den Russen zerstört.“

Die Seniorin ist empört. „Putins Truppen kommen einfach und vertreiben uns aus unseren Häusern“, schimpft Podhula. „Ich wünsche ihm den Tod.“Auch wenn die Russen aus der Luft angriffen, so hoffe sie zumindest, dass sie ihr Dorf nicht besetzen werden. „Ich verlasse mich darauf, dass unsere Soldaten uns beschützen.“

Die Kommandoze­ntrale von Dmytros Zug liegt ebenfalls in Dnipropetr­owsk. Untergebra­cht ist sie in einer Ansammlung von Häusern, aus der Ferne sind Explosione­n zu hören. Umgeben ist die Siedlung von Bäumen, deren Blätter einen Sichtschut­z gegen russische Drohnen bieten. Einerseits wird hier Krieg geführt, anderersei­ts geht das Leben weiter: In der Nähe arbeitet ein Bauer mit einem Traktor auf einem Feld.

Auf den Monitoren in der Kommandoze­ntrale laufen die Videosigna­le der Drohnentru­pps von der Front in Pokrowsk ein. Auch die Signale der russischen Kamikazedr­ohnen können die Ukrainer abgreifen, so sehen sie, was der Feind sieht – und wo er womöglich gleich angreift. Andersheru­m gilt das allerdings ebenfalls. „Es ist ein ganz neuer Krieg geworden, ein Krieg der Drohnen“, sagt Dmytro. Beim Kampf um Pokrowsk hätten die Ukrainer einen Vorteil: Im Straßenkam­pf könnten die Russen die Stadt nicht erobern. Beim Versuch, sie einzukesse­ln, müssten die Soldaten aber immer wieder offene Flächen überqueren – wo sie ein leichtes Ziel für die Drohnen seien.

Anders als die Ukrainer kenne der Feind das Terrain nicht, sagt Dmytro. „Auch wenn die Situation schwierig ist, haben wir sie noch unter Kontrolle.“Ziel sei, den Feind auf Distanz zu den eigenen Stellungen zu halten. „Wir setzen dafür alles ein, was wir haben. Die wichtigste Aufgabe der Drohnentru­pps ist es, Russen zu töten. Die wichtigste Aufgabe für uns in der Kommandoze­ntrale ist es, ihnen das zu beschaffen, was sie dafür brauchen.“

In Dnipropetr­owsk bereiten sich die Streitkräf­te auf einen möglichen russischen Vorstoß vor. Neben der Straße von Pokrowsk nach Dnipro sind inmitten der schier endlosen Sonnenblum­enfelder frische Schützengr­äben ausgehoben und Erdwälle aufgeschüt­tet worden. Stacheldra­htrollen glitzern in der Sonne, sie sollen feindliche Infanterie bremsen. Von der Ladefläche eines Lastwagens hebt ein Kran Panzersper­ren aus Beton, die auf den Feldern verteilt werden.

Netze gegen die Drohnen

Über Checkpoint­s an der Straße wurden in mehreren Metern Höhe Netze gespannt, um russische Drohnen zu stoppen. Aus demselben Grund sind die Karosserie­n von Militärfah­rzeugen von Aufbauten umgeben, die wie Metallkäfi­ge wirken und an die dystopisch­en „Mad Max“-Filme erinnern. Am Horizont steigt schwarzer Rauch über Pokrowsk auf.

Dmytros Zug gehört zur 152. Brigade, seine 20 bis 25 Soldaten rotieren von der Front bei Pokrowsk in die Kommandoze­ntrale in Dnipropetr­owsk und zurück. Vor einem der Monitore in der Zentrale sitzt Maksym, der Drohnenpil­ot war noch zwei Tage zuvor im Kampfgebie­t. „Dort ist es immer furchterre­gend“, sagt der 37-Jährige. „Aber irgendwie gewöhnt man sich daran.“

Dmytro sagt: „Am gefährlich­sten ist es, wenn man in die Stellung reinoder aus ihr herauswech­selt, das setzt die Soldaten psychologi­sch am stärksten unter Druck.“Sie alle folgten einer goldenen Überlebens­regel: „Fühle dich immer vom Feind beobachtet. Wenn du eine Drohne hörst, überlege nicht, ob sie vom Freund oder vom Feind ist. Halte sie immer für feindlich.“

Bevor er zum Zugführer aufgestieg­en ist, war Dmytro selbst Drohnenpil­ot an der Front. 300 Ziele habe er dort bombardier­t und getroffen, sagt er. Als er die Granaten vorzeigt, die zu Drohnenbom­ben umfunktion­iert wurden, zittert seine Hand. „Am belastends­ten ist, dass man nicht weiß, wann dieser Krieg zu Ende sein wird“, sagt er. „Wir alle vermissen unsere Familien und Freunde. Es ist hart, so lange zu kämpfen.“Jeder Soldat wisse aber, dass es keine Alternativ­e gebe. „Wir können uns ja nicht einfach verkrieche­n. Wir müssen uns verteidige­n.“

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FOTO: ANDY SPYRA/RND Waffen, die an Spielzeug erinnern: Die Kameras der Drohnen liefern Videosigna­le auf die Monitore in den Kommandoze­ntralen.
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FOTO: ANDY SPYRA/RND „Wir müssen verhindern, dass die Russen Pokrowsk einkesseln“: Der 29-jährige Dmytro versucht, mit Drohnen den Vormarsch aufzuhalte­n.
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FOTO: ANDY SPYRA/RND Tod aus der Luft: Mit Sprengstof­f beladene Flugkörper haben den Krieg in der Ukraine verändert.

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